Assassin's Creed: Syndicate - mit Greifhaken in die neue Generation

Assassinen-Geschwister, Kutschen-Karambolagen und Kidnapping. 

Wenn London fällt, fällt auch die ganze Welt. Mit diesen bedeutungsschweren Worten wird die Geschichte des mittlerweile neunten, vollwertigen, Assassin's-Creed-Spiels eingeläutet. Nach dem technisch ins Kreuzfeuer der Kritik geratenen Ausflug in die Zeit der französischen Revolution, wird nun die industrielle Revolution als Hintergrund des Kampfes Assassinen gegen Templer herangezogen. Die englische Hauptstadt, seit über 100 Jahren assassinenfrei, wird von einem Templer regiert, der jeden James-Bond-Schurken wie einen Abgesandten der Heilsarmee aussehen lässt. Crawford Starrick heißt der Unsympath, der mit einer Schar besonders ruchloser Handlanger alle Bereiche Londons kontrolliert.

Mit politischer Korruption, Kinderarbeit in den templereigenen Fabriken, der Kontrolle des Transportwesens, einem irren Arzt, der gerne mit Menschen experimentiert und schlagfreudigen Straßengangs hat Starrick das Zentrum der westlichen Welt im Jahr 1886 fest im Griff. Meine Aufgabe ist es nun, die Stadt vom Joch der Templer zu befreien. Einen Stadtteil nach dem anderen. Bei einem ausgiebigen Anspieltermin zweier Erinnerungssequenzen konnte ich mir einen ersten Eindruck verschaffen.

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Kutschen-GTA auf Londons Straßen.

Erfreulich: Mit dem Geschwisterpaar Jacob und Evie Frye stehen mir diesmal gleich zwei Assassinen für die umfangreiche Aufgabe zu Verfügung. Im freien Spiel kann ich jederzeit über das Menü den Wunschcharakter auswählen, in einigen Storymissionen wird mir die Möglichkeit nicht gegeben. Die Entwickler von Ubisoft Quebec wollen natürlich ihre Geschichte erzählen und dazu bedarf es eben manchmal das Raubein Jacob, auch wenn ich noch so gerne mit der sommersprossigen Evie auf Klettertour gehen möchte.

Ein kooperatives Spielen ist übrigens nicht vorgesehen, auf Multiplayer-Elemente oder eine Companion App wurde ebenfalls verzichtet. Die Unterschiede in der Spielweise von Bruder und Schwester waren in der Kürze der Zeit noch nicht genau zu bestimmen. Jacob teilt heftig aus und weiß aus der Distanz die Pistole einzusetzen. Evie zückt eher die im Spazierstock versteckte Klinge. Ob sich jetzt Jacob eher für Frontalangriffe eignet und Evie besser schleicht, sei dahingestellt. Das lässt sich wohl eher über die freigeschalteten Fähigkeiten und die unterschiedliche Ausrüstung steuern.

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Ihn gilt es zu besiegen: Obertempler Crawford Starrick.

Ebenfalls erfreulich: Meine Meuchelmörder verfügen über einen Greifhaken mit Seil, der mich in Windeseile auch höchste Höhen erklimmen lässt. Das hat zur zügigen Fortbewegung in riesigen Arealen schon in den „Batman"-Spielen ausgezeichnet funktioniert. Da nach Aussage der Entwickler „Assassin's Creed Syndicate" flächenmäßig gegenüber „Assassin's Creed Unity" noch mal 30% zugelegt hat, eine sinnvolle Neuerung. Denn, auch wenn das Klettern mittlerweile recht flüssig vonstatten geht, minutenlang über die Dächer zum nächsten Einsatzort zu kraxeln, ist nicht unbedingt in jeder Situation spielspaßfördernd. Außerdem kann ich nicht nur vertikal in die Höhe schießen, sondern auch horizontal eine Seilrutsche installieren. Daran kann ich mich entlang hangeln und bei Bedarf von oben auf eine Zielperson stürzen. Eine Meuchelmethode mehr, kann man immer gebrauchen.

Wo wir gerade bei Neuerungen in der Spielmechanik sind: Meine Helden können jederzeit eine der Pferdekutschen kapern und im bester „GTA"-Manier durch die Straßen pesen, schnell einen Zielort erreichen - der Weg wird auf der Straße farblich markiert - und dabei gnadenlos andere Kutschen rammen. Schon überraschend, was so ein Einspänner alles aushält, besonders wenn gegnerische Gefährte mich in die Zange nehmen und es zu einem Zweikampf auf dem Dach der Kutsche kommt. Das Kampfsystem aus „Unity" wurde überarbeitet, erlaubt jetzt, mehrere Angreifer gleichzeitig abzuwehren und auch recht blutig zur Strecke zu bringen. Auch gegen drei oder vier Gegner habe ich so eine faire Chance, vorausgesetzt der Level, der über deren Köpfen eingeblendet wird, ist nur unwesentlich höher als meiner. Ansonsten sollte ich zügig in einen sicheren Stadtteil flüchten oder eine Stange Dynamit auf die Verfolger werfen, das hilft immer.

