Anno 1800 - Mein Zoo braucht mehr Delfine!

Der schmale Grat zwischen Fabriken und Lebensqualität

Die Anno-Serie begleitet uns alle inzwischen über 20 Jahre. Zwei Dekaden ist es nun her, dass wir zum ersten Mal in Anno 1602 unsere eigene Stadt aufbauen durften. Mich verfolgt Blue Bytes Aufbaustrategiereihe damit bereits meine gesamte berufliche Laufbahn und während sich heutzutage Präsentationen und Vor-Ort-Termine die Klinke in die Hand geben, kann ich mich noch sehr gut an meine erste Event-Einladung erinnern: Es war nämlich zu Anno 1503 irgendwann im Jahr 2001. Getreu dem Motto Wer essen will, soll auch arbeiten nötigten die Organisatoren die Fachpresse damals zu kleineren, natürlich zum Spiel passenden Aufgaben. Ich war Teil der Wache und bekam gemeinsam mit einigen Kollegen Fechtunterricht. Andere probierten sich am Flechten von Körben oder erhielten einen Mini-Lehrgang in der Apfelernte. Bis heute steht ein Anno-1503-Krug bei mir im Regal - als Erinnerung.

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Wenn ich zurück an die sechs Teile der Anno-Serie denke, dann kommen mir vor allem die langen Testsessions ins Gedächtnis zurück. Beim neusten Ableger Anno 1800 habe ich mich erneut verschätzt. Denn eine Stunde zum Anspielen ist für ein Spiel dieser Güteklasse natürlich viel zu wenig. Mit Anno 1800 wagt sich Blue Byte ins Zeitalter der Industriellen Revolution. Das Spiel entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Community und wurde genau deshalb schon auf der Gamescom 2017 präsentiert. Nämlich, damit genügend Zeit bleibt, um auch die Spieler mit in den Entwicklungsprozess einzubeziehen. Über das Online-Portal Anno Union konnten Fans über Funktionen mitbestimmen, wodurch beispielsweise Optionen wie die Weltausstellung, bestimmte Schiffsdesigns oder gar die Struktur einer separaten Insel im Spiel landeten. Nicht zuletzt war der Schauplatz selbst ein großer Wunsch der Community. Schließlich bietet gerade die Industrielle Revolution reichlich Gelegenheit zum Aufbau seines eigenen Imperiums.

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So mag zwar auch Anno 1800 auf den Kernelementen Aufbau, Wirtschaft und Militär beruhen, bietet aber diesmal einen geradezu sozialkritischen Ansatz. Im Verlauf des langwierigen Sandbox-Modus durchschreite ich erneut mehrere Entwicklungsstufen und mit meinem kleinen Computer-Reich verändern sich auch meine Bewohner immer mehr. Als ich also in der Demo mit dem Aufbau meines eigenen Stadtstaats beginne, fühlt sich alles ganz normal an.

Auf den saftigen Wiesen einer Insel starte ich zunächst mit dem Ansiedeln neuer Bewohner. Schließlich benötige ich viel Arbeitskraft und habe große Pläne. Damit die Menschen in ihren kargen Hütten keinen Hunger leiden, platziere ich an der Küste schnell einige Fischerhütten. Dadurch sichere ich zumindest vorerst die Nahrungsmittelversorgung. Wieso nur vorerst? Na, weil die Einwohner im Verlauf immer höhere Ansprüche an ihre Verpflegung stellen. Doch davon bin ich natürlich in der ersten Spielstunde noch weit entfernt. Stattdessen muss ich mich nach Baumaterial umschauen. Zu diesem Zweck platziere ich in einem der nahe gelegenen Wälder einen Holzfäller und nebenan ein Sägewerk. Der erste, kleine Warenkreislauf ist gesichert. Zukünftig beliefern mich die Gebäude zuverlässig mit Brettern, zumindest so lange noch ausreichend viele Bäume im Umfeld des Holzfällers stehen.

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Gebäude verbinde ich wie gewohnt mit einfachen Straßen. Eine aufgewertete Straße beschleunigt in Anno 1800 allerdings nicht die Auslieferung der Waren, sondern die Reichweite der Karren. Das bedeutet im Klartext: Ich muss nicht mehr überall Lagerhäuser hinpflanzen, sondern kann mir den Platz sparen, indem ich die Wege ausbaue. Doch ich merke schnell, dass Anno 1800 weiterhin sehr viel Vorausdenken und eine gute Planung erfordert. Schon in der Anfangsphase wachsen nämlich stetig die Wünsche meiner Untertanen. Während ich also in guter alter Tradition die ersten Höfe zum Anbau von Getreide, sowie Windmühlen und Bäcker aus dem Boden stampfe, kommen erste Begehrlichkeiten auf. Die Menschen haben Durst: Nicht nach Wasser, sondern nach Schnaps. Also ziehe ich Kartoffelfarmen und anschließend die ersten Destillerien hoch. Schon merke ich, wie mich diese lange verschollen geglaubte Anno-Liebe wieder packt. In meinem Kopf höre ich mich "Okay, nur noch diesen einen Warenkreislauf aufbauen" sagen und ertappe mich dabei, wie ich im gleichen Atemzug neue Wohnhäuser platziere und so meine Bevölkerung weiter aufstocke. Das wiederum zwingt mich zum Ausbau der Nahrungsmittelversorgung. Schon hat mich Anno wieder am Wickel.

