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Desperados 3 - Test: Quickload ist euer bester Freund

Taktik vom Feinsten.

Eurogamer.de - Herausragend Badge
Nach Shadow Tactics liefert Mimimi erneut ein erstklassiges Stealth-Taktikspiel ab. Spielerisch anspruchsvoll und enorm motivierend.

Commandos 1 und 2, das waren damals tolle Spiele. Bockschwer, aber tolle Herausforderungen. Und nicht so gut gealtert in Sachen Spielmechaniken. In jüngeren Jahren hatte ich meine Probleme damit, weswegen ich sie nie durchspielte. Und das in diesem Jahr veröffentlichte HD Remaster von Commandos 2 machte es mir mit seinem veralteten Gameplay und wenig intuitiven Interface nicht einfacher. Das ist die Krux mit Remasters, sie machen Dinge schöner, spielerisch aber nicht zwingend besser. Stellt ihr das HD Remaster von Commandos 2 aus diesem Jahr mit Desperados 3 gegenüber, ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Was Entwickler Mimimi Productions hier geschaffen hat, ist eine schmale Gratwanderung zwischen dem richtigen Maß an Anspruch und Einsteigerfreundlichkeit, die diese Spiele ebenso brauchen, um nicht in ihrer Hardcore-Nische festzusitzen. Ihr seht zu Beginn einer Mission einen kleinen Rundflug durch die Gegend und spätestens bei späterer, genauerer Betrachtung fragt ihr euch häufig genug, wie ihr denn lebend da durch kommen sollt. Was hier und da auf den ersten Blick nach einer unmöglichen Aufgabe aussieht, erfordert eine gute Beobachtungsgabe, präzises Timing und Teamwork.

Mit Shadow Tactics: Blades of the Shogun stellte das Studio zuvor eindrucksvoll unter Beweis, was es in diesem Genre zu leisten vermag. Und Desperados 3 fühlt sich nicht ganz vier Jahre nach Shadow Tactics nach der Kulmination dessen an, was in diesem Genre aktuell möglich ist. Dem Spiel gelingt es auf wunderbare Weise, euch ein gutes Gefühl zu verschaffen, wenn euer zurechtgelegter Plan so aufgeht, wie ihr euch das vorgestellt habt.

Findet die richtigen Momente, um im Level voranzukommenn.

Was bei weitem nicht immer im ersten Anlauf funktioniert. Aus gutem Grund gibt es eine optionale Anzeige, die euch daran erinnert, wann ihr zuletzt gespeichert habt. Und nicht umsonst liegt auf dem Xbox-One-Controller die Quicksave-Taste direkt neben dem Xbox-Button. Sie ist häufig im Einsatz, weil es hier darum geht, alles still und heimlich zu erledigen, so weit es geht. Und das Speichern und Laden geht dabei so schnell vonstatten, dass auch dann kein Frust aufkommt, wenn ihr eine Stelle zehnmal ausprobiert, bevor es perfekt klappt.

Es ist viel Trial und Error dabei, jeder fehlgeschlagene Versuch hilft euch zugleich weiter und bringt euch näher an die Lösung des Rätsels heran. Was keine klassischen Rätsel sind, vielmehr geht es darum, die einzelnen Situationen so zu lösen, dass ihr keinen Alarm verursacht, der noch mehr schießwütige Cowboys und -girls zum Vorschein bringt. Lockt einzelne Feinde unbemerkt weg oder lenkt sie ab - was nicht bei jedem Gegnertyp möglich ist -, schaltet andere unbemerkt aus der Ferne mit eurem Scharfschützen aus und lasst das Opfer dann schnell von einem Mitstreiter außer Sichtweite ziehen.

