Meine Dark-Souls-Hassliebe oder: Hilfe, ich hab eine toxische Gaming-Beziehung!

Judith hat dieses Jahr zum ersten Mal mit dem ersten Dark-Souls-Teil begonnen und einiges aufzuarbeiten. Denn trotz Suchtpotenzial liebt und hasst sie das Spiel zugleich.

Dark Souls ist eines der Spiele, die ich immer vehement von mir weggeschoben habe. Ich bin keine geduldige Person, ziemlich impulsiv, pessimistisch und so etwas wie diese Art von "Skill" hatte ich nie wirklich. Und doch habe ich dieses Jahr zum ersten Mal mit der Kopfnuss unter den Spielen angefangen: Dark Souls... und ich konnte seither nicht mehr aufhören.

Das liegt nicht an meinem erfolgreichen Gameplay, denn eigentlich bekomme ich nur dauernd auf die Nase. Eine klassische Dark-Souls-Runde besteht für mich nämlich immer aus ähnlichen Phasen: volle Motivation, Galgenhumor, Selbsthass, Rage, Euphorie und das Ganze von vorne - alles mit einer Extraportion Salz!

Erfahrene DS-Masochisten können dieses Ritual natürlich variieren, aber im Grunde läuft bei mir immer so oder so ähnlich ab. "Phasen des Dark Souls" ...klingt ein wenig nach Selbsthilfebuch, aber vielleicht brauchen die geknechteten DS-Seelen unter euch auch genau das. Also: Zeit für eine Therapiestunde für alle, die auch unter Dark-Souls-Symptomen leiden.

Phase 1: Motivation

Die Phase beginnt oft mit Sätzen wie: "Ach, so schwer ist das doch gar nicht" oder "jetzt hab ich ja das Schlimmste hinter mir." Ein trügerischer, optimistischer Geisteszustand, bevor man wieder so richtig auf die Nuss kriegt und merkt: Es war alles eine Lüge! Diese Phase findet sich vor allem am Anfang des Spiels, aber auch immer wieder zwischendurch, wenn man wieder einmal das bisherige Zähneknirschen geschickt verdrängt und fälschlich denkt, man sei im Aufwind. Tja, zu früh gefreut, kann ich da sagen! "Amnesie zum Selbstschutz" könnte man das auch nennen.

Abgrund
Nein, Judith, springen ist keine Lösung!

Sonst würde man das Spiel einfach in die Ecke schleudern und nie wieder anfassen. Der erste Lauf durch die Schandstadt war die pure Hölle? Naja, danach wird es aber sicher besser! Man hat sechs zuckersüße Stunden mit Ornstein und Smoug verbracht? Ach, so schlimm wird es sicher nicht noch einmal! So funktioniert die rosarote Dark-Souls-Brille. Was man dagegen tun kann? Muss man nicht, das Spiel macht einem die Motivationsphase eh schnell genug wieder kaputt.

Phase 2: Galgenhumor

Was ist die beste Möglichkeit, den ersten Frust ohne zu überwinden, ohne richtig genervt zu werden? Genau: Humor, in diesem Falle Galgenhumor, denn zum Lachen ist in der düsteren Welt von Lordran vordergründig erst einmal nichts. Dann werden die Skelette vor der Kathedrale schnell zu den "drei von der Tankstelle", man lacht sich mit guter Laune in den Abgrund oder trällert am Feuerbandschrein fröhliche Lieder wie "süßer die Glocken nie klingen als zu der Dark Souls Zeit", um die Stimmung zu bewahren

Gut
Hoch die Hände, es geht zu Ende!

Das ist vielleicht eine der gesündesten Souls-Phasen: Sie ist realistisch und macht trotzdem Spaß, einziger Nachteil: Je mehr man blödelt, desto mieser wird man natürlich auch im Spiel und da kommt auch schon Phase drei um die Ecke geschlichen, wie die verseuchten Ratten in den Untiefen.

Phase 3: Selbsthass

"Warum genau bin ich eigentlich so ein Lolli, kann mir das mal jemand verraten? Wie kann man nur so schlecht spielen?" Das sind die klassischen Gedanken für Phase 3 - Selbsthass. Diese tritt gerne auf, sobald man sich zum ersten Mal die Frage stellt, warum man eine Stelle einfach nicht schafft oder wenn man sich im Spiel einfach hoffnungslos selbst sabotiert.

Bib
Zeit zum Verschnaufen? Keine Chance!

Dafür kann man zum Beispiel in der Schandstadt (oder, wie ich sie liebevoll nenne: Schundstadt) die Waffe beschädigen. Dann läuft man den ganzen Weg zu Schmied André und haut dann versehentlich mal ein bisschen mit der Axt auf ihn drauf. Dann ist der doch ernsthaft sauer auf dich! Echt empfindlich, der Typ!

