Portal erleben, so als wäre es das erste Mal - Portal Stories: Mel

Die Knobelperle verkörpert (fast) alles, was an PC-Spielen gut ist.

Nach Boring Man war Portal Stories: Mel der zweite Titel auf meiner letztwöchigen Safari durch das Reich kostenloser Spiele (Nummer drei war Warframe. Nett, aber bislang fühle ich mich nicht sonderlich angehalten, viel darüber zu schreiben. Vielleicht ein andermal). Als Mod für Portal 2 ist es selbstverständlich kostenlos für Besitzer des Originals. Bei genauerer Betrachtung wären ein paar Euro dafür aber auch keine unverschämte Forderung gewesen. Was sich dem geneigten Knobelfan hier viele unterhaltsame Stunden eröffnet, fühlt sich fast wie eine offizielle Erweiterung an.

Als Testsubjekt Mel sitzt ihr 1952 in Gordon-Freeman-Manier in einem Zug, der euch zu eurem neuen Job bei Aperture Science trägt. Aus den Lautsprechern klingt eine Stimme, die einem bekannt vorkommt, wenn auch nicht ganz: Euch begrüßt ein Cave Johnson, der hörbar nicht von J.K. Simmons vertont wird. Dass man sich direkt zu Hause fühlt, liegt daran, dass der Sprecher in Sachen Ton eine ganz kompetente Kopie von ihm abgibt. Der Humor sitzt - wenn auch nicht ganz so passgenau und zum Schreien komisch wie bei dem perfekten Valve-Original - und die Illusion, wieder dort zu sein, wo man 2011 einige der besten Stunden seiner Spielerlaufbahn verlebte, ist vom Fleck weg ziemlich überzeugend.

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Die Eröffnung erfolgt getreu dem Stil vieler anderer Valve-Klassiker.

Bei euren ersten Schritten durch die noch nicht verwüstete, aber etwas verwaiste Anlage wird schnell klar, das hier spielt in einer Zeit lange vor GlaDOS und Chell. Nach einigen Räumen durch die holzfvertäfelte Vergangenheit des größenwahnsinnigen Technikkonzerns legt ihr euch auch schon in einer der "Erholungskammern" schlafen - für die Wissenschaft natürlich. Schon damals lief in diesem Laden aber längst nicht alles rund, weshalb ihr erst eine unbestimmte, ganz bestimmt aber sehr, sehr lange Zeit später von einer redseligen KI-Kugel namens Virgil geweckt werdet.

Hieraus entspinnt sich eine gut achtstündige Odyssee durch die verschiedenen Testsphären Aperture Sciences mithilfe einer rustikaleren, aber funktional identischen Version der Portalkanone. An GlaDOS' Stelle tritt der Computer Aegis, der zwar weniger weit entwickelt ist und demzufolge wenig bis gar keine Persönlichkeit versprüht. Dennoch ist es interessant, das Geheimnis zu lüften, warum er euch nach dem Leben trachtet und macht, was er eben macht. Das alles ist sehr schön in den Kanon der Reihe integriert, professionell gesprochen und ordentlich geschrieben - auch wenn hier wieder die gleiche Kritik greift wie im Fall der Cave-Johnson-Kopie. Nicht jeder Satz sitzt so genau auf den Punkt, nicht jeder Monolog Virgils erzeugt den gewünschten Effekt. Trotzdem spannen die Modder einen schönen Bogen über die gesamte Dauer hinweg, der am Ende tatsächlich ein bisschen überrascht.

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Tut gut, wieder so ein Ding in der Hand zu halten.

Trotzdem spielt man das hier, anders als das himmelschreiend komische und clever erzählte Orginal, eher wegen der Puzzles. Denn die schöpfen klugerweise direkt zu Beginn aus dem Vollen und verlangen euch mehr ab als Portal 2 in seinen kniffligsten Momenten. Schon nach wenigen Räumen müsst ihr mit Beschleunigungs- und Sprunggel um die Ecke denken, kämpft ewig mit der Problemstellung, wie man eine Kiste auf den letzten Knopf bekommt, die man am Anfang des Puzzle-Raumes zurückließ, und hat schon wenig später an Transportkraftfeldern, Lichtbrücken und automatisierten Geschütztürmen hart zu knabbern.

Anders als Valves Spiel, das durch kluge Spielerführung subtile Signale setzte, die den User ein bisschen steuerten, setzen die Modder der Prism Studios gleich zu Beginn Geschick, ein gutes Gedächtnis und hier und da schon mal ausgezeichnete Augen voraus. Auf dem Rücken des gut eingeschliffenen Regelwerks von Portal 2 fordern sie so unmittelbar ungleich stärker heraus. Genau das Richtige, wenn einem das Hauptspiel gegen Ende ein bisschen zu einfach wurde. Gegen das, was hier aufgefahren wird, war Valves Erlebnis eine Puzzlespiel-Krabbelgruppe. Das kam seinerzeit dem Spielfluss sehr zugute und war in dem Spiel perfekt austariert, blieb aber hinter den Möglichkeiten der vielleicht interessantesten Knobelsysteme überhaupt jedoch deutlich zurück. Etwas, das die Modder für ihr Werk nicht einsahen und Portal-Fans aus dieser Weigerungshaltung genau die richtige Ersatzdroge lieferten.

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Panoramen wie diese werden nie alt.

Klar, optisch gibt es außerhalb der unverwüstlich gut aussehenden Testkammern ein paar buchstäbliche Ecken und Kanten, an denen grobschlächtige Assets verraten, dass das hier eine von wenigen Leuten erstellte Mod für ein vier Jahre altes Spiel ist. Insgesamt denkt man aber nicht häufig daran, dass die Produktionswerte nicht ganz dem heutigen Standard entsprechen. Die Illusion, sich endlich wieder durch ein Portal zu bewegen, ist einfach zu lebensecht.

Portal Stories: Mel ist für Fans der Reihe unverzichtbar, speist es sich doch aus viel, viel Kompetenz und noch mehr inniger Liebe zu dem zeitlosen Klassiker. Von Fans für Fans eben, nur dass die erstgenannte Fangruppe aus verdammt talentierten Entwicklern besteht. Schön.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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