Resident Evil 3: Nemesis Remake - Test: Wenn doch nur Nemesis dazugelernt hätte...

Die gute Bonus-Runde.

Irgendwie ist es schon seltsam, ein Spiel zu starten, dessen erste Zeile Worte wie "Pandemie" und "breitet sich schnell aus" enthält. Irgendwie ist da ein Gefühl von "Sollte ich das jetzt spielen? Sollte ich jetzt damit Spaß haben?". Nur so im Hinterkopf, denn schließlich geht es ja um Horror-Fantasy. Zombies und Monster. Es könnt schlimmer sein. Ich könnte The Division spielen. Also auf nach Raccoon City.

Der dritte Teil war schon immer mehr eine Ergänzung zum damals wie heute überragenden zweiten Teil (Test: Resident Evil 2 Remake) und daran hat sich nichts geändert, um die Lage schnell zusammenzufassen. Das machte es damals nicht zu einem an sich schlechten Spiel, aber eben doch zu einer relativen Enttäuschung. Damals wie heute. Betrachtet man es jedoch als Ergänzung, dann hat Jills Flucht aus Raccoon City - womit ich die grobe Handlung auch schon final zusammengefasst hätte - viel Charme, indem das Spiel die Ereignisse um die Zombie-Apokalypse im Kleinen ausführt und einen so bemerkenswerten wie leider auch oft nervigen Bösewicht in den Mix wirft.

1
Es sieht schon anders aus als damals.

Nemesis. Er steht im Titel und die Idee, dass euch ein Fiesling das ganze Spiel über traktiert, immer stärker wird, aber eben nicht erst zum Ende überhaupt auftaucht, sondern euch den ganzen Weg über wie ein Bluthund auf den Fersen bleibt, hat viel für sich. Es kann einen guten Bösewicht seine Bedrohung aufbauen lassen, seine Eigenheiten und Motivation besser herausstellen und euch als Spieler eine Beziehung zu ihm schaffen lassen, wie es sonst schwer möglich wäre. Nemesis tut leider nichts davon. Er ist ein stummes Monster, das zwar hartnäckig sein mag, aber absolut vorhersehbar.

In einem Film ist das nichts Besonderes, es ist die Grundprämisse ganzer Generationen von Teenie-Slasher-Flicks. Aber in einem Spiel weiß man halt, dass es einen Weg gibt, einen Boss zu besiegen. Immer, weil sonst wäre das ein etwas sinnloses - wenn auch innovatives - Spiel. Und so bleibt Nemesis am Ende nur der Ruhm, dass er der einzige Bosskampf des Spiels ist. Nur halt ein paar Male mehr, als es sonst bei Bossen der Fall ist. Am Ende war es dann schon lange kein "OMG!! Es will einfach nicht sterben!!!", sondern nur ein "Here we go again, whatever...". Das und vielleicht die Laufzeit von gerade mal fünf Stunden im ersten Durchgang, das wären dann auch schon meine größten Probleme mit diesem "Anhang" zu einem der großen Horror-Splatter-Klassiker des Gamings.

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Splatter-Fans können die Zombies sehr explizit zerlegen.

Wobei ich ehrlich gesagt, jetzt nach drei Durchgängen, gar nicht mal so das Problem mit der Laufzeit habe. Man sucht viel entspannter noch mal nach Sammel-Items, freut sich über die unlimitierten Waffen, die man nach und nach freischaltet - man bekommt nicht mehr sofort den Raketenwerfer nach einer Runde -, sucht den restlichen Krams, probiert eher mal den harten Schwierigkeitsgrad aus. Es lädt einfach zu einer schnellen Runde für einen halben Abend ein, als das größere Spiele tun würden. Ich sollte den weit umfangreicheren zweiten Teil sicher öfter durchspielen, aber das ist ja fast Arbeit. Hier bei Resi 3 Remake hatte ich gestern zum Beispiel einfach noch mal für ein paar kurze Stunden Spaß und weiß, dass ich nachher noch diese Runde eben mal beende, ohne dass es ausartet. Ein Casual-Core-Game für ein, zwei entspannte Stündchen am Abend. Hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal so zu schätzen wissen würde.

