Alt+F40: Ich liebe Spiele - und manchmal ist das ein Problem

Folge 33: Anonyme Zeitverschwender, Sitzung 1. Alex macht sich Gedanken über seine Spiel-Paralyse. Schickt Hilfe!

Sorry für die wortlose Abwesenheit letzte Woche. Ich war den hinteren Teil im Urlaub und hätte das letzte Folge ruhig ankündigen können. Wie das so ist im Herbst, hatte ich aber ohnehin nicht wahnsinnig viel zu erzählen, denn in Sachen Games dominieren dann gewohnheitsmäßig die großen Mehrspieler-Shooter meinen Tagesablauf. Und die spiele ich zwar gerne, aber sie sind auch nicht gerade optimales Seziermaterial für diese bisweilen etwas esoterische Spielkulturkolumne. Gleichzeitig bedeutet das, dass nicht gerade viel Zeit ist, wie sonst ein halbes Dutzend interessanter kleiner und mittlerer Spiele auf ihre spannenden Spleens oder faszinierenden Eigenheiten abzuklopfen. Zum Teil spielt das sogar ins zentrale Thema dieser Woche mit hinein.

Ansonsten ist die Lage familiengesundheitlich weiter angespannt, weil man nach dem Magen-Darm- und Erkältungspingpong des letzten Monats jetzt fast täglich auf Hiobsbotschaften aus der Kita wartet. Bisher ist noch alles gut gegangen. Mal schauen wie lange noch. Und sonst? Nun, lange stand es mehr oder weniger ungenutzt rum, wurde nur für ein paar Übungsrunden über den nahen Friedhof mal aus dem Keller geholt - aber jetzt ist es voll in Action, das schmissig mattrote Kinderfahrrad unseres Ältesten. Vorgestern fuhr er - viereinhalb - die kompletten 1200 Meter auf dem Bürgersteig neben uns zur Kita und wir haben nicht mal eine halbe Stunde gebraucht. Meine Frau eskortierte ihn hin, ich zurück, beide stolz bis zum Geht-nicht-mehr. Sogar sein kleiner Bruder schielte aus dem Römersitz hinter uns fast durchweg mit einem breiten Grinsen zu ihm rüber und das tut, glaube ich, viel Gutes fürs Klima in unserem Zuhause, in dem die beiden oft genug noch ein Ressourcentauziehen veranstalten: Selbstbewusstsein für den Großen, ein Idol für den Kleinen. Ich glaube, so langsam finden sie sich.

Inhalt

Spiele-Overkill + FOMO = Freizeitstress

Ich bin nicht sicher, ob es das ist, was ihr wollt, aber es ist nun mal meine Kolumne und wenn ich will, ist sie einen Freitag lang mein öffentlicher Selbsthilfegruppenraum. Kommt rein, nehmt euch einen gedanklichen Klappstuhl und, wenn die Fantasie reicht, sind auch noch pappige Kekse und abgestandener Filterkaffe aus der Thermosquetsche da! Also: "Hallo, ich bin Alex" ("Hallo Alex!") "... und meine Gaming-Liebe droht manchmal, mich etwas zu erdrücken".

golf
Sorry, A Little Golf Journey, ich hätte Zeit, aber ich habe keine Zeit.

Tut schon ganz gut, das mal zu schreiben. Ich bin noch nicht so weit, dass ich sage, ich bräuchte mal ein bisschen Pause oder zumindest Abstand, zumal es mir an Sehnsucht und Nähebedürfnis zu diversen Spielen beileibe nicht mangelt. Ganz im Gegenteil. Die sind gerade das "Problem" (und in Anbetracht der Lage dieser Welt müssten die Anführungszeichen dort eigentlich doppelt und dreifach stehen). Außerdem habe ich eigentlich gut reden: Muss viele Spiele nicht selbst kaufen, habe den Luxus, einen Teil meiner Arbeitszeit mit Zocken zu verbringen. Ich bin tierisch privilegiert, keine Frage.

