Lost Judgment - Test: Schleudertrauma zwischen Kehlenschnitt und Tanzeinlage

Lost Judgment könnte mehr Mut beim Ermitteln zeigen, aber sonst führt es euch durch einen wundervollen Zwiespalt aus Verbrechen und Highschool-Spaß

Dramatische Morde, ordentlich Dresche und Hunde, die sprechen sollten: Lost Judgment zeigt das Beste, was die Yakuza-Reihe zu bieten hat.

Schleudertrauma, das Spiel. Von einem grausigen Mordfall geht es zu lustigen Tanzspielen weiter zu Bullying und Selbstmord zurück zu einer Art Mario Party. Lost Judgment lässt thematisch nur wenig aus und ich hätte nie erwartet, dass das gutgehen kann. Aber der Vorteil eines Spiels nach der Yakuza-Schablone ist ja, dass man im Grunde zwei Spiele bekommt. Das eine folgt in den Hauptmissionen dem ernsten Plot, während die Welt mit ihren zig Nebenschauplätzen Raum für alles andere lässt, von herzergreifend über ehrlich humorvoll bis hin zu völlig bekloppt. Und manchmal alles in einem.

Solltet ihr den Vorgänger nicht gespielt haben, macht das nicht viel. Auch nicht, dass ihr vielleicht die Yakuza-Serie nicht kennt. Alles, was ihr hier an Vorwissen braucht, wird euch in kürzesten Expositions-Einschüben gereicht und nach fünf Minuten wisst ihr genug, um den Rest des Spiels zu bestreiten. Solltet ihr Experte sein, dann dürft ihr euch natürlich über zig alte Bekannte und Anspielungen freuen, die aber nie so relevant sind, dass sich Neueinsteiger benachteiligt fühlen müssten. Es hilft halt, dass man für 90 Prozent der Zeit in eine neue Stadt wechselt.

"Wer war es" ist nicht die Frage. "Wie kann er es sein" umso mehr.

Als in Kamurocho etablierter Privatdetektiv gibt es für Yakami-San dort gerade nicht viel zu tun und so kommt der Anruf eines Kollegen aus dem nahen Isezaki Ijincho - diesmal basierend auf Yokohamas Isezakichō-Bezirk - gerade recht. Es geht um oberflächlich gesehen Banales: An einer Schule wird vermutet, dass Schüler gehänselt werden. Dass man für so etwas Privatdetektive holt, beginnt Sinn zu machen, wenn klar wird, dass vor vier Jahren ein Schüler vermeintlich deswegen Selbstmord beging und sein ebenso vermeintlicher Peiniger gerade erst fast schon rituell ermordet gefunden wurde. Damit nicht genug, der Hauptverdächtige, der Vater des Schülers damals, kann mit dem perfekten Alibi aufwarten. Wie heißt es dann so schön? Shit got real. Zumal die Frage, wer es war, noch ein paar sehr wilde Wendungen mitnimmt, es sich immer weiter in Verschwörungen steigert und mehr und mehr die Frage aufkommt, ob es alles bis ganz nach oben geht oder es doch nur ein paar Strange Days in Isezaki Ijincho sind.

1
Wenn es ernst wird, dann richtig.

Dieser Fall an sich, diese Haupthandlung, kann durchweg überzeugen. Die allseits unterhaltsamen Charaktere, angefangen vom vielleicht etwas zu coolen Helden, seinen Freunden bis hin zu den Antagonisten, könnten für einen validen Kino-Thriller herhalten. Auch, weil die Dialoge sehr solide und Japan-untypisch nicht mäandernd geschrieben sind und auch so lokalisiert wurden. Meine bevorzugte Variante war japanische Sprache mit englischen Untertiteln, aber die deutsche Untertitelung stand dem nicht viel nach. Die englische Synchronisation empfand ich schwächer und weniger ausdrucksstark als das Original, aber hier gehe ich natürlich rein nach Gehör und nicht Verständnis. Aber, alle Optionen sind da, sofern ihr keine deutsche Synchro erwartet.

2
I want to believe...?

Gekonnt wirkt auch die Inszenierung. Sicher, die Dragon-Engine ist jetzt kein Showcase für Xbox Series X oder PS5, aber dank detaillierter, hoch genug aufgelöster Texturen und stimmiger Ausleuchtung passt das alles gut genug, um immer noch als schön durchgewunken zu werden. Sicher, die Gesichtsanimationen sind jetzt nicht Last of Us 2, aber was ist das schon. Was diese Leute zu sagen haben und wie das Timing der Sequenzen läuft, ist weit wichtiger und das vor allem in der Haupthandlung ausgezeichnet, hält euch mit gelungenen Cliffhangern über die Kapitel hinweg bei der Stange und ja, ich war selten bei einem Mörder-Mystery-Spiel. Das ist es am Ende des Tages - so gespannt war ich, wo die Handlung und der Twist mit mir hin möchten. Da auch das Ende der Reise passte: ausgezeichnete Unterhaltung.

