Angst vor Hotline Miami: Ist ein zweiter Teil eine gute Idee?

Die Dosis macht das Gift.

Vielleicht ist es der falsche Zeitpunkt, aber ich habe gestern das erste Mal Hotline Miami auf der PS Vita beendet und stelle mir die Frage, wie zur Hölle ich noch eins von der Sorte durchstehen soll. Das Werk der beiden Schweden von Dennaton ist ohne Zweifel das schmierigste, unerfreulichste und dabei audiovisuell doch befriedigendste Spiel der vergangenen Jahre. So indifferent man dem Erlebnis die gesamte Dauer über auch begegnet, sich fragt, was man da eigentlich gerade macht, und darauf achtet, etwaige Sitznachbarn nicht sehen zu lassen, was für ein Gewaltporno sich gerade über den Bildschirm zwischen den Handflächen bumst: Es entsteht eine sirenenhafte Anziehung, der man sich machtlos hingibt.

Aber, und das ist wichtig, es ist auch eine, von der ich mir nicht sicher bin, ob sie ein zweites Mal funktionieren kann. Denn am Ende, nachdem ich mich Tausenden Feinden an die Kehle warf wie ein schlecht gelaunter Rottweiler, der gerade wegen zweifelhafter Wesensfestigkeit in der Polizeihundeschule durchgefallen ist, war ich nicht nur fertig mit dem Spiel, das Spiel war auch fertig mit mir.

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Der 'Was-zur-Hölle-ist-DAS!?'-Effekt ist vermutlich nicht zu wiederholen...

Natürlich, Teil eins selbst hatte kaum Variation und war daher eigentlich ein gutes Beispiel dafür, wie Spiele auch in der Wiederholung immer ähnlicher Zyklen kaum Abnutzungserscheinungen aufweisen können. Aber es war ein so in sich geschlossener Trip auf schlechten Klebstoffdämpfen, eine so makellose Synthese aus exzessivem Gore, lauter Drogenverkäufermusik und schneller Mustererkennung, die als Einzelkind besser dagestanden hätte.

Die Dosis macht bekanntlich das Gift, und wenn die Basissubstanz wie in diesem Fall schon so toxisch anmutet wie Hotline Miami, befürchte ich, der zweite Teil könnte mein goldener Schuss werden. Ohne Fortsetzung würde es dagegen auf ewig dieses eine, seltsame Spiel bleiben, von perfekter Länge und bestens darauf geschult, seinen Anwender an seinem Geisteszustand zweifeln zu lassen. Kann man es mir verdenken, dass ich es mit nichts vergleichen will, schon gar nicht mit seinem eigenen Nachfolger?

Ich will nicht so tun, als wäre das ein exklusives Problem von Hotline Miami, es beschäftigt mich nur gerade aus aktuellem Anlass. Mein jüngster Durchgang führte unweigerlich zu einer eingehenden Recherche, wie es um Teil zwei steht. Bei aller Liebe zu diesem außergewöhnlichen Titel wurde mir klar, dass ich schon lange an meiner Grenze angelangt bin, was diese Sorte stumpfes Spieltrauma anbelangt. Es war schrecklich schön, aber es war auch genug, denn mir gefiel, wie wir zwei auseinandergingen. Vielsagend, nichts. Kein Wunder: Wo Platz zum Spekulieren ist, ein Werk ein paar Geheimnisse für sich behält, da liegt die Faszination. Wäre die Matrix nicht ohne Sequel, Star Wars nicht ohne Vorgeschichte besser dran gewesen? In Sachen Spiele können Tomb Raider und God/Gears of War ein Lied davon singen, wie es ist, wenn man nicht für sich alleine stehen darf und Nachfolger teilweise sogar der Marke schaden. Jetzt ist es an Dennaton, dass sich Hotline Miami nicht dort einreiht.

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... oder reicht nur meine Fantasie nicht aus? Und wäre dieses Defizit nicht vielleicht sogar gesünder?

Das kann selbstverständlich nicht nur durch den kompletten Verzicht auf eine Fortsetzung gelingen. Die Alternative ist, dass Jonatan Söderström und Dennis Wedin alles richtig machen, mich überraschen und wieder verführen, Couch, Klo und die U-Bahn der Linie 8 in Tatorte virtueller, fast kunstvoller Gewaltgraffitis zu verwandeln. Aber der Aufwand, mich erneut und mit unverminderter Wirkung zu treffen, wird ungleich größer werden. Klappt es nicht, steht in jedem Fall auch auf dem Spiel, wie ich in Zukunft über Hotline Miami denke.

Ich versuche, Optimist zu bleiben. Wedin hat mal erwähnt, in Hotline Miami 2 das ergründete Emotionsspektrum erweitern zu wollen. Das Wörtchen "Traurigkeit" fiel, glaube ich, und wenn ich nur daran denke, wie diese zwei in Gefühlszentren rumstochern, die sie bisher absichtlich verfehlten, wird mir schon wieder ganz seltsam zumute. Da zwickt's bei dem Gedanken, ein Auge zuckt ein bisschen, der Fuß wippt zum Beat einer Basedrum, die keiner hören kann.

Mir schwant, Dennaton ist vielleicht doch auf der richtigen Spur.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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