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Warzone 2 und die Unmöglichkeit, es allen recht zu machen

Alles neu macht die zwei

Da ist nun also Warzone 2.0 – ich muss sagen, nachdem ich schon länger nicht mehr Call of Dutys Battle Royale gespielt hatte, macht mir dieser Nachfolger durchaus Spaß. Als Hunt-Showdown-Spieler und immer noch trauernder Hazard-Zone-Fan bin ich sogar gerne im neuen DMZ-Modus unterwegs. Limitiert ist meine Freude eigentlich nur dadurch, dass ich wenig Mitspieler finde, die in einem Maße kommunizieren, das diesem Spiel genügen würde.

Hören muss man sie dennoch regelmäßig, weil Push-to-talk für die meisten immer noch ein Fremdwort ist, bellt einen fast immer irgendwas an, was einem mächtig auf den Zeiger geht. Irgendwo im Hintergrund läuft ein Fernseher, quiekt ein Hund, der mal dringend rausmüsste oder räumt jemand Geschirr aus. Sogar Streitgespräche bekommt man gelegentlich mit. Da hilft nur die Stummschaltung, die aber eigentlich auch nicht Sinn der Sache ist. Nicht in diesem Spiel. Mich wundert also in erster Linie, dass Activision diesbezüglich nicht schon längst ein verpflichtendes Tutorial oder dergleichen eingeführt hat, oder eine bessere Voice-Chat-Bereinigung. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag, denke ich. Die meisten spielen ohnehin in festen Gruppen, auf ihrem eigenen Discord.

Schon cool, wenn zu Beginn kurz 150 Spieler gleichzeitig ins Mikro brüllen und das Spiel das in Ordnung findet. Noch besser: Das Hinterteil des Fliegders sieht aus wie ein herziges Robbenbaby. Eine Erkenntnis, die man nicht wieder ungesehen machen kann.

Das ist längst nicht das einzige, was wundert, an Warzone 2.0. Mir macht vor allem die allgemeine Rezeption des Spiels durch seine Fanbase zu schaffen. Kann es sein, dass es zwar alle spielen, aber die meisten es hassen – oder zumindest so tun? Positives hört man im Allgemeinen nur zur neuen Map. Al Mazrah wird nach Caldera durchweg als Steigerung wahrgenommen. Ansonsten jedoch habe ich das Gefühl, zu den wenigsten ist wirklich durchgedrungen, dass es sich hier um einen Nachfolger handelt, der grundlegend anders gespielt werden will. Ein einleuchtendes Missverständnis, immerhin ist Warzone ein Service-Game und die verändern sich auch mit den Versionsnummern in der Regel nicht allzu sehr.

Warzone 2.0 bricht mit dieser Handhabe ziemlich gründlich. Sicher, es gibt auch ganz objektiv einiges zu meckern, an dem Titel. Es ist verbuggt, Reconnects zu laufenden Spielen sind noch Wunschdenken, viele Änderungen am HUD sind auf nicht wegzudiskutierende Weise einfach schlechter. Dazu ist das Ping-System noch unterentwickelt, das Gulag wäre ohne Pistolenzwang und Gefängniswärter mit Minigun sehr viel spannender und das neue Loot-Inventar ist suboptimal. Aber das ist alles Work-in-progress. Das grundlegende Problem für viele scheint einfach, dass es ein anderes Spiel ist. Ein langsamerer, taktischerer Shooter, mit kürzerer Time-to-kill, in dem allzu aggressives bunnyhoppen und Um-die-Ecke-schlittern mehr Probleme verursacht, als es löst.

Ab und an wirkt die Karte noch ein wenig zu groß, aber daran dürften Kreis-Tweaks und Missionsverteilung noch etwas ändern.

Darüber sind viele nicht erfreut und so sehr ich das auch verstehe – wir haben schließlich bereits ein PUBG (auch wenn Warzone 2.0 weit entfernt davon ist) – gehöre ich zu denen, die grundsätzlich froh über die neue Richtung sind. Denn es gibt viel zu mögen, an Warzone 2.0: Begreift man erst einmal die Rucksack-Verwaltung, ist DMZ, in dem man Missionen gegen Spieler und KI absolviert und dann extrahiert, eine schöne Abwechslung mit regelmäßig sehr intensiven Momenten. Der Third-Person-Modus ist besser umgesetzt als gedacht und der allgemeine Flow auf der neuen Karte beneidenswert gut. Ich liebe die Notwendigkeit, seine Feldausrüstung für unterschiedliche Arten von Aufträgen aufeinander abzustimmen, Geld für bestimmte Anschaffungen zu teilen, sich an Vorratsstationen Deckung zu geben und so allgemein ein wenig strategischer über die Karte zu ziehen.

Bisher habe ich auch das Gefühl, dass Campen ebenso wenig dominant ist, wie die Kolibri-mit-ADHD-Taktik. Drosselt man erst einmal aufs neue Tempo runter, fühlt sich Warzone für mich irgendwie richtig an – sofern ich mal vernünftige Mitspieler gefunden habe. Und weil das längst nicht jeder so sieht und wütende oder enttäuschte Leute schneller im Internet ihrem Unmut Luft machen, sind die Nutzerwertungen natürlich überwiegend negativ. Und es gibt eine Menge, was noch längst nicht gut ist, an Warzone 2. Aber dass in dieser Größenordnung mal etwas Neues probiert wird, das passiert so selten, dass ich den Entwicklern gerne ein wenig mehr Spielraum gewähre.

Kniffliger, als zwei Kleinkinder im Zoo beieinander zu halten: Das Spiel mit zufällig zugeschusterten Mitspielern.

Immerhin: Auf Reddit mehren sich mittlerweile die Postings, die das Spiel verteidigen und dafür plädieren, sich der neuen Spielweise und den frischen Modi zu öffnen. Es gehört wohl zur Natur so großer Entertainmentprojekte, dass sie niemals allen gefallen können – und je größer sie sind, desto intensiver wohl auch das Anrechtsdenken der Community. Ich bin nicht sicher, wohin die Reise für Warzone 2 geht – und vor allem, ob man sich mit der Wiederbelebung von Warzone 1 als separates Spiel, Warzone Caldera, einen Gefallen tut, da habe ich so meine Zweifel. Mehr Optionen für die Fanbase sind niemals schlecht, so sagt man, aber allzu versteinertes Festhalten am Altgedienten ist in meinen Augen das Gegenteil von dem, was nun Warzone 2 darstellen könnte: Eine Chance für eine Weiterentwicklung, hin zu einem flexibleren, einladenderen Warzone.

Dann wiederum: Wenn ein separat konserviertes Warzone 1 der Preis dafür ist, die professionellen “Damals war alles besser”-Heulsusen draußenzuhalten, dann bitte.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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