Why so serious?

Und dann kommen wir zum erwähnten Schleudertrauma. Während die eigentliche Geschichte düster und ernst mit ihren lebensnahen und sehr realen Grundmotiven daherkommt, hat Lost Judgment nicht vergessen, dass es eine andere Seite bei Yakuza gibt. Eine, bei der ich mit einem wohlerzogenen Detektivhund Fälle lösen gehe - schade, dass der Hund nicht spricht. Mit Katzen reden - wiederum, sie leider nicht mit mir -, um einen mythischen Foodtruck zu finden. UFOs jagen gehe. Und die mich immer wieder schmunzeln und sogar hier und da laut lachen lässt. Nicht nur das, man merkt durchweg, dass diese Nebenquests Herz haben. Kaum eine wirkt beliebig, viele sind zwar nicht so ernst - mitunter vorsichtig gesagt -, aber alle gönnen sich ein wenig mehr Wärme und "Human Touch" als man es mitunter von Ubisoft zum Beispiel kennt.

3
Wenn ihr dachtet, dass eine High-School-Tanztruppe keine düsteren Geheimnisse hegt... Falsch gedacht, aber erst wird auf Rhythmus gespielt.

Es hilft dabei, die Dinge nicht zu ernst zu halten - wie gesagt, im heftigen Kontrast zu der eigentlichen Handlung -, dass ihr als "Berater" des Krimi-Clubs in der betreffenden Oberschule herumhängt. Das ist die natürlich sehr passende Ausrede dafür, dass ein erwachsener Kerl den ganzen Tag in einer Schule herumstreunert. Nach und nach lernt ihr dabei die verschiedenen Schulclubs kennen und wiederum wird hier mehr geboten als nur das Minispiel des Tages. Kleine, menschliche Geschichten, gekonnt in den Ablauf eingebunden, das ist praktisch das Markenzeichen von Lost Judgment. Woanders erledige ich Nebenaufgaben, weil man es halt macht. Hier, weil mich der Rahmen, in dem sie präsentiert wurden, interessierte. Und auch, weil die Haupthandlung zwar doch aufwändiger inszeniert ist, aber die soliden Dialoge der kleinen Geschichten das wettmachen können. Ich kann praktisch alles in Lost Judgment wegdrücken. Seltener als hier habe ich es in kaum einem Spiel getan.

Lost Judgment ist kein Spiel. Es ist 20 Spiele.

Inhaltlich halte ich damit Lost Judgment für den stärksten Teil einer in diesem Punkt eh überzeugenden Serie, spielerisch passt es ähnlich gut. Wenn ihr denn akzeptiert, dass alles am Ende des Tages ein Minispiel ist. Das gilt für das ganze Spiel. Die eigentliche Detektiv-Arbeit ist dabei insoweit ein wenig enttäuschend, dass es nicht annähernd so mutig ist wie beispielsweise die aktuelle Sherlock-Holmes-Reihe. Könnt ihr dort schonmal Beweise verpassen und falsch interpretieren, ist das hier unmöglich. Wenn ihr einem Verdächtigen die falschen Beweise unter die Nase reibt, dann erklärt der euch, warum das wohl nicht euer Ernst sein kann. Und dann versucht ihr es eben noch einmal. Bei der Beweisfindung sucht ihr die definierte Zahl an anklickbaren Punkten in einem eng abgesteckten Areal. Es ist nicht so, dass ihr viel falsch machen könnt, und ein Tiefpunkt war es zum Beispiel in einem Bahnhof ein halbes Dutzend Überwachungskameras zu finden. Das ist kein Gameplay, das ist die Ausrede, dass ja nicht alles nur eine Szene ist.

4
Schön zu sehen, dass Heihachi seine Berufung als Lehrer gefunden hat. Doch, wirklich.

Aber keine Sorge, diese Dinge nutzt das Spiel, um seine Handlung konkret voranzutreiben. Wäre es nur das, wäre ich weit weniger enthusiastisch. Zwar sind auch diese Dinge etwas interaktiver als im Vorgänger, aber die spielerischen Highlights warten eher woanders. Es ist ein wüstes Potpourri von Minigames, die alle, durch die Bank mindestens solide bis brillant umgesetzt wurden. Ein Highlight beispielsweise wird euch im "Robotics-Club" geboten, wo ihr eine recht komplexe Mischung aus Tetris und Echtzeitstrategie spielt. Das allein ist solide genug, um für sich als valides Indie-Game durchzugehen. Nur, dass ihr hier davon ungefähr 20 verschiedene habt. Mal mehr, mal weniger komplex und nie zu aufdringlich - technische gesehen müsst ihr fast kein einziges spielen, um durch die Haupthandlung zu kommen. Was im Rahmen der Handlung klugerweise deutlich zurückgefahren wurde, sind die "sexy" Aspekte der Yakuza-Hauptreihe. Nicht nur, dass ihr euch als rechtschaffener Privatdetektiv nicht als Pimp in den Clubs verdingen solltet, je weniger davon im Rahmen des Oberschul-Szenarios passiert, desto besser. Hier bewies Lost Judgment genug Problembewusstsein, um sich von allem weit genug fernzuhalten.

