Betrugsvorwürfe gegen Anbieter nach Rekordpreisen für Retro-Spiele

Nachdem zuletzt immer neue Rekordpreise für Retro-Spiele erzielt wurden, gibt es jetzt Betrugsvorwürfe gegen Anbieter und Bewerter.

Die Preise für Retro-Spiele gehen durch die Decke. Könnte man meinen, wenn man jüngst einige Auktionen verfolgt hat.

Erst im Juli wurde ein eingeschweißtes Exemplar von The Legend of Zelda für 870.000 Dollar verkauft, kurz darauf stellten Super Mario 64 für 1,5 Millionen Dollar und Super Mario Bros für 2 Millionen Dollar weitere Rekorde auf.

Oder anders gesagt: Wahnsinn. Ein kleines (oder großes) Geschmäckle erhält die ganze Sache nun durch Betrugsvorwürfe gegen das Grading-Unternehmen Wata Games und das Auktionshaus Heritage Auctions. Speedrunner und YouTuber Karl Jobst wirft ihnen in einem 52-minütigen Video vor, gemeinsame Sache zu machen, um die Preise für Retro-Spiele künstlich zum eigenen Vorteil in die Höhe zu treiben (danke, VGC).

Marktmanipulation im großen Stil?

Jobst behauptet, dass Watas Präsident und CEO Deniz Kahn und Heritage Auctions Mitgründer Jim Halperin den Markt durch Pressemitteilungen und Interviews manipulierten, in denen sie behaupteten, dass der Wert von Retro-Spielen weiter steige. Watas Direktoren hätten ihre eigenen Spiele eingestuft, ihren Wert künstlich in die Höhe getrieben und nur wenige der für extrem hohe Preise verkauften Spiele seien tatsächlich in den Händen von Sammlern gelandet.

In einem Statement gegenüber VGC weist Heritage Auctions die Anschuldigungen zurück und bestreitet, in illegale oder unethische Aktivitäten verstrickt zu sein.

"Heritage Auctions hätte gerne die Möglichkeit gehabt, vor der Veröffentlichung des Videos zu antworten, da der Beitrag zahlreiche falsche Tatsachenbehauptungen und ungenaue Schlussfolgerungen enthält", heißt es. "Heritage weist nachdrücklich jede Behauptung zurück, dass es oder seine Mitarbeiter an Lockvogelangeboten, 'Marktmanipulation' oder ähnlich illegalen oder unethischen Praktiken beteiligt sind. Heritage ist stolz auf seine Transparenz und darauf, ein Ort von und für Sammler zu sein. In diesem Sinne freuen wir uns über die Gelegenheit, weiter über den Videospielmarkt zu sprechen und laden Herrn Jobst in unseren Hauptsitz in Dallas ein, um unseren Betrieb zu besichtigen und weitere Gespräche mit der Geschäftsführung zu führen."

Jedes der anfangs erwähnten Spiele und auch einige andere zuvor wurde von Wata Games anhand der Qualität benotet. Zwar gab es solche Unternehmen bereits zuvor, aber seit der Gründung im Jahr 2018 hat sich Wata hier einen Spitzenplatz erobert. Ein Jahr nach der Wata-Gründung gab es erste Videospiel-Angebote bei Heritage Auctions und dabei handelte es sich nur um Titel, die von Wata bewertet wurden.

Langjährige Zusammenarbeit und hohe Profite

Die Zusammenarbeit beider Unternehmen scheint aber noch weiter zurückzureichen. Als die Wata-Webseite ursprünglich an den Start ging, hieß es, von Wata zertifizierte Produkte würden über einen Videospielanbieter namens Just Press Play und über Heritage Auctions verkauft, ebenso wurde Heritage Auctions' Halperin als Berater auf der Wata-Seite aufgeführt.

Angesichts der zuletzt erzielten Preise erscheinen die rund 30.000 Dollar für Super Mario Bros, die im Juli 2017 auf eBay erzielt wurden, fast schon wenig. Im Februar 2019 verkaufte dann Heritage Auctions ein von Wata bewertetes Super Mario Bros für deutlich mehr Geld: 100.150 Dollar.

Das Interessante daran ist, dass drei Männer dieses Spiel kauften. Neben Just-Press-Play-Gründer Zac Gieg und Sammler Rich Lecce war das auch Heritage Auctions' eigener Mitgründer Jim Halperin. Es folgte eine Pressemitteilung von Heritage Auctions zu diesem "Weltrekord", in dem es zum Beispiel hieß, dass die Preisentwicklung keine Anzeichen einer Verlangsamung zeige.

"Hier kauft also der Vorsitzende des Auktionshauses ein Spiel zu einem Rekordpreis und gibt dann eine Pressemitteilung über seinen eigenen Kauf heraus, in der er und der Präsident des Bewertungsunternehmens erklären, dass der Wert von Spielen steigt", sagt Jobst in seinem Video. "Dann wirbt er damit, dass sein eigenes Spiel in Zukunft über sein eigenes Auktionshaus versteigert werden soll."

Dadurch wollte man laut Jobst den Preis von Retro-Spielen künstlich nach oben treiben, um davon zu profitieren. Für die Unternehmen ein durchaus lohnendes Geschäft. Liegt der Marktpreis eines Spiels bei 10.000 Dollar, erhält Wata für die Benotung 400 Dollar. Liegt der Wert bei einer Million, bekommt Wata 20.000 Dollar. Und auch Heritage Auctions erhält 20 Prozent vom Kaufpreis sowie weitere 5 Prozent vom Verkäufer. Wird ein Spiel also zum Beispiel für eine Million Dollar verkauft, gehen 250.000 Dollar davon an Heritage Auctions.

