Nirvana, Mad Dog Time und JFK

Cyberpunk mit Videospiel, Gangsterkino mit Wahnsinn und Attentat mit offenen Fragen

Jeder Mensch braucht mal Abwechslung, wir alle mögen Filme, also schreiben wir jetzt immer freitags über ein paar Filme oder Serien. Keine Sorge, wir versuchen nicht, den Filmkritikern große Konkurrenz zu machen, sondern einfach nur zu berichten, wie ein Film auf uns wirkte und ob derjenige dazu raten würde, dem Streifen eine Chance zu geben. Mit „wir" ist die ganze Redaktion gemeint, denn jeden Freitag wird ein anderer Redakteur ein paar Zeilen schreiben, damit die Abwechslung sowohl im Stil als auch im Filmgeschmack gewährleistet ist.

Welche Filme oder Serien das sind, hängt davon ab, was derjenige in den letzten Wochen sah. Es kann ein nach zwanzig Jahren wiederentdeckter Schatz sein oder etwas, das gerade im Kino anlief. Wie gesagt, wir wollen euch damit nur ein paar Inspirationen geben, was sich vielleicht lohnen könnte. Erst mal also viel Spaß, ausnahmsweise nur bedingt interaktiven.

Nirvana

Es ist ein Cyberpunk-Film. Waschechtes Cyberpunk, inklusive japanischer Großkonzerne, flüssigen Marihuanas - hey, es ist die Zukunft -, Orten wie dem Marrakesch-Bezirk, viel, viel Cyberspace und Deckern. Dazu ist das Hauptthema der Handlung ein fiktives Videospiel. Christopher Lambert - besser bekannt als der aus dem Queen-/Schottland-Film - in der Hauptrolle, also gar nicht mal so obskur besetzt. Und trotzdem kennt kaum jemand Nirvana.

Das könnt vielleicht daran liegen, dass der Streifen nicht ganz zu Unrecht als eher wirres Kunstkino gelabelt wurde, wenig an den Kassen einspielte - in den paar Ländern, in denen er überhaupt lief - und in der Produktion noch weniger kostete. Man sieht das Nirvana an. Die Kulissen und Ausstattung wurden mit Liebe zum Detail, Gespür für das Design und einer Menge Herz zusammengebastelt, aber das Basteln lässt sich nie wirklich leugnen. Dass die manchmal existenzialistisch nachdenkliche, manchmal intelligente, stellenweise rundheraus sinnlos prätentiös-verschwurbelte Handlung in der Laufzeit von 100 Minuten ständig versucht, drei Bälle mehr in der Luft zu halten, als sie eigentlich zeigen kann, half nur bedingt. Wenigstens lässt sie meistens nur einen fallen, den Rest kann man sich mehr oder wenig schlüssig zusammenreimen.

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Nirvana

Die Grundlage bildet ein Virtual-Reality-Spieledesigner, der eine schwierige Phase durchmacht, weil seine Freundin ihn verlassen hat. Sein neuestes Spiel kommt nicht in die Gänge und plötzlich entwickelt die Hauptfigur des Spiels auch noch ein sehr tiefgründiges Bewusstsein. Nach der Erkenntnis, dass sie nie aus der Simulation flüchten kann, bittet sie ihren Schöpfer, sie zu löschen. Was folgt, ist ein ungefähr viergleisiger Roadmovie, in dem jede der Figuren, nicht nur die beiden, sondern auch die Sidekicks - ein blinder Hacker und Tankgirl in nett - wildes Zeugs erleben und zu sich selbst und höheren Erkenntnissen finden. Oder so. Aufgelöst wird alles, das Ende ist ausgesprochen zufriedenstellend und der Film lässt einen auch dank eines brillanten Soundtracks mit mehr zurück als dem, womit man ihn startete. Zumindest mich, aber immerhin ging es jedem, den ich kenne und der den Film sah, ähnlich.