5
Besser hat Yakuza noch nie geprügelt. Es schlecht war es darin noch nie.

Bleibt noch das Kampfsystem, das gemeinerweise für seinen direkten Kollegen "Like a Dragon" die Frage aufwirft, warum man dort noch mal auf rundenbasiert umstellte. Yakuza war schon immer gut darin, zu zeigen, dass 3D-Beat-em-Ups gut funktionieren können und wurde mit jedem Teil besser darin. So auch hier und mit drei cineastisch wertvollen, mit vielen Moves ausbaubaren Kung-Fu-Stilen spielen sich Lost Judgments Prügeleien schlicht wie ein Traum. Egal ob direkter Tiger-Stil oder die fließenden Schlangen-Bewegungen, das ist alles, was das Genre in den Tagen, wo das allein ein valides Spiel gewesen wäre, nicht hinbekam. Was noch nicht ganz so elegant funktioniert, ist das sehr natürliche Körperkontaktverhalten, wenn das Spiel hier und da eher großzügige Trefferzonen für eure Fäuste ausweist. Es ist das, was es von einem Kung-Fu-B-Movie unterscheidet. Aber das tut dem Spaß keinen Abbruch, die Bosse bieten genug Abwechslung, alles, was ihr findet, ist als Waffe erlaubt, was will man mehr? Definitiv das beste Prügeln in einer Reihe, die sich nie schlecht geschlagen hat.

7
In Memoriam.

Und weil es SEGA ist: Natürlich gibt es zig Retro-Minigames. In eurem Büro steht ein Master-System, für das der Held Spiele kaufen kann. Wenn ich bedenke, dass ich für manche dieser Dinge in diesem Leben mal richtig Geld bezahlt habe... In den im realen Leben ja nun nicht mehr existenten SEGA Clubs spielt ihr wie gehabt Space Harrier und Super Hang-On oder aber das etwas modernere und praktisch unbekannte Motor Raid. Lieber eine Runde Dart gefällig? Baseball? Golf-Abschlag? Es ist alles da, es wurde wie immer ein klein wenig glatter geschliffen und fügt sich wunderbar in die wie gehabt an der Oberfläche lebendigen Welt des virtuellen Japans ein. Es gibt wahnsinnig viel zu entdecken, nichts davon wirkt lieblos hingeworfen. Diese eher kleine offene Welt überzeugt weit mehr als so manche unüberlegt große.

Lost Judgment Test Fazit

Yakuza und in Verlängerung das erste Lost Judgment waren immer Spiele, die kurz davor waren. Immer schon wirklich gut in dem, was sie taten, aber oft genug zu nerdig in ihren Handlungen, tonal ein wenig neben der Spur schlingernd und hier und da spielerisch am Ende etwas zu einseitig. Lost Judgment legt in all dem eine Punktlandung hin. Sein Hauptplot ist so fesselnd wie nachvollziehbar. Er bringt japanische Eigenheiten ein, bleibt aber universell in seinen Motiven. Er nimmt sich ernst und hat allen Grund dazu. Die Nebenhandlungen haben so wie alle Figuren auch Herz, Charakter und oft genug Humor. Es ist ein Spiel, über das man nachdenkt, wenn man es ausmacht und dem man ein wenig nachweint, wenn es denn dann doch mal zum Schluss kommt. So gut, dass man immer noch ein klein wenig mehr wollte und das trotz der alles andere als kurzen Laufzeit.

Spielerisch sollte das Entwicklerteam nur, so es denn je ein weiteres Judgment geben wird, noch mal den Detektiv-Part überdenken. Ein paar Optionen, um zu den falschen Schlüssen zu kommen und ein paar weniger aufgesetzte Alibi-Gameplay-Sequenzen würden viel ausmachen. Es bleibt halt sehr linear. Die ausgezeichnete Handlung trägt es, aber wäre sie schwächer, wäre die Ermittlerei die Achilles-Ferse von Lost Judgment. Ist sie so wohl auch so, aber da der Rest des eigentlichen Gameplays, angefangen von dem vielleicht besten 3D-Massen-Prügel-System bis runter zu den kleinsten Mini-Games mehr als genug Abwechslung, Spielspaß und mitunter auch fast schon Brillanz an den Tag legt, darf sich Lost Judgment trotzdem auf die Schulter klopfen. Sollte dies wirklich das letzte Judgment sein, dann... Nun, ich hoffe wirklich, dass dem nicht so ist. Vielleicht soll man aufhören, wenn es am schönsten ist. Aber leicht fällt das nicht, wenn es so schön war.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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