Beyond: Two Souls entfernt einen weiteren Schleier, aber zeigt noch nicht sein wahres Gesicht.

Action? Drama? Oder doch Horror?

Normalerweise verhelfen bei den meisten Titeln neu veröffentlichte Storyschnipsel oder Spielszenen, das Gesamtwerk besser zu verstehen. Bei Beyond: Two Souls schafft es David Cage dagegen jedes Mal, für noch mehr Verwirrung zu sorgen. Bei der ersten Ankündigung sah man die von Ellen Page gespielte Jodie auf der Flucht. Eine simple Zugfahrt endete in einem Polizeimassaker, bei dem das verzweifelte Mädchen mithilfe ihrer spirituellen Entität Aiden eine Kleinstadt ins Chaos stürzte. Es sah nach einem linearen Thriller aus, den man nur mit einem Haufen Quick-Time-Events spielte.

Ein Spiel, mehrere Gesichter

Dann schlug die nächste große Präsentation auf, in der Jodie unter der Aufsicht von Wissenschaftler Nathan Dawkins (Willem Dafoe) vom Militär trainiert und später in den Krieg geschickt wird. Ok, ist es also nun ein Shooter geworden? Was ist mit den früheren Szenen passiert? Wie passt das alles noch halbwegs logisch zusammen, ohne wie ein unüberlegtes Durcheinander zu wirken?

Bis zur Veröffentlichung von Beyond: Two Souls kann ich euch diese Fragen auch nicht beantworten. Denn obwohl David Cage auf der gamescom endlich eine richtige Szene aus dem Spiel zeigte, tunkte er das Spiel damit erneut in ein weiteres Genre: Horror. Jodie befindet sich aus einem nicht näher genannten Grund in einem geheimen Labor. Fast alle Lampen sind in den meisten Räumen zerstört. Nur das lodernde Feuer an vereinzelten Wänden taucht sie noch in Licht. Hier und dort trifft Jodie auf eine Leiche. Teilweise sogar von schwer bewaffneten Wachen. Was zum Teufel ist hier passiert? Keine Antworten.

Cage spielt die Szene ohne nähere Hintergrundinformationen. Jedoch ist ihm die Tatsache bewusst, wie verwirrend es auf uns wirkt. "Ist es ein Actionspiel? Ist es Drama? Oder ist es nun doch Horror? Was ist dieses Spiel?", ruft er enthusiastisch in die Menge und kann sich dabei ein hämisches Grinsen im Mundwinkel nicht verkneifen. "Beyond lässt sich nicht so leicht in eine Kategorie werfen. Immerhin erlebt ihr 15 Jahre im Leben von Jodie. Und zwar in einer nicht chronologischen Abfolge der Ereignisse."

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Willem Dafoe? GEKAUFT!

Schnell wendet er sich wieder dem Spiel zu und führt Jodie durch die blutigen Hallen. Im Gegensatz zu Heavy Rain hat man die Steuerung noch einmal vereinfacht. Besonders normale Bewegungen sollen sich natürlicher und nicht so steif anfühlen. Dazu verwendet ihr zur Interaktion mit Objekten nur noch den rechten Stick. Mögliche Situationen dafür markiert ein weißer Punkt. Die Aktionen sollen sich dadurch realistischer anfühlen. Bestätigen kann ich das ohne eine Anspielprobe natürlich nicht. Ganz will man bei Quantic Dream jedoch nicht auf Quick-Time-Events verzichten. In einigen Momenten müsst ihr mehrmals auf eine Aktionstaste hämmern, um beispielsweise Leichen aus dem Weg zu räumen oder einen Bürostuhl auf ein Fenster zu schmeißen.

Noch kein großer Unterschied zu Heavy Rain. Die wahre Neuerung kommt ins Spiel, sobald ihr auf die Dreiecktaste drückt. Nun wechselt das Spiel von Jodie zu Aiden, der sichtbar durch eine Art Schnur mit dem Mädchen verbunden ist. Deswegen könnt ihr euch nie zu weit von ihr entfernen, wenn ihr durch Wände fliegt, um Rätsel zu lösen. In dem demonstrierten Beispiel steht Jodie vor einer verschlossenen Tür. Aiden schwebt daraufhin durch das Tor, um dahinter das Schloss zu zerstören. Schaut bloß auf das gewünschte Objekt und haltet den entsprechenden Knopf gedrückt. Schon sprengt Aiden den Sicherheitsmechanismus und Jodie kann fortfahren.

Solltet ihr Probleme mit einem normalen PS3-Controller haben, könnt ihr auch ein beliebiges Smartphone beziehungsweise Tablet unter Android oder iOS anschließen.

