Wie Sandsoft Games die Spielebranche im Mittleren Osten und Nordafrika groß herausbringen möchte

Ungenutztes Potenzial.

In der MENA-Region steckt eine Menge ungenutztes Potenzial. MENA steht für den Mittleren Osten und Nordafrika, ein aufstrebender Markt in der Spielebranche, der aber in Teilen noch weit hinter anderen Regionen zurückliegt. Mit 25 Prozent jährlichem Wachstum gibt es hier den weltweit größten Zuwachs in Bezug auf den Umsatz mit Spielen. Und es sind keine kleinen Zahlen, um die es hier geht. Für 2020 ist für die Region ein Umsatz in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar prognostiziert, ein Jahr später werden 6 Milliarden erwartet.

In Sachen Umsatz sieht es somit nicht schlecht aus, was die Eigenentwicklungen und auf die Region zugeschnittene Spiele betrifft, gibt es indes großen Nachholbedarf. Ein Problem, dem sich der neu gegründete Publisher Sandsoft Games annimmt. Als Leiter von Sandsoft Games kümmert sich Mo Fadl, zuvor Head of Global Esports bei Wargaming und Head of Publishing für die nordischen Länder bei Riot Games, um die Verwirklichung der ambitionierten Ziele.

"Es gibt viele Gründe, warum die Spielebranche in der Region unterentwickelt ist", erzählt mir Fadl. "Unabhängig von vergangenen oder zukünftigen Problemen sehe ich ein konstantes Wachstum. Wenn du die Prognosen von 2016 und 2017 mit dem jüngsten Whitepaper von Tencent und Newzoo aus diesem Jahr vergleichst, sieht du, dass die früheren Schätzungen zutreffend waren. Das zeigt mir, dass der MENA-Markt konstant und zuverlässig ist. Es ist schockierend, dass diese Region nach wie vor als 'Schwellenmarkt' gilt."

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Mo Fadl

"Die Region ist der weltweit am schnellsten wachsende Markt mit einem enormen Appetit auf Spiele", fährt er fort. Die Zukunft lasse sich immer schwer vorhersagen, was aber für alle Märkte gelte, auf die verschiedene Faktoren Einfluss haben könnten. "Es gibt in der Region wenige Entwickler und Publisher, wenige haben den Durchbruch geschafft und international Anerkennung erhalten. Die größten Player in der Region sind weltweit agierende Unternehmen wie Tencent, die letztes Jahr ihr MENA-Büro eröffneten, nachdem sie PUBG Mobile lokalisierten. Und Ubisoft lokalisiert seit 2013 seine Spiele für diesen Markt."

Mit der Entwicklung des dortigen Marktes verändern sich Fadl zufolge gleichzeitig die Bedingungen: "Es gibt endlich mehr Investitionen in talentierte Entwickler und dieses Ökosystem muss Spiele in der Region erfolgreich veröffentlichen und bewerben", erzählt er. "Ein Beispiel: Fawzi Mesmar war einer der ersten Entwickler, der ein Programmierbuch auf Arabisch schrieb. Das erlaubte es Neueinsteigern, die Grundlagen des Programmierens in ihrer Muttersprache zu lernen. Es sind diese Game Changer, die die größere Vision für die Gesamtregion antreiben. Wenn wir uns in drei Jahren noch einmal unterhalten, sind hoffentlich mehrere Studios und Publisher entstanden, die sich einen Namen gemacht haben."

In Sachen Finanzierung steht das in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad ansässige Textilunternehmen Ajlan & Bros, das weltweit 7.000 Mitarbeiter beschäftigt, hinter Sandsoft Games. Vor kurzem startete das Unternehmen die "Future Projects"-Initiative, die auf die Modernisierung der Region abzielt. Und Sandsoft Games ist ein Teil dieser Projekte.

"Wir trafen uns vor ein paar Monaten, sprachen über die Gesamtsituation des Gaming- und Unterhaltungsmarktes in der Region und wie wir uns die Entwicklung in den nächsten Jahren vorstellen", erzählt Fadl. "Es stellte sich heraus, dass wir ähnliche Ansichten haben. Wir möchten den Spielern in der Region die besten Unterhaltungserlebnisse bieten und haben den Anspruch, den Spielern mehr zu bieten [als sie es gewohnt sind] und die Region zu modernisieren."

Daraus resultiert ein komplett anderer Ansatz als bei den zuvor erwähnten Unternehmen wie Tencent und Ubisoft. Sandsoft Games konzentriere sich nicht auf die Lokalisierung, vielmehr stehe die Kulturalisierung im Mittelpunkt. "Aus diesem Grund haben wir Teams für den Vertrieb und die Produktentwicklung und sie arbeiten mit den jeweiligen Abteilungen des Entwicklerstudios zusammen. Es reicht nicht mehr aus, allein Vertrieb und Lokalisierung anzubieten. Du brauchst ein auf die dortigen Spieler abgestimmtes Spielerlebnis. Und das ist allein dann möglich, wenn du die Möglichkeiten hast und bereit dazu bist, für deine Spiele diesen einen Schritt weiter zu gehen. Das heißt, dass du echte Anpassungen beim Interface, dem Sound, den Charakteren, der Story und so weiter vornimmst."

Darüber hinaus beschäftige das Unternehmen ein multikulturelles und vielfältiges Team. "Für uns bedeutet dies zweierlei: "Zum einen bringen wir lokale und internationale Talente zusammen, die aus allen Schichten der Industrie stammen. Und zum anderen planen wir die Eröffnung von Büros in verschiedenen Ländern der MENA-Region und darüber hinaus. Jedes Land ist anders und für unser Team ist es wichtig, dies zu verstehen, damit wir eine echte Bindung zur Community aufbauen."

