Immortals Fenyx Rising - Die griechische Blaupause

Ubis verlorenes Maskottchen-Action-Adventure kann was!

Nein, es ist nicht das nächste Breath of the Wild. Der Name "Gods and Monsters" war besser. Es ist ein Ubi-Spiel, das heißt, dass man nach zwei Stunden eine relativ klare Vorstellung davon hat, wie die nächsten 20 ablaufen werden. All das trifft auf Immortals Fenyx Rising zu, ohne Frage. Aber: Punkt 1 war zu erwarten, über Punkt 2 kann man streiten, denn wirklich gut ist keiner der beiden und Punkt 3... Ist das so schlimm, wenn diese ersten zwei Stunden wirklich klasse sind?

Vom Start weg gespielt, wollte ich auf jeden Fall den Humor hassen. Der Comic-Look der griechischen Götter, Zeus als alter Sack, der mit Prometheus diskutiert, als wären die beiden alten Männer Waldorf und Statler aus der Muppet Show nach Vegas gezogen und man würde Ersatz für sie suchen... Ja, ich war fest entschlossen dem keine Chance zu geben und das auch durchzuziehen. Aber was soll ich sagen, auch wenn manche Dialogzeile dumpf auf dem Boden landete, andere Zoten entlockten mir ein ehrliches Lächeln und ich kam nicht umhin, sowohl der etwas einfältigen Story wie auch ihren Akteuren mentale Sympathiepunkte zu geben. Ein paar zumindest.

Diese Geschichte dreht sich um Männlein oder Weiblein Fenyx - das bestimmt ihr und macht nicht den geringsten Unterschied -, und bekommt als letzte(r) Sterbliche(r) auf griechischem Boden die Aufgabe, die Welt zu retten. Der Chef der Titanen Typhon konnte sich befreien, hat praktisch jeden in eine Steinsäule verwandelt und den Göttern ihr Wesen geraubt. Als Beispiel, die selbstverliebte, nebenbei Kriege anzettelnde Aphrodite, die als Muse für alle großen Taten herhalten muss, lebt zufrieden als Apfelbaum und füttert Hirsche. Was normalerweise ein wünschenswerter Zustand wäre, ist jetzt halt nicht das, was man braucht, also lehnt sich das Spiel weiter an die Mythen an. Ihr müsst ihr göttlichen Wurzeln schwächen, braucht besonderes Salz und das bekommt ihr, indem ihr eine monströse Perle in die Ägäis rollt. Lest Aphrodites Geburtslegende nach, hat was mit einer Perle zu tun.

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So bunt mag ich meine Antike!

Es ist also die Mythen-Seite der griechischen Antike, die der hausinterne Konkurrent AC: Odyssey ein wenig auf die längere Bank schob und verpackt als 90er-Maskottchen-Cartoon-Action-Adventure. Ich hatte durchaus den Gedanken, dass das hier ein Ubi-Projekt aus dem Jahr 2003 sein könnte, das jetzt in einer Schublade wiedergefunden wurde. Aber dann wiederum, warum nicht? Vor allem der herzerfrischend bunte Look hat es mir angetan. Ich mag satte, helle Farben in meinen Games, einer der Gründe, warum ich als Kind das Master System mehr mochte als das NES. Aber auch damals musste ich schon einsehen, dass die besten Farben nichts nützen, wenn man Alf statt Mario geschenkt bekommen hat und das Gameplay eben nicht optional ist. Ich war gespannt, was Fenyx hier bieten würde.

Mit Ausdauer die Welt erobern, mit Gehirn weiterkommen

Es ist ein Mix. Ja, ihr habt die übliche Ubi-Welt, in der ihr zig Dinge einsammelt, aber die Bewegung in ihr beginnt gut und wird mit Upgrades immer besser. Sobald ihr eure Flügel, die anfangs wenig mehr sind als ein Fallschirm, erst einmal zu zumindest halber Kraft entfalten könnt, eure Doppelsprünge höher reichen und vor allem die Ausdauer nicht gleich in die Knie geht, erübrigt sich fast schon die Auto-Reise. Bis dahin dauert es aber ein gutes Stück und bis dann ist Ausdauer wie in Breath of the Wild der limitierende Faktor bei euren Erkundungen. Vor allem zu weite Wasser könnt ihr noch nicht durchschwimmen oder zu hohe Berge erklimmen, jedenfalls nicht, ohne eine Masse an blauen Pilzen zu sammeln. Oh ja, Fenyx ist "higher on shrooms" als Mario... Kinder, ein kleiner Hinweis an dieser Stelle, weil ich nicht weiß, ob der im Spiel ist: Es ist eine ganz schlechte Idee einen Haufen Pilze einzuwerfen und dann einen Berg zu erklettern und eine noch schlechtere, ein kleines Meer zu durchschwimmen. Vertraut mir hier einfach. Für die meisten gilt das übrigens generell, Pilze hin oder her.

