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Mato Anomalies im Test: Nicht ganz das Cyberpunk-JRPG, das ich gerne gespielt hätte

Das große ABER.

Mato Anomalies ist ein JRPG mit gutem Kampfsystem und interessanten Ideen. Leider bleibt die Umsetzung durch den monotonen Spielfluss nur mittelmäßig. Auf Switch technisch unter ferner liefen.

getestet auf Nintendo Switch und PlayStation 5.

Das chinesische Entwicklerstudio Arrowiz setzt mit seinem neusten Spiel Mato Anomalies ein interessantes Konzept in die Tat um. Kurz gesagt geht es darum, Cyberpunk mit JRPG und Visual Novel zu vereinen. Als Noir-Detektiv soll man dabei Rätsel im Untergrund von Neo-Shanghai lösen, menschliche oder natürlich künstliche Intelligenzen kennenlernen und sich mit dem Größenwahn des bösen Konglomerats auseinandersetzen — wie man es eben vom dystopischen Genre gewohnt ist.

Noir mit Cyberpunk zu mischen und die Spielwelt zwischen einer Neon-gefüllten Metropole für Detektivarbeit und einer Schattenwelt für Kämpfe aufzuteilen, klingt auf dem Papier wie ein thematischer Volltreffer und erinnert natürlich an Blade Runner. Doch geht dieses Konzept im Spiel wirklich auf und macht es dann so viel Spaß, wie es andeutet? Das habe ich mir auf gleich zwei Konsolen genauer angeschaut. Auch, weshalb ich dafür mehrere Konsolen nutzen musste, erfahrt ihr im folgenden Test oder im obigen Video.

Dystopie gehört nur in die Geschichte!

Mato Anomalies: Cyberpunk und Noir ist eigentlich ein No-Brainer, oder?! | Image credit: Mato Anomalies

Der etwas kryptische Name setzt sich aus "Anomalies" - also Anomalien - und der Stadt "Mato" zusammen, die im Spiel den zentralen Schauplatz darstellt. Mato ist eine Metropole, die Neo-Shanghai darstellen soll. Neo-Städte werden gerne bei Cyberpunk genutzt, um eine dystopische Version einer existierenden Stadt zu schaffen und sie mit Neonlichtern zu schmücken. In dieser schlüpfen wir in die Rolle von Doe, einem geheimnisvollen Detektiv. Schnell ist er in einen besonders heiklen Fall verwickelt, in dem er auf eine düstere Schattenwelt und ein großes Problem stößt, das die gesamte Metropole betrifft. Natürlich dürfen dabei ein böser Firmenchef und der moralische Zwiespalt eines einfachen Arbeiters nicht fehlen.

Die Anomalien hingegen finden in der Metasphäre statt, der eben genannten Schattenwelt, die zunächst nur mit einem Samurai namens Gram erkundet werden kann. Dieser bringt die nötigen Fähigkeiten mit, um gegen surreale Geschöpfe aus dem Untergrund zu kämpfen. Später kommen weitere Verbündete hinzu, die in der Metasphäre helfen können. Ähnlich wie bei Persona, birgt die Schattenwelt Geheimnisse und Intentionen eines wichtigen Gegenspielers, der euch meist durch ein Kapitel begleitet. Diese wirken sich dann auf die Detektivarbeit in der realen Welt aus.

Mato Anomalies bietet spannende Rundenkämpfe und surreales Gegnerdesign. Aber reicht das, um 20 Stunden lang zu unterhalten? | Image credit: Mato Anomalies

Neo-Shanghai ist voller strahlender Ideen..

Die Detektivarbeit wird in erster Linie in Mato selbst ausgeführt. Dabei darf man viele Gebiete recht frei erkunden und mit verschiedensten NPCs sprechen, Händler aufsuchen, Hinweise sammeln und sogar mit Hunden und Katzen spielen. Wer sich bereits an der futuristischen Umgebung sattgesehen hat, dem wird ein Schnellreise-System angeboten, bei dem wichtige Ziele markiert sind. Die Schnellreise sieht aus, wie ein Bahnnetz und erzeugt das Gefühl, dass es in Neo-Shanghai keine anderen Fahrzeuge gibt. Ihr werdet schnell auf Nebenquests stoßen, die weitere Einzelheiten der Metropole offenbaren und euch am Leben ihrer Bewohner teilhaben lassen.

Nicht alle Missionen werden durch offene Schauplätze erzählt. Manche Gebiete sind lediglich hübsche Hintergrundbilder, deren Geschichten ihr euch im Visual-Novel-Stil durchlesen müsst. Diese sind immer schön gestaltet, was nicht überrascht, denn Arrowiz hat mit diesem Spielelement bereits Erfahrung. Wichtige Passagen der Hauptgeschichte werden zusätzlich durch kurze Animationen oder vertone Comic-Seiten geschildert, die eine gute Abwechslung zur gewohnten Darstellung der Geschichte bieten. Die Atmosphäre wird von der entspannten Musik untermalt, die oft futuristische Klänge erzeugt, manchmal aber mit Cantopop überrascht und eine kulturelle Note ins Spiel bringt, die viele der Orte erfrischt.

