Call of Duty: Black Ops 3 - Test (Multiplayer und Fazit)

Das Rundum-Wohlfühlpaket.

Egal, wie sehr sich Call of Duty weiterentwickelt, die Community wird es wohl nie. Bereits innerhalb der ersten Multiplayer-Runden vergangenen Freitag hatte ich alle bekannten Stereotypen abgearbeitet. Leute, die permanent wie ein Wildschwein beim Geschlechtsverkehr in ihr Mikro prusten. Leute, die unbedingt über eine Anlage Musik hören müssen und dadurch die gesamte Gruppe mit übersteuerten Metal-Klängen beschallen. Leute, die krampfhaft versuchen, vor dem Stimmbruch so viele Obszönitäten wie möglich auszukotzen. Leute, die in festen Gruppen spielen und ahnungslose Opfer Dutzende Runden in einem Capture-the-Flag-Spiel festhalten, nur um schneller an Erfahrungspunkte zu gelangen.

Während ich die ersten drei Gruppen problemlos stumm stellte, war ich von meinen Treffen mit diversen Boost-Gruppen ziemlich angefressen. Wenigstens kann man solche Idioten sehr leicht melden und Treyarch hat extra einen Beschwerdepunkt für Booster eingerichtet. Es zeigt allerdings, wie machtlos selbst die Entwickler bei der Gewährleistung einer angenehmen Online-Erfahrung sein können.

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Die Auswahl an Multiplayer-Modi. Da sollte für jeden etwas dabei sein.

Viel interessanter ist jedoch der direkte Vergleich mit dem Zombies-Spielmodus. Hier kämpft niemand gegeneinander, sondern alle müssen zusammenhalten, um nicht von den aggressiven Untoten überrannt zu werden. Allein deswegen habe ich dort die meiste Zeit meiner Multiplayer-Sessions verbracht. Selbst in Dutzenden Runden wurde ich nie im Stich gelassen, sondern konnte mich jedes Mal auf meine Teamkollegen verlassen. Denn Zombies ist ein exzellent balanciertes Erlebnis, bei dem niemand alleine überleben kann. Wer seinen Kameraden nicht hilft oder alleine in die tiefen Ecken der Karte wandert, überlebt nicht lange. Das sorgt für Frieden unter Spielern, die sich in einem normalen Deathmatch vielleicht pausenlos angebrüllt hätten.

Aber ich wäre nicht so oft in die Shadows-of-Evil-Kampagne abgetaucht, wenn es spielerisch nicht brillieren würde. Prinzipiell erwartet euch hier die gleiche blutige Kost wie früher. Jede Runde startet ihr nur mit einer Pistole bewaffnet in einem kleinen Areal und erzielt für das Erledigen von angreifenden Zombies Punkte. Mit diesen holt ihr euch stärkere Waffen, Upgrades oder öffnet Tore zu anderen Teilen der Karte. Der Schwierigkeitsgrad steigt dabei ziemlich schnell an, so dass ihr nach dem Neustart nie lange auf herausfordernde Gefechte warten müsst. Wer die relativ einfachen Schusswechsel aus der Kampagne gewohnt ist, wird bei seinem ersten Zombie-Tango schnell als Mahlzeit für die Untoten am Boden liegen. Ihr haltet nur wenige Treffer aus und die Horden können durch ihre schiere Masse und steigende Geschwindigkeit jeden Neuling sofort zerlegen.

Nachdem man dann andere Spieler beobachtet, schnappt man allerdings relativ zügig die wichtigsten Taktiken auf. So ist in den ersten Wellen ein rasches Beseitigen der Zombies nicht die beste Taktik. Da man für jeden Treffer Punkte kassiert, sollte man lieber schwächere Schüsse auf die Beine feuern und anschließend das Messer in den Kopf der grausigen Kreatur rammen. Genauso hilft es, sämtliche Barrieren von den Zombies zerstören zu lassen, um sie danach für Punkte reparieren zu können. Vor allem zu Beginn einer Runde sind diese zusätzlichen Boni äußerst wichtig.

Was nach ein paar Stunden zur Routine wird, steigert sich spätestens nach wenigen Minuten jedes Mal ins Chaos. Fester Zusammenhalt in der Gruppe wird immer schwieriger und besonders die Weitläufigkeit der neuen Karte zerrt die einzelnen Spieler schnell an verschiedene Ecken. Erscheint dann eine der garstigen Boss-Kreaturen, kann die Runde wenige Sekunden später bereits vorbei sein. Aber jedes Mal lernt man etwas Neues hinzu, versteht den Kartenaufbau besser und steigt nebenher im Level auf. Dieser ermöglicht Verbesserungen der freischaltbaren Waffen oder den Einkauf neuer Fähigkeiten. Da die Runden selbst nie allzu lange dauern, stellt sich recht schnell die „Okay, nur noch eine Runde"-Mentalität ein.

