Assassin's Creed Valhalla: Das Märchen vom coolen Wikinger

"Du… Eivor, sind wir die Bösen?"

Cool sind sie ja schon, diese Wikinger. Tolle Moves, die ihnen die Animatoren von Ubisoft auf den Leib gedichtet haben auch: Jeder Bewegung im Kampf wohnt etwas Ungestümes, Wildes inne, ob Eivor nun aus der Drehung einen Pfeil abfeuert, mit gezückten Doppelbeilen einen Luftsprung auf seinen Gegner vollführt oder mit Wurfäxten gleich drei seiner Feinde um sich herum niederstreckt. Aber da ist noch etwas, neben diesem Respekt für den Mut und die imponierende Kampfeskraft der Spielerfraktion im neuen Assassin's Creed und das sorgt für eine gewisse Würze, die diese Reihe sonst nicht besaß: Zweifel.

Zweifel nämlich daran, ob das alles so okay ist, was wir hier tun. Valhallas Wikinger sind ganz die überlieferten Kampfbiester als die sie mittelalterliche Niederschriften der Völker, über die sie herfielen, darstellten. Wir sind die Angreifer, die Invasoren. Die Bösen. Oder etwa nicht? Natürlich kommt es auch in Valhalla irgendwann zum Auftritt der Templer, wie auch immer sie hier heißen mögen und was ihr Ding gerade im England des neunten Jahrhunderts ist. Aber diese derben Nordmänner, und daran lässt das Spiel wenig Zweifel, haben hier eigentlich nichts verloren. Wie eine Naturgewalt fallen sie über das Land her - rauben, morden und brandschatzen.

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Ganze Arbeit: Das Kloster brennt, die Kirche auch. Leichen überall.

Gut, ich bin nicht sicher, inwieweit Ubisoft sich traut, auch die rege Sklaventreiberei darzustellen, für die sich die Wikinger ebenfalls nicht zu schade waren. In meinen sechs Stunden Anspieltermin mit Assassin's Creed Valhalla - die 7 wichtigsten Unterschiede zu anderen Assassin's Creeds lest ihr hier - habe ich davon nichts gesehen. Und nur allzu oft setzt Ubisoft Montreal die friedfertige Seite der Skandinavier in Szene, vor allem in der Heimatbasis Ravensthorpe. Aber machen wir uns nichts vor: Die Art und Weise, wie sich Eivor und sein Stamm im Osten Britanniens breitmachen, lässt sich erzählerisch mit kaum einer Notlage daheim und auch nicht mit den üblichen persönlichen Rachemotiven anderer Assassin's-Creed-Helden wegwischen.

Wir sind die "Bad Guys", kaum in der Lage, unser Langboot voller wilder Männer und Frauen an einem Gehöft oder Kloster vorbeizusteuern, ohne in unsere Hörner blasend und schreiend auszusteigen und alles, was sich wehrt, einen Kopf kürzer zu machen. Gut, dass das in Assassin's Creed immer die üblichen bunt gemischten Soldatentypen sind. Aber auch (unbewaffnete) Zivilisten sieht man hier immer wieder und in ihren Augen und ihren Reaktionen erkennt man schiere Angst. Kein Wunder, wenn eure Kumpanen ringsum jedes größere Gebäude in Brand setzen. Und wofür? Nur, um am Ende eine Truhe mit Reichtümern in den Bauch des Schiffes zu laden.

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Reichtümer. Weshalb denn sonst?

Auch an Eivors Freunden kann man bisweilen sehen, welchen Naturells Valhallas Wikinger. Ivar, der Knochenlose - eine tatsächliche historische Persönlichkeit - wird folterlustig und unflätig beschrieben. Charismatisch ist er zwar auch, aber eigentlich eher die Sorte Zeitgenosse, die man in Games sonst eher auf der Liste der künftigen Bosse vermerken würde. Viele andere hier sind ebenfalls nicht durchweg sympathisch. Ceolwulf, den Eivors Wikinger als Marionette auf den Thron setzen wollen, traue ich nicht weiter als ich ihn werfen kann, und andere, wie die blutrünstige Söldnerin Tonna, würde ihr Schwert auch gegen mich führen, wenn nur jemand genug bezahlte. Es ist eine unappetitliche Bande, die sich hier versammelt und daran ändern auch die freundschaftlichen und geschwisterlichen Bande nichts, die Eivor so knüpft.

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Ivar der Knochenlose könnte genausogut ein Gegner sein. Aber unterhaltsam gespielt und gesprochen ist er in jedem Fall.

Mit Valhalla bewegt sich Assassin's Creed mehr denn je in einer moralischen Grauzone. Individuelle Taten im Krieg gegen die Templer zu rechtfertigen, fiel nie besonders schwer. Das Videospiel kennt Hunderte Tricks, den Spieler zum Kampf anzustacheln, Tausende eigentlich. Sich als Anführer einer gefährlichen Angriffsmacht unprovoziert in der Fremde breitzumachen und andere Völker zu ermorden und verdrängen - das ist schon eine ganz andere Hausnummer und vor allem eine erzählerische Herausforderung, von der ich froh bin, dass Ubisoft sie annahm. Wir werden sehen, was sie dann daraus machen. Für den Moment habe ich die Abkehr von den üblichen Rachegeschichten und das emotionale Durcheinander, das meine Rolle in Valhalla anrichtete, aber sehr genossen.

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  • Entwickler / Publisher: Ubisoft Montreal / Ubisoft
  • Plattformen: PC, PS5, PS4, Xbox One, Xbox Series X (angespielt auf PC)
  • Release-Datum: 10. November
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: ca. 70 Euro

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel. test

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