Fallout 76 - Der erste Tag zwischen Wasser kochen und Dämonen am Himmel

Und plötzlich war ich nicht mehr allein.

Das waren ein paar interessante erste Stunden, nach denen ich ein paar Dinge sagen kann und eine ganze Menge Fragen noch nicht so richtig für mich beantworten konnte. Fallout 76 ... ist es jetzt ein echtes Fallout, fühlt es sich wie eines an? Nun, ja und nein. Die Handhabe, Inventar, Macken der Steuerung, das Design vieler Objekte, vieles entstammt natürlich direkt der Fallout-DNS. Anderes, wie der Look der Welt mit seinem zuerst sehr satten Grün plus Indian Summer, das halte ich für einen sehr spannenden Touch, erfrischend und reizvoll. Aber Fallout? Nicht das, was man erwarten würde, doch ein Blick auf die große Karte zeigt auch, dass man im Westen startet und die Brauntöne in Richtung Osten immer dunkler und bedrohlicher werden. Ground Zero scheint irgendwo unten rechts in der Ecke zu sein. Da wird es dann wohl mehr wie Fallout. Und auch wenn es keinen Mangel an Quests gibt, nach einem halben Dutzend Stunden habe ich noch keinen lebendigen NPC gesehen, der keine Aufnahme oder ein Roboter war. Nicht viel los in den gar nicht so wüst wirkenden Wastelands ...

Aber von Anfang an. Ihr entwerft relativ handelsüblich einen Charakter mit dem üblichen Set an Möglichkeiten. Alle Werte sind auf Anfang als ihr eure ersten Schritte wagt. Vault 76 ist ein ganz unterhaltsamer Ort, schien eine gute Zeit hier gewesen zu sein, als draußen die Apokalypse kam, aber jenseits von ein paar Infohäppchen und grundlegendster Ausrüstung gibt es nicht mehr als warme Worte auf den Weg. Ihr seid hier immer noch allein, als ihr aus dem Vault tretet. Oder ich war es zumindest. Die Welt vor mir ist groß und offen und statt mich an irgendwas zu halten, was wie eine Quest aussieht, spaziere ich los.

1
Ein neuer Tag, bevor alle anderen aufstehen ...

Zuerst verprügle ich eine Ratte, dann finde ich eine Machete bei einem Mutanten, der auch nicht viel Gegenwehr bot. Ich entdecke eine alte Hütte, sammle nebenbei Tonnen an Schrott aller Art ein, entdecke, dass ich verdrecktes Wasser an Feuerstellen abkochen kann. Die Ratte wird in ein schmackhaftes Mahl verwandelt, eine Flasche Bier habe ich auch noch gefunden und ein altes Bett sorgt dafür, dass ich im Schlaf heile, ohne eines der wertvollen Stimpacks zu verbraten. Nice, eine halbe Stunde und schon kann ich eigentlich alles, was man zum Überleben braucht. Ich finde eine Werkbank hinter dem Haus und repariere nicht nur meine Machete, sondern rüste sie mit Sägezähnen auf, ich flicke eine Schrotflinte, ich bin gut in diesem Survival-Zeugs!

2
Wenn ihr Bob seht ... seid nett zu ihm.

So gut, dass ich mich erinnere, noch im Vault was von Camps gelesen zu haben und ja, im Pip-Boy gibt es eine Option dafür. Es beginnt mit einer Art Positionsmarker, dann verlege ich ein paar Bodenplatten, das gesammelte Holz reicht schon für Wände, aber noch kein Dach. Ich kann ein einfaches Bett, eine Sammelkiste und eine Kochstelle craften. Noch unter einer Stunde und schon bin ich der König des kleinen Hügels südwestlich von Vault 76, ein fürstliches Schloss inklusive. Ich habe immer noch keine Ahnung, was genau das Spiel von mir erwartet, aber ich auf dem besten Weg dahin!

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Trautes Heim. Oder zumindest der Anfang davon. Muss noch Holz suchen.