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Wie in den Vorgängern platziere ich bei Bauernhöfen oder Farmen die Felder manuell und nutze so - mit ein wenig Übung - den Platz optimal aus. Zwischendurch erfreue ich mich dank der frei dreh- und zoombaren Kamera an dem munteren Treiben in den Straßen: Dort schiebt ein Arbeiter seinen Karren über den Schotterweg, hier sägt ein Tischler an dem nächsten Balken. Auch wenn eigentlich Die Siedler den Begriff wuselig geprägt haben, er würde auch zu Anno passen. Wirklich interessant wird es dann mit der fortschreitenden Entwicklung der eigenen Bevölkerung in insgesamt fünf Stufen. Aus den anfänglichen Bauern werden so schnell Arbeiter und später entsteht daraus sogar die Oberschicht. Auf diese Weise schalte ich immer neue Gebäude und Warenkreisläufe frei. Die Industrielle Revolution nimmt ihren Lauf und schon bald qualmen die Schlote über der Stadt.

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Dazu gehört natürlich auch der Ausbau des eigenen Imperiums und das Bei-Laune-Halten der Untertanen. Irgendwann geben diese sich nämlich nicht mehr mit Fisch zufrieden, sondern wollen Abwechslung, ein soziales Miteinander und Sicherheit. In der Anfangsphase genügt dazu noch der Aufbau der örtlichen Schankwirtschaft, dieser folgen Feuerwehr und Krankenhaus. Derartige Gebäude besitzen natürlich keinen unendlich großen Einflussbereich. Stattdessen muss ich mit Hilfe des grünen Kontrollkreises immer wieder checken, dass ich möglichst viele Häuser abdecke, siehe SimCity.

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Zugleich aber achte ich darauf, dass meine Stadt noch attraktiv für Besucher bleibt. Schließlich bringen Touristen bare Münze in die Staatskasse und erleichtern so das Wirtschaften. Anno 1800 splittet die Stadt-Attraktivität in jeweils drei positive und drei negative Faktoren: Hohe Werte in Kultur, Natur und Feierlichkeit steigern das Ansehen, während Punkte in den Bereichen "Unorte", Verschmutzung und Instabilität für geringeren Tourismus sorgen. Baue ich also aus meiner Stadt eine stinkende Industriemetropole, steigere ich damit vielleicht die Wirtschaftseinnahmen, verliere aber an Stadt-Attraktivität.

Punkte wie Unorte und Instabilität spielen auf das soziale Gleichgewicht innerhalb der Städte an. Natürlich geht in Zeiten von großen Fabriken und wachsenden Einnahmen die Schere zwischen Arbeiterschaft und Industriemagnaten spürbar auseinander. Erstmals können sich die Unterschichten sogar gegen die oberste Klasse zur Wehr setzen. Das Ergebnis sind dann Proteste in den Straßen und entsprechende Unruhen. Dann stehen die einstmals wackeren Arbeiter mit Schildern und Fackeln in den Gassen und begehren gegen die Obrigkeit auf. Wie weit dieses System gehen wird, konnte ich in den bislang spielbaren Demo-Versionen noch nicht ausprobieren.

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Dafür gibt es aber eine Vielzahl an Möglichkeiten, um ein solches Szenario zu verhindern. In der Anspielrunde sende ich zu diesem Zweck etwa einfach eine wackere Truppe auf Expedition. Ziel der Reise sind exotische Orte in Südamerika. Von dort bringt mir das Team dann Tiere wie den rosafarbenen Amazonasdelfin mit. Dieser landet als Attraktion im örtlichen Zoo, den ich ebenfalls nach Herzenslust selbst zusammenstellen darf. Die Möglichkeiten gestalten sich extrem vielschichtig und im Verlauf baue ich selbst eine Kolonie in Südamerika auf. Das ist mir ehrlich gesagt auch lieber als auf dem Mond. Wie dieses Unterfangen aber aussehen wird, ist bislang noch nicht bekannt. Ein Fragezeichen steht auch hinter dem Kampfsystem. Zwar wird es Militäreinheiten geben, wie diese jedoch zum Einsatz kommen, ist noch nicht klar. Fest steht aber, dass Anno 1800 sowohl über einen Sandbox-Modus, aber auch über eine Story und einen Multiplayer verfügen wird.

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Ich kann es nicht anders sagen: „Anno 1800" zieht mich - wie so viele seiner Vorgänger - erneut in seinen Bann. Das Setting passt perfekt zur Prämisse der Serie und Blue Byte setzt alles daran, die Industrielle Revolution zum Leben zu erwecken. Wenn Schornsteine qualmen und Pferdewagen durch die Straßen fahren, klopft mein Herz ein wenig schneller. Und obwohl viele der Ideen nicht nur in Zusammenarbeit mit der Community, sondern auch vor allem als Rückbezug zu früheren Teilen zu sehen sind, gibt sich „Anno 1800" dennoch vergleichsweise innovativ: Ganz egal, ob Zoos oder Revolten in den Straßen, Blue Byte baut die Aufbaustrategie der Reihe vorsichtig weiter aus. Zumindest in der knapp einstündigen Anspielrunde überzeugte das bewährte und dennoch aufgepeppte Spielprinzip weiterhin. Ich freue mich auf lange „Anno"-Abende im kommenden Jahr - in guter Tradition.

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Über den Autor:

Olaf Bleich

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