Nioh 2 - Test: Zurück nach Japan, ganz als wäre man nie weg gewesen

Nioh 1.5, jetzt mit Dämonen.

Nioh hatte seine Probleme, sicher. Technisch war es nicht ganz so poliert, wie es hätte sein sollen, es war nicht ganz so ausbalanciert, wie es gut gewesen wäre, aber im Großen und Ganzen ist es bis heute eine der besten Souls-Ersatzdrogen die da des Weges kamen. Ein wenig mehr Feinschliff, vom Start weg einen großen Publisher im Rücken und eigentlich müsste Nioh 2 dann das Spiel sein, das zumindest für ein Weilchen die Fackel von From Software übernimmt und sie stolz trägt, bis sich dann Elden Ring endlich zeigt. Hätte, müsste, könnte. Nioh 2 ist eigentlich Nioh 1.5. Was sicher nicht die schlechtesten Nachrichten für alle sind, die Nioh spielten und mochten.

Da sich die Zahl Ersterer allerdings in Grenzen hält - die zweite Zahl entspricht allerdings ungefähr der ersten -, erst einmal zur Frage, ob man denn Nioh 2 problemlos spielen kann, wenn man Nioh nicht kennt. Nun, das ist einfach: Ja. Absolut, vorbehaltlos und komplett. Ich habe selten ein Spiel mit einer "2" hinten dran gespielt, bei dem es weniger relevant war, dass der Vorgänger überhaupt existierte. Okay, praktisch jeden Prügler der 90er, aber die mal außen vor. Es gibt eine eigene Story, die Welt ist halt wieder das alte Japan, aber das ist ein weites Feld, bei dem einmal mehr der Name Nobunaga durch den Saal geschmissen wird und eigentlich bewegt sich die etwas konfuse Handlung eh in einem so entspannten Tempo, man vergisst oft, dass sie existiert, geschweige denn, vielleicht einen dafür nicht relevanten Vorgänger hat.

1
So ruhig kann es sein...

Wie es sich für ein Souls gehört, ist es natürlich nicht so, dass die Welt nichts hergeben würde. Von zahlreichen Tagebucheinträgen bis zu kompetentem Storytelling durch die Umgebung findet ihr hier genug, was die hinteren Regionen im Kopf beschäftigt und die virtuellen Füße fest auf diesem Boden verankert. Diese eigentliche Handlung ist halt nur nicht so konkret vorgebetet wie bei The Surge beispielsweise, aber lässt euch auch nicht so sehr im Dunkeln, wie es Souls selbst gern tut. Nennen wir es ein gesundes Mittelmaß.

Mit dem Begriff "Nioh 1.5" geht einher, dass sich beim Aufbau der Welt nicht so viel geändert hat. Wer hoffte, dass es nun eine zusammenhängende Spielumgebung gäbe, wird enttäuscht. Ihr habt wieder ein halbes Dutzend Regionen, in jeder drei große Hauptmissionen plus fünf oder sechs kürzere Nebenmissionen, von denen jede das Potenzial hat, euch mehrere Stunden zu beschäftigen und für sich selbst den Souls-Aufbau durchexerziert. Ihr kommt rein, schaltet nach und nach Abkürzungen zu den Schreinen frei, die hier wieder als Lagerfeuer herhalten, und nach und nach arbeitet ihr euch zum Boss vor. Ein Souls- oder auch ein Sekiro-Gebiet funktioniert genauso, nur dass diese eben direkt noch mal miteinander verbunden und verschachtelt sind. Das ist der Sprung vom "Gelungen" zum "Meisterhaft", den Nioh mit seinem zweiten Teil einmal mehr vertagt hat.

2
...aber ganz schnell sieht es dann so aus. Obwohl, von einem Skelett? Das war jetzt nicht mein glorreichster Moment.