Weiter ziehen sich meine Sammelkreise, ich treffe mehr Mutanten und Ratten und sie daraufhin ihren Schöpfer, meine Vorräte mehren sich, ich freue mich wirklich, als ich im ersten Dorf in der Kirche einen Roboter finde, der mir Zeugs abkauft und auch in Massen verkauft. Aus Sicht der glaubwürdigen Immersion in Richtung Post-Weltende ist das schon ein seltsamer Geselle, aber von mir aus, ich brauche eh ein paar Patronen und eine Europalette Holz. Es ist in der realen Welt etwa 13:00 Uhr, 13.11.18 und ich habe immer noch keinen Menschen gesehen, weder als NPC noch als Mitspieler. Nun, hier bei dem Roboter scheint es sicher, also erst mal den Hungerbalken in Real-Life abbauen.

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Bildschirme verraten mehr über die Welt als die NPCs, die sich möglichst rar machen. Das passt auch zu der Stimmung, die erzeugt werden soll. Die Spieler sollen sich ja erst einmal allein fühlen.

Etwa gegen 14:30 kehre ich an die Konsole zurück und siehe da: Menschen! Lauter Menschen! Um den Roboter herum stehen drei, ein paar wuseln durch die Straßen, ich schaue auf die Karte und siehe da, sie strömen aus Vault 76, die Punkte wie die Perlen einer Kette, mindestens 30 von ihnen, vielleicht auch mehr! Was machen die alle hier? Nun, wir handeln ein wenig, mit Level 7 bin ich in dieser Gegend fast schon ein High-Level-Charakter, vor allem habe ich mittlerweile eine coole Lederkluft und eine Sonnenbrille gefunden. Ich bin nett und verschenke ein paar von den Pistolen, die ich gefunden habe und erstaunlicherweise versucht auch keiner mich damit zu erschießen. Wie nett von ihnen. Aus Vault 76 kommen scheinbar nur nette Menschen.

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Steak mit zwei Köpfen.

Nun, Zeit mehr zu sehen. Ein Funkspruch kommt rein, dass ein Messenger-Roboter in der Nähe ein Problem hat. Hin, kurz reparieren und dann heißt es, man solle ihm folgen und ihn beschützen, damit er seine Botschaft wo auch immer hinbringen kann. Der Timer und die Einordnung im Quest-Menü sagen klar, dass das eine Zufallsquest sei. So was braucht ein MMO wohl, also auf geht es. Es beginnt harmlos genug. Ein paar Ratten tauchen auf. VATS macht es denkbar einfach: Zielen kostet ein paar Ausdauer-Punkte, dann seht ihr die Trefferwahrscheinlichkeiten, könnt einzelne Körperteile anvisieren. Ein paar Sekunden später sind die Ratten Geschichte, der Roboter zieht weiter, scheinbar komplett willkürlich um ein altes Herrenhaus herum, in dem ein paar deutlich heftigere Gegner warten. Aber ich bin gut gerüstet, das geht schon.

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Spielplatz nach der Bombe, es geht nichts über einen Klassiker.

Dann kommen wir zum Highway. Und auf dem Highway ist wortwörtlich die Hölle los. Und das erste Mal weiß ich nicht, was ich von dem Spiel halten soll. Mitten auf der Straße tummeln sich ein Dutzend Mutanten. Als wäre das nicht genug, wuseln noch mal so viele Ratten umher. Aber ich komme nicht dazu, auszuprobieren, ob ich eine Chance habe. Ein grüner Blitz und ich kann entweder noch 30 Sekunden auf Hilfe warten oder gleich respawnen. Das passiert dann auch nah genug dran, wieder hin, die Quest läuft noch. Wieder ran, zwei Mutanten erledigt, sie sind nur Level 6, das geht. Zack, grünes Licht, tot. Respawn. Ranschleichen. Von weitem einen weiteren Mutanten angeschossen. Bumm, grüner Blitz, tot. Und dann endlich, beim vierten Anlauf, sehe ich es von Weitem, kann noch seinen ersten Blitzen ausweichen. Wie ein Racheengel aus der Hölle stützt ein Level-50-Scorch-Dämon auf mich herab und brutzelt mich. F-ING LEVEL 50??? Geht es noch? Als wäre das nicht genug, durchkreuzt er auch noch meine Pläne, wenigstens die Mutanten zu erledigen und den Roboter wieder in Gang zu bringen. Ich renne in die Gruppe, stehe umringt von Mutanten als der grüne Blitz kommt und ... falle als einziger tot um. Nun, das stimmt nicht. Mittlerweile war ein Dutzend Spieler da und es erwischte uns alle. So schnell konnten wir uns gar nicht wiederbeleben, wie der Scorcher uns, nun, scorchte.