Solltet ihr Probleme mit einem normalen PS3-Controller haben, könnt ihr auch ein beliebiges Smartphone beziehungsweise Tablet unter Android oder iOS anschließen. Die benötigte App dafür ladet ihr kostenlos auf euer Gerät und schon dürft ihr das gesamte Abenteuer mit einer vereinfachten Steuerung genießen. Diese Alternative ist für Personen in eurem Leben gedacht, mit denen ihr die Erfahrung teilen wollt und die ein herkömmlicher Controller abschreckt. Entweder setzt ihr sie alleine vor den Fernseher oder bittet sie neben euch auf die Couch. Denn Beyond: Two Souls lässt sich auch komplett im Koop spielen. Dabei ist es egal, welche Kombination aus Controllern und Touch-Geräten ihr benutzt.

Idiotensicher?

Mehrmals deutete Cage während der Präsentation an, dass ihr die komplette Zeit Kontrolle über beide Figuren habt. Selbst in gezeigten Szenen, die stark nach einer Zwischensequenz aussehen. In diesen Momenten trefft ihr kleinere Entscheidungen, die euren Verlauf bestimmen, ohne dass ihr es wirklich merkt. "Wir hatten einen Tester, der nach dem Ende ziemlich enttäuscht war", sagt Cage. "Die Story wäre schön und gut gewesen, doch war es ihm zu linear aufgebaut. Ich ließ ihn daraufhin mit anderen Personen reden und er erkannte, dass sie alle eine vollkommen andere Erfahrung gemacht haben.

Ich habe zu viele Erfahrungen im Einzelhandel gemacht, um zu wissen, wie dumm manche Personen sein können.

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Wehe, ihr packt nicht genügend Behind-The-Scenes-Material auf die Disc.

"Ich will dem Spieler nicht jedes Mal zwei blinkende Seiten zeigen, sobald eine Entscheidung getroffen werden muss", ruft er und beschwert sich gleichzeitig über das oft verwendete und viel zu durchsichtige Moralsystem. "Ihr sollt in Beyond handeln, ohne von Entscheidungen beeinflusst zu werden. Spieler verhalten sich anders, wenn sie wissen, dass eine Entscheidung bevorsteht. An einer Stelle im Spiel erhaltet ihr einen Anruf von eurem Date. In einer Stunde ist er da. Ihr könnt euch nun hübsch machen, etwas aufreizendes Anziehen und die Wohnung sauber machen. Vielleicht sogar Essen kochen. Oder ihr bleibt in euren Gammelklamotten, zeigt euerem Date anschließend eine dreckige Wohnung und schaut einen Film auf der Couch. Natürlich funktionieren verschiedene Kombinationen davon. Zusammen mit eurem Verhalten während des Dates entscheidet ihr so über den letztendlichen Ausgang. Ein Game Over mitsamt Neustart gibt es nicht. Eure Entscheidungen haben Folgen und ihr müsst mit ihnen leben."

Im Anschluss an den Vortrag fragte ich ihn, ob er sich vielleicht Sorgen bezüglich der Spieler mache. Immerhin nannte er bereits ein Beispiel für eine Person, die enttäuscht von dem Spiel war, weil er es für linear hielt. "Nein, ich mache mir keine Sorgen. Ich habe Vertrauen in die Spieler und weiß, dass sie es erkennen werden", entgegnete er mir zuversichtlich, woraufhin ich eine fragende Miene aufsetzte. "Zieh nicht so ein Gesicht. Du unterschätzt die Spieler. Sie werden es erkennen und wertschätzen." Sorry, David. Ich habe zu viele Erfahrungen im Einzelhandel gemacht, um zu wissen, wie dumm manche Personen sein können. Ich applaudiere dem Spieldesign, weil auch ich die oft stark bipolaren und viel zu offensichtlichen Entscheidungen anderer Titel nicht mehr sehen kann. Aber stelle dich bitte darauf ein, dass viele Spieler dein Beyond eintauschen werden, weil sie diese Erkenntnis nie gewinnen werden, ohne dass man sie darauf aufmerksam macht.

Mit der eigentlichen Qualität von Beyond: Two Souls hat dieser Catch 22 allerdings wenig zu tun. Zwar möchte ich mich ohne eine längere Spielsession von jeglichem Hype fernhalten. Doch David Cage weiß wirklich, wie er eine Menge auf seine Seite zieht. Das mag bei großen Präsentationen, die man auf einem Bildschirm betrachtet, nicht so rüberkommen. Sitzt man hingegen nur ein paar Meter von ihm entfernt, versprüht sein Enthusiasmus für das Projekt durchaus Ansteckungsgefahr. Mein Interesse hat er auf jeden Fall geweckt. Selbst wenn das eigentliche Spiel nicht besser als Heavy Rain sein sollte, bleibt mir immer noch die Handlung, über die ich endlich mehr wissen will. Besonders das in manchen Szenen gezeigte Vater-Tochter-Verhältnis von Jodie und Dawkins deutet auf eine intelligente Charakterentwicklung hin. Aber dazu müssen wir alle noch bis Anfang Oktober warten, wenn Beyond: Two Souls erscheint.

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Björn Balg

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Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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