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Wolfenstein

Der sich den Wolf rennt

Mimikry ist nicht nur ein lustiges Wort, sondern auch eine tolle Erfindung der Natur. Bei dieser Art der Tarnung tun Tiere, als würden sie einer anderen, viel tolleren Gattung angehören. Von der gelbschwarzen Schwebfliege etwa denken viele potenzielle Fressfeinde:

„Uiuiui, die kann bestimmt ungemütlich werden, diese Wespe! Ne, die verspeise ich besser nicht, da geh ich heute mal lieber zu McDonald's.“

Oder so ähnlich halt.

Wolfenstein, und jetzt kommen wir zum Punkt, betreibt Software-Mimikry. Der neue Spross der berühmt-berüchtigten Ego-Shooter-Reihe mimt ein „Open World“-Abenteuer. Er möchte dem Nutzer die Illusion vermitteln, dieser könne sich frei bewegen und frei entscheiden, was ihm zu tun gelüstet. Ein Vertreter der alten Schule macht auf modern – kann das gutgehen? Diese Frage entpuppte sich während des Tests als Casus knaxus, wie der Hobby-Lateiner zu sagen pflegt.

Grundsätzlich ist alles wie gehabt, was Fans prima finden dürften: Der Spieler schlüpft in die Rolle des amerikanischen Super-Einzelkämpfers B.J. Blazkowicz, den das actionreiche und witzige Einleitungsfilmchen im Indiana-Jones-Stil dermaßen cool darstellt, dass es in seinem direkten Umfeld eigentlich ständig schneien müsste. Sein Auftrag: die Nazis stoppen. Dies darf er in vier Schwierigkeitsgraden versuchen, wobei freies Speichern nicht möglich ist. Wie mittlerweile genreüblich verfügt der Held über Wunderheilkräfte à la Jesus und muss bei Verletzungen nur kurz in Deckung gehen, um wieder gesund zu werden.

Diese Soldaten schleudert es nicht wegen einer Explosion herum, sondern weil die Schwerkraft aufgehoben ist.

Weil Wolfenstein eine alternative Realität des Zweiten Weltkriegs zum Thema hat, nutzen Hitlers virtuelle Schergen bei ihrem Streben nach Macht allerlei schwarzmagischen Schnick und Schnack. Folgerichtig schlagt ihr euch nicht nur mit Hundertschaften von Normhelmträgern herum, sondern auch mit gepimpten Übersoldaten, Monstern und anderen mystischen Kreaturen. Blazkowicz nutzt außer den üblichen Waffen futuristische Friedensstifter. Mein Favorit, und zwar wegen der fröhlich klingenden Bezeichnung: die Leichenfaust 44.

Mit dem Zweiten Weltkrieg hat das Spiel letztlich so viel zu tun wie die auftauchenden Gegner mit herausragender künstlicher Intelligenz. Denn um die Jugend zu schützen, ist der Shooter hierzulande auch für Erwachsene in veränderter Form erschienen: Ihr kämpft nicht gegen die Wehrmacht, sondern gegen „Wölfe“, Obernazis wie General Zetta heißen „Alphawolf Zetta“, und es gibt keine herumfliegenden Pixelkörperteile. Virtuelles Blut und brennende Gegner, die etwa durch euren Flammenwerfer oder die obligatorischen explodierenden Fässer Feuer fangen, schon. Klar, dass verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze und SS-Runen entfernt wurden.

Ausgehend von der fiktiven Stadt Isenstadt erledigt ihr vor allem Aufträge für eine Widerstandsbewegung mit dem Namen Kreisauer Kreis. Stadt Isenstadt? Kreisauer Kreis? An dieser Stelle ein Dank an den Klang der deutschen Sprache, fehlt eigentlich nur noch, dass der Held des Abenteuers Blasi Blazkowicz heißt. Mann!

Der schwere Kampfanzug des Herrn links geht gleich in die Luft, weil der Held gezielt die Schwachstellen attackiert hat.

Doch zum Kernproblem: Um euch vorzugaukeln, ihr hättet eine offene Spielwelt vor euch, stehen für den Recken oft mehrere Haupt- und Nebenmissionen zur Wahl, die er in beliebiger Reihenfolge absolvieren kann. So weit so gut. Dummerweise schicken einen die Auftraggeber ständig von A nach B, von Saulus zu Paulus und von Hinz zu Kunz, sodass ihr euch, um in der Terminologie des Spiels zu bleiben, einen Wolf lauft. Dabei müssen die kleinen Abschnitte häufig nachgeladen werden. Bereits über den Jordan geschubstes Gesindel taucht in den Stadtvierteln immer wieder auf, an den immer selben Stellen.

Eine derartige Todsünde, „Respawn“ genannt, mindert natürlich die Glaubwürdigkeit einer virtuellen Welt. Hier ist wohlgemerkt nicht vom hanebüchenen Szenario an sich die Rede – das ist absolut okay und von Liebhabern der Serie wohl sogar gewünscht. Es geht vielmehr um Design-Details: Ich muss mich immer und immer wieder durch strohdumme Schießbudenfiguren wühlen, die nicht mal Trefferzonen haben. Sie sinken also selbst nach zwei Schüssen in den kleinen Zeh tot darnieder.