Sandsoft_Games_Logo

Wenn es darum geht, wie ihm seine bisherige Erfahrung in der Branche beim Aufbau von Sandsoft Games hilft, holt er ein wenig weiter aus. "Das geht weiter zurück als meine Erfahrung in der Spielebranche", merkt er an. "Ich wurde in Deutschland geboren, meine Mutter war Deutsche und mein Vater Ägypter. Ich hatte in meiner Jugend mit verschiedenen Einschränkungen und Stigmata zu kämpfen. Dinge, die online absolut keine Rolle spielten. In den Spielen, mit denen ich mich zu der Zeit befasste, zum Beispiel Meridian 59 und Ultima Online, spielten meine Herkunft, meine Hautfarbe und so weiter nie eine Rolle. Ich baute mir einen starken Freundeskreis auf, der mich noch heute begleitet."

"Das war der erste Game Changer für mich", erinnert er sich. "Er brachte mich auf die Idee, in die Spielebranche zu gehen und anderen Spielern mit ähnlichen Erfahrungen das Gleiche zu ermöglichen. In meinen über 16 Jahren in der Branche hatte ich die Gelegenheit, mit einigen der fähigsten und leidenschaftlichsten Spieler, Entwickler und Publisher in der Branche zusammenzuarbeiten. Sie alle vereinte die gleiche Liebe fürs Spielen."

Wichtig ist für ihn eine "Player first"-Mentalität, die Spieler stehen an erster Stelle. "Als ich von 2004 bis 2008 bei Blizzard und später ein Gründungsmitglied von Wargaming Europe/International war, hatte ich die Gelegenheit, den Aufbau eines global agierenden Triple-A-Spieleunternehmens nicht allein zu beobachten, sondern ein aktiver Teil davon zu sein. Am Ende war Riot Games der ausschlaggebende Grund für die Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen, das sich auf die MENA-Region konzentriert und dort ansässig ist. Ihr Versprechen an die Spieler werde ich immer bewundern und diese grundlegende Philosophie ist einer der Grundpfeiler von Sandsoft Games."

In seiner ersten Phase konzentriert sich das Unternehmen ihm zufolge zuerst auf den Mobile-Markt, der PC folge zeitnah dazu. "Wir sind ein Multi-Plattform-Publisher und -Entwickler, daher planen wir die Entwicklung von Spielen in allen Formen und Größen", sagt er. "Wir beginnen in Phase eins mit Mobile-Spielen und werden schnell auf den PC-Markt aufspringen."

Visuell und geschichtlich greifen die Spiele dabei die Kulturen der Region auf, um sie für die dortigen Spieler ansprechend zu gestalten. "Wie sich ein Spiel anfühlt und wie es aussieht, hängt immer vom Gameplay ab", erklärt Fadl. "Ich gebe dir ein Beispiel aus einem der Spiele, an denen wir derzeit arbeiten. Ein Gegner sah wie ein Wildschwein aus. Spieler aus der Region kennen das zwar, aber wir entschieden uns dafür, uns an den Glauben dieser Region zu halten und den Gegner anzupassen. Wir machten dann einen Kobold daraus. Es hatte null Einfluss auf das Gameplay, aber Details wie diese sind es, die wir für wichtig erachten."

Werke aus der westlichen Welt versuchen häufiger, zum Beispiel arabische Kulturen aufzugreifen. Dreht Sandsoft Games den Spieß künftig einmal um? "Das käme am Ende auf das jeweilige Spiel an", entgegnet er. "Für uns ist derzeit wichtig, den Studios bei der Kulturalisierung ihrer Spiele zu helfen, damit sie zu der Region passen (wenn Story, der Ton des Spiels und das Gameplay es erlauben). Wusstest du zum Beispiel, dass Aladdins Hose in Disney's Aladdin keine MENA-spezifische Hose ist, vielmehr eine persische Hose? Hier besteht die große Chance, Spiele zum Vorteil der Spieler in dieser Region zu kulturalisieren. Gleichzeitig tragen wir die Schönheit und die Kultur der Region in die weitere Welt hinaus."

Erst einmal stehen diese Regionen im Fokus von Sandsoft Games, was eine spätere Expansion natürlich nicht ausschließt. Eines kommt nach dem anderen und die Stärkung der Branche in der Region ist eines der erklärten Ziele des Unternehmens. "Unsere Büros hier entstehen aus dem Nichts", führt Fadl aus. "Die Tatsache, dass einige unserer hochrangigen Mitarbeiter aus der Region stammen, half uns aber dabei, die nötigen Strukturen einfach aufzubauen. Das ist einer der Grundpfeiler von Sandsoft Games. Wir bringen internationale Talente mit lokalen Talenten zusammen. Durch ihre Kenntnis der Region und der Arbeitsweise von Triple-A-Unternehmen war es uns auf einfache Art möglich, die Grundpfeiler für Sandsoft zu errichten."

Ein wichtiger Teil der Bemühungen von Sandsoft ist dabei die Rekrutierung neuer Mitarbeiter. "Das war eine unserer ersten Lektionen", erzählt er. "In der Region steckt eine Menge Potential, aber es gibt leider bei weitem nicht ausreichend Möglichkeiten, dieses zu präsentieren. Unser Plan ist, im ersten Jahr mehr als 60 Leute einzustellen. Daher ist in den nächsten paar Wochen auf jeden Fall mit einer Reihe von Stellenangeboten von Sandsoft Games zu rechnen."

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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