Sid Meier lässt Dampf ab

Interview: Der Guru mag junge Punks!

Er ist der Schöpfer von Civilization und war quasi der erste Gamedesigner, der seinen Namen vor die Titel seiner Spiele setzte. Die Railroad Tycoon-Serie gehört ebenfalls zu seinen Babys und fasziniert die Spielergemeinde schon seit 1990. Mit Sid Meier's Railroads! spendiert man der Eisenbahner-Sim einen neuen Teil und da bietet es sich doch geradezu an, den Big Daddy des Sim-Genres mit Fragen zu bombardieren.

Eurogamer: Wie weit seid Ihr mit Railroads!?

Sid Meier: Das Spiel ging bereits Gold, wird produziert und soll am 27. Oktober in den Handel kommen.

Eurogamer: Sie müssen ziemlich glücklich darüber sein, dass es endlich fertig ist oder?

Sid Meier: Es war wirklich eine Erleichterung, dass Spiel fertig zu kriegen. Wir arbeiten aber noch an der Demo und ein paar anderen Dingen und dann haben wir es wirklich geschafft. Es ist eine glückliche Zeit, wenn man ein Projekt beendet.

Eurogamer: Gibt es so etwas wie eine Tradition, wenn Ihr ein Spiel finalisiert?

Sid Meier:Wir haben da etwas, das wir „Mastering-Hüte“ nennen. Das sind witzige Hüte, die wir tragen, wenn wir glauben, dass sich ein Spiel der Fertigstellung nähert. Weil man ja immer noch auf Bugs wartet oder Tests durchläuft. Ist ein Glücksbringer. Wir setzen also unsere Mastering-Hüte auf und warten auf die Nachricht, dass alles ok ist. Außerdem feiern wir immer eine kleine Party, wenn das entsprechende Spiel in die Läden kommt. Die Leute hier haben ja viele Stunden und Überstunden investiert und so versuchen wir die ganze Anspannung abzubauen und Spaß zu haben.

Eurogamer: Wie verfahrt Ihr im Büro mit dem Spiel? Nennt Ihr es da einfach Railroads oder benutzt Ihr den vollen Titel Sid Meier's Railroads!, inklusive Ausrufezeichen und so weiter?

Sid Meier: (lacht) Nö, wir nennen es nur Railroads. Wir lassen das „Sid Meier“ weg. Eigentlich haben wir es ja lange Zeit Railroad Tycoon genannt, weil der Originaltitel Railroad Tycoon Rerouted lautete. Da gab es ja Matrix Reloaded und wir dachten, es wäre lustig, das Ganze Railroad Tycoon Rerouted zu nennen. Aber am Ende war es dann doch nur noch Railroads. Ein netter, knackiger Name, der schön von der Zunge rollt.

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Wenn wir reich wären, würden wir auch lachen.

Eurogamer: Hättet Ihr es Railroad Tycoon 4 nennen dürfen?

Sid Meier: Ich denke schon. Der Name gehört ja Take 2 (Firaxis' Mutterunternehmen), aber wir dachten uns, das wäre nicht richtig.

Eurogamer: Sehen Sie das Spiel als Fortsetzung der Railroad Tycoon-Serie oder als völlig neues Spiel an?

Sid Meier: Es ist eher so, dass die Reihe in eine andere Richtung ging (Anm. d. Red: Railroad Tycoon 2 und 3 wurden nicht von Firaxis, sondern von Popcap Games entwickelt). Es gibt mittlerweile eine Trillion Tycoon-Titel und nicht alle davon sind von höchster Qualität. Wir wollten also lieber kein „Teil“ dieses Genres werden.

Eurogamer: Wenn es kein Tycoon-Spiel ist, was ist es dann?

Sid Meier: Nun, alles was Ihr an Eisenbahnen cool findet, ist im Spiel. Im Grunde versuchten wir zu kombinieren, was man von Modell-Eisenbahnen kennt und sich unter dem strategischen Aspekt einer Eisenbahnlinie vorstellt. Die Bauteile, Dampf, der aus der Maschine kommt, Leute die Züge besteigen und diese wieder verlassen oder das Beladen und Entladen der Fracht. Dann wäre da noch die Strategie, wie man eine echte Bahnlinie betreibt. Man muss Geld verdienen, Routen planen, Fahrpläne erstellen, neue Technologien einsetzen – also neue Maschinen und so ein Zeug. Es ist irgendwie alles enthalten, was am Bahnwesen Spaß macht.

