Pokémon Schwert und Schild - Test: Nicht das Allerbeste, aber Spaß macht's trotzdem

Ein rauer Switch-Start für die Pokémon-Hauptreihe.

Kennt ihr diese Menschen, die fest davon überzeugt sind, die Geilsten zu sein? Dass sie alles können, keiner in der Lage ist, sie auf ihrem Weg zum Erfolg aufzuhalten. Was sich dann nicht mehr als gesundes Selbstvertrauen bezeichnen lässt, vielmehr als Arroganz und Überheblichkeit? Hasst ihr sie so wie ich? Glückwunsch, dann habt ihr mit eurem Rivalen in Pokémon Schwert und Schild viel Freude.

Ich weiß nicht, ob es dazu gedacht ist, einen zu motivieren. Wenngleich es funktioniert hat. Es war mir bei jedem Kampf eine wahre Freude, meinen Rivalen und seine Pokémon in Grund und Boden zu stampfen. Zugleich gehen die Sympathiewerte in den Keller und erholen sich bis zum Ende des Spiels nicht, was - so vermute ich - eher weniger die Absicht dahinter ist. Zumal der Rivale im Grunde euer Freund ist, auch wenn er übertreibt.

Wenn dies das größte "Problem" der Spiele wäre, sie könnten sich glücklich schätzen. Es ist eine raue Switch-Premiere der Pokémon-Hauptreihe, nachdem die beiden Let's-Go-Spiele im letzten Jahr einfach verdammt niedlich, farbenfroh und ansehnlich waren. Die Technik von Schwert und Schild ist eine andere. Es wirkt realistischer in seiner Farbgebung, die Umgebungen - vor allem die riesige, offene Naturzone - sind zum Teil größer. Das Problem daran ist nicht, dass es anders ist, vielmehr erwecken Schwert und Schild den Eindruck, dass sie technisch altbacken sind. Vor allem im Hinblick auf die Texturen, was auf einem großen Fernseher eher auffällt als auf dem kleinen Bildschirm der Switch.

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Hier beginnt euer Abenteuer. (Pokémon Schwert und Schild - Test)

Stellen wir zum Beispiel Pokémon und das jüngst veröffentlichte Luigi's Mansion 3 gegenüber, sind allein die Differenzen bei den Animationen in beiden Titeln ein Unterschied wie Tag und Nacht. Hier wischt Luigi's Mansion 3 mit allem, was dahingehend in Pokémon zu sehen ist, den Boden auf. Und es sind Spiele wie Luigi's Mansion 3 oder Super Mario Odyssey, die beweisen, wozu Nintendos Konsole technisch in der Lage ist. Im Vergleich damit fehlen einem - krass ausgedrückt - bei manchen (nicht bei allen!) Animationen in Schwert und Schild die Worte.

Game Freak wirkt mit seiner Switch-Premiere des Pokémon-Hauptreihe überfordert. Seit 2016 gab es in jedem Jahr ein neues Pokémon-Spiel (Sonne und Mond, Ultrasonne und Ultramond, Let's Go sowie Schwert und Schild) und man kommt nicht um den Gedanken herum, dass ein weiteres Jahr Entwicklungszeit den jüngsten Spielen nicht geschadet hätte. Das gilt zugleich für fehlende Features wie die Global Trade Station und die Top Vier.

Wenngleich es keine Vollkatastrophe ist, aber ebenso wenig beeindruckt oder erstaunt es. Ja, wer nach technischen Mängeln sucht, findet sie an vielen Ecken, beim Spielen vergesst ihr sie aber leicht, wenn ihr euch mit anderen Dingen beschäftigt. Schwert und Schild sind in Bewegung auf jeden Fall ansehnlicher als hier auf den Screenshots.

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Ländliche Regionen und Städte wechseln sich ab. (Pokémon Schwert und Schild - Test)

Ein weiterer großer Kritikpunkt war lange im Vorfeld der Pokédex des Spiels. Schwert und Schild unterstützen nicht sämtliche Pokémon, die es bis jetzt gab. Die Kritik daran ist für mich nachvollziehbar, wenngleich ich sie nicht teile. Zugleich verstehe ich die Argumentation der Entwickler, dass es ein riesiger Aufwand ist. Womit wir dann bei der längeren Entwicklungszeit wären. Wie ihr es dreht und wendet, es gibt für beide Seiten gute Argumente.

Ich habe nicht jedes einzelne Pokémon gespielt, daher ist meine Bindung dazu eine ganz andere als bei anderen Spielern. Ich bin mir selbst nicht ganz im Klaren darüber, was besser wäre. Zum einen ist es schön, dass ihr überall in der Spielwelt neben neuen Pokémon auf ältere trefft, die ihr liebgewonnen habt. Zum anderen finde ich es in gewisser Hinsicht traurig, dass in meinem aktuellen Team fünf von sechs Pokémon aus der ersten und zweiten Generation stammen. Weil ich diese Pokémon mag, weil sie mein erster Berührungspunkt mit der Reihe waren.