7
VATS funktioniert, wie man es kennt, aber ohne Zeitlupen.

Zu sagen, dass ich etwas sauer war, wäre untertrieben, zumal ich bei jedem Ableben auch ein wenig an nicht essenzieller Ausrüstung einbüßte. Wie ich später erfahren sollte, kann es einen inhaltlichen Grund geben, warum der Scorcher am Himmel die Scorched am Boden nicht tötete, ihr könnt diesen Grund aus diesen Namen ableiten. Das oder das Spiel war noch unfairer als es eh schon war, mich überhaupt mit einer Low-Level-Quest in diese Situation zu bringen. Aber gut, ich sprang zu meinem Lager, das nämlich auch als jederzeit - außer innerhalb von Kämpfen natürlich - nutzbarer Schnellreisepunkt dient. Hier entlud ich erstmal, was mir noch an Krams geblieben war und dachte mir nach dem Abenteuer, dass es wohl mal Zeit wäre, mit ein paar normalen Quests zu starten.

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Auf stimmige Situationen stößt man immer wieder ...

Hier zeigte sich die Schattenseite des Lebens als Do-it-yourself-Mann. Die ersten Quests sind ein Tutorial, das mir all die Dinge zeigt, die ich in Stunde eins selbst herausfand. Wasser kochen, Ratte grillen, ein wenig Crafting. Aber man erfährt auch was über die Welt und was so zwischendurch hier los war, als wir in Vault 76 Party machten. Nach dem ersten großen Chaos begannen sich Fraktionen zu bilden. Bisher weiß ich von den Responders, ehemaligen Polizisten, Feuerwehrleuten und anderen Hilfskräften, die den Überlebenden eine Richtung und Grundwissen gaben. Mittlerweile habe ich von der Bruderschaft gehört, ehemalige Militärs, aber gesehen habe ich von denen noch niemanden. Nicht, dass ich einen lebenden Responder gesehen hätte, aber die Hinweise mehren sich, dass es lebende NPCs gibt. Der Bürgermeister einen Ort weiter funkt um Hilfe. Außer natürlich, das ist dann auch nur eine Aufzeichnung, wie es bei dem Ruf der Responders der Fall war ...

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Irgendwann im Laufe des Tages kamen sie dann doch alle.

Das ist jetzt Level 10, etwa sechs erste Stunden in das Spiel rein und ja, es war ein seltsames Fallout. Aber irgendwie auch ein spannendes. Auch mit den Spielern jetzt ist es nicht so, dass man sich auf die Füße tritt und oft genug sehe ich lange Zeit niemanden. Ich konnte mich also wie einer der Letzten in der Welt fühlen und mein Ding machen. Es gibt viel zu sammeln, Waffen zu finden und verbessern, interessante Orte zu durchstöbern - das Besucherzentrum im Wald hatte nachts schon einen Alan-Wake-Charme -, das Craften ist einfach und effektiv, das Management des Inventars nicht perfekt, aber machbar. Im Großen und Ganzen: Ja, ich hatte meinen Spaß. Ehrlich gesagt mehr als bei Fallout 4.

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Mit der Foto-Funktion lässt sich viel Blödsinn anstellen. Aber Vorsicht: Es wird nicht pausiert.

