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Alt+F40: Chained Echoes' JRPG-Revolution von unten – und “Tschüss 2022! Schade, dich kennengelernt zu haben!”

Folge 58: Wie schwer kann sowas schon sein?

Hi zusammen! Ich habe mich zwar mittlerweile von dem Gedanken verabschiedet, diese Kolumne wirklich wöchentlich zu Papier zu bringen. Irgendwas kommt immer dazwischen, und sei es nur die Tatsache, dass man manchmal einfach nichts Interessantes zu sagen hat – aber aufgeben werde ich sie deshalb noch lange nicht. Insofern: Auch wenn sie in letzter Zeit wegen zeitintensiver Spieletests oder Krankheit öfter ruhte, geht es mit Alt+F40 munter weiter. Nur eben nicht so stramm durchgetaktet.

Zudem: So ganz einfach war es nicht, die letzten … nun ja, gut und gern zwei Monate und es liegt mir fern, euch allzu sehr die Ohren vollzuheulen. Die Kurzversion wäre wohl, dass wir seit Oktober Infekte hin und herreichen und die Kinder – wenn sie mal könnten – so gar keine Lust haben in die Kita zu gehen. Insofern schleppt sich Familie Bohn-Elias im Seuchenjahr Nummer drei nur mit Mühe und Not über die Ziellinie, in der Hoffnung, dass die kommenden zwölf Monate zumindest familiär etwas entspannter laufen. Bleibt mir nur an dieser Stelle, euch ein paar geruhsame Feiertage und einen guten Rutsch zu wünschen, bevor wir im Januar dann anfangen, 2023 alles – einschließlich der Alt+F40-Frequenz – besser zu machen.

Inhalt

Chained Echoes lässt JRPGs einfach aussehen

Nicht sicher, ob ihr es mitbekommen habt, aber eines der besten Spiele 2023 erschien erst ganz spät dieses Jahr: Chained Echoes ist seit zwei Wochen draußen und erobert die JRPG-Fangemeinde im Sturm. Mich erreichte das Spiel leider in der schlimmsten Grippe seit Jahren. Deshalb hat es nicht mehr für einen Test gereicht. Dennoch komme ich nicht umhin, Chained Echoes ein paar Lobpreisungen um die Ohren zu hauen, denn eine Sache fragt man sich direkt: Wie zur Hölle hat es ein deutscher Solo-Entwickler geschafft, was selbst Veteranen mit entschieden mehr Mitteln nur alle paar Jahre mal gelingt?

Das einzige, bei dem ich immer noch nicht ganz sicher bin, ob es mir komplett gefällt, ist der visuelle Stil. Das hat aber mehr mit Sehgewohnheiten zu tun als mit Lindas Arbeit an sich.

Was das ist? Ein klassisches japanisches Rollenspiel der Marke Chrono Trigger oder Suikoden, das sowohl in Geschichte als auch Spielsystem so überzeugt, dass man sich sicher ist: Schon damals wäre es eine große Nummer gewesen. Sozusagen ein Shovel Knight für JRPGs. Zugegeben: Dem Genre ging es schon mal schlechter, Square Enix bringt reihenweise solide bis sehr gute Spiele raus, die dann I Am Setsuna oder Bravely Default 2 heißen. Aber im Grunde werden hier die großen Klassiker nur emuliert, oft bis auf die eher unangenehmen Details wie ihren Grind hinunter. Aber wirklich erreicht werden sie nie auch nur ansatzweise, so manches unter ihnen wirkt bemüht.

Auch Chained Echoes lebt nun von unserer Liebe zu Spielen, die vor ihm kamen. Von Xenogears, Final Fantasy und denen, die ich oben nannte. Aber ich habe eben das erste Mal seit Langem das Gefühl, dass sich dieses Spiel nicht vor seinen Altvorderen verstecken muss und mit einer Leichtigkeit aufspielt, die vielen Nachahmungstätern abgeht. Das liegt vor allem daran, dass Chained Echoes vieles von dem ausklammert, das einem heute sauer aufstößt, wenn man die alten Klassiker wieder hervorkramt. Es stellt den User voran, gibt sich durch und durch komfortabel, spart sich Grind und überflüssige Kämpfe.

Jeder einzelne Kampf ist eine Herausforderung. Ist mir lieber als Hunderte Zufallsbegegnungen ohne Bedeutung.