Nicht, dass diese Gebiete an sich schlecht wären. Ganz im Gegenteil. Egal ob lichte, grüne Waldgebiete, verschneite Bergfestungen oder brennende Dörfer, ich habe jedes der Gebiete wirklich genossen und geschätzt. Sei es für Cleverness im Kleinen beim Aufbau oder für die allgemeine Atmosphäre, die die guten Klischees und den gewünschten Kitsch wunderbar einfangen. Noch besser ausgearbeitet und schöner inszeniert, als es zuvor der Fall war und jeder Genießer des Settings, der es nicht zwanghaft auf historische Genauigkeit abklopft, wird hier seine Freude haben.

Diese Historie endet eh bei dem neuen Twist, dass ihr selbst nun einen Halb-Dämonen spielt, was sich in besonderen Attacken und sogar einer kompletten Verwandlung niederschlägt. Während ihr allerdings erstere regelmäßig und in vielen verschiedenen Abstufungen nutzen könnt, ist die Verwandlung etwas, vor dem sich die Designer, glaube ich, selbst fürchteten. Der Schaden, den ihr damit austeilt, ist so mächtig, dass der Einsatz selbst bei optimaler Nutzung nur 20 Sekunden dauert, und das Aufladen endlos. Aber dann wieder ist es die gewisse Edge, die ihr in so manchem Bosskampf hier dringend brauchen könnt, denn eines ist ebenfalls klar: Vergebender als der Vorgänger ist Nioh 2 sicher nicht.

3
Es ist aus Japan und spielt in Alt-Japan. Natürlich muss Nobunaga auftauchen.

Nioh 2 ist auch nicht wirklich schwerer oder ehrlich gesagt, kommend von Sekiro, ist es wirklich schwer. Es ist unglaublich methodisch und durchaus präzise, wenn auch nicht so pedantisch wie Sekiro. Dazu ist es ein anderes Konzept, selbst wenn das Setting ähnlich sein mag. In einer auf die Millisekunde getimten Genauigkeit des Rhythmus' kann Sekiro einen in den Wahnsinn treiben, während das in den Schlaganimationen exakte Nioh 2 sehr viel mehr auf die üblichen Muster aus Bewegung, Blocken und Kontern setzt, die sich mehr wie eine schnelles Souls anfühlen, als wie ein langsames Sekiro. Bei Bossen ist es oft so, dass ihr einfach irgendwann wisst, welche ihrer klar definierten Bewegungen ihr ausnutzen könnt und bei welchen ihr die Beine in die Hand nehmen müsst. Wenn ihr das einmal verinnerlicht habt, dann lässt sich auch der härteste Feind hier mit relativer Leichtigkeit auf die Bretter schicken. Wenn ihr das nicht wisst oder für ein paar Sekunden nicht respektiert, dann hat selbst der kleinste Feind den Biss, in fünf Sekunden euer letzter zu sein.

4
Die Bosse sind dieses Mal zumeist wirklich alptraumhaft gelungene Fabelwesen.

Das lässt mit der Zeit und dem Grind natürlich nach. Im Gegensatz zu Souls, wo ihr ein Gebiet zwar zwei Mal farmen könnt, aber nie zwei Mal alle Gegenstände finden, werden hier die Missionen, wenn ihr sie beendet oder in Richtung Weltkarte verlasst, komplett zurückgesetzt. Es gibt ein paar einzigartige Objekte, die ihr nur einmal bekommt. Vor allem Items, die euch Fertigkeitspunkte schenken, aber sonst könnt ihr nach Herzenslust grinden und das macht irgendwann nicht nur objektbasiert basiert das Leben einfacher, es gibt vor allem Routine und die Tode lassen deutlich nach. Es macht wie immer Spaß zu spüren, dass man nicht nur gewinnt, weil man doch mal ein besseres Schwert gefunden hat, sondern spürt, dass es eben nicht diese paar Punkte mehr Schaden, sondern das eigene Talent sind, die einen weiterbringen. Ein altes Konzept, aber in dem Falle ein solide erprobtes, das hier mit großer Klasse gefeiert wird.