Um die Selbsthass-Phase jetzt noch intensiver zu machen, wirft man dann noch ein paar Mal die gesammelten Seelen in den Abgrund. Dadurch braucht man dann richtig lange, um sich für teures Geld die Sünden vergeben zu lassen und den aggressiven Schmied wieder zu besänftigen.

Die Selbsthass-Phase wird entweder frühzeitig von Euphorie abgelöst, wenn man endlich mal wieder ein Erfolgserlebnis hat oder driftet in völlige Aggression ab. Bei mir war es meistens Letzteres, denn je krampfhafter man einen Erfolg will, desto schlechter wird oft das Gameplay.

Phase 4: Rage!

Irgendwann hilft alles nicht mehr und die Wut und Frustration müssen raus, teilweise verbunden mit Schimpfwörtern, die ich noch nie vorher verwendet habe - nein, ich gebe jetzt lieber keine Beispiele. Um nicht zu laut zu schreien, sahen meine Wutanfälle manchmal auch aus, wie ein Schlagzeugsolo ohne Ton, aber manchmal muss man auch einfach fluchen.

Ja, ich gestehe, ich habe schon einmal mit dem Controller geworfen. Live. On Stream. Danach war das Gamepad auch noch getrennt und wollte nicht sofort wieder starten, was natürlich gar nicht peinlich war (siehe Selbsthass-Phase, manchmal können sich die also auch vermischen). Drei Mal dürft ihr raten, welche beiden bezaubernden Bosse mich dazu gebracht haben - genau: Ornstein und Smoug natürlich.

DarkSoulsFace
Die vielen Gesichter des Dark Souls

Und dann gibt es da noch die richtig guten Missverständnisse im Chat. Wenn man ohne Zusammenhang gleich am Anfang gefragt wird, ob man denn eine Fat Roll habe, kann das naja... komisch rüberkommen.

Der einzige Grund, weshalb bisher aus meinem Rage kein Ragequit wurde, ist meine verfluchte Sturheit. Ich bin einfach zu trotzig! Wenn ich mich nicht vor Freunden im Stream hätte beweisen wollen... vielleicht hätte ich auch schon das Handtuch geworfen. Trotzdem bin ich sehr froh, dass ich dran geblieben bin und mache mittlerweile sogar freiwillig Zusatzinhalte! Aber wie "ich quäle mich einfach durch" zu "ich mache so viel, wie geht" werden? Tja, siehe nächste Phase.

Phase 5: Euphorie

Typische Sätze oder Gedanken in der Euphorie-Phase: "Ich bin die Allergeilste!", "Haha, nimm das, du Mistvieh!" oder: "Ich fühle mich wie Gott!" (Diese Aussagen wurden familienfreundlich zensiert). Die Euphorie-Phase ist das Herz von Dark-Souls und die Entschädigung für Blut, Schweiß und Tränen zuvor. Ich meine: Für diese Glückseligkeit haben sich doch Stunden der Qual absolut gelohnt oder? Oder?

Das gemeine: Die Euphorie-Phase ist nur dann so richtig gut, wenn der Weg vorher lästig genug war. Schafft man einen Boss nach ein paar Versuchen, bleibt das echte Dark-Souls-Hoch aus. Das gibt es erst ab ca. 10 Versuchen aufwärts.

Diese Jubelphase ist zwar kurz, aber heftig genug, einen durch die ganzen anderen DS-Stationen zu tragen, denn danach geht wieder von vorne los mit dem Kreislauf der Souls.

Warum tut man sich das also an? Ich mache es tatsächlich für das Euphorie-Gefühl, das kurzzeitig die Aggression komplett in den Schatten stellt, für zahlreiche großartige Albernheiten in der Galgenhumor-Phase und wegen einer sehr großen Portion Dickköpfigkeit - ich WILL das einfach schaffen.

DarkSoulsSchrei
Oh, du süßes, süßes Glücksgefühl!

Kürzlich wurde ich im Chat gefragt, ob den DLC auch spielen will. Vor ein paar Monaten hätte ich denjenigen vielleicht gefragt, ob er mir mal bei Mondschein begegnen will, aber jetzt freue ich mich ernsthaft auf den Zusatzinhalt. Ich dachte nicht, dass dieser Moment kommen würde, aber so einfach ist das eben nicht mit der Dark-Souls-Psychologie.

Ich kann noch immer nicht in einem Wort sagen, wie ich diesen suchterzeugenden Höllentrip jetzt finde. Ich liebe ihn und hasse ihn abwechselnd. Aber selbst wenn ich ihn hasse, liebe ich es, ihn zu hassen. Das muss dieser Dark-Souls-Masochismus sein, oder?

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Über den Autor:

Judith Carl

Judith Carl

News-Redakteurin  |  TJudl

Adventure-Freak und Fan von guten Geschichten. Begeisterte Sängerin. Mag Rollenspiel, Podcasts und Trashfilme.

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