Super Mario Odyssey hat nur ein Problem - und das ist zehn Jahre alt

Wie soll man gleich zwei Galaxien toppen?

Wir haben ja gestern schon darüber gesprochen, warum Battlegrounds in den vergangenen sechs Wochen fast ohne Ausnahme mein Spiel der Wahl war. Wir hatten uns einfach verdient, waren gut füreinander. Nur eine Sache stimmt dann doch: Bei allem, was dieser Titel so wunderbar richtig macht, ein bisschen grimmig und verbissen stimmt die Ostblock-Mordsfantasie dann doch - und wenn man wochenlang nichts anderes macht, als virtuell Darwin auf die sozial bedenkliche Art zu interpretieren, wird man schon mal ein bisschen komisch.

Helfen kann da irgendwie nur einer, dem die Sonne seit jeher aus dem Allerwertesten scheint - und der kommt von Nintendo. Also lieh' ich mir eine Wii U von einem Freund, Super Mario Galaxy 1 und 2 (endlich mal wieder) und Super Mario 3D World (Premiere für mich) besorgte ich gleich mit und... spielte im Endeffekt dann doch nur die beiden älteren Titel. Was eigentlich nur eine kleine Ablenkung zwischendurch sein sollte, wurde zum allabendlichen Projekt, brachte aber unweigerlich eine Erkenntnis mit sich, die mir gar nicht gefiel: Wenn es schlimm kommt, verleide ich mir hier gerade den Titel, auf den ich mich in diesem Jahr am meisten freue. Super Mario Odyssey war mein Highlight der E3, aber - meine Fresse - wie wollen sie die beiden Galaxys bloß übertreffen?

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Das erste Mal aus vollem Sprint in die Umlaufbahn eines kleinen Planeten springen - vergisst man nie.

Ich glaube nicht, dass das möglich ist. 3D World, für sich genommen ein absolut herausragendes Vorbild in Sachen bestens konservierter kindlicher Freude, ein Spiel, von dessen Einfallsreichtum und Spritzigkeit die meisten Entwickler nur träumen können, fällt im direkten Vergleich mit Super Mario Galaxy 2 in sich zusammen wie Zuckerwatte im Regen. Ich bin nicht sicher, ob die 3D-2D-Wechsel und der Seelenfang Odysseys ein vergleichbar fesselnder Twist sein können wie die Miniplaneten und die maßlos kreativ mit der Schwerkraft spielenden Weltraumstrukturen der beiden Klassiker einer heute gerne belächelten Konsole. Wird diesen beiden Spielen im serienhistorischen Kontext überhaupt die Anerkennung zuteil, die sie verdienen? Falls nicht, sag ich es eben hier: Das hier sind aus heutiger Sicht die besten Marios, die Nintendo je gemacht hat. Und denen rennen Miyamoto und Co. jetzt hinterher.

Mehr als jedes andere 3D-Mario kochen diese zwei die Essenz der Reihe auf die potenteste Konzentration runter. Diese Serie kennt ohnehin schon keinen Leerlauf, verschwendet (mit Ausnahme unnötiger Zwischensequenzen zu Beginn einiger Ausgaben) niemals eure Zeit und tut alles daran, jeden gelaufenen Meter wenn schon nicht bedeut-, dann immerhin unterhaltsam zu gestalten. Galaxy hat es mit seiner Kompaktheit, Level als eine Serie von überschaubaren Himmelskörpern zu inszenieren, trotzdem irgendwie geschafft, noch wesentlicher, genauer auf den Punkt und gleichzeitig unfassbar gewaltig zu wirken. Mit dieser Struktur hat Nintendo diesen beiden Spielen das letzte Milligramm Fett weggestreichelt - auch wenn sie dafür wie zum Ausgleich hier und da ein bisschen zu tief in den Zuckertopf gegriffen haben. Was blieb, war eine segmentierte, planetare Schlankheit, aus der die alle paar Meter verschwenderisch hineingeworfenen Einmalideen umso mehr hervorstechen.

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... dagegen kommt 3D World bei aller Liebenswürdigkeit und spielerischer Vollkommenheit arg konventionell daher.

Reine Freude, unbeschreiblich. Es ist unmöglich, sich bei diesen Spielen nicht wieder wie ein Kind zu fühlen. Das stimmt zu guten Teilen selbstverständlich für fast jedes Mario. Häufig spielt aber die Nostalgie für güldene Fragezeichenblöcke, freundliche Reitsaurier und putzige Tierkostüme eine nicht zu unterschätzende Rolle dabei. Die Galaxys stützen sich weniger auf solche rosigen Kindheitserinnerungen als jeder andere Teil, seit die Reihe den Sprung in die dritte Dimension wagte. Vielleicht wirken sie deshalb auch heute noch so frisch, unverbraucht und zeitlos, wie das vor ihm nur den Spielen in 2D gelang. Lustig, dass ich zehn beziehungsweise sieben Jahre Abstand und den Direktvergleich mit dem 3D-Nachfolger von Super Mario World brauchte, um zu begreifen, dass nicht länger das SNES-Abenteuer das Spiel ist, das es zu schlagen gilt - sondern diese beiden Sternstunden der Wii.

Gut, für mich geht's wohl nicht besser als das und wenn sich Odyssey am 27. Oktober (das musste ich nicht mal googeln, so sehr freue ich mich drauf) in meiner Gunst tatsächlich nicht gegen die Wii-Spiele behauptet und der Gedanke an sie stetig mitspielen wird - dann ist das trotzdem okay und Nintendo nicht der weltberühmte Rockstar von vorgestern, der mit seinen Spätwerken verzweifelt um Relevanz ringt. Denn, und auch das zeigte mir 3D World dieser Tage, selbst ein Mario, das sich nicht direkt zwischen meine persönlichen Top fünf dieser Spieleserie schlingelt, wischt an einem finsteren Tag noch alle Wolken weg. Wir reden hier über eine unfassbar konstant glücklich machende Serie, die jeden ihrer Räume bis in den letzten Winkel einladend und glücklich machend ausdrapiert. Wie eine große Spielzeugkiste, in der Jung und Alt gleichermaßen mit großen Augen wühlen dürfen, macht hier das bloße Herumlaufen schon mehr Spaß als andernorts zentrale Gameplay-Kniffe.

Super Mario Galaxy - Wooded-Kingdom-Präsentation.

So sehr ich keine Ahnung habe, wie sie diesen Doppelzenit des Nintendo-EAD-Einfallsreichtums toppen wollen, so klar ist mir allerdings auch: Diese Damen und Herren sind die Einzigen, denen ich es dann doch zutraue, die Überraschung zu schaffen. Wenige andere Studios stehen so sehr für Erneuerung wie dieses, denn sie war der einzige Weg, ein mehr oder weniger profanes Hüpfspiel um ein Klempnerbrüderpaar über Dutzende Serieneinträge hinweg interessant und spannend zu halten. OK, ich merke schon. Ich glaube, was ich eigentlich sagen wollte: Oktober kann nicht früh genug kommen!

Entwickler/Publisher: Nintendo - Erscheint für: Nintendo Switch - Geplante Veröffentlichung: 27. Oktober

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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