Nicht ohne mein Handy!

Die Ausmaße der japanischen Mobilsucht und die vier Stufen der Abhängigkeit.

Wer sich in Japan befindet, kommt an langen und vor allem häufigen Fahrten mit der Straßenbahn nicht vorbei. Zumindest in Großstädten wie Tokyo oder während der Reise dorthin verbringt ihr einen Großteil eurer Zeit in den rappelnden Waggons. Und obwohl dort interessante Erlebnisse auf jeden von euch warten - die fehlgeführte Hand eines älteren Mannes an meinem Hintern bei hohem Passagieraufkommen gehört sicherlich zu meinen persönlichen Highlights -, kann einem Phänomen wirklich niemand entgehen. Japaner können ohne ihr Handy nicht leben.

Ich bin mittlerweile wirklich der festen Überzeugung, dass ein Japaner auf die Frage „Fuß oder Handy?", gleich sein ganzes Bein abtrennt, bevor er auch nur für eine Sekunde den Blick vom mobilen Bildschirm wendet. Die Geräte gehören mittlerweile als festes Organ zum Körper und ich weiß nicht, wie lange sie ohne Zugang überleben. Eine gewisse Affinität zur mobilen Technik hatte ich ja erwartet. Immerhin gehörte Japan zu den frühen Vorreitern und schon zu Beginn der Jahrtausendwände liefen die meisten Leute mit internetfähigen Handys durch die Straßen und verschickten fröhlich E-Mails, während die meisten von uns froh waren, zu dieser Zeit überhaupt eine stabile Verbindung zu bekommen.

Beeindruckende Zahlen

Der erste Schlag traf mich im Sommer auf der letzten Tokyo Game Show, als Spiele für Smartphones fast die Hälfte aller Hallen besetzten und teils sogar größere Stände boten als Capcom oder Konami. Richtig wahrhaben wollte ich diesen Trend zuerst nicht, bis meine Augen dann endlich auf die realen Zahlen stießen. So erreicht beispielsweise GREE, einer der größten Anbieter für Free-to-play-Titel, schon seit 2011 Verkäufe im Wert von 400 Millionen Dollar pro Quartal, die damit weit über denen von Zynga liegen, deren Quartalseinnahmen sich durchschnittlich auf 300 Millionen Dollar belaufen. Dabei schaffte GREE diese Zahlen bereits vor der kürzlichen Ausbreitung in den globalen Markt. Allein mit und in Japan.

Eine der aktuell beliebtesten Apps ist Line, die sich auf rund einem Drittel aller Smartphones in Japan befindet.

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Und eine persönliche Klonarmee besitzen sie auch.

2011 sorgte das Spiel Tanken Doliland für Aufsehen, das monatlich 26 Millionen Dollar nur mit dem Verkauf von optionalen Gegenständen einbrachte. Im Durchschnitt beteiligen sich rund 50 Prozent aller Käufer solcher Inhalte jeden Monat an weiteren Ausgaben. Im Schnitt 1.500 Yen, was nach aktuellem Kurs stolze 12 Euro sind. Dabei machen Spiele nur einen Teil der investierten Zeit aus.

Wesentlich mehr Aktivität wird genau wie bei uns dem Versenden von Nachrichten gewidmet, wobei auch hier ordentlich Geld fließt. Eine der aktuell beliebtesten Apps ist Line, die sich auf rund einem Drittel aller Smartphones in Japan befindet. Mit Line verschicken die Nutzer kostenlose Nachrichten in fast alle Netze. Da normale Texte für Japaner allerdings zu langweilig aussehen, bietet der Hersteller NHN Sticker - unterschiedlichste Formen von Smilies - zum Kauf an. Mittlerweile fließen dadurch 3,75 Millionen Dollar monatlich über die virtuelle Ladentheke. Wer einmal in die Textnachrichten eines japanischen Handys blicken durfte, weiß genau, wie sehr Japaner ihre Emoticons lieben und sich ohne nicht mehr verständigen können.

Vier Typen, eine Leidenschaft

Damit sich diese Ausgaben auch lohnen, muss natürlich ebenso viel Zeit in die Anwendungen investiert werden. Und glaubt mir, die Japaner lassen dazu keine Sekunde ungenutzt, weswegen es vor allem in den Straßenbahnen zu unwirklichen Sichtungen kommt, die schon fast an akrobatische Meisterleistungen grenzen. Nur schaffen es nicht alle sofort, die Oberklasse solcher Kunststücke punktgenau zu landen. Selbst ein begabter Tokioter muss einmal klein anfangen. Lasst mich euch also die verschiedenen Stufen der mobilen Geschicklichkeit erläutern, so wie ich sie beobachtete.

Leichte Ruckler im Verkehr bringen sie schnell aus dem Konzept und sorgen zudem für wackelnde Beine, worunter die Haltung leidet.

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Upskirting als Hobby lasse ich dabei lieber unerwähnt.

Stufe 1 - Der Anfänger

Meist handelt es sich hierbei um Neuzugänge oder ältere Personen, deren motorische Fähigkeiten sich entweder noch auf einer unerfahrenen Stufe befinden oder die durch ihr hohes Alter gehandicapt sind. Sie müssen sich häufig hinsetzen, um ihr Handy zu bedienen oder halten sich während der Bahnfahrt zumindest noch an den Halterungen fest. Leichte Ruckler im Verkehr bringen sie schnell aus dem Konzept und sorgen zudem für wackelnde Beine, worunter die Haltung leidet. Oft schaffen sie es nicht, für längere Zeit den Blick gezielt auf ihr Gerät zu richten und schauen zwischenzeitlich immer auf andere Objekte in ihrer Umgebung. Der Anfänger lässt sich am ehesten mit dem normalen Europäer vergleichen, der nicht sein Leben riskieren will, nur um seiner besten Freundin drei tanzende Bären in der nächsten Textnachricht zu senden.

