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Bester Fußball nur mit Lizenz? Ich denke, weltfremder als die FIFA wird man nicht mehr

Ich weiß, "Newsflash" und so.

Keine Frage, Lizenzen sind wichtig. Nicht umsonst lieferte Konami mindestens eine geschlagene Dekade lang den besten Fußball im Business, ohne trotzdem auch nur einen Stich gegen EAs FIFA-Reihe zu machen. Dass sie so wichtig sind, ist auch der Grund, warum Electronic Arts erst jetzt die kostspielige Partnerschaft mit dem Weltfußballverband nicht mehr verlängert. Der einzige Konkurrent liegt nach jahrelangem Ringen (zum Teil selbstverschuldet) mit dem Gesicht nach unten im Gras, der Platz gehört ihnen vorerst endgültig ganz allein. EA "ist" Fußball, jetzt auch faktisch.

An dieser Stelle kommt der Gewöhnungseffekt ins Spiel. Über die Jahre hat die FIFA-Lizenz gewissermaßen auf den Sportspielriesen abgefärbt, so sehr, dass seine Fußballspiele auch ohne die vier Buchstaben im Titel Synonym mit dem Fußballzirkus bleiben werden. EAs Reihe wird unter den Fans genauso weiter “FIFA” heißen, wie Taschentücher und Küchenrollen vom Aldi auch immer und ganz selbstverständlich Tempo und Zewa sein werden. Das führt uns also dazu, dass EA derzeit in einer so beneidenswert übermächtigen Situation ist, dass die jüngsten Äußerungen von FIFA-Boss Giovanni Infantino mächtig putzig wirken.

Die Lizenz ist alles – bis man selbst die Lizenz ist

Zugegeben, in diesem sich anbahnenden Twist gibt es keinen Underdog, für den man jubeln würde – wobei selbst ich als alter PES-Fan schwer in Richtung EA tendiere. Aber wenn Infantino gewissermaßen sagt, das beste Fußballspiel sei nur mit FIFA-Lizenz möglich, offenbart das nicht nur eine unsympathische Selbstüberschätzung, sondern auch eine Ahnungslosigkeit über Videospiele, die im Grunde ausschließt, dass er erreicht, was er verspricht. Man beschließt nicht einfach, der Platzhirsch zu werden und hat damit Erfolg. Diese Erfahrung musste nicht nur PES machen (bei dem nicht mal die tatsächliche Qualität gereicht hat), sondern auch EA selbst. Schließlich versucht der Mega-Publisher seit Jahren, ein Basketballspiel zu etablieren, das neben NBA2K existieren kann, oder Need for Speed zu einem Rennspiel zu machen, das neben Forza Horizon nicht wie ein schlechter Scherz aussieht.

Aber nochmal zurück zum O-Ton Infantinos:

"Ich kann Ihnen versichern, dass das einzige authentische, echte Spiel, das den Namen FIFA trägt, das beste sein wird, das für Gamer und Fußballfans erhältlich ist. Der Name FIFA ist der einzige globale, originale Titel. FIFA 23, FIFA 24, FIFA 25, FIFA 26 und so weiter - die Konstante ist der Name FIFA. Er wird für immer bestehen und DER BESTE bleiben", stellt der Funktionär weitere Titel der Reihe von anderen Herstellern in Aussicht.

Zwischen wollen und können liegen Welten

Natürlich ist das das übliche PR-Gewäsch, um mit seiner Marke in diesem Segment nicht direkt in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Und man kann es auch als Versprechen lesen, jeden erdenklichen Aufwand zu betreiben, dass der Name FIFA auch in Zukunft für das beste Erlebnis in Sachen Fußball stehen wird. Aber vermutlich hätte er das dann auch so gesagt. Ihr wisst schon, auf eine Weise, die nicht überheblich und weltfremd ausgerechnet in dem Segment wirkt, das man für sich erobern will? Dann wiederum: Was haben wir von einer Organisation zu erwarten, die für den eigenen Pomp und zur Selbstbeweihräucherung wiederholt wissentlich die grausigsten Menschenrechtsverletzungen in Kauf nimmt?

Nie war die Wendung 'In Schönheit sterben' passender als bei PES. Was? eFootall? Nie gehört...

Wie gesagt, es ist nicht unbedingt ein Kampf zweier Sympathieträger, dazu war Electronic Arts zu kompromisslos im Umgang mit der Konkurrenz, zu raffgierig mit seinen Ultimate-Team-Mikrotransaktionen und zuletzt viel zu satt, um spielerisch noch wirklich mitzureißen. Aber wenn man der FIFA einen Realitäts-Check verpassen kann – und sei es nur durch die Erkenntnis, dass dieser Name nicht automatisch alle Türen öffnet, dann war diese Trennung zumindest nicht umsonst.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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