Dieses sah aber generell schöner aus. Nach Dingen wie Assassin's Creed und Red Dead wirkt Fallout 76 schon deutlich weniger Next-Gen, aber das ist natürlich auch unfair. Es ist immer noch eine Art MMO und dafür ist es optisch ganz vorn mit dabei. Daran ändern auch ein paar recht deutlich Pop-Ins bei höheren Sichtweiten nichts, genauso wenig wie eine Menge von schlichteren Texturen. Lediglich die Feinde könnten hübscher sein. Egal ob Ratte oder Mutant, denen wurden beim großen Boom auch ein paar Polygone weggebrannt. Wirklich schlecht ist das akustische Feedback von Feinden. Oft bemerkte ich einen hinter mir herbeirennenden Mutanten erst, nachdem ich die ersten Treffer kassierte. Auch das eigene Trefferfeedback lässt zu wünschen übrig. Ob euch ein Gegner jetzt nur zart angeknabbert hat oder zwei Drittel Energie kostet, merkt ihr in erster Linie am Lebensenergiebalken. Es fühlt sich hier ein wenig zu sehr wie ein MMO an.

Dann kann ich scheinbar nicht springen, generell geht es wohl schon. Zwei Mal musste ich zurück ins Hauptmenü, weil ich einfach zwischen einem Zaun und einem Ast komplett festhing, weil ich einen sanften Hügel runtergerutscht war, etwas, das aber für jeden anderen wohl kein Problem sein sollte, seltsamer Bug. Drei Mal crashte das Spiel komplett, was aber kein so großes Drama war. Nach einer Minute war ich praktisch an der gleichen Stelle und ohne Verluste zurück im Geschehen. Trotzdem, ein paar Patches müssen da noch ran. Dann gab es ein paar Macken beim Level-System der Feinde. Einen Level-18-Roboter haute ich mit drei Machetenschlägen um, aber den - zugegebenermaßen sehr martialisch aussehenden - Level-3-Super-Mutanten kann ich fast nichts anhaben und er braucht nur zwei Schläge für mich? Sehr seltsam.

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Das war ein erfolgreicher Tag.

Aber trotzdem, trotz Macken hier und da, trotz Tutorial-Quests, die ich jetzt zwangsweise nachholen muss, ja, das war ein guter Abend. Ich kann euch immer noch nicht sagen, wie viel Fallout hier drinsteckt, wie weit das Crafting in seinen Möglichkeiten geht, wo die Spielwelt mich hinführt und wie viele Spieler mich dabei in der mehr oder weniger persistenten Welt begleiten werden oder ob es am Ende jenseits der Freundesliste doch alles nur auf Zufallsbekanntschaften hinausläuft. Ich habe keine Ahnung, wie ich auf einen Level-50-Scorcher reagieren soll, sollte er mal bei einer wichtigen Quest einfach so aufpoppen oder was diese Begegnung überhaupt sollte. Es ist ein Mix aus vielen Elementen und ja, ein guter Teil davon ist Fallout. Aber Fallout 76 ist auch etwas im Spielgefühl recht Eigenes und da ich weder mit Erwartungen noch Vorurteilen - oder ehrlich gesagt Initialinteresse - startete, entwickelte sich das alles sehr vielversprechend. Ich werde wohl noch ein wenig in dieser Apokalypse bleiben, gucken, ob ich doch noch einen lebenden NPC zu Gesicht bekomme und nicht ein paar Zellen für diese Laserpistole auftreiben kann. Es fühlt sich alles ein wenig wie Pionierarbeit an. Aber bedenkt man die Prämisse des Spiels, dann hat es wohl erreicht, was es wollte.

Entwickler/Publisher: Bethesda - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: ca. 60 Euro - Erscheint am: 14.11.18- Gespielte Version: Xbox One X - Sprache: deutsch, englisch - Mikrotransaktionen: ja (bisher rein kosmetisch)

PC-Spiele testen wir auf Lenovo Legion PCs und Laptops, die uns von Lenovo zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Hier erfahrt ihr mehr über Gaming-Laptops 2018 im Allgemeinen und hier geht es zur Website von Lenovo Legion Gaming.

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Über den Autor:

Martin Woger

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