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Ein Jahr mit Pokémon Go: Freude, Frust, Kuriositäten und viel Bewegung

Didn't catch them all yet.

Rund ein Jahr ist es mittlerweile her, seit Niantic Pokémon Go auf die Smartphone-Besitzer losließ. Vor allem in der Anfangszeit sorgte das Spiel für einen riesigen Hype. Bis in die Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen schaffte es das AR-Erlebnis und war in aller Munde, wenn auch nicht immer mit positiven Schlagzeilen, bedenkt man, was für dumme Dinge manch einer anstellte, um ein Pokémon zu fangen oder in welche Situationen der ein oder andere geriet, nur um seinen Pokedex zu vervollständigen.

Auf jeden Fall war so einiges Skurriles darunter, zum Beispiel fand eine Frau beim Spielen von Pokémon Go eine Wasserleiche, während ein YouTuber auf der Jagd nach Pokémon beschossen wurde. Andernorts fiel ein Spieler in einen Graben und brach sich einen Fuß. Aber auch abgesehen davon führte die Begeisterung rund um das Spiel zu einigen Kuriositäten, denn denn ein 24-jähriger Neuseeländer gab seinen Job auf, um Pokémon Go zu spielen und woanders benannten Eltern ihre neugeborenen Kinder nach den Taschenmonstern. "Achtung, der kleine Pikachu möchte aus dem Bälleparadies abgeholt werden", ich kann es mir genau vorstellen.

Trotz des gewaltigen Hypes und damit einhergehenden, hohen Spielerzahlen war der Anfang für Niantic jedoch vielleicht nicht so erfreulich, wie man vielleicht denken mag. Der massenhafte Ansturm sorgte für diverse Probleme mit den Servern, wodurch die Entwickler in den ersten Monaten vorrangig damit beschäftigt waren, für eine reibungslose Spielumgebung zu sorgen.

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Dass anhand dieser Prioritäten die Entwicklung neuer Inhalte etwas auf der Strecke blieb, ist bedauerlich, aber irgendwo verständlich, denn was bringen neue Inhalte, wenn die Server streiken? Ungefähr seit Ende des letzten Jahres hat man das aber im Griff und es gibt regelmäßig Events, die die Spieler bei Laune halten. Im Februar kamen endlich neue Pokémon hinzu und zuletzt wurden eine grundlegende Überarbeitung des Arena-Systems durch- und neue Raid-Kämpfe eingeführt.

Und das ist nur der Anfang: Diverse weitere Neuerungen sind für dieses Jahr vorgesehen, etwa endlich legendäre Pokémon, PvP-Kämpfe und vermutlich auch der Tausch von Pokémon untereinander. Und wenn man bedenkt, wie viel Zeit zwischen Launch und Einführung der zweiten Pokémon-Generation vergangen ist, könnten in diesem Jahr womöglich noch weitere folgen.

Zwischendurch gab es dann ja noch Pokémon Go Plus, das nicht mehr als ein nettes Accessoires für das Spiel ist. An sich keine schlechte Idee, Pokémon zu fangen, Pokestops abzuklappern und Kilometer zu sammeln, ohne dabei ständig aufs Handy glotzen zu müssen, während man durch die Gegend spaziert. In der Praxis vermiesen einem mangelnde Detailoptionen und eine zu geringe Kontrolle aber doch eher den Spaß daran, auch wenn es zum Beispiel nützlich sein kann, wenn man unterwegs ist und etwa nur neue Items einsammeln will - aber das zu dem Preis?

Ich selbst bin seit Anfang an dabei, zumindest seit dem offiziellen Deutschland-Start am 13. Juli. Hätte ich vorher nicht gedacht, zumal ich bis dahin eigentlich relativ wenig mit Pokémon zu tun hatte. Früher sah ich weder die Serie, was ich mittlerweile schon ein kleines bisschen nachgeholt habe, noch sammelte ich irgendwelche Pokémon-Karten, aber das Spiel hat mir tatsächlich Pokémon nähergebracht und damit wohl sein Ziel erfüllt, nämlich weitere Personen für die Marke zu interessieren.

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Seit dem Start des Spiels fange ich mit Begeisterung Pokémon, habe mittlerweile Level 29 erreicht und nur noch wenige Pokémon fehlen mir, um den Pokédex zu vervollständigen - mal abgesehen von den regionsexklusiven Kreaturen. Mich hat das Spiel definitiv dazu angeregt, mich mehr zu bewegen. Das begann anfangs mit wenigen Spaziergängen pro Woche, seit Herbst bin ich praktisch jeden Tag unterwegs. Mittlerweile sind das fast immer 30 bis 60 Minuten pro Tag.