Die Level sind groß und bieten euch im Normalfall mehrere Wege, um die Situationen anzupacken. Welche euch davon am ehesten zusagt, findet ihr auf eigene Faust heraus. Klappt's auf die eine Art nicht, dann kriegt ihr es auf die andere unter Umständen leichter hin. An manchen Stellen nutzt ihr zudem die Umgebung für eure Zwecke aus, manipuliert Objekte und zermatscht Gegner, indem ihr große Felsen anstupst, eine Kirchenglocke vom Turm schubst oder einen Stapel schwerer Kisten umstoßt. Die Wege zum Ziel sind vielfältig und das Spiel unterstützt diese Experimentierfreude so gut es geht. Ab und an spielen der Zufall und das Glück ebenso eine Rolle, aber es beschwert sich ja keiner, wenn es zu eigenen Gunsten läuft. Genauso gut passieren hier und da dumme Fehler, aber wie gesagt, das angenehm schnelle Speichern und Laden macht's euch einfach, schnell den Mund abzuputzen und weiterzumachen. Zugleich bedeutet nicht jeder Fehler automatisch, dass ihr nicht mehr weiterkommt. Einmal warf ich die Tasche von Doc McCoy, die Gegner anlockt und betäubt, an eine Stelle, von der ich sie die ganze verbleibende Mission über nicht mehr zurückholte - am Ende war ich trotz dieses kleinen Malheurs erfolgreich.

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Desperados 3 bleibt dabei dem Genre absolut treu, im Herzen ist es ein taktisches Stealth-Spiel, das euch all die dafür nötigen Werkzeuge zur Hand gibt, um euer Ziel auf die eine oder andere Art zu erreichen. Zum einen durch die Charaktere, von denen jeder seine eigenen Fähigkeiten hat, um Gegner anzulocken, abzulenken oder zu manipulieren. Vor allem in den späteren Levels ist die geschickte und effiziente Kombination dieser Fähigkeiten essenziell, wenn ihr zum Beispiel in einer Mission keinen Zugriff auf eure Waffen habt. Die dienen so oder so mehr dazu, euch im Notfall aus einer brenzligen Situation herauszuhelfen, wenn nicht gleich die komplette Gegnerschaft alarmiert ist. Und damit ihr nicht auf Idee kommt, euch hier den Weg freizuschießen, gibt es Cooldowns fürs Nachladen und die Munition ist stark begrenzt - zudem sind Schüsse natürlich laut sorgen in einem großen Radius für Aufmerksamkeit. Setzt sie weise und sparsam ein, vor allem die von Scharfschütze Dr. McCoy, dessen Schüsse geräuschlos sind.

Ein nützliches Hilfsmittel ist dabei der Showdown-Modus. Per Tastendruck ausgelöst, hält er die Zeit an und lässt euch für jeden Charakter eine Aktion planen und diese dann gleichzeitig ausführen. Mit dem richtigen Timing schaltet ihr so zum Beispiel mehrere Gegner, die sich normalerweise gegenseitig im Blickfeld haben, in einer Kampfsituation gleichzeitig aus, ohne Alarm auszulösen. Das ist der zentrale Punkt, der bei eurem taktischen Vorgehen zu beachten. Viele Feinde stehen im Sichtfeld von anderen und eure Überlegung ist, wie ihr sie davon isoliert und einen nach dem anderen ausschaltet. Je nach Situation grübelt ihr ein Weilchen darüber nach, probiert ein wenig herum, eine Lösung findet ihr letzten Endes immer.

Habt ihr euch einen Plan zurechtgelegt und wartet auf den richtigen Augenblick, ist es per Tastendruck möglich, die Zeit vorzuspulen. Und eine coole Idee nach dem Abschluss einer Mission ist der Replay-Bildschirm, der euch euren gesamten Missionsablauf mitsamt aller Aktionen und Bewegungen auf einer Übersichtskarte noch einmal vor Augen führt - nützlich für Analysen oder um eure Vorgehensweise anderen zu zeigen.

Ihr könnt immer das Sichtfeld eines einzelnen Gegners anzeigen lassen.

Ich spielte auf dem normalen Schwierigkeitsgrad, der eine angenehme Herausforderung darstellt. Leichtere Optionen für Neueinsteiger gibt's ebenso wie höhere Stufen. Oder ihr passt die Schwierigkeit individuell an, wie ihr es möchtet. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, den zuvor erwähnten Showdown-Modus zu deaktivieren. Anders gesagt: ihr legt auf Wunsch fest, wie sehr euch dieses Spiel auf die Probe stellt. Individueller geht's nicht und hier findet jeder das Passende für sich.