Und doch fühle ich mich in meiner Freizeit (wenn man als Redakteur eines Gaming-Magazins noch wirklich von Freizeit sprechen kann, wenn man spielt) gerade ein wenig begraben unter einem Berg von Titeln, von denen sich jeder einzelne förmlich in mein Gesicht zu drücken versucht. Und ich? Liege unter dem Gewicht der Lawine reglos da und komme gefühlt zu gar nichts. Stoppt mich, wenn ihr das kennt: Man freut sich den ganzen Tag auf die abendliche Zock-Session, weil alles erledigt ist, die Kinder im Bett und der Partner vielleicht aus dem Haus oder mit einem guten Buch beschäftigt ist. Kurz: Man hat Zeit für sich, setzt sich vor den PC oder die Konsole... und dann fängt man zu überlegen an, "wo fange ich an?".

Zwanzig ungespielte Minuten später verändert sich der Ton, da stellt man die gleiche Frage schon kursiv oder - je nach Temperament - mit einem optionalen "zur Hölle" oder "verdammt nochmal" verziert. Dann ist man fast unweigerlich eine halbe Stunde im "falschen" oder zumindest nicht ganz richtigen Spiel. Vielleicht, weil man merkte, dass man doch keine Lust auf Tutorial hatte oder Story-mäßig etwas raus ist aus dem letzten RPG, das man eigentlich weiterspielen wollte. Also steht man wieder vor der Anfangsfrage, drückt sich mit dem Aufräumen auf der Festplatte ein wenig um die Antwort rum. Denn machen wir uns nichts vor, wir werden Tyranny nie durchspielen. Wie lang sich das zieht, hängt davon ab, wie sehr der letzte (der "falsche") Titel einen verunsicherte, aber es dauert nicht lange, bis man merkt, dass auch dieser Abend nicht ewig gehen wird.

help
HALP!

Erste Müdigkeitsanzeichen werfen ihre Schatten voraus, was wiederum den Definitionsbereich dessen eingrenzt, was man sich jetzt noch anschauen kann oder will. Hier ist schon klar, was Großes fängt man jetzt nicht mehr an und wie sehr man Lust hat, sich um 21:45 Uhr noch auf etwas Neues einzulassen, hängt stark davon ab, wie jung man sich noch fühlt und wann man morgens aus dem Bett musste. Dass man dann bei dem landet, was man schon kennt - seinem persönlichen "Comfort-Game" -, ist da eigentlich schon ausgemachte Sache. Nur, trägt das wieder nichts dazu bei, dass man sich mal einem der vielen neuen Spiele zuwendet, die einem so glorreich und verlockend ... mit dem Gewicht eines ausgewachsenen Grizzlies auf der Brust sitzen, und auch immer noch da sind, wenn man das nächste Mal vor der Frage steht, "wo fange ich an?"

Ich glaube, mein Sohn hat sogar gemerkt, wie ich beim abendlichen Vorlesen eines Bandes der Wilden Waldhelden (miese Framerate, aber ansonsten empfehlenswert!) kurz über den Satz des Fuchswelpen Mikkel stutzen musste, weil man solche Weisheiten in einem auf lieblich getrimmten Kinderbuch für gewöhnlich nicht erwartet: "Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit gewinnen will", sagt er da zum Frischling Rufus, nachdem dieser bei einem verlorenen Wettrennen eine Abkürzung genommen hatte, die keine war. Und das kommt vermutlich in die Nähe meines "Problems": Seit ich nicht mehr allein für mich verantwortlich bin, ist meine persönliche Zeit so knapp geworden, dass immer die Befürchtung mitspielt, dass ich sie vergeuden könnte. Dass ich zudem nicht der entschlussfreudigste Mensch bin, dürfte meine Spieleblockade nur noch verschärfen.

Ich glaube jedenfalls nicht, dass es allein an den Bergen an Testversionen liegt, die man in diesem Beruf täglich ins Haus bekommt, oder am Game Pass, PS Plus, Apple Arcade und dergleichen. Gäbe es das alles nicht, ich schätze, ich hätte einen guten Teil dieser Spiele auch so gekauft und stünde damit trotzdem vor dem gleichen indifferenten Schlamassel, das sich gerade zwischen den Spielspaß und mich schiebt, den ich sonst buchstäblich auf Knopfdruck abrufen konnte.

exo
Exo One hat es gestern Abend immerhin auf eineinhalb Stunden geschafft. Verdient. Über dieses Spiel werden wir noch reden müssen!

Deshalb wollte ich hier mal in die Runde horchen, ob das jemandem ähnlich geht? Ich habe nicht das Gefühl, dass hier schon ein echter Leidensdruck akkumuliert wäre, aber ich schätze, ich suche nach einem Mechanismus, der mir hilft, für die paar Stunden privatem Spiele-Spaß den unverfänglichen Genießer in meinem Kopf wieder besser mit dem Typen zu vereinen, der sich einbildet, es wäre cool, sich allmählich in ein menschliches Spielelexikon zu verwandeln.