Zudem erhöhen Dialoge eurer Charaktere die Motivation zum Weiterspielen. Alle vier Figuren sind zwielichtige Gestalten, die wegen ihrer Untaten vom mysteriösen Shadow Man auserwählt wurden. Zwar ist es genau betrachtet keine meisterhafte Handlung, doch es war wieder äußerst interessant, die in ihrer Dramatik ansteigenden Interaktionen zu hören. Erst recht, wenn Ron Perlman einen ruppigen Boxer spricht und Jeff Goldblum den exzentrischen Zauberer der Gruppe verkörpert. Natürlich mit seiner seit Jurassic Park unvergleichlich surrealen Betonung.

Das Team bei Treyarch hat übrigens erneut einen Haufen unlösbar erscheinende Aufgaben in der Kampagne versteckt und ich verfolge gerade gespannt, wie Spieler auf der gesamten Welt zusammenarbeiten, um die fiesen Rätsel zu knacken. Genau wie das Spielprinzip des Zombies-Modus schweißt auch die übergreifende, versteckte Narrative die Leute zusammen.

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Das Aufladen der Spezialattacken dauert eine ganze Weile. Geht sorgfältig mit ihnen um.

Kommen wir jetzt zum kompetitiven Multiplayer. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich die Online-Schlachten nie sonderlich interessant fand. Nicht, weil ich sie für schlecht hielt. Ich bin eben eher ein Freund von kooperativen Spielmodi und bis auf wenige Ausnahmen wie Red Faction: Guerrilla oder Splatoon habe ich nie mehr als ein paar Stunden in diversen Multiplayern verbracht. Nur damit ihr meinen Standpunkt versteht, wenn ich sage, dass ich auch nach vielen, vielen Stunden in Black Ops 3 noch immer nicht vollkommen überzeugt bin.

Das Grundgerüst ist großartig. Die schnelle Steuerung und das ausgezeichnete Gunplay passen perfekt zu den Thrustern auf eurem Rücken. Damit lassen sich jederzeit Doppelsprünge oder ein verlängertes Rutschmanöver ausführen, was die Bewegungsfreiheit deutlich erhöht. Zudem könnt ihr problemlos kontinuierliche Wallruns ausführen und auf manchen Karten sogar zwischen mehreren Plattformen wechseln. Ein wenig Übung gehört dazu, bis man im Wandlauf gezielte Schüsse abfeuert, aber es gibt nichts Befriedigenderes als über eine Wand eure Feinde zu flankieren und während des Absprungs Kopfschüsse zu verteilen.

Generell erzeugt der Titel nach jedem Treffer durch aufpoppende Belohnungen ein hervorragendes Spielgefühl. Ich habe die Hälfte der Zeit überhaupt keine Ahnung, wofür ich gerade das Abzeichen verdient habe, aber das schrille Design in Verbindung mit dem köstlichen Geräusch sorgt leicht für einen „F**k Yeah"-Moment. Es ist komplett überflüssig, zielt nur auf die Manipulation der Psyche ab und trotzdem liebe ich es irgendwie. Die Absurdität des Ganzen kulminiert schließlich in einem übertriebenen Gitarrenriff, das begleitet von einer Double Bass zum Levelaufstieg gratuliert. Auf der PS4 ertönt das Geräusch sogar aus dem Controller-Lautsprecher. Es vermittelt jedem Spieler „Du bist der Geilste!", selbst wenn er die Runde mal wieder der Schlechteste seines Teams war.

Zu den Neuerungen gehört die Aufteilung in Spezialklassen. Jede bietet zwei besondere Fähigkeiten, jedoch benötigt ihr zum Freischalten wie im Einzelspieler besondere Upgrade-Punkte, die ihr für einen Levelaufstieg erhaltet. Auf der einen Seite finde ich diese Spezialisierung klasse und es verleiht dem Aufbau neben der normalen Ausrüstung zusätzlichen Tiefgang. Nur schmälert das sperrige Freischalten jegliche Experimentierfreude. Beispielsweise habe ich mich zum Einstieg für die Ruin-Klasse entschieden und als Zusatzfähigkeit einen Superschlag ausgewählt. Damit kann ich nach dem ziemlich langwierigen Aufladen meiner Spezialleiste zwei Klingen in den Boden rammen, um eine verheerende Druckwelle zu erzeugen. Nach ein paar Runden merkte ich allerdings, dass diese Fähigkeit nicht zu mir passte und man sie auch nur äußerst selten gut anwenden konnte.

Trotzdem zögerte ich mit dem Freischalten weiterer Klassen. Was, wenn diese mir auch nicht gefallen würden? Dann hätte ich unnötig Upgradepunkte verschwendet. Wo entstünde der Nachteil, wenn ich ganz normal jede Klasse mit ihren Zusatzfertigkeiten ausprobieren könnte? Die Upgradepunkte wären besser für das alleinige Aufstufen dieser Einheit oder die damit verbundenen Spezialkräfte geeignet, nachdem man ein wenig damit gespielt hat. Genauso fragwürdig finde ich die Entscheidung, verschiedene Klassen hinter einer Levelgrenze zu verstecken. Für die letzte Einheit müsste ich die nächsten Wochenenden in das Spiel investieren, um eine andere Spielweise ausprobieren zu dürfen. Nur damit die Leute motivierter sind, mehr Zeit mit dem Multiplayer zu verbringen? Sollte der reine Spielspaß nicht genügen? Damit blieb mir jedenfalls der Zugang verwährt.

