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Rock Band

Plastic Noise Experience

Eigentlich hätte alles so einfach werden können. Eigentlich sollten wir gleich über Rock, große Bands und rauschende Musikfeste im heimischen Wohnzimmer reden.

Geht aber nicht, denn eine Sache überschattet den sowieso schon reichlich späten Auftritt von Rock Band in Europa und es führt einfach kein Weg daran vorbei: Der Preis. Oder um genau zu sein, der europäische Preis.

Ein kurzer Blick auf amazon.de und amazon.com offenbart Erstaunliches: In den USA geht das komplette Paket plus eine zweite Gitarre für 230 USD (150 EUR) über den Tisch bis an Eure Haustür. Wir sind Dollar=Euro Rechenkünste ja mittlerweile gewöhnt, macht also 230 Euro. Stolz, aber was soll’s.

Jetzt aber bekommen wir Europäer die gleiche große Kiste, nur ohne die DVD mit dem Spiel darin. Die wird extra verkauft und so ergibt sich für Instrumentenpack, Zweitgitarre (Bass) und Spiel der phänomenale Kurs von 320 Euro. Mehr als das Doppelte des Umrechnungswertes.

Ich werde mich jetzt nicht in Theorien ergehen, ob und wie dieser Preisanstieg zu rechtfertigen ist. Leichter zu verschmerzen wird er dadurch sowieso nicht. Das was der Publisher Rock Band damit allerdings antat, lässt sich leicht abschätzen: Er beförderte das Spiel aus dem Mainstreamsegment in die Ecke der Luxusartikel für Leute, die nicht genau auf den Euro gucken müssen.

Rock Band steht mit 320 Euro sicher nicht ganz so schlimm wie eine Rolex für 32.000 Euro da, ein zum Leben nicht unbedingt nötiger Luxusgegenstand bleibt es aber allemal. Trotzdem werde ich den Preis nicht in die Wertung oder den weiteren Test mit einfließen lassen. Hier steht das Werk von Harmonix im Vordergrund, nicht die Preispolitik seitens MTV und EA. Ihr müsst also mit Euch selbst und Eurem Bankkonto ausmachen, ob Ihr Euch Luxus leisten könnt und wollt. Als einer der kritikwürdigsten Preissprünge bleibt es sowieso stehen.

Los! Gebt uns die Euros! Viele, viele Euros!

Habt Ihr den Preis bezahlt, erwartet Euch eine wahre Auspack- und Aufbau-Orgie. Am einfachsten dürfte es bei der Gitarre sein. Diesmal nahm man sich die Fender Stratocaster als Vorbild, die Waffe der Wahl von The Edge, Eric Clapton, George Harrison und ungefähr 50 weiteren Namen dieser Größenordnung. Im Vergleich zu Guitar Heros aktueller Gibson Les Paul fällt die Fender einen kleinen Tick größer aus und macht bei der Verarbeitung einen sogar noch höherwertigeren Eindruck.

Das geschraubte Schlagbrett und der recht hochwertige Korpus vermitteln schon beim ersten Anfassen ein Gefühl von Solidität. Neben dem obligatorischen Steuerkreuz und der Start beziehungsweise Back-Taste findet Ihr noch einen neuen Kippschalter. Mit diesem lassen sich beim Spielen fünf Effekte auswählen und solltet Ihr schon immer bei Euren Schrabbelkünsten den Wah-Wah oder Echo vermisst haben, dürft Ihr nun damit experimentieren. Auswirkungen auf Euren Erfolg hat es nicht, ein nettes Gimmick ist es aber allemal.

Schlimme Dinge wurden über die Qualität des Whammy gesagt, bestätigen kann ich davon allerdings nichts. Lediglich, dass er ein wenig zu weit nach oben ragt, um ihn stets bequem in der Handfläche im Griff zu haben. Am Hals erwarten Euch zwei Überraschungen: Die fünf Tasten sind nun im Griff eingelassen, statt prominent herauszuragen und es gibt zwei Mal fünf davon.

Zwar nicht kabellos aber tadellos: Die Fender Stratocaster.

Das Einlassen der Tasten in den Hals bringt Vor- und Nachteile mit sich: Zum einen gleiten die Finger bei Hard und Expert, an den Namen der vier Schwierigkeitsabstufungen hat sich nichts geändert, weit besser zu der fünften Taste und zurück. Leider bedeutet es aber auch, dass es wesentlich schwerer wird, sobald Ihr einmal den Griff verloren habt. Blind werdet Ihr nicht den Finger auf die Grüne zurückführen können.

Die unteren fünf neuen Tasten sind erst einmal nur wenig mehr als Schau und eine Hilfe für Leute mit kleinen Fingern. Die Tastenbreite beträgt grob zwei Drittel der oberen und sie liegen kurz vor dem Korpus. Habt Ihr dann aber erst einmal ein wenig gespielt, werdet Ihr zwei Dinge feststellen: Die Gitarre hält sich bei stundenlangen Sessions sehr viel leichter und angenehmer, schließlich müsst Ihr nicht permanent den Arm ausstrecken, und Hard und Expert verlieren viel von Ihrem Schrecken, wenn die im Griff zu behaltenden Fläche kleiner wird. Der Griffwechsel funktioniert mit ein wenig Übung schneller und präziser als bei den oberen Tasten. Schon aus diesem Grund möchte ich die Fender in Zukunft nicht mehr missen.

Im Gitarrenspiel zeigt sich dann sowohl deutlich die Herkunft von Harmonix als auch ein Zugeständnis an das Konzept von Rock Band. Die Gitarre steht nicht mehr komplett im Vordergrund, sechsminütigen Solo-Stücke sucht Ihr vergeblich. Die Melodiepassagen eines Black Hole Sun oder Wanted Dead or Alive lassen Euch wie eh und je glänzen, bilden aber eher die Ausnahme.