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Picard Season 3: Widerstand zwecklos? Folge 2 ist manipulativ und kreativ bankrott, aber die Gefühle stimmen!

Ich glaube, damit kann ich leben...

Spoiler zu Folge 2 von Star Trek Picard

Hui, das nimmt gerade eine ganz absurde Wendung. Meine tiefe Abneigung für die ersten beiden Staffeln Picard habe ich zur Genüge zu Protokoll gegeben. Und Folge eins der dritten Season dieser Star-Trek-Serie, die ich bis vor Kurzem lieber wieder vergessen hätte, hatte bei mir einen schweren Stand. Aber es waren trotz aller Dummheiten ein paar Ansätze da – allen voran ein Cast, der mir gut gefiel – derentwegen ich neugierig war, weiterzuschauen.

Folge zwei nimmt nun den erwartbaren Verlauf in ihrer Handlung und gipfelt in einem emotionalen Beat, den man meilenweit herangaloppieren sah, seit Riker im Piloten von Taron-Egerton-Lookalike Ed Speelers (als “Jack Crusher”) einen Phaser an den Hinterkopf gedrückt bekam: Picard und Beverly müssen in der Zeit nach den Filmen zusammen ein Kind gezeugt haben, das nun eine Art Han Solo des Star Trek gibt (und ich weiß, dass das ursprünglich mal Rios sein sollte, aber das ging irgendwie nach hinten los) und charmant-durchtrieben, aber doch mit dem Herz am rechten Fleck der MVP der neuen Folge war. Unterhaltsamer Schauspieler, der aus einer oberflächlich sehr vertrauten Rolle das Maximum rausholt.

Ob Beverly Jack Crusher Wesley genauso vorzieht wie ich?

Eigentlicher Höhepunkt der Episode war dabei ein einziger Blick, als die schwer verletzte Beverly die Brücke der belagerten Titan betritt und Jean-Luc nur mit den Augen zu verstehen gibt, was wir seit letzter Woche schon wussten: Jack Crusher ist sein Sohn. Das war reichlich manipulativ gemacht, schüttelte aber mit Gates McFaddens tollem, subtilem Spiel den bisher mehr als nur ein bisschen müde wirkenden Patrick Stewart wieder gut wach. Ich habe da tatsächlich so etwas wie Rührung gefühlt, auch wenn ich nicht sicher bin, ob diese Gefühle wirklich verdient waren, nachdem der Versuch einer ernsteren Beziehung in Folge eins nur angedeutet war (und ich da noch dachte, das wäre in Bezug auf die sachten Versuche eines Anbändelns in TNG gemeint gewesen).

Aber “Gefühle” ist ohnehin ein gutes Stichwort. Nach zwei Staffeln Herumstochern im (oft buchstäblichen) Dunkeln treffen die Macher der Serie mit ihren Nostalgieattacken doch mal einen meiner Nerven, diese Folge sogar zweimal. Es macht mir mittlerweile Spaß, hier zuzuschauen und fühle meine Geduld nur noch selten Strapaziert. WAs nicht heißt, dass ich nicht immer noch noch so meine Probleme mit einigen kreativen Entscheidungen hätte. Picard denkt erst an Transporter-Inhibitoren (von denen ich das erste Mal höre), muss aus dramaturgischen Gründen aber Sekunden vor der Rettung durch Jack an ihre Zerstörung erinnert werden. Die Befehlskette besteht in diesem Trek anscheinend nur noch aus Play-Doh, wenn ein Admiral im Ruhestand in einer Situation auf Leben und Tod plötzlich die Anordnungen des kommandierenden Kapitäns einstellen kann. Und natürlich hat Jack ein “Gehe-nicht-ins-Gefängnis”-Gerät dabei, das nichts weiter braucht, als eine Information, die ihm nach Sternenflottenregularien zu geben ist.

Eher doof war auch die Bedrohung: Amanda Plummers Bösewichtin Vadic... Puh, die war so flamboyant, dass es einem 60er Jahre Bond-Villain die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Das sollte wohl diabolisch entrückt wirken, kam bei mir aber unfreiwillig komisch an und presste so viel von der Spannung aus der Situation. Aber okay, auf der guten Seite hat sie immerhin ein Raumschiff nach der Titan geworfen, was Sidney LaForge, von der ich gerne mehr sähe, mit ein bisschen Technobabble kommentieren durfte. Die ‘rule of cool’ trifft Trek-Tradition, das lasse ich gerne durchgehen.

Riker hatte diese Folge wenig zu tun. Hoffentlich ändert sich das nächste Woche.