Eurogamer: Hat es noch etwas mit 1829 gemein, dem Brettspiel, das Sie zu Railroad Tycoon inspirierte?

Sid Meier: In gewisser Hinsicht schon. Es lässt dich die Eisenbahn-Geschichte genießen. Es führt dich durch über 100 Jahre Eisenbahn-Geschichte in nur einem Spiel. Du beginnst mit primitiven Dampf-Maschinen, erfährst die Evolution von Diesel- und E-Loks. In einem Computerspiel können wir einfach viel mehr tun, um diese Welt zum Leben zu erwecken, durch Grafik, Sound und ähnlichem. Es baut auf der Idee hinter 1829 auf, aber wir haben es in ein totales Computer-Spiel-Erlebnis verwandelt.

Eurogamer: Wie verrückt sind Sie selber nach Eisenbahnen?

Sid Meier: Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Kind eine Modell-Eisenbahn hatte und mit meinem Vater Strecken gebastelt habe und so. Es ist eine schöne Kindheitserinnerung. Ich bin kein Fanatiker, aber es macht eine Menge Spaß und wir fingen viel von diesem Spaß mit unserem Spiel ein. Du musst kein Hardcore-Eisenbahn-Verrückter sein, um es zu spielen. Aber wenn Du das Thema für unterhaltsam und interessant hältst, wirst Du Spaß haben.

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Railroads! erscheint am 27.10.

Eurogamer: Wo wir schon mal dabei sind: Haben Sie Sorge, dass es sich um ein zu spezielles Thema handelt und sich deswegen kein so großes Publikumsinteresse findet, wie etwa bei Civilization?

Sid Meier: Ich denke, das ist eine Frage, die wir durch Werbung, Demos und die Webseite klären. Es ist sehr zugänglich, einfach zu spielen, schön anzusehen und Du musst kein Freak sein, um es zu spielen. Aber es wird ein paar Leute geben, die keine Eisenbahnen mögen und es deshalb nicht spielen wollen. Deshalb versuchen wir immer „ergiebigere“ Themen auszuwählen, die viele Möglichkeiten bieten und dieses Thema erschien uns genau als solches. Bei Railroad Tycoon haben uns viele Leute gesagt, dass sie das Spiel wirklich genossen, weil es etwas Besonderes hatte. Es gibt also einige Leute die Eisenbahnen mögen und auch solche, die nichts damit anfangen können. Wer Eisenbahnen mag, wird dieses Spiel hoffentlich genießen.

Eurogamer: Denken Sie, dass die Spieler Ihre Zeit eher damit verbringen werden, im Sandbox-Modus Zeug zu bauen oder werden sie es eher wettbewerbsmäßig gegen Online- oder KI-Gegner spielen?

Sid Meier: Ich glaube, da ist für jeden Spielertyp was dabei. Wenn Du einfach nur deine Traumstrecke bauen willst, tust Du das im Sandbox-Modus mit unendlichen Mitteln. Oder Du willst dich mit jemandem messen und spielst gegen den Computer oder gegen andere Menschen. Es gibt eine Menge Spielarten. Es hängt einfach davon ab, was dir am besten gefällt.

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Zivilisiert.

Eurogamer: Aber wenn man mal von der Tradition ausgeht – wie wird es von den meisten Menschen gespielt?

Sid Meier: Das dürfte wohl der Singleplayer-Modus gegen den Computer sein. Die Leute mögen es, verschiedene Strategien auszuprobieren, ohne dass man ihnen zusieht. Wenn Sie dann richtig gut sind, probieren sie den Multiplayer-Teil.

Eurogamer: Sie erwähnten ja vorhin, dass Railroads einsteigerfreundlicher ist, als die Vorgänger. Bei Civilization IV ist es ähnlich. Es ist für einen Einsteiger viel einfacher zu begreifen oder zu meistern. Ist das eine natürliche Evolution der Technik, die intuitivere Benutzeroberflächen erlaubt oder war das eine bewusste Entscheidung Ihrerseits?

