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Wie man den Tod überwindet, ohne den Controller wegzulegen

Ein Interview mit den Entwicklern von The Centennial Case: A Shijima Story

In einer Pandemie, in der die direkte Arbeit mit Menschen anstrengend, gefährlich und oft gar unmöglich erscheint, finden drei Entwickler von Square Enix die perfekte Herausforderung: Jetzt erst recht möchten sie ausgerechnet in einem Videospiel echte Emotionen schaffen - mit echten Schauspielerinnen und Schauspielern. Auch wenn Koichiro Ito, Junichi Ehara und Yasuhito Tachibana bereits erfolgreiche Werke hinter sich haben, beschließen sie; dieses Projekt bis zum Ende durchzuhalten. In der Pandemie und in der kniffligen Aufgabe, Szenen nachträglich nicht mehr nach Belieben anpassen zu können, findet das Trio ihre größte Motivation. Ich habe mit den Machern des Krimispiels The Centennial Case: A Shijima Story über diese spannende Entwicklung gesprochen. Das komplette Interview seht ihr im oberen Video.

Alle für Einen!

Koichiro Ito wird euch mit seiner Arbeit bei Metal Gear Solid V sicher ein Begriff sein, genau wie Junichi Ehara, der Yoko Taros erfolgreichstes Spiel - NieR: Automata - produzierte. Und auch beim Filmregisseur Yasuhito Tachibana dürften Netflix-Bingwatcher ebenfalls recht schnell hellhörig geworden sein, denn er hat mit der Serie "Der nackte Regisseur" internationalen Erfolg erzielen können. Schon beim ersten Treffen zwischen Tachibana und Ehara hat die Idee eines Live-Action-Spiels sofort gefunkt. Als Ito dazu kam, war klar: Das Spiel muss ein Krimi mit echten Schauspielern werden!

The Centennial Case: A Shijima Story zeigt, welchen Wert ein gefilmter Krimi in die Videospielwelt bringen kann.

In dem Spiel geht es um eine Schriftstellerin (gespielt von Nanami Sakuraba), die von ihrem befreundeten Wissenschaftler (gespielt von Yūta Hiraoka) in einen Fall rund um die Shijima-Familie verwickelt wird. Um den Fall zu knacken, liest sie Bücher rund um den größten Schatz der Familie: Einer Frucht, die ewiges Leben verspricht. Diese Geschichten transportieren sie in verschiedene Zeitepochen, in denen es ebenfalls gilt, Mordfälle zu lösen. Was sich einer verstrickten Episode anhören mag, ist das Konzept eines zusammenhängenden, linearen Spiels, in dem verschiedenste Themen beleuchtet werden. Doch die eigentliche Essenz steckt in keinem geringeren Thema als dem um Leben und Tod.

Ito und Tachibana erzählten mir, dass Morde eben zum Mystery-Genre gehören. Hier geht es oft um den Umgang mit dem Tod "aber kein einziges Spiel, hat sich bisher auf die Auswirkungen des Opfers, den inneren Kampf und um die Folgen für nachkommende Generationen gekümmert", stellt Koichi Ito fest. "Die Überwindung des Todes ist das ultimative Ziel der Menschheit", fügte Yasuhito Tachibana hinzu. Der Netflix-Regisseur sagt, er habe beim Filmen immer einen Kontrast in das Werk einfließen lassen. Nämlich den, dass der Westen und der Osten sehr unterschiedlich mit dem Thema rund um den Tod umgehen. Während die westliche Philosophie einen wissenschaftlichen Ansatz verfolgt, Menschen beispielsweise mit Medizin zu helfen, glaubt er, die östliche Methode sei etwas anders. Er hat versucht, mit diesen zwei Denkweisen zu spielen, um den Zugang zum Thema für beide Seite spannend und frisch zu halten. "Ich glaube, das internationale Publikum wird damit eine Menge Spaß haben", verspricht er im Interview.