Ein eher persönliches Problem habe ich mit den Killstreaks. Seit deren Einführung sind die Meinungen darüber gespalten, aber ich sah nie einen Vorteil darin, den führenden Spieler mit stärkeren Werkzeugen zu bestücken. Es erscheint mir wenig sinnig, fünf Sekunden nach dem Spawn sofort von einer Raketensalve vernichtet zu werden. Auf der anderen Seite verstehe ich die perverse Freude, sich am Leid der unterlegenen Feinde zu ergötzen. Nach einer erfolgreichen Reihe an Abschüssen zur Belohnung noch mehr Zerstörung anzurichten, fühlt sich umwerfend an und wird schnell zu einem süchtig machenden Zustand. Außerdem hat es taktische Vorzüge, gewisse Killstreaks auszuwählen oder den richtigen Zeitpunkt eines Matches abzuwarten. Es spielt stark in die oben erwähnte Sieger-Mentalität, vernachlässigt in meinen Augen aber zu sehr die unfairen Momente als Empfänger dieser brutalen Attacken. Zudem sind es im Gegensatz zu den Spezialfähigkeiten der Klassen oft Win-Buttons, die kein weiteres Können zum Einsatz erfordern.

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Ich lasse mich auf den Karten sehr leicht ablenken.

Aber wer sich früher daran nie gestört hat, den wird es auch in Black Ops 3 nicht jucken. Ansonsten gibt es am Multiplayer wenig zu bemängeln. Neue Klassen bringen frischen Wind in die Kämpfe und das Ausrüstungslimit von zehn Gegenständen beziehungsweise Perks fördert den strategischen Aufbau eurer Figur. Die Karten orientieren sich gekonnt an der erhöhten Bewegungsfreiheit und glänzen durch eine Vielzahl unterschiedlicher Designs. Von futuristischen Militärkomplexen über paradiesische Outdoor-Hotels bis hin zum verspielten Wasserpark genießt man eine hohe Abwechslung. Allein die teils unnötigen, unsichtbaren Levelgrenzen stoßen etwas sauer auf. Wenn ich schon einen Doppelsprung besitze, warum kann ich dann nicht über diverse Felsen auf der Karte springen? Stattdessen pralle ich jedes Mal an der Luft darüber ab und sinke enttäuscht zu Boden.

Solche Kleinigkeiten sind aber leicht verkraftbar, wenn man das Gesamtpaket betrachtet. Call of Duty: Black Ops 3 ist ein gigantisches, vor Inhalten platzendes Spiel. Jede der drei Kernkomponenten wäre genug für einen separaten Titel. Die Story-Kampagne mag zwar deutliche Schwächen hinsichtlich der Narrative aufweisen, überrascht dafür aber stellenweise mit ausgezeichnetem Leveldesign und Gespür für das richtige Pacing. Zudem ist es das mit Abstand längste und abwechslungsreichste Abenteuer der Serie, nach dessen Ende ihr sogar in eine zweite, leicht veränderte Kampagne abtauchen könnt.

Zombies ist durch das herausragende Shadows of Evil mein persönliches Highlight und bot mir einige der besten kooperativen Erfahrungen in jüngster Zeit. Die Karte ist schön verschachtelt und weitläufig, der Art-Deco-Stil versprüht ein wohliges Bioshock-Feeling und die hervorragenden Kommentare der großartig vertonten Charaktere lassen einen bis spät in die Nacht spielen, nur um einen weiteren Dialog freizuschalten. Ehrlich gesagt will ich gar nicht wissen, wie viel Zeit ich darin die letzten Tage investiert habe.

Und obwohl ich in diesem Leben wohl kein Fan des kompetitiven Call-of-Duty-Multiplayers werde, erkenne ich dennoch die Vorteile der implementierten Neuerungen. Die verbesserte Bewegungsfreiheit ist trotz nerviger Restriktionen in Form von unsichtbaren Wänden eine willkommene Abwechslung, die allein das Umherirren auf den Karten zur wahren Freude macht. Call of Duty bleibt zwar Call of Duty und wer mit der Brechstangen-Mentalität nichts anfangen kann, der wird auch an Black Ops 3 kein Gefallen finden. Aber alle anderen und ganz besonders Spieler, die in vergangenen Jahren ausgesetzt haben, können dagegen bedenkenlos zugreifen und sich die kommenden Monate in allen drei Hauptmodi zu Tode leveln.

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Über den Autor:

Björn Balg

Björn Balg

Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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