WoW Classic: Wieso begeistert ein 15 Jahre altes Spiel seine Fans?

Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Wenn man sich den (erneuten) Erfolg von World of Warcaft Classic vor Augen führt, stellt man sich schnell die Frage, wieso ein antikes Stück Gaming-Geschichte 15 Jahre später im RTX-Zeitalter noch dafür sorgt, dass die Server aus allen Nähten platzen, die Zonen im Spiel hoffnungslos überbevölkert sind und die Spieler zu Tausenden in virtuellen Warteschlangen stehen. Den gigantischen Ansturm hat Blizzard wohl selbst gehörig unterschätzt. Irgendwas muss das MMO-Urgestein also bieten, womit aktuelle, technisch und optisch deutlich ausgereiftere Spiele die Zockergemeinte nicht reizen kann.

Ich für meinen Teil reime mir das Ganze so zusammen: Der erste Faktor selbst sind die Spieler und ihre Erwartungen an das Spiel. Meiner Meinung nach treffen davon in Classic vier verschiedene Arten zusammen:

  • Als Erstes die Classic-Junkies. Sprich: Alle Spieler der früheren Private-Server, denen Blizzard 2017 mit der Rechtskeule ziemlich grob den Saft abgedreht hat und die seit damals den harten Entzug durchmachen mussten. Ob die Schließung der Server damals wirklich am Markenschutz lag oder ein Azubi bei Blizzard dazu verdonnert wurde, einmal nachzurechnen, ob sich es eventuell lohnen könnte, alle Private-Server-Spieler an ein kostenpflichtiges Produkt zu binden, sei dahingestellt. Fest steht, die zigtausenden Spieler der unzähligen "offiziellen" Private-Server wollten Vanilla und waren / sind dafür bereit, ein WoW-Abo abzuschließen. Classic hat den Stoff nun geliefert und die Junkies dürften wohl mittlerweile den größten Teil der Spielergemeinde auf den Classic-Servern stellen.

    Das Ende des damals größten Private Servers "Nostalrius" hat das Potenzial eines WoW Classic wohl schon erahnen lassen (#DollarzeichenInDenAugen).

  • Die Nächsten sind die, wie ich sie nenne, "Nostalgie-Spieler". Also alle, die Vanilla gespielt, in den anschließenden Add-ons aber die Lust verloren und WoW an den Nagel gehängt haben. Wegen der "guten alten Zeit" oder weil Freunde immer noch oder eben wieder spielen und weil alles andere auf dem Markt eh langweiliger Shit ist, kehren auch sie zurück. Allein in meinem früheren Bekanntenkreis aus Vanilla haben sich über ein Dutzend Ex-WoW'ler wieder anfixen lassen.
  • Die Dritten im Bunde sind (so wie ich), die gelangweilten Retail-Spieler. Wer kennt das nicht? Alle Erfolge abgehakt, alle Fraktionen auf Max, Gearstand nahe an 450, die wöchentlichen Besuche in M+ Instanzen und Inseln auch schon durch und der Raid hat seinen festen Terminplan. Was also tun? Die Bude mal wieder aufräumen oder doch lieber tage- und wochenlang bis auf 60 Level quälen? Die Entscheidung ist nicht allzu schwer, zumal man Classic dank Gold finanzierter Token eh kostenlos abgreift.
  • Zur vierten und letzte Gruppen gehören all diejenigen, die seiner Zeit zu jung für Vanilla waren oder kein Interesse daran hatten. WoW hat im Laufe der Zeit schließlich einen gewissen Ruf erhalten und auch Classic hat wieder für viel Aufmerksamkeit gesorgt, also will sich der neugierige und erkundungsfreudige Abenteurer selbst ein Bild von dem Ganzen machen.

So sah das Startgebiet der Menschen zum Release von WoW Classic aus (bei den anderen Völkern war es nicht besser). Dank Blizzards Layering-Technik (Spieler befinden sich immer noch auf demselben Server, werden aber auf unterschiedliche Instanzen / Ebenen verteilt) muss man sich nicht mehr mit 2.000 Spielern um 12 Wölfe prügeln, sondern nur noch mit ein paar Dutzend.

Neben der Interessenbefriedigung der Spieler bietet WoW Classic aber auch noch einen weiteren Faktor, den man seit Jahren nicht mehr von den Mainstream-Spielen kennt: knallharte Herausforderungen und eine ungeschönte Spielwelt. Klar, es gibt Spiele wie zuletzt Sekiro, deren Boss-Kämpfe extrem schwer sind. Doch abseits Selbiger läuft alles rund. Man kann jeden Gegner, jede Gruppe leicht umnieten, der Weg durch die Welt ist klar geregelt und das Leveln und lernen der Fähigkeiten geht nebenbei.

