Alt+F40: Nicht einfach nur Monster - warum Videospiele gerade Zombies ruinieren

KW 41/2021: Ein Plädoyer für klügere Zombiespiele, ein todsicherer Tipp für den nächsten viralen Schauder-Hit und der Beginn eines langen Abschiedes.

Es ist Oktober, der bekanntlich spuktakulärste Monat überhaupt, weshalb ich im Anlauf auf Halloween vermehrt ein paar Horror-Themen beackern werde. So mich mein Hirn denn lässt, denn passend zum Thema sind meine munter ihre Seuchen durchrotierenden Kinder echte Energievampire, die mich langsam, aber sicher zum Zombie machen. Im Grunde ist seit drei, fast vier Wochen immer irgendwas, oft mit Fieber, immer mit wenig Schlaf, dann kurze Pause, bevor das gleiche Leid und der Betreuungsnotstand mit dem nächsten Erreger von vorne anfangen.

In der Infektdichte hatten wir das noch nie (dann wiederum ist der Kleine auch erst den zweiten Herbst bei uns). Aber man ochst sich irgendwie durch, navigiert so gut es geht das Minenfeld aus kindlicher Langeweile, physischer Unfähigkeit und niedriger Kooperationsbereitschaft und macht die Arbeit, die man nicht liegenlassen will abends oder in der Nacht. Und natürlich "freut" man sich schon drauf, wenn es einen als krönenden Abschluss am Ende der Bazillenexplosion unweigerlich selbst ein paar Tage von den Beinen haut. Wenn es denn ein Ende gibt... Besser nicht drüber nachdenken.

Aber hey, immerhin hat mich diese "Zombie"-Zeit zu meinem heutigen Hauptthema inspiriert!

Inhalt

Wider die Horde! Oder: Zombies sind auch nur Menschen

Das ist jetzt nicht auf ein Spiel insbesondere gemünzt, aber die Videospielebranche vergaloppiert sich seit ein paar Jahren in eine Richtung, die mir mein liebstes Kinomonster mehr und mehr kaputtmacht. Nicht falsch verstehen: Auch ich mag einen guten Zombie-Shooter der Marke Left 4 Dead oder eben jetzt Back 4 Blood. Ich kann aber nicht leugnen, dass diese Strömung Spiel - vor allem in der aktuell auftretenden Masse - den eigentlichen Reiz der Untoten grundlegend missversteht und den Zombie-Mythos unter Wert verkauft.

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Auch spielerisch geben Zombies mehr her, als bloßes Kanonenfutter (Bild: Back 4 Blood).

Wovon die spezielle Faszination dieser Kinomonster ausgeht, ist nicht allzu schwierig nachzuvollziehen, wenn man darüber nachdenkt, was die besten Stellen in jedem Zombiefilm sind. Klar, die Splattermomente sind immer kurze, grausame Highlights, aber in erster Linie sind es Szenen der Transformation, die uns nachhängen und uns einen Schauer über den Rücken laufen lassen: die ersten Anzeichen der Katastrophe, oft im Hintergrund oder über Radiomeldungen oder Nachrichtensendungen im TV. Die Schrecksekunden des ersten Bisses einer Figur und darauffolgend die Wandlung vom Freund oder Familienmitglied zum geistlosen Ungeheuer. Das sind die Momente, die die Ghoule als Entertainment-Bedrohung definieren. Frei nach Tom Savini: "Zombies sind wir" - oder waren es. Darin steckt ihr schauderhafter Zauber.

Natürlich sind es auch die Lawinen aus faulendem Fleisch und fletschenden Zähnen, die unaufhaltbar durch jede Ritze drängen, alles Lebendige überrollen und es sich einverleiben, die sie so unheimlich machen. Das ist seit Night of the Living Dead so. Aber ohne die menschliche Komponente, die Reste ihres Individualismus, steckt halt urplötzlich kein Gewicht mehr dahinter. Was wäre die Szene, in der Barbara durch die verbarrikadierte Tür in die Menge gezogen wird, ohne ihren zombiefizierten Bruder, der als erstes nach ihr greift? Sorry für den Spoiler eines 53 Jahre alten Films, übrigens! Die Angst davor, die zentralen Figuren könnten sich dieser mörderischen, im Untode entseelten Menge anschließen, nur noch eine Hülle ihrer selbst - das ist der Ort, an dem der eigentliche Horror passiert. Und an den wagen sich die wenigsten Spiele.

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State of Decay machte sich Gedanken, wie man die Infektion auch als Gameplay-System integrieren kann - und gemahnt damit immerhin ansatzweise an das, was Zombies so besonders macht.

Stattdessen bedienen sich die meisten Games der Zombies fast immer nur in ihrem Endstadium - wenn sie längst entmenschlichte Splatter-Pinata aus der Copy-and-paste-Fabrik sind. Eines ist wie das letzte, die Spuren der Persönlichkeit unter Gekröse und graublauer Haut versteckt. Das Problem ist klar: Es ist einfacher, ein Spiel um das Niedermähen Tausender gammeliger Angreifer zu entwickeln als eines über flüchtige Menschlichkeit am Ende der Welt. Es ist auch einfacher zu verdauen, denn die Titel, die es taten - The Walking Dead, The Last of Us - sind einfach sehr bittere Pillen, die man nur schwer durch den Hals bekommt. State of Decay fiele mir noch als positives Beispiel ein, das den Spaß am Zombieschlachten und am Überleben einer vermeintlich aussichtlosen Situation gut mit der Angst vor diesem schrecklichen Schicksal vereinte. Teil zwei verlor das mit allzu trivialer Heilung der Zombieinfektion leider wieder aus den Augen. Sehr schade.