Und dann ist da Raffi mit ihrem erzwungenen, einfältigen und deplatzierten Melodrama um ihre problematischen familiären Entscheidungen herum, die man natürlich direkt in die Spionage-Handlung einbinden musste. Selbstverständlich hat in einem Universum voller bevölkerter Planeten, mit Hunderten Milliarden an intelligenten Lebewesen ausgerechnet ihr Ex-Mann – ein Künstler – den Kontakt, den sie braucht, um in dem Fall weiterzukommen. Ich könnte mit Zufällen wie diesem vielleicht leben, wenn sie nicht so wirkten, als wären sie nur dazu da, diese Figur zu malträtieren. Sie konstruieren förmlich Situationen, in denen Raffi kaum eine Wahl hat, als sich gegen ihre Familie zu entscheiden und – später – wieder Drogen zu nehmen. In diesem Fall lässt ihr Mann sie wählen: Die gewünschte Information oder ein gutes Wort beim entfremdeten Sohn einlegen. Raffi kann kaum anders, es stehen schließlich eine Menge Menschenleben auf dem Spiel. Unnötig, grausam, ohne zugleich Mitleid zu erregen.

Ich mochte die Figur zwar nie besonders, Michelle Hurd überspannt mit ihren gehetzten Manierismen mehrfach den Bogen der Glaubwürdigkeit. Aber dass man diese langsamen Ermittlungen ausgerechnet zwischen die harten Spannungsszenen auf der Titan schneiden musste, unterstreicht nur noch einmal, wie wenig mich der Charakter interessiert. Der Rettungswurf der Autoren: Ihr eine Figur an die Seite zu stellen, die alle lieben. Ich ziehe großen Trost aus der Tatsache, dass die Verantwortlichen für das berechnende Spiel auf meiner Gefühlsklaviatur ungebremst in die Hölle einfahren werden, aber ich liebe nun mal Worf und bin plötzlich brennend daran interessiert, wohin es für Raffi als Nächstes geht. Verdammt.

Ich muss zugeben, als es dann zur Klimax kommt und Picard, auf die Frage nach dem Grund dafür, Crusher sich nun doch nicht selbst ausliefern zu lassen, ein “Er ist mein Sohn entgegnet”, wusste ich nicht, was ich davon halten soll. Er ist immer noch gesuchter Krimineller, der sich ergeben will, und das Leben der Crew steht auf dem Spiel. Soll allein die Verwandtschaft zu Picard den Ausschlag dafür geben, dass man die Titan samt Besatzung riskiert? Entweder wir verteidigen ihn aus Prinzip oder eben nicht. Jacks Leben hat zuvor nicht für einen Fluchtversuch gereicht und so sehr ich mochte, dass plötzlich alle an einem Strang zogen, kam mir das sehr seltsam vor, dass es so war. Mal schauen, vielleicht wir das auch noch Thema, aber es kam mir etwas unrund vor.

Wo wir gerade bei Shaw sind: Ich mag sowohl den Schauspieler als auch die Rolle. Nach meinem Dafürhalten ist seine Kontra-Haltung in diesem Fall die korrekte – er kann ja schwerlich ahnen, dass er in dieser Serie nur die Frienemy-Nebenrolle spielt und ich freue mich schon drauf, wie er sich weiterentwickelt. Schade fand ich lediglich, dass Seven of Nine ihm mit einer Ansprache, die so auch ChatGPT hätte schreiben können, dazu bewegen musste, Riker und Picard zur Hilfe zu kommen. Ich wünschte, die Autoren hätten ihn diese Entscheidung selbst treffen lassen. Überhaupt dürfte gerne wieder ein bisschen mehr von der typischen Sternenflotten-Abgebrühtheit und Kompetenz zurückkehren. Vielleicht gibt’s ja bei der Flucht durch den Nebel mal endlich die Titan-Crew in cooler Aktion zu sehen.

Bis hierhin muss ich trotz aller auffälligen Negativpunkte sagen, dass ich positiv überrascht bin. Das Material an sich ist eher mittelmäßig, was schon eine gewaltige Steigerung zum restlichen Verlauf der Serie bisher ist. Allerdings macht es durchaus Spaß, auf der Titan zu Gast zu sein, weil die Figurenkonstellation etwas hergibt. Ich hoffe, sie müssen die Handlung nicht zu sehr zurechtbiegen, um den Rest der alten Crew zu integrieren und umschiffen allzu große Ärgernisse und Plot-Dummheiten der letzten beiden Staffeln weiter halbwegs behände. Dann halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass Season drei noch der Abschied wird, der Star Trek Nemesis hätte sein sollen.

In diesem artikel

Star Trek

PS3, Xbox 360, PC

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Über den Autor
Alexander Bohn-Elias Avatar

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit über 20 Jahren über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.
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