Es gibt sogar drei separate Regler, die die Schwierigkeit beeinflussen: Wie knifflig soll die Jonglage des Overdrive-Systems sein, das den Kampf diktiert, wie gut die Stats der Gegner und wie aggressiv sollen sie agieren? Matthias Lindas Spiel gibt sich da flexibel. Vor allem besticht aber die Tiefe. Das Ein-Mann-Studio, das sich lediglich für einige Hintergründe und die tolle Musik Hilfe holte, schichtet Systeme über Systeme, ohne zu erschlagen. Das hält das Interesse an der mechanischen Seite dieses klassischen, aber doch mit hohem eigenem Wiedererkennungswert ausgestatteten Rollenspiels durchweg hoch.

Sicher liegt das auch am Verzicht auf Zufallskämpfe. Die meisten Feindbegegnungen seht ihr von Weitem kommen, manchen könnt ihr aus dem Weg gehen und doch sind die Fights ein tragendes Element, weil sie euch einiges abverlangen. Jede einzelne Schlacht kann mit nur wenigen falschen Entscheidungen schwer nach hinten losgehen. Wer wie ich gern mal vor lauter Schadensfixierung Buffs und Debuffs ignoriert, wird sein blaues Wunder erleben. Man merkt, hier soll nicht bloß die Zeit gefüllt werden, ihr sollt euch mit jedem einzelnen Gegner und jedem eurer Charaktere auseinandersetzen.

Beachtet unbedingt die Zugreihenfolge - tut ihr das nicht, kann schon zwei, drei Runden später Sense sein!

Und so kommt es, dass ich schon gut 12 Stunden drin bin in Chained Echoes und mich ernsthaft frage, wann ich das letzte Mal so ein rundes, einladendes und bei aller Herausforderung leichtfüßiges JRPG gespielt habe. Matthias Linda lässt es unverschämt einfach aussehen, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen, was ein paar unangenehme Fragen aufwirft, wieso “die Großen” nicht auch hinbekommen? Mein Tipp über die Weihnachtsfeiertage, nicht zuletzt, weil man es auf Switch oder Steam Deck heimlich unter der Tischplatte spielen kann, wenn die Verwandtschaft sich ringsum den Braten herum unweigerlich über Politikfragen in die Haare kriegt.

Das Wichtigste Ende 2022 – Alex Edition

In der Rotation: Heute Abend geben wir uns Glass Onion, Knives Out mochte ich eigentlich recht gern. Symphony of War wird über die Feiertage endlich richtig angegangen und ansonsten suche ich eigentlich nur nach Wegen, meinen Becher vom Familien-Punch heimlich so “nachzuwürzen”, dass es keiner mitbekommt.

Weil viel passiert ist, 2022, hier Höhe-, Mittel- und Tiefpunkte im Lexitron-Schnelldurchlauf!

Höhepunkte 2022: Die Realisation in Andor, dass in Star Wars noch Leben steckt und dass Vampire Survivors nur den Stick braucht, um mit Spieltiefe zu berauschen. Iin Tunic plötzlich ein Geheimnis sehen, das man stundenlang angestarrt hatte, ohne es zu wissen. In Sifu, ohne getroffen zu werden, zum Boss zu kommen. In Excavation of Hob’s Barrow eine ganz schlimme Ahnung zu bekommen. Tactics Ogre Reborn war mehr als ein bloßes Remaster, das Steam Deck rockt meine Gaming-Gegenwart und -Vergangenheit gleichzeitig und Marvel Snap versicherte mir glaubhaft, dass jedes Spiel durch eine Kartenmechanik nur besser werden kann.

Auch auf Ferrix wird Weihnachten gefeiert. Allerdings liegen immer nur Ziegel unterm Baum!

Dann war da diese eine Nicht-weggucken-Szene im Resident Evil Village DLC Shadows of Rose, die mir immer noch nachhängt. Die überfällige Ankündigung von Dragon’s Dogma 2 und meine unerhörte und wohl noch eine Weile andauernde Vorfreude auf Manor Lords. Der der verboten-bekloppte Charakter Editor von Street Fighter 6 bescherte mir dieses Jahr die härtesten Lacher. Der Moment, in dem ich wusste, dass das Resident Evil 4 Remake fantastisch wird, war auch ein großer, getoppt von dem Gefühl, das erste Mal ein gegnerisches Schiff und Marauders zu entern. In Need for Speed Unbound die Polizei abhängen, indem ich einen Berg als Sprungschanze vom Straßenlevel auf die Autobahn nutzte, war absolut ekstatisch. Und die erste Entscheidung in Infernax wäre der smartesten Überraschungen des Jahres und gewesen, wenn Triangle Strategy nicht das vielleicht beste Entscheidungssystem überhaupt erdacht hätte.