5
Ein paar exotische Locations werden auch geboten, aber für das meiste bleibt man klassischen Motiven treu.

Ein großer Fortschritt sind die Bosse. Waren diese im ersten Teil zu einem großen Teil Menschen, wurde man hier mit dem neuen Dämonen-Twist sehr viel kreativer und fährt ein paar sehr hinreißende Fabelwesen auf, die sowohl zur Mythologie, wie auch zum allgemeinen Flair dieser Interpretation passen. Bei den Zwischenbossen nimmt das Recycling dagegen schon mal überhand und es gibt generell ein paar weniger neue Feinde im Vergleich zum Vorgänger, als es gut wäre. Aber wenigstens kann man sich immer am Ende jeder Mission auf ein Highlight verlassen.

Was besagte Schwerter angeht, ich hatte im Vorfeld ja Sorge, dass es alles zu technisch wird. Zehn oder so Waffenarten, noch mehr Dämonen-Schutzgeister, jeder einzelne mit eigenen Fertigkeiten, Dämonen-Seelen, die sich auf die Geister draufpacken lassen. Alles Modifikatoren, die zusätzlich zu Element-Buffs, Debuffs und mehr dazukommen. Es sah alles schwer nach Overkill aus, vor allem mit einer Loot-Droprate, die jedes Diablo vor Neid erblassen lässt. Am Ende ist das alles aber dann doch ein wenig heiße Luft. Ihr wisst relativ schnell, welche der Waffenart "eure" ist - ich selbst blieb klassisch beim Katana - und ignoriert die anderen einfach. Ja, vielleicht ist manchmal ein Boss im Idealfall mit einer anderen Waffe etwas einfacher. Aber bis ich die gelevelt und gelernt habe, bin ich auch so schon drei Level weiter. Was als einziges wirklich wichtig war, ist, die verschiedenen Schutzgeister durchzuprobieren, weil diese euch sehr unterschiedliche Spezialangriffe geben. Bei manchen Bossen ist ein schneller Seitschritt eben der Schlüssel im Vergleich zu einem harten Frontal-Konter. Aber das lässt sich ausprobieren und lernen, ohne dass es einen erschlägt.

6
Der eine oder andere NPC taucht auch auf, aber sie geben sich weit weniger kryptisch als ihre Souls-Kollegen.

Was das Loot angeht, war ich überrascht, dass es mich nicht störte. Das liegt aber nicht daran, dass ihr ständig gute Dinge finden würdet, mehr das Gegenteil ist der Fall. Ihr findet so viel Schrott, dass ihr nur gelegentlich reinschaut, ob mal was Besseres dabei war und das seht ihr dank einer gelungenen Menüstruktur auch praktisch sofort. Meine ganze Ausrüstung durchzugehen, dauert weniger als 30 Sekunden. Den ganzen anderen Müll im Pack gegen sinnvolle Währung einzutauschen, dauert an einem Schrein zehn Sekunden. Nichts davon kam mir beim Spielen in den Weg. Sicher, ihr könnt euch mit all dem etwas mehr beschäftigen, wenn ihr diese letzten 0,1 Prozent an Effizienz rauskitzeln wollt, da bietet Nioh 2 eine absurde Tiefe. "Absurd" im Sinne von, dass es sinnvoller ist, eine halbe Stunde einen Konter zu üben als sich mit diesen Japan-Hundertsteln herumzuschlagen. Aber wenn das euer Ding ist, es ist alles da, was ihr braucht.

Ein weiterer Faktor, der Nioh 2 am Ende sehr viel zugänglicher macht als gedacht, ist, dass ihr nur dann allein seid, wenn ihr es wollt. Selbst wenn ihr keinen festen Online-Koop-Partner habt, gibt es überall in der Welt Markierungen anderer Spieler, deren Figuren ihr rufen könnt und die dann KI-gesteuert aushelfen. Bei Bossen nicht wirklich effektiv, weil die KI die Muster beim Boss ignoriert und irgendwie attackiert. Das geht nie lange gut. Aber bei normalen Gegnern, die hier ja auch zig kleine Bosse sind, wirkt es Wunder, wenn der andere für ein wenig Ablenkung sorgt. Das gibt vor allem neuen Spielern echte Chancen, besser ins Spiel zu kommen, selbst wenn sie beim Boss dann doch eher die Funktion nutzen sollten, einen echten Spieler dazuzuholen, wenn der Frust zu groß wird. All das ist jetzt einem Souls-Koop nicht völlig unähnlich, aber hier simpler und zugänglicher umgesetzt.