Aber welche Spieleschmiede riskiert es heute schon noch, dass sich die Spieler ständig in die Quere kommen, dass bei Quests Flaschenhälse entstehen, dass das Leveln so zäh wie Kaugummi ist oder dass die Laufwege mehr als 60 Sekunden dauern, bis etwas passiert? Stellt euch nur mal vor, CD Projekt RED würde plötzlich einfallen, in Cyberpunk 2077 einen 10-minütigen Laufweg zu einer Quest einzubauen … der Shitstorm wäre unweigerlich vorprogrammiert. Die verwöhnten Spieler von heute erwarten einfach, dass es schnell zur Sache geht.

WoW_unendliche_Weiten
Unendliche Weiten und irgendwo da hinten bei den Palmen, ist mein Questgebiet. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: 20 andere Spieler sind dort ebenfalls schon und prügeln sich um die wenigen Mobs ... die Quest wird mich über eine halbe Stunde aufhalten.

Ganz anders bei WoW Classic. Wer hier spielt, der weiß, dass man sich ständig mit Dutzenden anderen Spielern um einen Mob prügelt, der mit Glück nach einem Dutzend Kills mal das gesuchte Item ausspuckt. Man weiß, dass man von Hemet Nesingwarys Lager im Schlingendorntal bis nach Booty Bay eine halbe Stunde zu Fuß unterwegs ist und mindestens zehn Mal von herumlaufenden Affen und Tigern und wenigstens 20 mal von Spielern der anderen Fraktion überfahren wird. Man weiß, dass die Taschen ständig überfüllt sind, einem die Klassenlehrer das letzte Kupferstück aus der Tasche ziehen und man bei Kämpfen nach spätestens fünf Zaubern kein Mana mehr hat und man am Allerwertesten ist, wenn der gegnerische NPC auch nur einem davon widersteht.

Ja, man weiß all das und man will es auch so (na ja, nicht ganz so schlimm wäre für mich auch ok). Sind wir einfach mal ehrlich, der WoW Classic-Spieler ist einfach nicht so verweichlicht. Das ständige Leiden und der immerwährende Frust hat ihn abgehärtet. Nichts könnte das besser darstellen, als die 693. Ausgabe der Dark Legacy Comics.

Dark_Legacy_Comics_693
Die 693. Ausgabe der Dark Legacy Comics beschreibt perfekt die Spielerfahrung von WoW Classic.

Genau diese Probleme und Herausforderungen sind es aber auch, die dazu führen, dass sich die Spieler in WoW Classic näherkommen (müssen). Allein geht es nur selten und wenn, dann auch nur extrem langsam voran. Daher hat es sich jeder angewöhnt, andere Spieler, die man im Quest-Gebiet antrifft, in eine Gruppe einzuladen und sich mit ihnen zu unterhalten. So lernt man zum einen schnell neue Leute kennen, die dann auf der Freundesliste landen oder der Gilde beitreten. Zum anderen klaut man sich nicht ständig gegenseitig die Mobs vor der Nase weg, bekommt schwierigere Gegner klein und ist gegen aufmüpfige Spieler der anderen Fraktion besser geschützt.

WoW_Classic_Gruppeneinladung
Gemeinsames Warten auf den Respawn und Kämpfen gehört zum guten Ton in WoW Classic.

Auch wenn es noch deutlich mehr Beispiele gibt, die man als Pros von WoW Classic aufzählen kann, ist der Gemeinschaftsfaktor meiner Meinung nach auch größte Problem, mit dem die aktuellen WoW-Add-ons und auch viele andere Spiele zu kämpfen haben. Die meisten Spieler sind zu Einzelgängern geworden, da eine Gruppe nicht mehr zwingend nötig ist, und der Chat hat sich leider zu einem Sell-Bot verseuchten Fischmarkt-Verkaufsstand gewandelt, der kaum Beachtung findet oder generell deaktiviert wird. Schon lange gibt es dort kaum noch nette Gespräche oder hilfreiche Tipps ohne die üblichen toxischen Flames. Kurzum: Das Miteinander steht in Classic noch deutlich weiter im Vordergrund, als bei WoW Retail oder anderen Spielen und erinnert daran, weshalb man diesem Genre einst verfiel.

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Über den Autor:

Markus Hensel

Markus Hensel

Redakteur

Seit 2011 bei Eurogamer.de dabei. Zockt alles aus dem Hause Blizzard, insbesondere D3, Overwatch, Starcraft 2 und WoW-Raids (auch nach 10 Jahren noch). Hört Rock und Metal, hat einen Drachen-Fetisch, kann mit Fußball nichts anfangen, ist stolzer Besitzer eines Monstergrills und mag Kuchen und Kekse (viel zu sehr).

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