Das liegt auch dem grundsoliden Spieldesign dahinter. Sicher, man kennt es. Sammeln, sammeln, sammeln, Kampf, neue Sachen sammeln, weil man alles verbraucht hat. Die Routine des ursprünglichen Survival-Horrors ist hier frisch und lebendig und es erstaunt, wie gut das immer noch funktioniert. Hier und da noch ein kleines Rätsel zur Abrundung - wobei die ruhig etwas mehr Mut hätten zeigen dürfen, wenn es darum geht, die Gehirnzellen auf Betriebstemperatur zu bringen - und fertig ist die blutverschmierte Laube. Ich kann über diese heute etwas eingefahrenen Wege herziehen wie ich will: Es funktioniert super.

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Kein schlechter Ratschlag...

Dabei hilft natürlich ungemein, dass Capcom es zwar nicht schafft, den dritten Teil zu etwas Ewigwährendem zu machen, aber die teilweise massiven Eingriffe in Ablauf und Gameplay machen es zu einem weitestgehend modernen Spiel. Wer das Remake des Vorgängers gespielt hat, dem muss man dazu nicht viel sagen. Es dürfte die gleiche Engine sein, die Spielfigur bewegt sich ähnlich, Trefferfeedback, Zielen, alles kommt einem sofort vertraut vor. Das heißt, dass es keine Tank-Steuerung gibt, ihr dürft euch beim Zielen langsam bewegen und auch wenn Jill und Carlos immer noch etwas ungelenk agieren, im Vergleich zu früher sind sie geradezu muntere Kaninchen auf einer Sommerwiese. Heute? Nun, Nathan Drake hüpft sicher fröhlicher umher, aber dann hätten die Zombies ja gar keine Chance.

Was den Ablauf angeht, ist Carlos eine relative Bereicherung. Es ist auf jeden Fall ein wenig Abwechslung, dass er da ist, er hat im ersten Durchgang mit dem MG eine andere Waffe, die Jill erst in einem späteren Durchgang freischalten kann, andere Sprüche und er lässt die Welt durch diesen Perspektivenwechsel etwas größer wirken. Aber dass einer seiner beiden Abschnitte mit Jill dann praktisch noch mal, wenn auch nur im Schnelldurchlauf, durchlaufen werden muss, fühlt sich schon nach etwas mehr Backtracking an, als nötig gewesen wäre. Hier einen anderen Bereich dieses Areals zu entwerfen und darin dann die Items zu verteilen, die man holen muss, hätte das Spiel ein wenig mehr abgerundet.

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Die Puzzle könnten ruhig etwas mehr Substanz haben.

An den Lokalitäten sonst gibt es wenig zu meckern. Von der Stadt über die Polizeiwache zum Labor ist alles dabei, was sich gehört, und jedes Areal hat seine kleinen Ecken und wurde denkwürdig genug neu gestaltet, ausgebaut und würdig in die Moderne gebracht. Es sind am Ende natürlich bodenständigere Horror-Klischees als dem vierten Teil dann später gegönnt waren, aber als Abgesang auf das Raccoon-City-Epos passt es wunderbar. Vor allem die Detailliebe bei Plakaten, Postern, Werbung und anderen Dingen überzeugt hier. Es gibt viel zu gucken, wenn man hingucken möchte, und Dinge wie Hinweise, sich im Krankenhaus "gründlich die Hände zu waschen", lassen einen heute irgendwie bewusster hingucken, als es vor ein paar Wochen der Fall war, als man noch mehr die teilweise wundervollen Fake-Filmplakate beachtet hätte.

Was die Kämpfe angeht, nun, es ist ein modernes Resi und als solches funktioniert alles sehr anständig. Wenn mich etwas stört, dann ist es eigentlich nur die Unzuverlässigkeit der Waffeneffizienz. Manchmal platzt einem Zombie der Schädel mit einem Treffer, die nächsten fünf brauchen bei gleicher Zielgenauigkeit aber plötzlich fünf Kugeln. Sicher, Zombies mögen unterschiedliche harte Schädel haben oder sonst irgendwas, aber das Spiel könnte das besser kommunizieren. Es liegt aber auch an mir, dass ich dann nicht den Grusel empfinde, dass der blöde Zombie einfach nicht "sterben" will, sondern mehr auf die Mechaniken hinter den Treffern achte. Berufskrankheit nehme ich an.

