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XBLA: Space Giraffe

Tierisch viel Kunst!

Wenn ich raten müsste, wie ein LSD-Trip aussieht, der von faszinierenden Technosounds und Housebeats getragen wird, dann kommt Space Giraffe dieser kranken Vorstellung sehr nahe. Kein Wunder, Schöpfer des grellen Retro-Shooters ist kein geringerer als Jeff Minter, eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Videospielszene in den 80er Jahren. Seine Werke waren stets von psychedelischen Effekten getränkt und inszenierten tierische Protagonisten wie Schafe, Kamele und Lamas als kunterbunte Helden klassischer Arcade-Shoot'em Ups. Das klingt nicht nur unglaublich skurril, sondern erklärt auch die schrille Machart von Space Giraffe, das seit Mittwoch für 400 Microsoft Points auf dem Xbox Live Arcade Marktplatz erhältlich ist.

Videospiele als Kunstform – hier der Fall Space Giraffe!

Der Titel darf als spacige Odyssee einer abstrakt gezeichneten Giraffe verstanden werden, die sich in einer Mischung aus Rez und Tempest durch psychedelische 3D-Welten ballert und stets auf vorgegebenen geometrischen Formen wandelt. Beispielsweise riesigen Trapezen oder Quadraten. Der audiovisuelle Esoteriktrip mit seinen violetten Farbblitzen, der gleißend-gelben Giraffe und den schemenhaft zu erkennenden Gesichtern in der Ferne, setzt dabei auf minimalistisches Gameplay – gefeuert wird automatisch. Auf Knopfdruck entsteht dank Smartbomb ein alle Feinde zerstörendes Feuerwerk, und mit einem gezielten Sprung wird ausgewichen.

Ein bisschen wenig Gameplay wenig für knapp 5 Euro möchte man meinen. Stimmt. Aus rein spielerischer Sicht ist Space Giraffe nicht mehr, als ein simpler, hektisch anmutender Tempest-Aufguss, der versucht, den künstlerischen Anspruch eines Rez zu erfüllen, erklärt aber damit auch seine Daseinsberechtigung. Denn in Space Giraffe ist der Weg das Ziel – es ist nicht das Ende des Spieles, das Befriedigung verleiht, sondern das Erlebte. Dieser audiovisuelle Hochgenuss, ein spielbarer Drogenrausch, dessen Faszination wohl nur die wenigsten erkennen werden, der aber einmal mehr beweist, dass Videospiele nicht nur anspruchsvolle Freizeitgestaltung sind, sondern sich langsam, aber sicher einen festen Platz als Kunstform erkämpfen.

Anfangs ist die Odyssee noch übersichtlich, in hektischen Situationen leidet die Orientierung.

Und als Kunstwerk betrachtet ist Jeff Minters Schöpfung absolut gelungen. Fast so schillernd wie sein Schöpfer und mindestens genau so abgedreht. Es fühlt sich fast an wie ein Streifzug durch 20 Jahre Technogeschichte. Typische Synthesizer-Sounds dröhnen aus den Boxen, bekannte Samples schaffen ein akustisches Deja-Vu und das von Explosionen und grellen, bunten Lichteffekten gespickte Szenario erinnert in der einen Sekunde an die Tanzflächen stroboskopgetränkter Technodiscos und wirkt dann plötzlich wieder wie ein surrealer Rave in den unendlichen Weiten des Alls.

Und mittendrin diese Giraffe im Technogewand, die sich den Weg freikämpft. Dann plötzlich setzt der nächste Track ein, keine ruhigen Housebeats mehr, sondern ambientartige Trance-Musik, und plötzlich das laute Blöken eines Schafes – jawohl, das Blöken eines Schafes, einfach so. Das ist Space Giraffe!

Space Giraffe will ein Kunstwerk sein, nichts anderes. Dazu nutzt Jeff Minter die mittlerweile antiquierten Gameplay-Strukturen seiner klassischen 2D-Shooter, garniert es aber mit einer bezaubernden Optik und einem grandiosen Soundtrack. Genau deshalb seien aber alle XBLA-Fans gewarnt. Erwartet keinen spielerischen Meilenstein, sondern erfreut Euch am künstlerischen und psychedelischen Aspekt in Space Giraffe. Und mit künstlerischen Aspekt meine ich keineswegs den tieferen Sinn, den es laut Aussage der meisten Kreativen sowieso nicht gibt – Space Giraffe ist einfach nur da, ohne tiefsinniges Gameplay, ohne großen Anspruch, aber als buntes Fest für die Sinne. Kurzweilig, unterhaltsam und schrill, aber leider stellenweise auch frustrierend unübersichtlich.

Seit 22. August erfahren Xbox 360-Besitzer, was das Werk von Jeff Minter zur Kunstform erhebt.

6 / 10

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Über den Autor

Tobias Lampe

Contributor

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