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Alexander Graham Bell: Bekannte Persönlichkeiten der Historie tauchen natürlich auch wieder auf.

Nach dem ich mich mit den neuen Spielelementen weitgehend angefreundet habe, widme ich mich den Storymissionen. Der Stadtteil Whitechapel im Norden Londons markiert den Beginn meines Befreiungskrieges. Ich schwäche den Einfluss der Templer-Straßengang, indem ich diese kurzerhand meuchle. Einfach im Vorbeigehen eine Taste drücken und mit einem kurzen Stich in den Hals entledige ich mich meinen Widersachern. So kann ich mit ein wenig Umsicht und im Schleichmodus, erkennbar daran, dass meine Spielfigur ihre Kapuze ins Gesicht zieht, ganze Straßenzüge säubern. Hilfreich ist es, in Bedrängnis geratene Bürger vor den Rowdies zu schützen. Diese schließen sich dann der langsam aufkeimenden Widerstandarmee meiner eigenen Gang mit dem Namen „Rooks" an. Zu meinen Aufgaben gehört es, das örtliche Hauptquartier der Bösen einzunehmen oder einen wichtigen Unterführer zu kidnappen.

Kidnapping ist auch so eine neue Nebentätigkeit im Viktorianischen Zeitalter. Ich habe dazu eine Zielperson ausfindig zu machen und möglichst lebendig in eine wartende Kutsche zu werfen. Eine Geschicklichkeitsaufgabe, denn während ich den Fiesling mit dem Messer am Hals bedrohe, darf ich mich nur im Schritttempo fortbewegen, sonst reißt sich dieser los und ich darf wieder hinterherhetzen. Habe ich genügend Aufgaben zur Schwächung der Templerherrschaft im Stadtteil erledigt, erscheint der Boss auf der Bildfläche. In Whitechapel ist das ein Bär von einem Mann mit dem Namen Kaylock, der auf dem Dach eines fahrenden Zuges auf mich wartet. Ich schalte seine Kanonenfutter-Schergen aus und stelle mich zum Kampf. Kein großes Problem, hat man einmal das Timing seiner Schläge und Blocks verinnerlicht. Aber das war ja auch erst der Erste von insgesamt sieben Bossen. Die deutlich umfangreicheren Stadtteile Westminster, Southwark, The Strand, The Thames, Lambeth und City of London werden mich wohl noch eine ganze Weile beschäftigen.

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Der nützliche Greifhaken kann auch als Seilrutsche verwendet werden.

In den etwa vier Stunden Nettospielzeit konnte ich nicht nur einen Stadtteil befreien, sondern auch eine Klettermission für Alexander Graham Bell absolvieren, mir Big Ben aus der Nähe ansehen, mit Karl Marx sprechen, eine fahrende Basis in einem Zug einrichten, über die Themse schwimmen und die unwürdige Kinderarbeit in der Fabrik eines Templers beenden.

Genug zu tun wird es auf jeden Fall wieder geben, zumal es mit Bierflaschen, Briefen von Adligen, Schatzkisten und diversen Rohstoffen zur Herstellung von Ausrüstung und Waffen, reichlich was zu sammeln gibt. Kopfgeldjagden, Zugüberfälle, Schmugglerboote erobern, Waren abfangen und das Stärken der eigenen Straßengang erscheinen ebenfalls als Betätigungsfelder auf der wie für Ubisoft typisch mit Markierungen übersäten Karte. Wer sich diesen Aufgaben nicht widmen will, kann im spieleigenen E-Store echte Euros gegen virtuelle britische Pfund eintauschen. Keine Notwendigkeit um das Spiel meistern zu können, aber wer sich Zeit sparen und trotzdem die beste Ausrüstung besitzen möchte, wird an einem Besuch im Mikrotransaktions-Supermarkt nicht vorbei kommen.

Optisch leistet die AnvilNext-Engine ganze Arbeit und bietet ein lebendiges und grafisch beeindruckendes Bild des Viktorianischen Londons. Die beiden spielbaren Assassinen wirken erfreulich frisch und interessant, die Neuerungen wie der multifunktionale Seilwerfer und die so gar nicht realitätsnahe, aber durchaus unterhaltsame Kutschen-Karambolage können überzeugen. Technische Probleme waren nicht zu erkennen, aber bei einem Spiel, das derart mit Optionen und Aufgaben überladen ist, wird erst ein ausführlicher Test zeigen, ob Ubisoft Quebec alle nötige Sorgfalt hat walten lassen.

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Über den Autor:

Ulrich Wimmeroth

Ulrich Wimmeroth

Freier Autor

Mag Rollenspiele und Ego-Shooter, sammelt Retro-Konsolen und nutzt seinen PC hauptsächlich zum Schreiben über Spiele. Und für Strategie natürlich. Und das seit Dekaden.

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