Sagt ihr mir, ob es euch ähnlich geht, aber in Videospielen Autos von oben zu steuern, das reizte mich irgendwie schon immer und drückt bis heute die richtigen Knöpfe bei mir. Versetzt mich das in eine Kindheit voller Spielzeugautos, die man sich aus derselben Perspektive in action- und an Kollateralschäden reiche Verfolgungsjagden hineindachte?

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Was soll bei diesem Sprung schon schiefgehen?

Ich werde jedenfalls direkt wieder weich, wenn ich in einem Spiel wie American Fugitive, von dem ich bis gestern noch nie gehört hatte, sehe, wie eine schwere Ami-Karre tiefe Reifenabdrücke in unbefestigte Straßen drückt oder ein Muscle Car auf dem Asphalt einen Donut hinterlässt. Dass es dazu wenig mehr brauchte, als ein nicht unbedingt aufwändig produziertes Indie-Spiel mit etwas nichtssagendem Look ... spricht dafür, dass auf jeden Fall irgendein Schlüsselreiz gekitzelt wird.

Vielleicht sagt mir das auch einfach nur, dass Rockstar ruhig mal wieder ein GTA von oben inszenieren dürfte - und bis dahin nehme ich einfach hiermit Vorlieb. Gut zwei Stunden hat mir dieses Landei-Grand-Theft-Auto seit gestern auf jeden Fall schon Spaß bereitet. Die Geschichte: Ihr kommt unschuldig für den Mord an eurem alten Herren in den Knast. Natürlich brecht ihr aus, schnappt euch den erstbesten Aufzug, der kein orangener Overall ist, von der nächsten Wäscheleine und beginnt zu ermitteln, wer der wahre Täter sein könnte.

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Fünf Sterne, zahllose Polizistenmorde, fünf Minuten Straßenschlacht. Ich hab's überlebt. Die Entwickler sollten nochmal draufschauen.

Das ist vor dem Hintergrund eines verschlafenen Städtchens irgendwo im amerikanischen Nirgendwo wunderbar abseits von dem Großstadt-Gangster-Kram der weltbekannten Konkurrenz. Auch bewirkt der überschaubarere Maßstab, in dem alles abläuft, dass ein kleiner Entwickler eine überschaubare Umgebung mit reichlich Leben und interaktiven Elementen füllen kann. Man darf sogar in Häuser einbrechen, auch wenn die darauf folgende Erkundung dann im Rahmen eines Minispiels ihre verschiedenen Ressourcen für euren immer schwerer werdenden Rucksack abwerfen.

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Und trotzdem ... irgendwie will ich weitermachen.

Natürlich gibt es eine Wanted-Anzeige, sobald ihr mit einer Waffe herumlauft. Allerdings steht die Aufmerksamkeit der Polizei - die schon dann zur Tat schreitet, wenn man auf dem Schrottplatz aus Zufall die falsche Taste drückt und eine der auf ihre Abwrackung wartenden Rostlauben leicht eindellt - in keinem Verhältnis zu ihrer schreienden Ineffizienz. Zum einen ist die KI nicht die hellste, zum anderen hängt man "die Bullen" so unvermittelt ab, wie sie abseits des aktuellen Kameraausschnitts erscheinen.

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Ich wette, mit dem Upgrade-Tree habt ihr nicht gerechnet.

Es ist technisch einfach nicht besonders ausgefuchst oder ausbalanciert, was man auch dann merkt, wenn die Autos nach zweieinhalb Minimalkollisionen schon lichterloh Feuer fangen, um kurz darauf zu explodieren. Es sind wirklich nur Pappschachteln mit gläsernen Tanks und offenen Feuern als Scheinwerfer. Hätte die Evolution des Autos auch in unserer Welt diese Abzweigung genommen, wir sprächen heute nicht sorgenvoll über den Klimawandel (weil unsere Population so drastisch zurückgehen würde, dass sich Mutter Natur langsam von uns erholen könnte. Weshalb denkt ihr denn?)

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Aber hey, auch wenn American Fugitive an den falschen Stellen ein wenig windig zusammengeschustert wirkt und nicht das hübscheste Spiel ist, irgendwie ist es doch sympathisch, weil die Möglichkeiten vom Einbruch über den Kostümwechsel bis hin zu Dialogoptionen, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie etwas bewirken oder nicht, ganz klar das überschreiten, was man bei dieser Sorte Spiel erwarten würde.

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Die Welt ist überschaubar. Gut so. Erfrischend sogar.

Ich liebe es, all die optionalen Rennkurse zu absolvieren, obwohl das Fahrverhalten betont biestig ist, und ruhe nicht, bis ich drei Sterne erreiche, um mit dem Geld ein neues Sturmgewehr oder sonstwas zu kaufen. Ich freue mich jedes Mal, die Polizei an einem Bahnübergang abzuhängen, weil ich noch vor dem Zug entlangkomme und sie eben nicht - egal, dass ich 100 Meter weiter vermutlich eh entkommen wäre, weil diesen Cops ihre CO2-Bilanz offenbar wichtiger ist als die Dingfestmachung eines entlaufenen Vatermörders - und überhaupt habe ich immer noch keine Ahnung, wohin diese Reise noch gehen wird.

Ich bin im Rahmen der Möglichkeiten jedenfalls positiv überrascht, wenngleich das von eurer Seite bitte mit Vorsicht zu genießen ist. Ich bin echt nicht sicher, ob es daran liegt, dass andere Entwickler diese Art von Spiel einfach nicht mehr liefern, oder weil American Fugitive besonders viel richtig macht. Wir reden noch einmal darüber, wenn ich mehr hiervon gesehen habe. Bis dahin: Wer es vermisst, Reifenspuren von oben zu sehen, behält das hier erstmal auf dem Zettel.

Entwickler/Publisher: Fallen Tree/Curve Digital - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One, Switch - Preis: ca. 20 Euro - Erscheint am: 21. Mai (PC, PS4), 23. Mai (Switch), 24. Mai (Xbox One) - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.