Achja, der Prolog von Norco war besser als die meisten Romane, die ich in den letzten Jahren las und die schönste Pixel-Art-Grafik aller Zeiten, gibt es – da bin ich mir fast sicher – in Songs of Conquest. Und hey, mein neuer 21:9 Monitor und der höhenverstellbare Schreibtisch tun Wunder für meine Arbeits- und Gaming-Ergonomie. Wenn ich so darüber nachdenke, war nicht alles schlecht, dieses Jahr.

Norco sollte man erlebt haben, wenn man was mit Adventures anfangen kann. Das World-Building ist vom anderen Stern.

Mittelpunkte (!?) 2022: Unser Zweijähriger ist ein kleines Wunder, aber auch ein Wunder der psychologischen Kriegsführung. Dying Light 2 ist gut, aber auch nur ein Schatten seines Versprechens. Ringe der Macht war unfassbar hübsch anzusehen, hatte teils gute Charaktere, aber je länger man darüber nachdenkt, desto blöder findet man es. Die übertriebene öffentliche Begeisterung für Stray irritiert mich bis heute, vor allem, weil ich das Spiel mochte. Und dass Respawns Solo-Shooter ist (vermutlich) kein Titanfall wird, daran habe ich noch zu knapsen.

Midnight Suns redete mir zu viel. Die PS5 bekam endlich und viel zu spät VRR, während Battlefield 2042 versucht, sich gesundschrumpfen, bevor ihm die letzten Spieler weglaufen. Ich verstehe immer noch nicht, wieso Horizon so beliebt ist und Remedy bekommt Max Payne zurück, aber ich bin noch nicht sicher, ob das eine gute Sache ist. Außerdem habe ich dieses Jahr Jan Tenner wiederentdeckt. Ich habe als Student ja eine Menge dummes Zeug gemacht, um Frauen zu gefallen, aber genetische Experimente an mir durchführen zu lassen, um eine Tanya um den Finger zu wickeln, die in Folge vier auf grausam-beiläufige Art aus der Serie geschrieben wird, hat auf meinem Zettel noch gefehlt. Diese Serie muss man gehört haben, um es zu glauben. Ich hatte ja keine Ahnung, was ich mir da damals reingezogen habe...

Aber was, wenn's nur der Name ist, der fehlt?

Tiefpunkte 2022: Die offensichtlichsten wären wohl Krieg, weltweit drohende Armut und das weiter andauernde Pandemie-Pingpong, nachdem Covid dieses Jahr auch mich erwischt hat (Sport ist Mord!). Auf persönlicher Ebene ist unser Lastenrad wegen Lieferschwierigkeiten seit Ende August außer Gefecht und wird schwerstens vermisst. Was Games und Entertainment angeht, erinnere ich mich mit Schrecken daran, dass ich in Skull & Bones ich vor lauter Balken und Anzeigen das eigentliche Spiel nicht mehr sah und dass große Spielefirmen weiter nichts Besseres zu tun haben, als kleinere Spielefirmen zu kaufen. Fehlende Performance-Modi in Titeln wie Plague Tale und Gotham Knights sollten besser auch keinen Trend lostreten, sonst setzt es was.

Sonst? Nun, Konamis uninspirierte Silent-Hill-Breitseite ließ mich maximal indifferent zurück und die Erkenntnis, dass wir Star Citizen oder Squadron 42 immer noch nicht spürbar näher sind, hätte es auch nicht gebraucht. Ebenso, wie ich auf meinen Deep Dive in die Welt lügender Mobile-Game-Werbung wohl besser verzichtet hätte. Da gerät es fast zum Kavaliersdelikt, wie She-Hulk und Ms. Marvel trotz guter Anlagen ab der Mitte der Show einfach alles hinschmeißen. Als hätte die Horde Orang-Utans mit ADHS das Lebenszeit-Abonnement auf Bananen nicht zu würdigen gewusst, das es als Gegenleistung fürs Drehbuch gab. Boba Fett war so schlecht, das läuft außer Konkurrenz.

Auch wenn früher mehr Lametta war: Die Banane wünscht frohes Fest, wenn sowas euer Ding ist!

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