Sid Meier: Die Technik erlaubt uns bessere Oberflächen zu erstellen. Wir können zum Beispiel Icons grafisch detaillierter darstellen und mehrere Dinge gleichzeitig zeigen. Eine Welt darstellen, die man sofort als solche erkennt, mit Geschehnissen zu denen wir einen Bezug haben. Mit 3D-Grafik können wir Berge zeigen, die auch wie Berge aussehen, Züge modellieren, die wie Züge aussehen. Man versteht das Gesehene jetzt, ohne dass wir es groß erklären müssten, weil es vertraut erscheint. Wir haben aber auch viel dazu gelernt. Ein Beispiel wären die Mouse-Tipps. Bewegt man die Maus über ein Icon, wird erklärt wofür das Icon steht. Wir haben die Möglichkeit Tutorials zu bringen und so weiter. Wir haben auch gelernt, dass das Computerspiel-Publikum aus dem Freak-Segment raus ist. Mehr in Richtung Allgemein-Publikum und wir haben ein paar Dinge darüber gelernt, wie man alles freundlicher und zugänglicher für diese Art von Publikum macht.

Eurogamer: Ist das der Grund warum Sie eher Richtung Modell-Eisenbahn tendieren, statt zum richtigen Bahnwesen?

Sid Meier:Ja, ich denke eine spaßige Facette ist, wie cool diese aussehen und wie sie funktionieren - also der Sound und der visuelle Aspekt. Modell-Eisenbahnen bieten einen Ansatz, der sich genau darauf konzentriert. Deswegen wollten wir ein wenig von dieser Modell-Eisenbahn-Geschichte benutzen – vor allem in optischer Hinsicht.

Eurogamer: Auf welchen Teil des Spiels sind Sie am meisten stolz?

Sid Meier: Ich finde, der Look des Spieles ist sehr ansprechend und zugänglich. Ich muss diesen Aspekt hervorheben, da es einfach cool aussieht - sogar auf Bildern sieht es toll aus! Wenn man es dann spielt und alles in Bewegung erlebt, macht es einfach Spaß das Geschehen zu beobachten.

Eurogamer: Der Look hat etwas cartoonartiges an sich, was ja auch schon in Pirates! und Civilization 4 so war. Was ist der Gedanke dahinter?

Sid Meier: Wir sind gerne Optimisten und tendieren in eine positive Richtung. Wir denken, dass es in Spielen darum geht, Spaß zu haben. Also versuchen wir Welten zu kreieren, in denen man gerne seine Zeit verbringt und Spaß hat. Unsere Spiele sprechen viele Altersschichten und ein breiteres Publikum an. Es gib eine Menge realistischer Dinge im Spiel, aber der Tenor lautet: Lasst uns Spaß haben.

Eurogamer: Jetzt wird’s gemein. Wenn Sie sich entscheiden müssten, ob Sie in Zukunft nur noch Civilization oder Railroad-Spiele entwickeln – was wäre Ihre Wahl?

Sid Meier: Wow, das ist eine fiese Frage! Hm ... es ist irgendwie, als ob man zwischen seinen Kindern entscheiden müsste. Ich könnte das einfach nicht. Tut mir leid.

Eurogamer: Halten Sie sich eigentlich für den Superstar, der Sie ja unter den Entwicklern ganz offensichtlich sind? Man denke mal an die Sache mit dem eigenen Namen auf der Verpackung ...

Sid Meier: Der Sid Meier, der auf dem Cover steht, ist irgendwie eine andere Person. Ich genieße es, Spiele zu entwickeln und diese Person gibt mir die Möglichkeit, das zu tun. Also weiß ich diese Freiheit und das Flexible an meinen vergangenen Spielen zu schätzen. Aber es ist nicht so, dass ich besonders interessiert daran wäre, ein Superstar zu sein.

Eurogamer: Gibt es eigentlich so etwas wie einen geheimen Superstar-Entwickler-Club, dem Sie angehören?

Sid Meier: Vor vielleicht zehn bis fünfzehn Jahren, gab es eher so etwas wie eine Gamedesign-Gemeinschaft. Die GDC (Game Developers Conference) startete mit 100 oder 200 Teilnehmern. Damals kamen wir alle zusammen und redeten über das Spiele-Design. Aber es wurde so eine riesige Industrie daraus und wir sitzen an der Ostküste, also abseits der Entwickler-Knotenpunkte. Spiele-Entwickler sind Individuen und haben alle ihren eigenen Stil. Es ist nicht so, dass wir alle die gleichen Spiele machen und zusammenarbeiten. Aber wir kommunizieren. Ab und zu spreche ich mit Will Wright. Wir fokussieren uns dabei mehr auf die Spiele, die wie gerade produzieren als auf globale Philosophien über kommende Spielemärkte.

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Ob man auch Zugunglücke simulieren kann, erfahrt Ihr im kommenden Test.