Warum traurig? Weil im Grunde die neu eingeführten Pokémon die Stars sein sollten. Warum neue Pokémon einführen, wenn viele am liebsten ihre alten Lieblinge verwenden? Ich bin ja da nicht besser als andere und denke mir "ich hätte jetzt gerne dieses und jenes Pokémon", weil ich sie einfach cool finde. Gleichzeitig fühlt es sich an, als behandle ich die achte Generation nicht mit dem Respekt, den sie verdient. Es ist ein schwieriges Thema, über das sich endlos diskutieren ließe. Im Endeffekt gilt für mich: Dass nicht alle dabei sind, stört mich weniger und mindert für mich ebenso wenig den Spielspaß.

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Es gibt auch neue Galar-Formen bekannter Pokémon, hier Smogmog. (Pokémon Schwert und Schild - Test)

Was das Fangen betrifft, stellen Schwert und Schild im Grunde eine Mischung aus den klassischen Spielen und Let's Go dar. Wie in Letzterem seht ihr Pokémon in der Spielwelt durchs Gras schlendern oder im Wasser schwimmen. Zusätzlich habt ihr nicht sichtbare Pokémon, die sich euch nähern, wenn ihr durchs Gras lauft, Zufallsbegegnungen gibt's somit ebenfalls. Schade ist, dass sich schillernde Pokémon nicht wie in Let's Go direkt in der Spielwelt erkennen lassen, hier ist es nötig, eine Begegnung zu starten. Ein weiteres Feature, das den Sprung unverständlicherweise nicht schaffte.

Andere Dinge, die mir aus Let's Go fehlen, fallen eher in die Kategorie Gimmicks. Mir gefiel zum Beispiel, dass Pikachu auf meiner Schulter sitzt oder ein anderes Pokémon hinter meinem Charakter herläuft. Und dass ich zum Beispiel die Möglichkeit hatte, auf Arkani durch die Spielwelt zu reiten. In Schwert und Schild habt ihr nichts davon.

Umso mehr erfreut mich das neue Dynamax-Feature. Das verwandelt eines eurer Pokémon mittels Dynamaxierung, die an die Stelle der nicht vorhandenen Mega-Evolutionen und Z-Attacken rückt, in ausgewählten Kämpfen und in Dyna-Raids drei Runden lang in haushohe Kämpfer. Was folgt, ist ein spektakulärer Showdown, bei dem sich die Kontrahenten mächtige Attacken um die Ohren hauen. Bildschirmfüllende Explosionen, gigantische Flutwellen und aus dem Himmel fliegende Fäuste geben euch das Gefühl, inmitten eines Godzilla-Films oder einfach eines Anime zu sein. Es ist so überzogen inszeniert, dass es einfach herrlich anzuschauen ist. Und das erlebt ihr in einer wohldosierten Menge, derer ihr nicht überdrüssig werdet.

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In der Naturzone findet ihr Pokémon-Nester, an denen Dyna-Raids stattfinden. (Pokémon Schwert und Schild - Test)

Davon abgesehen, spielt sich das hier weitestgehend so, wie ihr es von einem Pokémon-Spiel erwartet. Ihr fangt alles - nachdem ihr es in klassischer Manier erst im Kampf geschwächt habt -, was nicht bei drei auf dem nächsten Baum sitzt, steigert die Fähigkeiten und Level eurer Pokémon. Mit eurem im Kampf gestärkten Team wandert ihr von Arena zu Arena und holt euch durch Siege die jeweiligen Orden, um es am Ende mit dem Champ der Galar-Region aufzunehmen. Getreu dem Motto "Ich will der Allerbeste sein" lasst ihr euch durch nichts aufhalten. Es ist das Grundthema eines jeden Pokémon-Spiels, zugleich streut Game Freak hier noch eine Geschichte rund um die beiden legendären Pokémon mit ein. Beides läuft weitestgehend nebeneinander her, ohne dabei groß zu glänzen.

Was mir gefällt, ist der von Großbritannien inspirierte Stil der Galar-Region. Ihr bereist schön abwechslungsreiche Gegenden - von der saftig grünen Naturzone bis hin zur industriellen Stadt Engine City - mit unterschiedlicher Architektur, hinzu kommt eine stimmungsvolle Musikuntermalung mit Einflüssen, die zum Teil schottisch klingen. Das zieht sich durch das gesamte Spiel, von den Anspielungen auf die Geoglyphen englischer Hügel bis hin zu den Pokémon, wie dem Teekannen-Pokémon Mortipot oder der Galar-Version von Smogmog mit Schnurrbart und einem an einen Zylinder erinnernden Schornstein auf dem Kopf.