Wie erwähnt sorgen die fünf Protagonisten und Protagonistinnen für viel spielerische Abwechslung. Nicht jeder kann alles, zum Beispiel Seile hochklettern oder niedergeschlagene Gegner fesseln. Hier und da schränkt das die Vorgehensweise je nach Ort und Stelle ein, insgesamt erfüllt aber jeder Charakter einen spielerischen Zweck, der sich im Zusammenspiel der ganzen Gruppe voll entfaltet. Bekannte Rückkehrer sind John Cooper, Kate O'Hara und Doc McCoy, ihr Debüt geben in Teil drei Hector Mendoza und Isabelle Moreau. Hector ist der Mann fürs Grobe und zum Beispiel der Einzige, der alleine und ohne Unterstützung mit den Elite-Gegnern im Spiel im Nahkampf zurechtkommt. Darüber hinaus nutzt er einen Pfiff, um Gegner in seine Bärenfalle "Bianca" zu locken.

Interessante spielerische Aspekte liefert euch Isabelle. Zum einen verfügt sie über Voodokräfte, übernimmt zum Beispiel die Kontrolle über einzelne Gegner innerhalb einer beschränkten Reichweite. Diese Möglichkeit ist aber ebenso gedeckelt wie die Munition der Schusswaffen, damit's nicht zu einfach ist. Überlegt daher gut, wofür ihr es einsetzt. Ebenso ist es ihr möglich, zwei Lebewesen miteinander zu verbinden. Was dem einen passiert, stößt dem anderen auch zu. Eine gute Gelegenheit, zwei Feinde gleichzeitig auszuschalten, während ihr allein in der Nähe von einem seid. Ihre übernatürlichen Fähigkeiten sind eine tolle Ergänzung und wirken nicht zu abgehoben, zudem sendet sie ihre Katze aus, um einen Feind kurzzeitig abzulenken.

Diese Brücke befördert gleich keine Züge mehr.

Gleichzeitig ist es wichtig, sich in Erinnerung zu behalten, dass die Umgebung euch gleichermaßen zum Vorteil wie zum Nachteil gereichen kann. Ein Beispiel: ihr hinterlasst im Matsch für kurze Zeit Fußspuren, die Gegnern ins Auge fallen. Schlecht, wenn ihr euch verstecken möchtet und sie dann nach euch suchen. Gut, um sie in einen Hinterhalt zu locken und auszuschalten. Wenngleich nicht alle auf solche Ablenkungsmethoden hereinfallen, so einfach macht es euch das Spiel nicht. Kate ist es zum Beispiel nicht möglich, weibliche Widersacher mit ihren Reizen abzulenken oder zu ködern. Oder wenn ihr eine Fackel tragt, um damit ausgekipptes Öl anzuzünden, durch das Licht um euch herum aber natürlich die Aufmerksamkeit auf euch zieht, wo ihr ohne dieses in der Dunkelheit nahezu unsichtbar wärt. Kurz gesagt: es ist absolut entscheidend, die Umgebung und Bewegungen zu analysieren, die richtigen Zeitpunkte zu finden und die richtigen Mittel einzusetzen. Und wenn das auf Anhieb nicht klappt, habt ihr aufgrund der Sandbox-Natur vieler Level die Möglichkeit, euch zuerst einmal an anderer Stelle zu versuchen beziehungsweise einen anderen Weg zu nehmen.

Wenn ihr euch darüber Gedanken macht, ob ihr geschichtlich bedenkenlos in diesen dritten Teil einsteigen könnt, lautet die einfache Antwort: ja! Hier verhält es sich ähnlich wie bei Red Dead Redemption 2. Desperados 3 ist ein Prequel zu Desperados: Wanted Dead or Alive aus dem Jahr 2001. Veteranen erleben so, wie die Protagonisten und Protagonistinnen einander kennenlernten. Und Neueinsteiger brauchen sich keine Gedanken darüber zu machen, was verpasst zu haben. Dabei geht's vor allem um John Coopers Vergangenheit und um Rache, während ihr euch auf der Suche nach Oberschurke Frank von Colorado bis nach New Mexico durchkämpft. Es ist eine gut erzählte, motivierende Geschichte, die dieses Korsett zusammenhält und miteinander verknüpft. Gleichzeitig drängt sie sich nie zu sehr in den Vordergrund, das Gameplay ist der eigentliche Star der Show.

