Tomb Raider • Seite 2

Wer wird schon als Held geboren?

Nicht nur die Portagonistin wirkt realer, sondern auch die Gruften, die sie nicht mehr hergeben wollen. Sie sehen verlassener aus als zuvor, nicht so geleckt wie einst. Abseits von ausgemachten Horrorspielen haben wir lange keine so gruseligen Umgebungen mehr gesehen. Der Dreck von den Wänden haftet auch an der 21-jährigen Schiffbrüchigen und muss nicht erst von euch dazugedacht werden. Die Vorgänger waren gewissermaßen die Vergnügungspark-Ausgabe der schmutzigen, eher beängstigenden als faszinierenden Realität. Jahrhunderte verschollene Ruinen sind nun mal kein Abenteuerspielplatz. Sie sind Todesfallen.

Der andere Wechsel im Fokus des Spielablaufs liegt auf der offener erkundbaren Umgebung. Diese ist mit Hub-artigen Oberwelten eines Zelda oder Metroid Prime – oder noch jünger: Batman: Arkham Asylum – durchaus zu vergleichen. Insofern steht trotz der filmischeren Ausrichtung nicht zu befürchten, dass Klettern und Erkundung aus dem Spiel fliegen, auch wenn das Bewegungsrepertoire allem Anschein nach etwas realistischer ausfallen wird. Laras Ausrüstung, die zu Beginn nur aus einem Bogen besteht, wächst mit der Zeit um Steigeisen und andere Utensilien an. Dadurch werden der Heroine in spe erst nach und nach immer mehr Bereiche eröffnet.

Viel mehr als grundlegende Klettermanöver beherrscht die Dame zu Beginn nämlich nicht. Macht Crystal Dynamics alles richtig, könnte diese Art der Umgebungserkundung und -erschließung eine der organischsten sein, die wir in Spielen dieser Gangart bisher erleben durften. Schließlich kommen statt mystischer McGuffins oder SciFi-Tools eher geerdetere Hilfsmittel zum Einsatz. Wann immer es ein Rätsel zu lösen gibt, kann der Spieler übrigens auf eine Abwandlung der Detective Vision aus Batman: Arkham Asylum zurückgreifen. Wenn Lara stillsteht, werden interaktive Elemente hervorgehoben. Hoffentlich wird das Abenteurern dadurch nicht zu einfach.

Lara ist übrigens zumindest anfangs nicht alleine auf der Insel. Wie uns in der Demonstration gestern gezeigt wurde, muss sie zusammen mit einem Leidensgenossen namens Roth das Beste aus der Situation machen. Dieser hat sich allerdings schwer verletzt, also muss Medizin her. Auf dem Weg zu dem erhofften Erste-Hilfe-Kasten fühlt sich das Spiel wie ein klassisches Tomb Raider an. Als unsere Heldin kurz vor ihrem Ziel von einem verwilderten, ausgehungerten Hund angefallen wird, kommt aber erneut eine Button-Hämmer-Attacke ins Spiel. Brutal sticht sie dem Raubtier wiederholt in die Schnauze. Anschließend steht die Überlebende auf und entschuldigt sich sogar leise beim getöten Widersacher.

Ob Roth seine Blessuren dank Laras aufopferungsvollen Einsatz überlebt, war bislang nicht in Erfahrung zu bringen. Aber selbst wenn: Crystal Dynamics scheint so sehr darauf aus zu sein, dem Spieler eine gewisse Verlorenheit zu vermitteln, dass ihnen schon genügend Gründe einfallen werden, um Lara die meiste Zeit alleine durch den Urwald zu schicken. Schusswaffen soll es später ebenfalls geben, wurden uns auf der Messe aber noch nicht vorgeführt. Wir haben allerdings auch so nicht das Gefühl, das Lara vorhat, mit Nathan Drake in einen Ring zu steigen. Ich hoffe aktuell auf nur spärlich gesäten Munitionsnachschub.

Auch der übergeordnete Handlungsbogen ist dieses Mal scheinbar interessanter als in vorherigen Teilen. Wie man bereits am Ende der E3-Präsentation auf Microsofts Pressekonferenz sehen konnte, ist die Endurance – das Schiff, auf dem Lara unterwegs war – keineswegs das erste Vehikel, dass an der Küste dieses Eilands einen ungeplanten und endgültigen Stopp einlegen musste.

Für Mystery und Antrieb dürfte also ausreichend gesorgt sein. Schön, dass Laras Triebfeder diesmal mehr ist als der Spaß am Entdecken. Das, zusammen mit der Tatsache, dass Crystal Dynamics hier die Engine von Tomb Raider: Underworld bis zur Unkenntlichkeit aufgehübscht hat, stimmt doch außerordentlich positiv was die Ursprungsgeschichte meiner Lieblingsheldin angeht. Endlich blickt man mal hinter ihre unnahbare Fassade und endlich erkundet man mehr als nur eine lineare Reihe an Ruinen, an die man im Geiste nacheinander einfach ein Häkchen macht.

Da wir ja wissen, wie es mit Lara nach den Geschehnissen auf dieser Insel weitergeht, kann man sich bereits jetzt ein Spiel erhoffen, das ihren Charakter noch umfassender entwickelt, ihn weit mehr wachsen lässt, als es mit der bloßen Vergabe von neuen Fähigkeiten oder Erfahrungspunkten möglich wäre. Und das ist eigentlich der aufregendste Aspekt an diesem Spiel. Hier wird eine Heldin geboren - und ich will verflucht sein, wenn ich nicht dabei bin, wenn das passiert.

Tomb Raider erscheint im nächsten Jahr für Xbox 360, PlayStation 3 und PC.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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