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Der Resistance-Modus ist durchaus spaßig für ein paar Runden, auch wenn es jetzt nicht der Fortnite-Killer werden dürfte.

Bleibt noch eines, nämlich "Resident Evil: Resistance". Das wird direkt mitgeliefert und ist ein asymetrischer Multiplayer, in dem vier Spieler versuchen, lebend durch einen tödlichen Parcours zu kommen, während ein weiterer Spieler das Mastermind im Labyrinth gibt. Als dieses dürft ihr Fallen platzieren, Zombies und andere Monster setzen, während ihr alles über die Kameras beobachtet. Ihr könnt sogar in die Rolle der Monster schlüpfen, wenn ihr selbst mitmischen wollt, aber das schränkt euch natürlich dabei ein, vier Spieler auf der Karte im Blick zu haben.

Auf Seiten der vier Überlebenden habt ihr verschiedene Spezialfertigkeiten, wie Heilung oder besondere Angriffe, könnt euch gegenseitig aufhelfen und ihr schaltet nach und nach neue Waffen frei, wobei Munition unbegrenzt vorhanden ist. Ihr müsst die Fallen und Monster überleben, während ihr eine Reihe von Item-Such-Puzzles und Schaltern abarbeitet, um den Ausgang zu erreichen. Solltet ihr sterben, werdet ihr zum Anfang zurückgeschickt und ihr bekommt eine Zeitstrafe, was ganz schön schmerzt, aber dafür gibt euch auch jede erfolgreiche Aktion, von Zombie-Mord bis zum gelösten Schalterrätsel, wertvolle Bonus-Sekunden.

Der erste Eindruck ist ehrlich gesagt weit unterhaltsamer, als ich es erwartet hätte. Resistance hat ein klares Konzept, verkompliziert es nicht unnötig und auf beiden Seiten der Asymmetrie macht es viel Spaß, wobei ich bis jetzt den Eindruck hatte, dass es mir zumindest auf Seiten der Überlebenden leichter fällt. Aber vielleicht bin ich auch einfach noch nicht auf das richtige Mastermind getroffen. So oder so, als großer Bonus zum eigentlichen Spiel hat Resistance sehr viel Potenzial für ein paar sehr spaßige Runden. Was noch nicht live ist, ist der Echtgeld-Shop. Der dürfte dann auch die größte Herausforderung an das Matchmaking sein, denn die Balance muss schließlich auf beiden Seiten gewahrt bleiben. Wir werden sehen.

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Resident Evil 3 Remake ist nicht angetreten, um den brillanten Vorgänger auszustechen, schließlich musste es sich immer noch an sein eigenes Original halten. Aber war das wirklich ein Muss? Ein paar mehr Orte, ein wenig mehr Background - es ist ja nicht so, dass man das Resi-Universum der letzten 20 Jahre ignorieren muss -, es wäre wohl das rundere Spiel gewesen. Aber dann eben auch nicht mehr Resi 3. Insoweit nehme ich es als das, was es ist und habe damit sehr viel mehr Spaß, als ich damals hatte und heute erwartet hätte. Kurz, knackig und bis auf den leider etwas zu monotonen Hauptgegner ist das hier ein großartiges Splatterfest, das sich in seiner "Cheesiness" ernst genug nimmt, um zu unterhalten, das sich im Großen und Ganzen nicht weniger ausgezeichnet spielt als das Zweier-Remake und mit Resistance einen vielleicht heutzutage nicht dramatisch innovativen, aber doch cleveren Multiplayer-Bonus bietet, den man gerne mitnimmt. Es war damals eine Bonus-Runde, es ist das heute irgendwie immer noch, aber zumindest auf die beste Art.

Lust auf mehr Resident Evil? Dann lest doch unseren Artikel Die 5 besten Resident-Evil-Spiele.

Entwickler/Publisher: Capcom - Erscheint für: PS4, Xbox, PC - Preis: zirka 60 Euro - Erscheint am: 3.4.20 - Getestete Version: PS4 Pro - Sprache: Deutsch, Englisch und andere (Sprache und Untertitel getrennt einstellbar) - Mikrotransaktionen: ja (als Teil des Resistance-Multiplayer)

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Martin Woger

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