Zwar sind weder Haruka Kagami noch Eiji Shijima richtige Detektive, aber beide beweisen in The Centennial Case eine Menge an Urteilsvermögen und Beweisführung. Das logische Denken muss man allerdings schon selbst aufbringen.
Schlussfolgerungen sind ihr Hobby

Was in den ersten Bild- und Videomaterial zum Krimispiel zunächst als komplexes Spielverfahren erscheinen mag, beschreibt Ehara als "simples Gameplay". Obwohl die Taishō-, Shōwa-Zeit und Moderne im Spiel besucht werden, ist es nicht die Aufgabe der Spielerinnen und Spieler, durch die Ereignisse von Raum und Zeit zu springen. Der Fokus liegt ganz klar auf Logik und Argumentationen. Den Tathergang genau zu beobachten und später die richtigen Thesen zusammenzuführen, macht dieses Genre laut Entwickler schließlich am meisten aus. "Wir haben versucht, alle überflüssigen Spielelemente so weit es geht zu eliminieren", erklärt Ehara. Die Spielerinnen und Spieler sollen sich also voll und ganz auf den Krimi konzentrieren. The Centennial Case sieht sich trotz professioneller schauspielerischer Leistung als ein vollwertiges Spiel, nicht als ein interaktiver Film.

Ehara hebt dabei eine Sache besonders hervor: "Uns war wichtig, dass die Zuschauer bei den Zwischensequenzen nie den Controller aus der Hand legen wollen. Dafür haben wir viel herumexperimentiert, sie sollen förmlich am Bildschirm kleben bleiben, wenn die FMV (Full Motion Video)-Szenen einsetzen." Es gibt im Spiel also einige Entscheidungen, die einen Zweig abbilden, aber man kann dadurch das Ergebnis der Szene nicht beeinflussen. Nur die Reaktionen, die man unterschiedlichen Charakteren entlocken kann. Diese Abzweigungen sind Teil des Films, während das Gameplay im getrennten Teil des Spiels stattfindet, bei dem man die Morde auflösen muss.

Die Zeitreisen finden in The Centennial Case: A Shijima Story immer dann statt, wenn die Protagonistin ein Buch aufschlägt. Eine Zeitlinie im Menü lässt uns zudem den Überblick über die geschichtlichen Ereignisse außerhalb des Spiels behalten.
Echte Menschen und eine echte Pandemie

Dass das Spiel ein Live-Action-Krimi werden sollte, war dem Team von Anfang an klar. Doch so ein Vorhaben kommt nicht ohne Hindernisse aus. Ehara hat schon ganz vergessen, welche Schritte das Spiel anfangs durchlaufen musste, aber er verrät uns, dass das The Centennial Case sich drei Jahre in Entwicklung befand.

Tachibana sagt: "Man konnte nicht einfach alles immer wieder ausbessern, sobald man eine Szene abgefilmt hat. Normalerweise hat man bei Spielen die Möglichkeit, die Benutzerfreundlichkeit zu testen, nach dem Filmen wird das schwer. Außerdem kam die Pandemie mit nicht nur hygienischen Auflagen, sondern auch weiteren Einschränkungen dazwischen." Doch das Team nahm es sportlich und sah einen Mehrwert in einem Videospiel, das analog erstellt wurde - gerade in einer Zeit, in der der Rest der Welt sich mit großen Schritten in die digitale Welt bewegte.

Koichiro Ito, der 2008 am Adventure 428: Shibuya Scramble, das ebenfalls echte Schauspieler hatte, beteiligt war, schwärmte derweil von den anderen Spielen und Serien, die den neuen Krimi inspirierten. Wales Interactive hat mit Late Shift und Sam Barlow mit Her Story und Telling Lies einen guten Eindruck beim leitenden Entwickler hinterlassen und auch auf Immortality freut sich Ito schon. Black Mirrors interaktive Bandersnatch Folge auf Netflix konnte ebenfalls nicht ungenannt bleiben, genau wie die Werke des japanischen Regisseurs Kon Ichikawa und die Krimireihe rund um The Kindaichi Case Files.

Koichito Ito, Yasuhito Tachibana und Junichi Ehara haben alle viel Erfahrung in ihrem Feld. Der Produzent, Director und Kinematograf zu The Centennial Case: A Shijima Story erzählen uns, was das Herz des Krimi-Spiels ist und welche Herausforderungen sie bewältigen mussten.

Über den Autor

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Ana Kudinov

Video Editor

Ana macht bei Eurogamer.de seit 2020 die Video-Redaktion. Sie streamt in ihrer Freizeit und spielt viel Strategie- und Indiespiele am PC - kann aber grundsätzlich mit jedem Genre und jeder Konsole etwas anfangen. Ana liebt es sich über Japan und Anime zu unterhalten und verbringt dementsprechend auch viel Zeit mit JRPGs und anderen Besonderheiten aus dem asiatischen Raum.

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