The Witcher

Monster, Mädchen und Magie.

Es gibt Spiele, die befinden sich so lange in der Entwicklung, dass der eigene Held darüber graue oder weiße Haare gekriegt hat. Stolze viereinhalb Jahre schon bastelt das polnische Entwicklerteam von CD Projekt am Rollenspiel The Witcher. Jetzt hat man mit Atari endlich einen Publisher gefunden. Und plötzlich ist Geschwindigkeit keine Hexerei mehr: Bereits im nächsten Frühjahr soll der weißhaarige Monsterjäger Geralt von Rivien endlich auf die Pirsch gehen - und ergattert dabei vielleicht sogar die Frau seiner Träume.

Monstermetzeln mit Magie

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Kämpfe gegen Monster bestreitet Gerald mit dem Silberschwert.

Das Leben kann so schön sein: Ab und an mal einen Zombie erlegen, Untote verprügeln und sich dazwischen mit einer drallen Schönen vergnügen. Geralt von Rivien ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben als magiebegabter Schwertkämpfer, der im Auftrag einer geheimen Bruderschaft Monster erledigt - gegen Bargeld versteht sich. Doch dann passiert es: Schuppidiwupp wird er ohnmächtig und verliert einen Teil seines Gedächtnisses. Seine einzige Hilfe: Ihr und Eure Maus. Denn nur, wenn er Euren geklickten Kommandos folgt, kann er nach und nach das Geheimnis um die Amnesie lösen. Und natürlich stößt er gemeinsam mit Euch auf eine uralte Prophezeiung, die just gerade aktuell wird und die gesamte bestehende Welt bedroht.

Drei teilweise parallel laufende Handlungsstränge muss Euer Held bestreiten, mit einer Spielszeit von rund 30 Stunden. Dazu kommen versprochene 100 Nebenquests, die die Story noch mal um das eineinhalbfache erweitern. Man merkt, die Entwickler eifern in Sachen Umfang ihren Vorbildern von Bioware (Barldur’s Gate, Icewind Dale, Neverwinter Nights) kräftig nach. Doch die Zusammenarbeit geht noch weiter. Denn The Witcher benutzt eine aktualisierte Version der Aurora-Grafik-Engine, die in Neverwinter Nights verwendet wurde. Die ist mittlerweile zwar nicht mehr ganz taufrisch - vor allem im Bereich Effekte merkt man der Engine die vier Jahre an, die sie auf dem Buckel hat -, allerdings wurde sie seitdem immer wieder aktualisiert. Ein Blick auf die aktuellen Bilder zeigt, dass The Witcher nicht die technologische Speerspitze bildet, aber durch gelungene Farbkombinationen sehr atmosphärisch wirkt. Dazu kommen die flüssigen Bewegungsabläufe. Diese Agilität verdanken Geralt und das Monsterbestiarium dem Motion-Capturing, das von Schauspielern und Profi-Kämpfern stammt.

Stahl oder Silber?

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Obwohl die Aurora-Engine schon einige Jahre auf dem Buckel hat, sehen die Charaktere (rechts Held Gerald) sehr plastisch aus.

Ihr Hauptaugenmerk legen die Entwickler auch weniger auf die optische Darstellung. Viel wichtiger ist ihnen die Charakterentwicklung. Den Held Geralt von Rivien hat nicht CD Project erfunden. Er entstammt der Feder des polnischen Fantasy-Autors Andrzej Sapkowski, der seinen düsteren Heroen mit jeder Menge Humor und Ironie beschreibt. Rund 250 Eigenschaften zeichnen Geralt im Spiel aus, wobei das Hauptaugenmerk natürlich wieder auf den Kernkompetenzen Kraft, Wendigkeit, Ausdauer und Intelligenz liegt. Aber auch Sekundärtugenden wie Alchemie oder Handeln wollen ausgebaut und gefördert werden. Seine wichtigsten Waffen sind seine beiden Schwerter. Eins aus Stahl gegen normale Gegner und ein Silberling, der sich bestens zum Schnetzeln von Vampiren und Untoten eignet. Mit den beiden Schwertern kann er sich auf je drei Gebieten spezialisieren. Im harten Kampfstil drischt Geralt am kräftigsten zu, ist aber ein wenig langsam. Die schnelle Variante eignet sich besonders für schlecht gerüstete Gegner. Im Gruppenkampf attackiert er ganze Monsterhorden mit vielen nach überall hin verteilten Schlägen und Hieben.

Treffer können verschiedene Effekte auslösen. So erleiden die Feinde Schmerzen, bluten, werden geblendet oder gar betäubt. All das beeinflusst, wie effektiv sie sich zur Wehr setzen können. Dabei kämpft Geralt in Echtzeit. Allerdings könnt Ihr jederzeit pausieren, um Ausrüstungen zu wechseln, Heiltränke zu schlucken oder eine andere Waffe einzusetzen.