Für den Anfang würde ich gerne ein Experiment versuchen. Und dafür brauche ich eure Hilfe. Sagt ihr mir das Spiel, das ich bei meiner nächsten privaten Session ausgiebiger anschauen soll - und hey, wenn mich die Muse küsst, gibt's dann vielleicht sogar einen Artikel darüber. Ich bin gespannt, was passiert. Hier die nähere Auswahl, wer einmal drückt, der hilft schon:

Weitere Notizen - KW 46/21

Bei Alex in der Rotation: Immerhin: Halo Infinite hat mich gepackt und lässt jetzt vorerst nicht mehr los. Musikalisch arbeite ich mich gerade in die neue War on Drugs ein, was mir leichter fällt als erwartet. Für nächste Woche freue ich mich auf Hawkeye. Bin sehr überrascht, wie schnell dann doch der November beinahe vorbei war. Auf Netflix hat es uns der Kastanienmann gerade angetan. Den dänischen Originaltitel "Kastanjemanden" findet der erwachsene Zwölfjährige, der diese Zeilen schreibt, so lustig, dass er sich wundert, wie schaurig die eigentliche Serie bisweilen ist. Und hat hier jemand "Das Rad der Zeit gelesen"? Ich hatte es mir vor über 20 Jahren mal ausgeliehen, bin aber nie dazu gekommen. Ab heute mit Rosamund Pike auf Amazon Prime...

Musiktipp der Woche: Faith No More - Get out Ich bin sicher, demnächst empfehle ich auch mal wieder Songs, die nicht alt genug sind, um mittlerweile selbst Kinder zu haben. Im Moment aber holt mich dieser Tage wenig schneller aus dem Bett als dieser Track von einem der wenigen Alben meiner Jugend, die sich gut gehalten haben. Überhaupt ist die King for a Day Fool for a Lifetime eine der vielseitigsten und spannendsten Rockplatten der Neunziger.

Höhepunkt der Woche: Hunt Showdown hat die Möglichkeit bekommen, Loadouts anzulegen. Ob jetzt nachträglich gut 100 von meinem fast 1.000 Stunden anzeigenden Spielzeitzähler gestrichen werden, konnte Crytek mir nicht beantworten. Meine über meine Inventar- und Ausrüstungsbehäbigkeit grundsätzlich sehr zerknirschten Mitspieler wären aber stark dafür und ich kann es ihnen nicht mal übel nehmen. Überhaupt sieht Patch 1.7 mit entfernter 30-fps-Begrenzung für Next-Gen-Konsolen, neuer französischer Long Ammo Rifle und coolen Überarbeitungen an vielen Compounds sehr vielversprechend aus. Comfort-Game, ich komme!

hunt
Mehr Deckung auf offenen Bereichen, mehr Zugänge zu allzu leicht zu verteidigenden Anlagen - und mehr Boden unter den Füßen in Scupper Lake. Danke dafür

Mittelpunkt (?!) der Woche: An dieser Position wie immer das alte "Gute Nachricht, schlechte Nachricht"-Spiel: Der Kaninchenbau unter Activision geht wohl noch tiefer - oder besser höher hinauf. "Fisch stinkt vom Kopf" und so und wenn man dann von angeblichen Morddrohungen durch CEO Bobby Kotick liest, wird's schon ziemlich abenteuerlich, auf die ganz schlechte Art. Auf der anderen Seite stimmen deutlich verurteilende Wortmeldungen führender Branchenköpfe wie Phil Spencer (Xbox) und Jim Ryan (PlayStation) positiv, dass zumindest einige Insider genauso von der Unternehmenskultur einiger Läden geschockt sind wie unsereiner. Es kann nicht bei Verurteilungen bleiben, das ist klar. Aber jede Veränderung beginnt mit einer Anpassung in der Wahrnehmung - und ich habe das Gefühl, das könnte hier gerade passieren.

Tiefpunkt der Woche: Nö, für heute war es schon finster genug, finde ich.

6
Ein bisschen Kalk hat sie nach der letzten Dusche behalten. Ich muss mich langsam zusammenreißen. Noch so einen Verlust vertragt ihr nicht.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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