Und habt ihr alle Missionen einmal durchgespielt, war's das noch lange nicht. Wobei das davon abhängt, wie es mit eurer Motivation und eurem Ansporn aussieht. Beim erstmaligen Durchspielen benötigt ihr schnell ein bis zwei Stunden oder mehr pro Mission, was bei insgesamt 16 Kapiteln eine Spielzeit von über 30 Stunden ergibt. Nach Level 8 schaltet ihr dann die "Baron's Challenges" frei. Das sind extra Herausforderungen mit speziellen Bedingungen für einzelne Missionen. Ihr dürft dann zum Beispiel nicht mehr als einen einen einzigen Charakter in einer spezifischen Mission verwenden oder müsst mehrere Gegner töten, ohne dass eure Figuren über die Mittel zum Töten verfügen - hier ist Kreativität gefragt. Derzeit gibt es diese Challenges nicht in jeder Mission, Mimimi möchte sie aber später durch Updates für alle ergänzen.

Strategisch günstig platzierte Objekte wie diese Lore lassen sich als Waffe einsetzen.

Und zusätzlich dazu habt ihr noch einmal jeweils acht Sterne pro Mission, die ihr mit weiteren Herausforderungen freischaltet. Wenngleich mir die vorgegebenen Speedrun-Zeiten für die einzelnen Level anhand meiner Spielzeiten ein wenig die Tränen in die Augen treiben. Dass sich alle diese Ziele in einem einzelnen Run erreichen lassen, scheint nahezu unmöglich, es ist aber durchaus eine Motivation, einzelne Kapitel mehrmals in Angriff zu nehmen. Wie gesagt, das hängt von eurem Ansporn ab und ob ihr euch mit dem einmaligen Absolvieren der Geschichte zufrieden gebt oder nicht.

Die Technik präsentiert sich dabei von ihrer makellosen Seite. Das fängt beim stimmigen Wild-West-Soundtrack an, der sich zu keiner Zeit in den Vordergrund drängt und euch vom Schleichen ablenkt. Und es setzt sich mit optisch detailliert und spielerisch einwandfrei umgesetzten Schauplätzen fort. Motion-Capturing sorgt dabei für überzeugende Animationen und ihr habt letzten Endes einfach eine wunderschön ausgearbeitete Wild-West-Welt aus der Vogelperspektive vor euren Augen. Und das funktioniert nicht allein auf dem PC prima, auf den Konsolen hat Mimimi das Spiel richtig gut umgesetzt. Die Steuerung ist eingängig und passt prima aufs Pad, legt euch beim Schleichen keine Steine in den Weg und erfordert keine Fingerakrobatik. Es ist auf Xbox One oder PS4 absolut kein schlechteres Spielerlebnis.

Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir wirklich nichts ein, was ich an Desperados 3 zu kritteln hätte. Angetrieben von der Geschichte rund um Rache stellen euch die einzelnen Kapitel des Spiels vor immer neue Herausforderungen, die eure grauen Zellen auf Trab bringen und nach kreativen Lösungen für die vor euch liegenden Probleme verlangen. Spielerisch und optisch gibt's viel Abwechslung, während ihr den perfekten Weg aus Timing, Präzision und Geduld sucht, um die Aufgaben zu bewältigen. Alle Spielsysteme und Fähigkeiten greifen perfekt ineinander und sorgen für viel Spielfreude beim Experimentieren mit verschiedenen Vorgehensweisen. Jede gelöste Situation verschafft euch zum einen eine enorme Befriedigung und zum anderen einen moralischen Boost, der euch weiter anspornt und zu taktischen Meisterleitungen antreibt. Mimimi Productions hat das hier alles auf allerhöchstem Niveau umgesetzt, greift die Commandos-Formel - um es mal so zu nennen - auf und perfektioniert sie auf eine Art, wie es im Jahr 2020 zu erwarten ist. Und das in einem Spiel, das Einsteiger, Erfahrene und Hardcore-Spieler gleichermaßen anspricht und zufriedenstellt. Ein Spagat, den nicht jeder schafft.

Wenn das neue Commandos nicht schon ein Entwicklerstudio hätte, wäre es eine Aufgabe, die ich dem Münchner Studio mit Leichtigkeit zutrauen würde. Aber wenn in ein paar Jahren aus dem Süden der Republik ein Desperados 4 folgt, beschwere ich mich ebenso wenig darüber. Im Hier und Jetzt kehrt Desperados mit Teil drei auf eindrucksvolle Art von den Toten zurück. Und es kann gerne bleiben!


Entwickler/Publisher: Mimimi Productions/THQ Nordic - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: zirka 47 bis 60 Euro - Erscheint am: 16. Juni - Getestete Version: Xbox One - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein


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