Die Art, wie die Geschichte von Mato Anomalies erzählt wird, ist sehr abwechslungsreich. Aber die Lokalisierung lässt Gespräche oft zusammenhangslos wirken. | Image credit: Mato Anomalies

Des Weiteren gibt es noch sogenannte Mind Hacks. Dabei müssen Schlüsselfiguren davon überzeugt werden, euch zu helfen, selbst wenn sie das nicht wollen. Der Name erinnert natürlich an ein Element aus Cyberpunk 2077, doch der Spielablauf gestaltet sich völlig anders. Hierbei bekommt nämlich jeder eurer Hauptfiguren ein besonderes Kartendeck, welches den Verteidigungsmechanismus der Zielperson überlisten muss, damit diese umgestimmt werden kann. Ein interessantes Spielelement, das in den ersten Versuchen Spaß macht und für noch mehr Abwechslung sorgen will, doch schnell auf Probleme stößt — dazu gleich mehr.

Zu guter Letzt wäre da noch die Metasphäre mit ihren abgefahrenen Gegnern. So ein Design habe ich bisher noch nicht gesehen und finde, es passt perfekt zu Mato Anomalies, weil es die Stimmung in der Schattenwelt gekonnt einfängt. Die Dungeons selbst sind, wie die Missionen, in Haupt- und Neben-Dungeons aufgeteilt. Habt ihr ein Kapitel beendet, so könnt ihr trotzdem in die Metasphäre der letzten Geschichte eintauchen, um beispielsweise mehr Erfahrung oder neue Fähigkeiten zu sammeln. Manchmal gibt es auch Nebenmissionen, in denen ihr unterwegs Monumente findet, die euch einen besonderen Boost verleihen. Die Verteidigung oder kritische Trefferrate aller Gruppenmitglieder kann so zum Beispiel temporär gesteigert werden.

Die Dungeons für die Hauptmissionen fallen größer aus und sind mit kleinen Rätseln gespickt. Manchmal muss Gram zum richtigen Zeitpunkt unter Hindernissen durchlaufen, um nicht zerquetscht zu werden oder Hebel ziehen, um bestimmte Gänge freizuräumen. Diese Rätsel waren nicht sonderlich schwer, aber auch nicht zu lang, sodass man schön im Spielfluss bleibt. Zudem bieten die Haupt-Dungeons immer eine Thematik, bei der das Design zum aktuellen Kapitel passt. Leider fehlt mir hier die Option auf eine schnellere Schrittgeschwindigkeit. Trotz des Designs, der Rätsel und der abwechslungsreichen Monster wirken die großen Dungeons außerdem leer.

Natürlich erwartet euch am Ende jedes Kapitels ein Boss. Diese sind bei Mato Anomalies besonders surreal. | Image credit: Mato Anomalies

Die Rundenkämpfe selbst sind ein echtes Highlight, denn um der repetitiven Nutzung von nur einer starken Fähigkeit entgegenzuwirken, werden alle Attacken — außer dem Standardangriff — mit einer Abklingzeit belegt. Es gibt zudem die in JRPGs gewohnten Super-Attacken, welche entweder besonders viel Schaden austeilen oder andere Vorteile für das Team bringen. Um diese nutzen zu können, muss auch bei Mato Anomalies zuerst eine Leiste durch Angriffe aufgefüllt werden. Auch Gegner haben besondere Fähigkeiten, die ihr eigenes Team verstärken oder euer abschwächen können. Und auch ein Schere-Stein-Papier-System, um gegenseitig Stärken und Schwächen auszuspielen, darf nicht fehlen.

Ich glaube, der Kampf machte mir außerdem so viel Spaß, weil die Verteilung der späteren Figuren im Kampf gut gelungen ist. Jeder Kampf fühlt sich an, wie ein gut koordinierter Tanz, bei dem man auf jeden Einsatz achtet, ohne dass es zu anstrengend wird.

...und schmutziger Umsetzung

Trotz der vielen Schwärmereien kann ich aber nicht ignorieren, dass bei jedem der oben genannten Punkte mindestens ein negativer Aspekt ins auffiel, der das Spielerlebnis leider enorm beeinflusste. So gibt es in der großen Stadt nicht sonderlich viele Orte, die man mit Doe frei erkunden kann. Am Schluss wirken die bekannten Gebiete monoton und ich habe mich bereits im ersten Kapitel dabei erwischt, für die Hauptmissionen ständig die Schnellreise zu nutzen, ohne Interesse an meiner Umgebung zu zeigen. Später kommen zwar ein paar neue Schauplätze hinzu, doch auch die werden schnell langweilig. Vielleicht, weil Doe nicht wirklich Detektivarbeit leisten kann, denn ständig wird einem vorgegeben, wo man was findet. Die unsichtbaren Wände lassen die freien Flächen zudem schnell wie ein Schlauch wirken, den man für die Geschichte abarbeitet.