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Echte Puzzles und sie machen einen guten Teil des Spiels aus.

Zurück zu ernsthafteren Dingen und weil der Zelda-Vergleich ja von irgendwoher kommen muss: Zelda hat seine zig Rätsel-Schreine, Fenyx schickt euch regelmäßig in die Unterwelt. Hier habt ihr Puzzles, manchmal mit ein paar Kämpfen angereichert, in drei Schwierigkeitsgraden. Der erste ist kaum härter als Level 1 in Sokoban - schaut es nach, ist fast so alt wie Aphrodite -, auf Level drei kommt das Hirn schon gut ins Rotieren, ohne gänzlich überfordert zu sein. Zumindest war das mein erster Eindruck, von der nicht mal Handvoll Puzzles, die ich sah. Auch in der Oberwelt wird hier und da gerätselt und das sogar legitim. Eines der ersten Puzzles war jetzt natürlich immer noch recht offensichtlich gehalten, aber doch ein valides, kleines Rätsel. Sehr gut, Fenyx! Hoffentlich zieht das noch ein wenig an und das Spiel hat sich das "Adventure" in Action-Adventure redlich verdient.

Achilles und andere Celebrities

Mit den Rätseln will man übrigens nicht die Kämpfe kompensieren, denn die können sehr gut auf eigenen Beinen stehen. Ihr habt ein schnelles, taktisches System, in dem die Gegner alle ihre Fertigkeiten haben, die man nicht vernachlässigen sollte. Seien es Gorgonen-Feuerbälle oder die Reichweite von Speeren, ihr bekommt eine gelungene Mischung aus viel Bewegung durch unblockbare gegnerische Attacken, Kontersysteme und schön wuchtige Schläge mit zwei sehr unterschiedlichen Hauptwaffen vorgesetzt. Ich liebe Breath of the Wild, aber hier darf sein irgendwann kommender Nachfolger mal ganz genau hinschauen, wie so etwas geht. Das, und dass die Waffen in Fenyx unzerstörbar sind, halte ich auch für einen großen Pluspunkt.

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Die Schwäche bei dem hier ist nicht so schwer zu erraten.

Zunächst wirkt das alles recht schlicht, aber wenn ihr später auf die großen Feinde stoßt, dann wird es interessant. Ein Dämon beschwor immer wieder einen kleine Gruppe an handverlesenen Gegnern, die seine Schwachstellen abdeckten, während er euch zusetzte. Diese Schildkrötenformation zu brechen und an das eigentliche Ziel zu kommen, war schone eine gewisse Herausforderung. So auch der Kampf gegen einen Schatten von Achilles. Vier Helden der Mythologie wurden von den Titanen versklavt oder so und weil es nur vier sind, gibt es die Geschichte mit den Schatten, damit ihr nicht in der dritten Spielstunde Achilles umhaut. Aber gute Güte, wenn das schon sein Schatten war, dann bin ich wirklich gespannt, den richtigen Mann zu treffen.

Immortals Fenyx Rising - Antik, sicher, aber auf die gute Art

Also, bunte, hübsche Welt. Ein Humor, der sogar einen Unwilligen zumindest zum Teil abholte. Solide Rätsel und ein gutes Kampfsystem. Fenyx' Existenz scheint für mich immer noch aus der Asche eines verworfenen Konzepts der frühen 2000er heraus auferstanden zu sein, aber so sei es eben. Ich habe nicht viel gesehen, was Assassin's Creed: Odyssey für Kinder - sorry, Immortals Fenyx Rising an Innovation auf den Tisch n bringen würde. Aber wenn das Gesamtpaket nach so fluffigem Spielspaß für kalte, kurze Tage aussieht, dann kann ich nicht widerstehen. Ich freue mich drauf, das war weit spaßiger als ich gedacht hatte.

  • Entwickler / Publisher: Ubisoft
  • Plattformen: PC, Xbox, PlayStation (angespielt auf PC)
  • Release-Datum: 3. Dezember 2020
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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