Aber Geralt ist auch ein Meister im Mischen von fiesen Zaubertränken. Nur damit erlangt er Nachtsicht oder einen Geschwindigkeit-Bonus. Dazu verwendet er nicht nur selbst gesuchte Kräuter, sondern auch schon mal den Arm oder das Bein eines Monsters. Oder er schneidet mit dem Metzgermesser ein paar andere nützliche Organe aus den Bestien heraus. Aber Vorsicht vor Risiken und Nebenwirkungen: Denn je stärker der Trank ist, desto eher treten unerwünschte Effekte auf. Das reicht von simpler Ohnmacht bis hin zur Blindheit. Hoffentlich ist dann gerade ein Heiler in der Nähe. Apropos unerwünscht: Wer Geralt zu viel Alkohol einflößt, darf sich nicht wundern, wenn der Hexer (und damit auch Ihr selbst) für einige Zeit Probleme hat, Dinge mit der gewohnten Schärfe zu sehen.

Sex und Hex(er)

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Gerald beherrscht auch Magie. Und kann dabei dank Physikengine auch die Landschaft demolieren.

Wer die Bücher von Sapkowski kennt (zumindest die beiden, die vor einigen Jahren bei Heyne auf Deutsch erschienen sind), weiß: Bei Geralt kommt die Erotik nicht zu kurz. Deshalb wird der weißhaarige Hexer auch im Spiel auf die holde Frauenwelt stoßen. Bezeichnenderweise halten sich die Entwickler in diesem Bereich derzeit noch etwas bedeckt. Die Rede ist aber von einer sexy Magierin, einer verführerischen Sängerin und... man höre und staune: einer fröhlichen Medizinstudentin (so zumindest die Original-Pressemeldung). Hmmm, um Letztere kennen zu lernen muss man aber kein Fantasy-Held sein. Dafür reicht auch ein sonniger Nachmittag im Englischen Garten.

Die Story wird innerhalb von sechs Akten erzählt, wobei in jedem ein anderes düsteres Geheimnis um den mysteriösen Geralt und seine Herkunft gelöst wird. 200 Zwischensequenzen erzählen die Geschichte, angeblich von professionellen Filmemachern erstellt. Bleibt abzuwarten, wie professionell diese Profis tatsächlich sind. Dafür garantiert man drei völlig unterschiedliche Schlussequenzen. Welche Ihr zu sehen bekommt hängt ganz allein von eurer Spielweise ab. Sagen zumindest die Entwickler, verschweigen aber, wie die Entscheidungen im Detail aussehen könnten.

Sehr viel Wert legen die Macher auf die Erschaffung einer lebendig wirkenden Welt. So hat jeder Bewohner seinen ganz individuellen Tagesablauf. Geht morgens und mittags seinem Tagewerk nach, am Abend dann in die Schänke. Laut Herstellerangaben erlebt man Wachen, die mit leichten Mädchen schäkern, und wer aufpasst erspäht Diebe, die den Leuten die Taschen erleichtern. Wer sich für einen Abend im Gasthaus entscheidet, kann bei einem der Zwischenspiele zu Geld kommen. Doch Achtung, beim Würfeln wird eventuell gemogelt. Das dürft Ihr aber auch, so Ihr es schafft, einen gezinkten Würfel einzusetzen. Wie das in der Praxis funktionieren soll, konnten wir den Jungs von CD Projects allerdings noch nicht entlocken.

Laut aktuellem Stand sind Grafik- und Spielengine derzeit fertig gestellt. Die Entwickler bauen jetzt die Story und die Quests ein. Im nächsten Frühjahr soll der Witcher endlich auch auf Eurer Festplatte auf Monsterjagd gehen.

Ich liebe Spiele mit einer guten Story und einem ausgefeilten Charakter. Genau das will The Witcher sein. Ich bin schon mächtig darauf gespannt, ob das polnische Team tatsächlich eine lebendige, glaubwürdige Welt schaffen kann. Die Ideen klingen gut und sogar die Liebe soll nicht zu kurz kommen. Das ist selten im Genre. Deshalb verzeihe ich auch die mittlerweile etwas angegraute Aurora-Engine. The Witcher könnte den Großen des Genres wie Oblivion oder Baldur’s Gate locker das Wasser reichen. Ich hoffe nur, dass nicht in den nächsten Monaten ein Feature nach dem anderen aus Termingründen entfernt wird. Das habe ich nämlich schon viel zu oft erlebt. Aber als Optimist freue ich mich einfach mal auf eine spielbare Beta.

The Witcher erscheint für PC.

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