Den allgegenwärtigen Splatter vertrage ich schon noch eine Weile, ab und an suche ich ihn sogar. Aber ich persönlich höre die Uhr für diese Sorte Spiel schon länger ticken. Es ist Zeit, das Potenzial von Zombies in vollem Umfang auszuschöpfen - oder es für eine Weile vielleicht mal ganz bleiben zu lassen.

Weitere Notizen - KW 41/21

Gerade bei Alex in der Rotation: Nicht gerade wenig los gerade. Crysis 2 und 3 Remastered schaue ich mir gerade für euch an und bin nächste Woche mit einem Text dazu bei der Hand. Ted Lassos Finale hat uns den neuen Bösewicht für Staffel 3 präsentiert, dessen Genesis zwar ein bisschen unvermittelt kommt, aber auch nicht komplett an den grauen Haaren herbeigezogen ist. Auch in Eternal Cylinder taste ich mich meterweise vorwärts und habe das Gefühl, dass dazu noch ein Text in mir steckt. Ich werde ihn schon noch finden. Außerdem stellt Lemnis Gate ein paar interessante Sachen mit meinem Gehirn an, über die ich gerne noch schreiben würde. Und dann habe ich noch Riftbreaker und Tainted Grail auf der "Anschauen!"-Shortlist.

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Kommen die Kopfschmerzen von den RSV-Viren, die mir die Kinder abgegeben haben, oder überfordert mich Lemnis Gates Shooter-Zeitschleife einfach? Egal, kein Grund, mit diesem interessanten Spiel aufzuhören!

Musiktipp der Woche: Kante - Zombi Das hier geht raus an alle, die "im Rahmen der Möglichkeiten ein hoffnungsloser Fall" sind! So wie ich dieser Tage. Die vielleicht beste deutsche Rockband, die keiner kennt. Haben sich die letzte Dekade hindurch leider in die Theatermusik zurückgezogen (gut für sie vermutlich, schlecht für diesen Albumliebhaber hier), sollten aber dringend mal wieder etwas auf die Langrille bringen. Wen das hier kickt, der darf sich gerne mal an die restlichen Alben machen: Feiner arrangieren wenige Bands ihre manchmal auch progressiveren Rockstücke. Einige Tracks sind über 10 Minuten lang. Die "Tiere sind unruhig" ist wohl ihr Meisterwerk, aber auch die anderen Platten haben unfassbar große Songs ("Ein schwaches Gift" auschecken!), die die Band auch live perfekt reproduziert - wenn sie denn endlich mal wieder auftreten würden. Enjoy!

Höhepunkt der Woche: Tut euch einen Gefallen und schaut euch die Demo zu Devolvers neuem Spiel Inscryption an. Das stammt von Pony Islands' Daniel Mullins und... nun ja... ist mehr als es den Anschein hat. Mehr darf man dazu nicht sagen. Außer, dass ich lange nicht so gespannt darauf war, wie es weitergeht. Das hier dürfte nach Loop Hero schon der zweite virale Indie-Hit für Devolver in einem Jahr werden. Nehmt mich beim Wort: Das hier wollt ihr nicht verpassen. Und noch ein Höhepunkt: Das Teil kommt nächste Woche raus.

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Nichts ist, wie es scheint, in Inscryption.

Mittelpunkt (?!) der Woche: Ich hatte nicht mehr allzu große Hoffnungen für Vampire: The Masquerade Bloodlines 2, aber die jüngste Meldung, dass Paradox noch Anfang des Jahres noch darüber nachdachte, das Projekt komplett einzustellen, nahm mir im ersten Moment wirklich den letzten Rest frohen Mutes, den ich hatte. Dann wiederum macht Paradox mit seiner Offenheit auch eine ziemliche Ansage. Ist vielleicht doch noch ein Spiel drin, das "die Erwartungen der Spieler erfüllt"? Chapeau, dass Paradox das so offen sagt - und ein Schelm, wer denkt, mit einer solch gewagten Aussage wolle man von den Anschuldigungen bezüglich der toxischen Unternehmenskultur ablenken. Aber ich bin mittlerweile an einem Punkt, an dem meine Sorgen einer nicht gerade kleinen Neugier gewichen sind, was da für ein Frankenstein auf uns zugewankt kommt. Spiele mit problematischer Entwicklung sind nicht selten die interessantesten.

Tiefpunkt der Woche: Es gibt keinen leichten Weg, das zu sagen, aber auch meine Mini-Banane ist - vielleicht aus Solidarität mit mir - zu einer Untoten geworden. Auch aus den oberen Blättern weicht mittlerweile die Kraft und wacklig auf den Beinen ist sie auch. Nicht einmal für die Ableger sieht es gut aus - klar, die sind auch an der Wurzel mit der kranken Mutterpflanze verbunden. Dennoch werdet ihr wohl auch in den kommenden zwei, drei Wochen Alt+F40 noch ein zunehmend trauriges Bild vom eigentlichen Star dieser Artikelreihe bekommen. Ein langer Abschied gewissermaßen. Mit Glück berappeln sich die angeschlagenen Kindel und ich kann ein paar davon retten.

Falls dem nicht so ist: Einen ersten Ableger habe ich ja schon beim letzten Umtopfen genommen. Wenn meine Frau den hergibt, kann auch der zum Back-up werden. Was lernen wir daraus - außer, dass aller Abschied schwer ist? Schnippelt gefälligst nicht aus ästhetischen Gründen an gesunden Blättern herum! Ich denke, ich spreche für alle hier, wenn ich sage, sie hat uns allen viel bedeutet.

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Ein Bild, wie Lee im letzten Kapitel von Season 1 von Telltales the Walking Dead. Ich werde dich vermissen.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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