Ich fühle mich dadurch frischer, kann nach der Arbeit beim Spaziergang entspannen und tue was für meine Gesundheit. Eigentlich genau das Richtige nach einem Arbeitstag vor dem PC. Sicher, das hätte ich auch früher und ohne Pokémon Go haben können, aber wie das halt so ist: Manchmal braucht es einfach einen kleinen Anreiz, damit man sich zu etwas durchringt. Und so verrückt es klingt: Durch Pokémon Go besuchte ich so manchen Ort, an dem ich schon länger nicht mehr war, oder lernte gänzlich neue Ecken meines Heimatortes kennen.

So wagemutig oder leichtsinnig wie gewisse andere Spieler bin ich dann zwar nicht, habe aber dennoch für das ein oder andere Pokémon extra noch mal das Haus verlassen, um meinen Pokedex darum zu ergänzen, was natürlich vor allem für die seltener anzutreffenden Pokémon gilt. Ich brauchte zum Beispiel eine gefühlte Ewigkeit, um Relaxo zu bekommen. Und selbst dann musste mich meine Freundin extra noch hinfahren, um es zu fangen. Was man so alles auf sich nimmt, um die Taschenmonster zu bekommen... Andere Pokémon wie Dragoran oder Icognito habe ich nach wie vor nicht. Dabei kommt es mitunter zu amüsanten Begebenheiten, selbst wenn ich alles in allem noch nicht wirklich viele Pokémon-Go-Spieler kennengelernt habe - in ländlicheren Gegenden verpasst man sich scheinbar gerne mal. Einmal rauschte beispielsweise ein Auto mit männlichem Fahrer, Frau auf dem Beifahrersitz und Kind auf dem Rücksitz heran, als ich mit meiner Freundin unterwegs war und sie eine Arena erobert hatte, nur um sie wenige Minuten später wieder zurückzuerobern und gleich wieder zu verschwinden. Oder ich hörte von einem Jungen, der sich spät abends aus dem Haus schlich, um noch ein Pokémon zu fangen, sich dabei aber aussperrte. Er wollte nicht klingeln, weil sonst Ärger mit den Eltern drohte, also schlief er kurzerhand im Garten.

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Hinzu kommen Momente voller Frust und Freude. Frust, wenn zum Beispiel gerade die Internetverbindung streikt, wenn ich ein seltenes Pokémon fangen oder eine Arena einnehmen will - wie sehr man sich über solche Dinge ärgern kann, ist immer wieder erstaunlich. Freude, wenn ich meinen Pokedex um eine neue Kreatur ergänze, mich in einer Arena breit mache, was Sinnvolles aus einem Ei schlüpft oder ich ein Pokémon fangen kann, für das ich noch Bonbons benötige.

Auch ein Jahr nach dem Release spiele ich Pokémon Go also noch so motiviert wie am ersten Tag, eigentlich sogar mit mehr Enthusiasmus als zu Beginn. Dafür hat zuletzt noch mal das neue Arena-System gesorgt, das mehr Spaß macht als die davor zum Teil alleine uneinnehmbaren Arenen, bei denen man so gut wie keine Chance hatte. Im alten System musste man mit seinen sechs Angreifern gegen bis zu zehn Verteidiger antreten, was je nach eigenem Level und vorhandenen Pokémon ziemlich aussichtslos war, sodass ich es alleine meist gar nicht erst versuchte. Am liebsten hätte ich sogar mal das Team gewechselt, weil ein Spieler aus meinem Team bei jeder Gelegenheit verlorene Arenen wieder zurückeroberte, obwohl er an dem Tag bereits seine Münzen abgeholt hatte. Den anderen Teams schien er nichts zu gönnen. Nun sind es nur noch sechs gegen sechs, was die ganze Angelegenheit an sich schon mal fairer gestaltet. Zudem verlieren die Arena-Pokémon immer weiter an Motivation, sofern sie nicht gefüttert werden, was die Eroberung leichter macht. Jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass so richtig etwas wie fairer Wettbewerb vorhanden ist, nachdem zuvor einige Wenige die Arenen immer wieder dominierten und den anderen den Spaß raubten.

Und ich bin schon gespannt, was Niantic in diesem Jahr noch so alles aufführt, von legendären Pokémon über PvP-Kämpfe bis hin zum Tausch der Taschenmonster. Ich hätte vor dem Release jedenfalls nicht gedacht, dass ich Pokémon Go spiele. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es ein Jahr lang tun würde, als ich damit anfing. Aber da bin ich nun, ein Jahr später und um eine Erfahrung reicher. Und ich hab noch immer nicht genug davon. Umso mehr muss man Niantic dafür loben, dass sie es tatsächlich geschafft haben, so viele Leute zu mobilisieren und auf die Idee zu bringen, sich stundenlang durch die Natur zu bewegen, nur um ein paar virtuelle Pokémon zu fangen.

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