Ich weiß nicht, ob der Film inzwischen eine Art Kultstatus erreicht hat oder ob er in Vergessenheit geriet. Ich habe nie danach gesucht, schließlich wollte ich mir nicht von irgendwelchen Nerds die Logiklöscher vorbeten lassen, die sich hier nicht zu knapp finden lassen. Nirvana ist seinem Titel gemäß ein Film, bei dem man auch ein wenig Bereitschaft mitbringen muss, sich einfach drauf einzulassen, zu gucken, wo es hingeht, und die Reise zu genießen.

Nachdem Nirvana ewig verschollen schien - es war eine meiner letzten VHS-Kassetten -, hat sich nun Twilight Classics erbarmt, ihm ein schreckliches Cover verpasst, aber was soll's. Die ausgesprochen gute deutsche Synchro, weit besser als die englische, ist drauf und der französische O-Ton mit Untertiteln auch.

Mad Dog Time (Trigger Happy)

Hier ist noch ein seltsames Etwas, das die Zeit vergaß. Wie das passieren konnte, werdet ihr euch sicher fragen, nachdem ich die Besetzung hier jetzt einfach mal so in den Raum werfe: Richard Dreyfuss, Gabriel Byrne, Jeff Goldblum, Ellen Barkin, Diane Lane, Gregory Hines, Burt Reynolds, Richard Pryor, Billy Idol, Paul Anka, Rob Reiner, Michael J. Pollard, Henry Silva, Larry Bishop und Agent Cooper persönlich, Kyle MacLachlan. Das Vergessen ist umso seltsamer, da die Filmgemeinde kultgemäß in zwei Lager gespalten ist. Im „Oh mein Gott, was für eine unglaubliche Scheiße!" saß immerhin der auch leider verschiedene und von mir hochgeschätzte Roger Ebert. Die andere Gruppe denkt einfach, dass die erste keine Ahnung hat.

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Mad Dog Time

So weit würde ich nicht gehen. Ich sehe, woher Gruppe eins kommt, und denke, dass es einfach alles auf ein paar Missverständnissen beruht. Die erste Annahme, dass dieses „Gangster-Epos" ein Film sei, ist falsch, denn ist ein Theaterstück. Glaube ich. Eine Drehbühne würde jedenfalls reichen, um die drei Handlungsorte abzubilden. Vier, wenn die Motorhaube eines Autos zählt. Entweder das oder das war einfach nur der coolste Kindergeburtstag, den Dreyfuss und Bishop feierten, und alle durften Gangster spielen. Weiterhin scheinen viele Kritiker des Films allgemein anzunehmen, dass ein Film ein Script hat, und das ist normalerweise sicher nicht falsch. Vielleicht hatte Mad Dog Time mal eines. Das wurde dann irgendwo liegen gelassen, tauchte nie wieder auf, aber weil schon mal alle da waren, legte man einfach los. Wer sich an seine Zeilen erinnern konnte, gut, wer nicht, der machte einfach mit. Und angesichts dieser Schauspieler - Billy Idol zählt nicht, seine einzige Zeile ist „Fuck You" - klappte das auch hervorragend.

Nicht um vielleicht den ursprünglichen Plot zu erzählen. Wer weiß schon, was der wohl mal war? Aber man einigte sich wohl darauf, dass Richard Dreyfuss als Mafiaboss aus der Klapse kommt und in seinem privaten Club aufräumt. Viele schräge Monologe, noch viel schrägere Dialoge, ein Goldblum, der konstant beim Sex mit Ellen Barkin einzuschlafen scheint - der Mann scheint verwöhnt -, und viele, viele Tote. Zusammengehalten wird das Ganze von einem auf seine eigene Art brillanten Gabriel Byrne, der alles schließlich mit seinem letzten Satz perfekt zusammenfasst: „Oh mein Gott, was hatte ich für wunderbare Eier". Das sagte sich wohl jeder am Set und machte einfach weiter.

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Manchmal auch als 'Trigger Happy' unterwegs.