Hier haben wir Tricks und Tipps zum Spiel: Pokémon Schwert und Schild - Die große Komplettlösung mit Tipps und Tricks

In jedem Fall habt ihr in Schwert und Schild eine Menge zu tun. Ich brauchte zirka 20 Stunden für die Hauptstory des Spiels und alles was dazugehört - und das für den Test mit ein wenig mehr Tempo, als ich es normalerweise getan hätte. Mittlerweile habe ich zirka 50 Stunden ins Spiel reingebuttert und noch nicht die Hälfte aller Pokémon im Spiel gefangen. Es sind nicht alle, aber noch immer Hunderte, die es zu suchen und zu fangen gibt. Und wo sich manche davon verstecken oder wie sie zu bekommen sind, gilt es noch herauszufinden. Wer dann noch die schillernden Formen fangen möchte, ist für längere Zeit beschäftigt. Des Weiteren habt ihr die Möglichkeit, Kämpfe gegen andere Trainer auszutragen, euch mit Raids in der Naturzone zu beschäftigen - wobei ihr auf Wunsch gemeinsam mit anderen Spielern antretet - und euch auf die Suche nach jedem noch so kleinen Detail zu machen. Wie heißt es so schön? Schnapp' sie dir alle! Wer das zum Ziel hat, ist eine Weile beschäftigt. Und wer es einmal durchspielt und dann ad acta legt, hat damit nicht viel mehr oder weniger Freude als in früheren Teilen.

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Pikachu darf nicht fehlen. (Pokémon Schwert und Schild - Test)

Ansonsten habt ihr verschiedene neue Optionen, eure Pokémon zu trainieren, indem ihr zum Beispiel EP-Bonbons bekommt und ihre Erfahrungspunkte steigert, sie im Hintergrund PokéJobs absolvieren oder im Hort neue Ei-Attacken ausbrüten lasst oder gezielt einzelne Attribute verbessert. Es nimmt dem Spiel ein wenig was von dem Grind, den ich zum Beispiel in Let's Go erlebe, wenn ich meine Pokémon zum Kampf gegen die Meistertrainer hochleveln möchte. Vermissen tue ich den Grind daher nicht. Apropos Meistertrainer: Die gibt es hier als Endgame-Content leider nicht. In Anbetracht der vielen Pokémon verständlich, das wären nochmal hunderte NPCs, die die Entwickler unterbringen müssten. Eine Idee wäre gewesen, die Meistertrainer auf die neuen Pokémon der achten Generation zu beschränken. Wieso kam darauf keiner?

Wichtig ist: Ob Pokémon entdecken und fangen, kämpfen oder Arenaleiter besiegen, das alles macht Spaß. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich in all den Spielstunden je gelangweilt hätte. Und ist es nicht das, was am Ende zählt? Wie erwähnt, stören mich die fehlenden Pokémon weniger, es gibt ausreichend von ihnen zu fangen und das Spiel bietet euch einige Beschäftigungsmöglichkeiten, bis ihr euren Pokédex vervollständigt habt. Es ist ein enorm subjektiver Kritikpunkt, bei dem jeder mit sich ausmachen muss, ob es ein Grund ist, die Spiele nicht zu kaufen.

Dass es Spaß macht, soll jetzt nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Spiel auf technischer Seite seine Probleme hat und manche Features vermissen lässt. So schön die von Großbritannien inspirierte Welt in ihren Grundzügen umgesetzt ist, Texturen und Animationen lassen zu wünschen übrig und stehen nicht allein eine Stufe unter anderen Switch-Exklusivtiteln - je nach Ort fällt es mal mehr, mal weniger auf. Es gibt vereinzelte Bugs, Pop-ins und sichtbare Grenzen, an denen entfernte Texturen schärfer dargestellt werden. Das geht definitiv besser und ich hoffe, dass sich Game Freak für das nächste Spiel mehr Zeit nimmt, um ein technisch sauberes Werk abzuliefern und vermisste Features zurückzubringen. Dann klappt es vielleicht auch damit, das allerbeste Pokémon-Spiel auf der Switch abzuliefern.

An vielen Ecken scheint durch, was Pokémon im Grunde großartig macht. Schade, dass sich dabei einiges so unrund und bisweilen unfertig anfühlt. Stören euch all die erwähnten Dinge wenig, dann kauft es euch und habt Spaß damit. In ihrer Gesamtheit fühlen sich Schwert und Schild aber nicht nach dem Generationssprung an, der beim Wechsel vom 3DS auf die Switch zu erwarten war. Es ist ein gutes Pokémon-Spiel. Aber es nicht das, was Breath of the Wild für Zelda oder was Odyssey für Super Mario auf der Switch bedeuteten.

Entwickler/Publisher: Game Freak/Nintendo - Erscheint für: Switch - Preis: zirka 50 bis 60 Euro - Erscheint am: 15. November - Getestete Version: Switch - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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