Eurogamer: Sie haben nicht den Eindruck, dass Leute wie Sid Meier, Will Wright oder Warren Spector, die ein bestimmtes Alter erreicht haben und hoch angesehen sind, gegen die jungen Punks antreten? Ihr steht für Spielberg und Lucas, während die anderen eher wie Brett Ratner (Popcorn-TV-Produzent) oder Peter Jackson sind.

Sid Meier: Wir wissen die jungen Punks zu schätzen! Wir spielen selber gern und wenn jemand mit einer neuen, unterhaltsamen Spiele-Idee ankommt, macht es unsere Industrie stärker. Es gibt da keine Lücke zwischen den Generationen oder ein „wir“ gegen „wie“. Wir hoffen vielleicht etwas von unserer Weisheit nutzen zu können, um ihnen Dinge beizubringen, die wir in unserer Vergangenheit gelernt haben. Junge Entwickler haben viel Energie, einen Haufen Ideen und Enthusiasmus. Das alles zusammen führt zu besseren Spielen.

Eurogamer: Was halten Sie für die wichtigste Lektion, die sie jemandem beibringen könnten?

Sid Meier: Eine davon ist, dass Game Design sehr wichtig ist. Spiele wie Pirates!, Railroads! oder Civilization, basieren ja wirklich auf Ideen, die vor zehn oder fünfzehn Jahren entstanden. Starke Design-Ideen, welche die Technik überflügeln und auch Jahre später spaßig und aufregend sein können. Es geht also nicht immer darum, ständig alles neu zu erschaffen, sondern mit neuen Ideen auf vergangenem aufzubauen. Ich denke, wir können diese Art Kontinuität liefern, der man neue Technologien, Grafik und so weiter hinzufügt.

Eurogamer: Wessen Arbeit bewundern Sie denn momentan?.

Sid Meier: Die Jungs von Blizzard machen durchgehend tolle Sachen, angefangen mit Warcraft, Diablo und Starcraft, bis zum aktuellen World of Warcraft. Wirklich qualitativ hochwertige Spiele. Wir sind auch große Guitar Hero-Fans, hatten viel Spaß damit und warten schon ganz ungeduldig auf den neuen Teil. Es passieren so viele coole Dinge. Das ist nur ein Teil des Spaßes, den man in dieser Branche hat. Es ist einfach international. Games aus Amerika, Japan oder Europa – man hat einfach eine gute Zeit als Spieler.

Eurogamer: Wo wir schon bei Guitar Hero sind: Welcher Ihrer Lieblings-Tracks müsste noch rein?

Sid Meier: Ich habe gestern online eine Track-Liste von Guitar Hero 2 gesehen und Freebird ist drin, was toll ist. Aber ich denke Starway to Heaven ist das Stück, dass wir am liebsten sähen. Vielleicht kommt es ja in Guitar Hero 3...

Eurogamer: Ich hab das übrigens neulich im gratis erhältlichen PC-Klon Frets of Fire gespielt.

Sid Meier: Davon habe ich noch gar nichts gehört. Damit könnten wir ja die Zeit bis Guitar Hero 2 überbrücken.

Eurogamer: Sie sprachen ja vorhin von World of Warcraft, das ein Riesenerfolg ist. Denken Sie, dass es für die Spielebranche unausweichlich ist, in diesen Online-Bereich zu wechseln? Ist das eines Ihrer Ziele?

Sid Meier: Online wurde zu einem großen Teil des Spielens. Railroads! und Civilization hatten beide eine starke Online-Komponente, während Pirates! ja „Singleplayer“ war. Wir sind also noch nicht völlig in den Mehrspielerbereich gewechselt. Aber das Ganze wird immer wichtiger und viele Genres, wie zum Beispiel RTS, hängen sehr vom Multiplayer-Teil ab. Mit Massively Multiplayer erleben wir jetzt eine völlig neue Art der Spiele. Jede technische Evolution fügt dem Spiele-Universum eine neue Ebene oder Spielergruppe hinzu. Aber es ist immer noch ein Platz für alle da, denke ich. Spielekonsolen bescherten uns eine Menge Singleplayer-Erlebnisse und der Mehrspieler-Aspekt befindet sich hier noch im Aufbruch.

Sid Meier's Railroads erscheint am 27. Oktober für PC und wird von uns bereits ausführlich gezockt.

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Über den Autor:

Alec Meer

Alec Meer

Freier Redakteur

A 10-year veteran of scribbling about video games, Alec primarily writes for Rock, Paper, Shotgun, but given any opportunity he will escape his keyboard and mouse ghetto to write about any and all formats.

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