Mad Dog Time - manchmal auch Trigger Happy - kostete nicht viel, so um die 8 Millionen, und schaffte es, legendäre 100.000 Dollar einzuspielen. Es war eine Katastrophe nach allen normalen Maßstäben. Was soll ich sagen, ich liebe dieses hochkarätigste Chaos. Es sind die surrealsten Sätze, die einige dieser Stars wahrscheinlich je sagten, der Film bewegt sich in einem absurden Tempo voran - meistens gar nicht, dann manchmal wie ein betrunkener Elefant -, und die meiste Zeit fragt man sich, ob das alles gerade passierte. Ob Agent Cooper wirklich mit einem Tic-Tac seinen Tod antäuschte, und das ungefähr mit dem gleichen Maß an Planung, das diese Szene im Vorfeld erfahren haben dürfte. Ob Jeff Goldblum sich gerade mit Billy Idol sitzend an gegenüberliegenden Schreibtischen duelliert. Ob es gesund ist, im selben Universum zu leben, in dem es auch diese My-Way-Interpretation von Byrne gibt. Es ist ein Fest, bei dem man einfach sehen muss, wie es kommt. Etwas bleibt sicher hängen. Gut oder schlecht, das lässt sich nur schwer vorhersagen.

Mad Dog Time gab es zwischendurch mal auf DVD und ihr findet diese auch recht problemlos auf eBay für kleines Geld. Die deutsche Synchro hat ihren eigenen Charme, vor allem weil sich alle Sprecher wahrscheinlich fragten, in was für einen Mist ihre Schauspieler denn nun schon wieder reingeraten sind.

JFK - Tatort Dallas

Mal gucken, ob ich es zu einer Tradition ausbaue, Filme über US-Präsidenten in meine Freitagsrunde aufzunehmen. Letzte Woche jedenfalls kam die Blu-ray des Klassikers von Oliver Stone ins Haus und ich kann ehrlich sagen, dass ich kaum weniger Spaß hatte als vor ungefähr 15 Jahren, als ich den Film zuletzt sah.

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JFK - Tatort Dallas

Es hilft natürlich, dass man heute kaum mehr über das vielleicht berühmteste Attentat des 20. Jahrhunderts weiß als zu dem Zeitpunkt, an dem es geschah. Von dieser Warte aus kann man dem Film eine ganze Menge vorwerfen, denn seine Erzähltechnik erinnert gerade in den ersten 90 Minuten - der Director's Cut kommt auf stolze 206 davon - an die suggestiven Techniken einiger US-TV-Moderatoren. „Ich sage ja gar nicht, dass die Exil-Kubaner es waren, ich frage ja nur...". Die ausgespielten Szenen, basierend auf eher vagen Beschreibungen aus Zeugenaussagen, deren Wahrheitsgehalt bis heute unklar ist, bringen einem diese Thesen mehr als eine Tatsache näher und weniger als ein „So könnte es gewesen sein, und das ist nur eine Möglichkeit". Behält man das im Hinterkopf, relativiert sich das alles sehr schnell. Zum Glück klammert sich Stone nicht nur an Verschwörungstheorien - auch wenn er offensichtlich viel Spaß dabei hat -, sondern zeigt auch sehr deutlich und anschaulich die vielen Logiklöcher in der offiziellen Erklärung zum Hergang.

Dass der Film über immerhin dreieinhalb Stunden trotz aller zumindest für Hollywood-Verhältnisse Nüchternheit unterhaltsam bleibt, liegt zum einen an Stones Gespür für Tempo und Inszenierung, der auf der einen Seite den Sumpf von Verstrickungen in einem überhitzen Kalte-Kriegs-New-Orleans inszeniert und dann virtuos mit seinen Schauspielern durch den Gerichtssaal tobt. Sie sind es auch, denen es gelingt, einen vieles glauben zu lassen, was selbst der Film dann später genüsslich zerlegt. JFK hat sich als intelligente Aufbereitung der Thematik, die trotzdem nie langweilig wird, weit besser gehalten, als ich es gedacht hätte. Vorausgesetzt, es besteht Interesse an dem Thema und Dialoge über drei Stunden schrecken euch nicht ab, dann ist JFK bis heute eine ganz große Nummer.

Und bis nächsten Monat schaffe ich es auch vielleicht mal wieder, einen aktuellen Streifen zu gucken. Auch wenn mir schon jetzt ein älteres Meisterwerk der Filmgeschichte schlechthin, Robin Hood: Ghosts of Sherwood, dringend ans Herz gelegt wurde.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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