Huch? Was ist denn hier passiert? Da haut Capcom mit dem Remake des ersten Resident Evil eine der erfolgreichsten und beliebtesten Neubearbeitungen überhaupt raus und macht für den Nachfolger trotzdem fast alles anders? Das ist unerwartet, aber auch ein schönes Zeichen, dass man sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruht und den Fans das bestmögliche Erlebnis bescheren will.

Seien wir mal ehrlich. Ich will nicht behaupten, das Remake des ersten Resident Evil wäre ein kleines oder irgendwie zu belächelndes Unterfangen gewesen, aber für Capcom wäre es bedeutend einfacher gewesen, das Template der Eins-zu-eins-Umsetzung - zeitgemäß überarbeitete 3D-Spielfiguren vor neu, aber originalgetreu nachempfundenen, hochaufgelösten Renderhintergründen - auch beim Sequel anzulegen. Die Puristen unter den Fans hätten das genauso sehr geliebt und vermutlich wieder millionenfach gekauft.

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Doch stattdessen baut man gewissermaßen das komplette Spiel neu. Resi 2 läuft nunmehr in Echtzeit und über die Schulter Leon Kennedys und stellt sich ohne aufzufallen in die Reihe neben Resident Evil 4.

Resident Evil 2 Remake - E3-Trailer

Das ist mutig, denn es ist teuer, was nicht nur Chancen, sondern auch Risiken birgt. Immerhin steht der Wiedererkennungswert eines der verehrtesten Titel seiner Generation auf dem Spiel. Und mit der damit zusammenhängenden Nostalgie steht und fällt bei einem Remake nun einmal alles. Ich könnte trotzdem kaum erbauter darüber sein, dass Capcom diesen Schritt wagt. Wenn ich von der Neuauflage des Originals eines gelernt habe, dann dass mir der Gedanke, es zu spielen, deutlich mehr Freude bereitet als der eigentliche Akt. Resi 1 ist einfach nicht gut gealtert - und das schreibe ich mit einer Wehmut, die der gleichkommt, wenn man einen alten Freund trifft, den man kaum wiedererkennt.

Schon wieder dieses Wort. "Wiedererkennen". Was das angeht, darf man wohl Entwarnung geben. Den ersten echten Spielszenen zufolge, die unsere englischen Kollegen von der Messe mitbrachten, gelang es Capcom durchaus, Themen und Feeling der ersten größeren Location zum Erkunden und Befrieden einzufangen: In Sachen Layout und Ablauf erkennt man die Grundzüge der Polizeistation direkt wieder, sowohl im generellen Vibe als auch anhand einiger konkreter Umgebungsmerkmale, wie die Statue am Ende der Eingangshalle. Aber selbst die ist verändert und ist auf andere Weise in ein Rätsel eingebunden als noch 1998.

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Wer für das Remake eines Spiels sogar erstmals (richtig gute) Schauspieler für Performance-Capture ins Studio holt, der macht eindeutig ernst.

Auf den zweiten Blick sieht man Türen, von denen man schwören könnte (und Recht behält), dass sie damals noch nicht da waren und in neue Bereiche führen. Manche Dinge, wie ein zugeklebter Sicherungskasten, erinnern an den siebten Teil. Allgemein setzen die Rätsel offensichtlich ein wenig mehr auf Echtweltlogik, obwohl natürlich auch hier zum Beispiel Siegel und Symbole auf die richtige Kombination eingestellt werden müssen, damit es weitergeht. Und natürlich ließ es sich Capcom nicht nehmen, die Verteilung von Items und Monstern komplett neu zu arrangieren. Den Licker trefft ihr zum Beispiel nicht an der Stelle, an der er euch vor 20 Jahren einen solchen Schrecken einjagte.

Ich gebe zu, ich hätte nur zu gerne die atemlose Eröffnung des Spiels gesehen. Das sind wohl einige der meistgesehenen Szenen meiner Spielerlaufbahn und ergo einfacher zu vergleichen, aber die gezeigten Szenen fühlen sich neben dem schon leicht verschwommenen und verblassten Bild in meinem Kopf sehr authentisch an.

Neben all den Neuerungen überrascht vor allem, wie gut die Technik ist: Gerade die Gesichter des nun noch jünger wirkenden Leon und von Police Lieutenant Marvin - diesmal in einer größeren Rolle - wirken in Sachen Lebensnähe und Ausdruckstärke absolut auf der Höhe der Zeit. Der Schauspieler, der Marvin verkörpert, macht seine Sache zudem auffällig gut. Aber auch Leon führt eifrig Selbstgespräche, die verdeutlichen sollen, wie unerfahren und aufgebracht er von der Situation ist. Das erzeugt auf seltsame Art ein noch einsameres, verzweifeltes und gruseliges Gefühl.

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Die Zombies sind wunderbar widerlich gelungen. Zusammen mit der größeren Finsternis der Umgebungen kommt hier eine Sorte Grusel-Feeling auf, die man damals von dem Spiel nicht kannte.

Den Schauer unterstreichen eine dank Echtzeit-Beleuchtung sehr viel dunklere Spielumgebung und die wunderbar vergammelt aussehenden und vielfältigen (auch weiblichen) Zombies, denen man geradezu grausige Verletzungen zufügen kann. Aber in dem Fall ist es nur fair, wenn man sich einige der Opfer unter den Polizisten anschaut. Ein frisch in zwei Teile gerissener Officer und ein längst toter mit vom Mund bis hinters Ohr aufgerissenen Gesicht, waren in diesen 20 Minuten nur die blutigen Höhepunkte eines Spiels, das sich sehr wohl bewusst ist, weshalb wir Kids es damals so faszinierend fanden.

Neben neuen Features, wie der Möglichkeit, Fenster mit Brettern zu verrammeln, kommen aber auch viele vertraute Elemente zum Tragen. Gespeichert wird an Schreibmaschinen (ohne Farbband, zum Glück), das Inventar ist immer noch unrealistisch knapp und Überschüssiges lagert man in "magisch" miteinander vernetzten Truhen.

Resident Evil 2 Remake - 20 Minuten Gameplay

Allein, ich gebe zu, dass es in dieser realistischen Aufmachung und angesichts der überzeugend menschlichen Figuren sehr befremdlich ist, wie sehr diese Umgebung immer noch einer archaischen Videospiellogik folgt. Siegel, die es anzuordnen gilt, Statuen, die auf dafür vorgesehene Podeste zu stellen sind, und Plaketten, die als Türöffner fungieren, wo es ein normaler Schlüssel auch getan hätte, kommen zumindest beim Zuschauen ein bisschen einer Art Uncanny Valley für Spielwelten gleich. Aber das wird auch so ein Kontext-Ding sein. Ist man erstmal wirklich hier, da bin ich ziemlich sicher, reibt man sich nicht mehr daran.

Wichtig ist: Das neue Resident Evil 2 präsentiert sich als eines der ambitioniertesten Remakes überhaupt und geht weit über das Pflichtprogramm hinaus. Mit bequemer Zweitverwertung hat das hier nichts zu tun. Capcom begreift die Neubearbeitung als Chance, das Spiel auch abseits selten objektiver Jugendliebe für die später Geborenen relevant und zeitlos zu halten. Wie lange her Operation Raccoon City und Resident Evil 6 doch plötzlich scheinen.

Entwickler/Publisher: Capcom - Erscheint für: PS4, Xbox One, PC - Geplante Veröffentlichung: 25. Januar 2019 - Angespielt auf Plattform: -

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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