Stufe 2 - Der fokussierte Akrobat

Ab sofort wird der Sitz in der Bahn zum persönlichen Feind. Warum sollte man sich hinsetzen, wenn die Orientierung in dem vollen Gefährt nur wertvolle Zeit kostet, die ansonsten mit dem Handy verbracht werden könnte? Sobald die Person den Zug betritt, stellt sie sich in die Nähe des Ausgangs und bleibt auch dort. Während des Übergangs zwischen den ersten beiden Stadien lehnt er sich gegebenenfalls noch an den Türen an, doch recht bald legt er diese Stützräder ab und entwickelt ein unmenschliches Gleichgewichtsgefühl.

Der Stufe-2-User scheint seine gesamte Körpermasse in die Füße zu verlagern oder zumindest Blei in den Schuhen zu tragen. Selbst die stärkste Kurve oder kräftigste Bremsung kriegt ihn nicht umgestoßen. Manchmal blinzelt er noch mit den Augen oder schaut kurz zur Seite, doch die meiste Zeit bleibt der Blick fest auf den Bildschirm gerichtet, während er eins der über Hundert verschiedenen Match-3-Titel spielt. Wahrscheinlich Zoo Keeper DX. Es ist fast immer Zoo Keeper.

Warum sollte man sich hinsetzen, wenn die Orientierung in dem vollen Gefährt nur wertvolle Zeit kostet, die ansonsten mit dem Handy verbracht werden könnte?

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Zu Recht!

Stufe 3 - Der Zombie

Jetzt wird es langsam gruselig. Sobald das Handy ausgepackt wird, scheint in in Stufe 3 jegliche Menschlichkeit aus dem Körper zu weichen. Die Haltung festigt sich, der Arm friert ein und die Augen bleiben in fester Position. Egal, was gerade um einen passiert. Schon vor dem Eintreffen der Bahn hält der Zombie sein Mobilgerät vor sich. Selbst Treppen überwinden sie zwischen den eilenden Menschenmassen mit Leichtigkeit. Manchmal stolpert einer von ihnen oder fällt regelrecht in eine Person hinein, doch das macht dem Zombie wenig aus.

Hauptsache er konnte noch rechtzeitig die letzte Nachricht versenden oder das restliche Monatsgehalt in Katzen-Sticker investieren. Wirklich schmerzhaft wurde es nur für eine Frau, die mit ihrem iPhone vor dem Gesicht rückwärts in eine volle Bahn steigen wollte. Der Kopf dabei in einer festen Starre auf das Gerät gerichtet, merkte sie nicht den Schwung der Türen, die eine Sekunde später mit Wucht in ihre Schultern stießen. Aber sie hätte nicht diese Stufe erreicht, wenn es ihr überhaupt nichts ausgemacht hätte. Doch es geht noch ein wenig extremer.

Stadium 4 - Der Lebensmüde

Verbeugt euch vor den wahren Meistern der japanischen Handysucht, bei deren Anblick sich Darwin Freudentränen aus dem Auge hätte wischen müssen. Ihnen ist kein Risiko zu hoch und die eigene Gesundheit vollkommen egal. Hier bedient man das Handy nur noch während der Fortbewegung. Der ständige Einsatz am überfüllten Bahnhof gefolgt von schnellen Bekanntschaften mit der nächsten Wand sind nur der Beginn. Richtige Vollprofis packen ihr Gerät selbst auf dem Roller oder dem Fahrrad aus. Einhändig steuert es sich anscheinend am angenehmsten. Ist diese Stufe des Lebensmüden erst einmal erreicht, gibt es kein zurück mehr. Die Verwandlung ist vollzogen und das Handy als vitales Organ vom Körper absorbiert. Eine Trennung ist nicht länger möglich.

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Wahrscheinlich schreiben sie noch untereinander.

Die Wahrheit, die zurück bleibt

Zugegebenermaßen klingt es zunächst vielleicht ein wenig überspitzt beschrieben, doch der übermäßige Gebrauch des Mobiltelefons dürfte selbst gestählte Bahnfahrer aus Deutschland überraschen. Wenn wirklich jede Person um euch herum wie verzaubert auf das kleine Ding in seiner Hand starrt und ihr seht, wie viele Smilies Japaner in eine simple Nachricht packen können, fühlt sich euer Umfeld auf einen Schlag noch seltsamer an.

Dabei ist es die Art des Umgangs, die so fremdartig wirkt. Von jeglichen Emotionen befreit, steht jeder für sich isoliert neben dem nächsten Handy-Zombie und bricht den Blickkontakt zum Bildschirm nur im höchsten Notfall ab. Sicherlich spielt die japanische Etikette einem solchen Verhalten perfekt in die Karten. Schließlich ist Reden am Telefon in der Bahn strickt untersagt und auch so finden sich sprechende Gruppen eher selten. Es lässt reine Text-Kommunikation allerdings noch eigenartiger wirken, wenn jemand alle Nachrichten voller Sticker packt, obwohl das Gesicht dabei von jeglichen Emotionen befreit ist. Zumindest gestaltet sich dadurch die Reise für euch interessanter.

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Über den Autor:

Björn Balg

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Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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