7
Bis zu drei könnt ihr sein: Ein anderer Spieler und in manchen - seltenen - Missionen auch mal ein NPC. Das macht das Leben schon wirklich einfach, aber solche Atempausen sind selten.

Technisch hat mich hier nichts beeindruckt. Nicht nach Sekiro, so leid es mir tut. Und was beeindruckt heute eigentlich noch wirklich? Mal so philosophisch gefragt. Aber man muss sich ja nicht immer mit dem König messen und für sich gesehen ist Nioh 2 ein wirklich schönes Spiel. Ich habe es bei den Gebieten schon angedeutet, an Stimmung, Farbwahl und Design gibt es hier nicht auszusetzen und vor allem die Bosse setzen gute Akzente. Es ist auch alles deutlich feiner ausgearbeitet, als es noch im Vorgänger der Fall war, selbst auf der 60Hz-stabile-Frames-Einstellung. Das gewinnt dann noch mal, wenn euch die Frames nicht ganz so wichtig sind - was ich bei so einem Spiel nicht nachvollziehen kann, aber jedem seins - und selbst wenn es dann immer noch nicht Sekiro erreicht, das ist schon ein schickes Spiel.

8
Es hat seine Momente, immer wieder.

Nioh 2 ist derzeit die definitiv beste Art, die Wartezeit bis Elden Ring zu überbrücken und auch wenn es in Sachen Leveldesign nicht einmal versucht, mit der Brillanz einer geschlossenen From-Software-Welt mitzuhalten, ist es doch durch und durch kompetenter Live-Die-Repeat-Spaß in einer stimmungsvollen Umgebung, die einen mit jeder Mission neu mitzieht. Da kann die Story noch so halbherzig daherkommen, die Mechaniken geben es einfach her, dass man sich dem Zyklus aus Sterben und Lernen freudig hingibt. Der befürchtete Feature-Overkill stellte sich als gleichzeitig vorhanden, aber doch unbedenklich heraus und ja, ich habe mich schon seit einem Weilchen nicht mehr mit so viel Freude intensiv durch ein Spiel gebissen.

Dabei hilft es auch, dass es deutlich einfacher ist als das stellenweise absurd brutale Sekiro, das einem nun gar nichts schenkte. Manchmal ist weniger nicht unbedingt mehr, aber wenn ich Nioh 2 als die allgemein spielbarere Alternative bezeichne, dann ist das keine Abwertung des Meilensteins Sekiro, sondern eine freundliche Aufforderung, Nioh 2 nicht als Lebensaufgabe zu sehen, sondern als den lohnenden und unterhaltsamen Ausflug sowohl ins alte Japan, wie auch in die Welt der Souls.

Entwickler/Publisher: Team Ninja / Sony - Erscheint für: PS4 - Preis: ca. 60 Euro - Erscheint am: 13.3.2020 - Gestestete Version: PS4 - Sprache: japanische Sprachausgabe, deutsche Texte - Mikrotransaktionen: Nein (Add-Ons werden wohl folgen)

Unsere Wertungsphilosophie

Links zu Angeboten und Anbietern auf dieser Seite können sogenannte Affiliate-Links sein. Mit einem Kauf über einen dieser Links unterstützt ihr Eurogamer.de. Wir erhalten vom Anbieter eine kleine Provision.

Zu den Kommentaren springen (24)

Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur

Defender, Ringe, 1W6+4, NCC-1701, 8086, Ultima, Cid, SEGA, like tears in rain, B. Guardian, nicht Silmarillion, F. Mercury, PC-Player, Arena, id, Mage, LiveLink, Eurogamer, Chefredakteur...

Weitere Inhalte

Weitere Themen

Kommentare (24)

Verstecke Kommentare mit niedrigen Bewertungen
Sortierung
Threading