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Nicht erschrecken: Ich glaube, Need for Speed Unbound ist richtig gut!

Leider geil. Zum Glück.

Als Spieletester bimmeln immer die Alarmglocken, wenn die Testversion eines Titels nur wenige Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart ankommt. Das ist nicht einmal allein auf Need for Speed gemünzt, auch wenn es sicherlich nicht hilfreich ist, dass diese Reihe zuletzt drei eher mäßige Serieneinträge in Folge produzierte.

In diesem Fall glaube ich allerdings nicht an Verzögerungstaktik, um zum Launch nicht mit schlechter Presse konfrontiert zu werden, denn nach einem längeren Abend mit Need for Speed Unbound bin ich entschieden positiv überrascht.

Es gibt eine Story. Ein Satz, den man in einem Rennspiel eigentlich nicht hören will. Wohin sie sich entwickelt, kann ich noch nicht sagen. Aber ich habe das Gefühl, es ist nicht ganz so schlimm - und steht auch nicht so im Vordergrund - wie befürchtet.

Gut, dass Criterion wieder hinterm Steuer sitzt, war schon ein gutes Zeichen, wenngleich viel vom Schlüsselpersonal aus Burnout- und Hot-Pursuit-Zeiten längst unter anderem Banner Spiele produziert. Und dann war da der Stil, der nicht jeden glücklich machte. Pastellene Cel-Shading Fahrer, Comic-artige, stilisierte Rauchwolken, Graffiti-Effekte bei Drifts … das wirkte von vornherein reichlich gewollt und obercool. “Wann begreift EA endlich, dass diese pseudo-hippe Anbiederung an eine komplett unkritisch dargestellte Straßenrennen-Szene vorne und hinten nicht funktioniert?” war der Gedanke, gegen den ich mich nicht wehren konnte. Und so ging es dann auch los.

Schon wieder Open-World mit Story-Modus, der sich um ein paar Fast-noch-Teenager dreht, die Wunderschrauber und Raser-Genies in Personalunion sind. Schikaniert werden sie von der pösen, pösen Polizei. Wieso dürfen sie nicht einfach auf der – diesmal sogar von Fußgängern bevölkerten – Straße mit ihren tonnenschweren Metallgeschossen machen, was sie wollen? Sie sind schließlich als Waisen aufgewachsen und haben einen TRAUM, ihr Hater! Es wurde aber sehr, sehr schnell besser. Nicht nur, weil ich gesehen habe, dass man die Sprecher (deren taffer Straßen-Sprech auf Deutsch einfach nicht funktioniert) auch komplett ins Unhörbare herunterregeln kann, sondern weil das Spiel einfach irre viel Spaß macht und flink zum eigentlichen Punkt kommt.

Ich finde, es sieht super aus, auch wenn mir jetzt erst auffällt, dass der geparkte Pickup ganz rechts am Straßenrand wohl nicht mit meinem neuen 21:9 Monitor gerechnet hatte...

Beginnen wir mit dem offensichtlichsten, dem Stil: Ich muss sagen: Den finde ich mittlerweile leider richtig, richtig gut. Der überbordend ausgeleuchtete, übersteuerte Realismus der Fahrzeuge und Streckenoptik bildet einen seltsam anziehenden Kontrast zu den stilisierten Elementen der Fahrer, der spannende Dinge mit meinem Hirn anstellt. Es hilft sicherlich, dass ich im Prolog als allererstes direkt in einem 88er Lamborghini Countach sitze, dessen Rot im flirrenden Neon-Nachtregen die Sinne ganz schön beschwipst. Aber gute Güte, ist auf dem Bild was los, wenn man erst einmal in einem Rennen um Positionen kämpft. Ein Bombardement der Sinne.

Und dann die Rennen selbst: Die lizenzierten Autos sind ein guter Mix aus unscheinbaren Alltagswagen, trashigen Klassikern (ein 77er Trans-Am!) bis hin zu Supersport-Boliden aus aller Welt und fahren sich entschieden unterschiedlich. Auf der Piste gibt es kein Gummiband – Halleluja! –, dass das Fahrerfeld künstlich zusammenhielte und die KI versohlt mir auf dem standardmäßigen “herausfordernden” Schwierigkeitsgrad so regelmäßig den Hintern, dass sich zweite und dritte Plätze wie Siege anfühlen. Zumal man ein Event auch nicht endlos neu starten darf, sondern nur ein paar Anläufe dafür hat.

Ja, bitte! Die Auswahl der Autos ist wild durchgewürfelt, aber interessant.

Und dass die Stadt Lakeshore und ihre Umgebung so randvoller netter Herausforderungen in Sachen Drift, Durchschnittsgeschwindigkeit und End-Tempo steckt, viel Gelegenheit zu waghalsigen Sprüngen offeriert und auch noch netten Sammelkram versteckt, stimmt mich wirklich optimistisch für meine restliche Zeit mit Need for Speed Unbound. Ja, ich habe richtig Lust drauf, das hier weiterzuspielen und daran kann auch das – wenn man mal ehrlich ist – schon länger reichlich unpassend romantisierte Straßenrennen-Szenario nichts ändern.

Spannend ist auch das Risiko-Belohnung-System, das in ähnlicher Form schon einmal in Need for Speed Rivals – dem letzten brauchbaren Teil der Serie – zur Anwendung kam: Je mehr Rennen ihr absolviert, desto mehr Geld verdient ihr. Aber auch “Heat” sammelt ihr parallel an, die dafür sorgt, dass die Cops schneller auf euch anspringen und zu Verfolgungsjagden ansetzen. Machen sie euch dingfest, ist die Kohle weg, die ihr noch nicht in einer eurer Garagen abgeliefert habt. Gleichzeitig werden die Events auch immer lukrativer, wenn ihr das Eintüten der Knete möglichst lange hinauszögert. Ich mochte das System 2013 schon und hier ist es noch eine Idee ausgereifter, wie es scheint.

Unbound trennt Online- und Offline-Spiel streng voneinander, als zwei separate Modi. Schon jetzt, vor offiziellem Release, bekam ich direkt nach Start eine Einladung, zusammen auf eine Serie an Rennen zu gehen, die ich gerne annahm. Ein kleines Turnier aus drei Rennen brachte mich sofort ins Spiel.

Also ja: Ich weiß, Need for Speed ist mittlerweile so etwas wie ein Sinnbild für enttäuschte Nostalgie und fehlgeleitete “Subkulturisierung” einer der schlechteren Ideen, die man als gelangweilter 19-Jähriger mit frisch gedrucktem Führerschein so haben kann. Aber ich habe das Gefühl, Criterion hat noch immer das Talent dafür – und die Lust darauf – ein schön derbes, schnelles und motivierendes Rennspiel auf die Straße zu bringen. Was für eine schöne Überraschung!

Über den Autor
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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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