Ja, Neo-Shanghai ist schön. Aber selbst der schönste Schauplatz kann monoton wirken, wenn man ihn ständig sehen muss. | Image credit: Mato Anonalies

Hinzu kommt die kleine Schriftart bei den Visual-Novel-Szenen, die keine Lust auf das Lesen macht — insbesondere dann nicht, wenn man die Switch im Handheld benutzt. Auf dem großen Bildschirm ist es kein Problem, aber die langen Textpassagen, welche oft unwichtige Informationen enthalten, machen den Lesefluss nicht besser. Hinzu kommt eine schlechte Lokalisierung, deren Begriffe mich oft verwirrt haben. Warum nutzt man beispielsweise "Gastgeber" als Bezeichnung für eine Zielperson, die man umstimmen will? Gerade beim Kartenspiel wurde das zu einer echten Herausforderung. Hier sind die Begriffe nämlich wichtig, um ein Level zu schaffen. Dass man die Passagen nach mehreren gescheiterten Versuchen überspringen kann, ist sehr hilfreich, aber erweckt auch den Eindruck, dass das Spielsystem selbst noch nicht ausgereift ist. In wenigen Fällen waren sogar Texte überhaupt nicht übersetzt und erschienen auf Englisch, statt deutsch.

Leider kann ich zusätzlich nicht leugnen, dass die Performance auf der Nintendo Switch in vielerlei Hinsicht einfach sehr schlecht war. Ständig hatte ich das Gefühl, ich spiele auf einer Glaskugel, die jederzeit in sich zusammenbrechen könnte. Oft stockte das Bild und die Musik fiel plötzlich aus. Ladezeiten waren unregelmäßig und auch das Bild in den Filmsequenzen fragwürdig kraus. Von der Framerate brauche ich gar nicht erst anzufangen. "Zum Glück" stürzte das Spiel da nur ein mal ab, wobei mir der Autospeicher den Fortschritt rettete.

Der Stil von Mato Anomalies ist einzigartig. | Image credit: Mato Anomalies

Natürlich wollte ich deshalb zum Vergleich die (beigelegte) PlayStation-Version mittesten. Und siehe da, hier sind Welten zwischen: Die Framrate ist konstant, kein Kräuseln, keine Ladezeiten, keine eigenartigen Abbrüche der Musik. Soweit ich die PC-Version in Streams beurteilen kann, scheint diese ebenfalls gut zu funktionieren. Schade, dass keine Optimierung für die Switch stattfand, denn ich finde, das Genre und der Spielstil eignet sie für die tragbare Konsole am besten.

Mato Anomalies im Test – Fazit

Mato Anomalies ist ein interessantes JRPG mit vielen guten Ideen. In der Umsetzung scheitern diese daran, dass die Abwechslung der unterschiedlichen Spielelemente nicht reicht, damit die rund 20 Stunden nicht monoton wirken. Natürlich ist eine schlechte Lokalisierung und die mangelnde Leistungsfähigkeit auf der Switch besonders ärgerlich. Aber selbst auf Englisch und auf der PlayStation 5 wirkt Mato Anomalies nicht wirklich zeitgemäß und erreicht eben nur Mittelmaß — sowohl unter JRPGs als auch unter Visual Novels oder Detektivspielen. Besonders positiv möchte ich aber die einzigartige Atmosphäre hervorheben, die durch das Design und das wirklich gelungene Kampfsystem geschaffen wird. JRPG-Fans können einen Blick darauf werfen, wenn sie ein wenig Frische und neue Ideen im Genre vermissen. Von der Switch-Version solltet ihr leider in jedem Fall die Finger lassen.

Mato Anomalies im Test – Wertung PS5: 6/10

Mato Anomalies im Test – Wertung Switch: 4/10

Mato Anomalies
PROCONTRA
  • Viele gute Ideen, inklusive vielfältigem Gameplay
  • Schönes Design von Monstern, Charakteren, Benutzeroberfläche und Neo-Shanghai
  • Cyberpunk und Noir werden in der Geschichte passend widergespiegelt
  • JRPG-Kampfsystem macht total viel Spaß dank der Abklingzeit für die stärkeren Attacken
  • Generell bietet das Spiel ein sehr eigenes und interessantes Ambiente - gerade unter JRPGs
  • Switch-Version fühlt sich an, als könnte das Spiel jederzeit zusammenbrechen
  • Monotoner Ablauf zwischen Geschichte, Kampf und Rätsel
  • Kaum Detektivarbeit vorhanden: Man bekommt alle Wegpunkte vorgegeben, ohne selbst eingreifen zu müssen
  • Dungeons wirken leer und langsam
  • Fehler in der Lokalisierung, bis hin zu englischen Sätzen in der deutschen Version
  • Die erkundbaren Schauplätze sind arg begrenzt

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