Ein Spielzeug für Spekulanten, kein echtes Sammlerobjekt

Wie Jobst angibt, landen die wenigsten solcher Spiele in den Händen von Sammlern, vielmehr hätten Unternehmen wie Rally, Otis und Mythic Markets sie gekauft. Diese verkaufen dann wiederum "Anteile" an diesen Spielen an Investoren - in der Hoffnung, dass sie am Ende davon profitieren und mehr Geld zurückbekommen, wenn die Spiele noch teurer weiterverkauft werden. Rally kaufte zum Beispiel 2020 ein Exemplar von Super Mario Bros für 140.000 Dollar. Das gleiche Exemplar, das jüngst für 2 Millionen Dollar verkauft wurde. Für die Investoren hat sich das also gelohnt.

"Keiner der Leute, die Anteile dieser Sammlerstücke kaufen, besitzt sie tatsächlich", sagt Jobst. "Sie versuchen lediglich, Wetten auf den Preis abzuschließen und schnelles Geld zu verdienen. Ich habe noch von keinem einzigen legitimen Sammler gehört, der eines dieser teuren Spiele gekauft hat. Das ist reine Spekulation und dient nur dem Profit."

Ein anderer Vorwurf richtet sich an Jeff Meyer, den Gründer und CEO der Comic-Preis-Guide-Seite GoCollect. Dieser habe 2019 eine der weltweit größten Sammlungen von eingeschweißten Nintendo-Spielen von Dain Anderson gekauft, dem damaligen Betreiber der Seite NintendoAge, die Infos zu Retro-Nintendo-Spielen auflistete und angab, wie selten sie sind und welche Versionen es gab.

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Es geht darum, Geld zu verdienen.

Nach dem Verkauf wurde die gesamte Sammlung von Wata bewertet und mit The Carolina Collection erhielt sie einen besonderen Namen. Meyer begann damit, Teile der Sammlung über Heritage Auctions zu verkaufen und anfänglich verkaufte er einen Teil davon für mehr als 540.000 Dollar. Jobst zufolge ist Meyer aber tatsächlich auch Direktor bei Wata, was nie öffentlich bekannt war. Interessant ist das in dem Zusammenhang, weil Wata im vergangenen Jahr gegenüber der New York Times angab, dass es Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nicht erlaubt sei, eigene Spiele von Wata bewerten zu lassen oder solche zu verkaufen.

"Der Präsident von Wata Games sagt also, dass es den Angestellten nicht erlaubt ist, eingestufte Spiele zu bewerten oder zu verkaufen, aber in der Zwischenzeit bewertet ein Direktor des Unternehmens seine gesamte Sammlung", fasst Jobst zusammen. "Aber nicht nur das, sondern er bewertet sie auf eine besonders privilegierte Art, indem er sie mit einem Namen versieht, was den Wert erhöht, und verkauft sie sofort über Auktionshäuser zu wahnsinnigen Preisen, um Profit zu machen. Wären die Spiele dieser Sammlung wie jedes andere Spiel eingestuft worden, wäre daran nichts Illegales. In Anbetracht der Tatsache, dass sie jedoch auf einzigartige und besondere Weise eingestuft wurden, spricht vieles für Betrug, insbesondere wenn man bedenkt, dass Jeffs Beziehung zu Wata Games der Öffentlichkeit nie offengelegt wurde."

Zudem kaufte Meyer NintendoAge von Anderson ab und schloss die Seite. Jobst vermutet dahinter den Versuch, den Informationsfluss über Retro-Spiele und deren Wert zu kontrollieren.

Alles andere als seltene Spiele

Als Reaktion auf das Video hat der Anwalt und Journalist Seth Abramson auf einen längeren Artikel mit seiner NES-Marktanalyse verwiesen. Hier zeige sich, dass die Spiele, "die sie reich machen, die am weitesten in der Welt verbreiteten (und ja, auch in hoher Qualität) sind".

Außerdem habe Wata zuvor "versehentlich" Informationen geleakt, in denen es hieß, das Unternehmen habe mehr als 750 Exemplare von Super Mario Bros 3 seit seiner Gründung bewertet. Nur 65 Stück wurden aber bisher verkauft. Abramson zufolge deutet das an, dass "große Investoren viele Exemplare von Super Mario Bros 3 zurückhalten und sie langsam auf den Markt bringen, um zu verbergen, wie weit verbreitet das Spiel in versiegelter/bewerteter Fassung ist".

"Das mag zwar legal sein, unterstreicht aber, dass der Markt bis 2024 mit Spielen gesättigt sein wird, für die man heute 30.000 Dollar bezahlt. Aber hier ist der Haken: Die Leute, die 30.000 Dollar zahlen, sind keine ernsthaften Sammler, sondern Spekulanten mit großem Geldbeutel. Sie werden diese scheinbar seltenen Super Mario Bros 3 für 40.000, dann für 60.000 und schließlich für 100.000 Dollar weiterverkaufen. Bis der Markt zusammenbricht und es keine Wiederverkäufer mehr gibt, an die die Großverkäufer verkaufen können."

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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