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Sniper Elite 5 - Test: Ein bisschen wie Hitman und seit neuestem auch wie Elden Ring

Kleine Invasion mit großer Wirkung.
Eurogamer.de - Empfehlenswert Badge
Routinierte Stealth-Action mit vielen Möglichkeiten und Schwächen bei KI und Technik. Der Clou ist das Eindringen in die Kampagnen anderer Spieler.

Vor einer halben Minute war meine Welt als Scharfschütze noch in Ordnung. Eine Weile schleiche ich schon gemütlich an der französischen Atlantikküste entlang, was anno 1944 auch vor dem D-Day schon weniger idyllisch war als die Worte es klingen lassen. Zwar fällt noch immer ein leichter Regen aus dem wolkenverhangenem Himmel und macht das geduckte Vorrücken über matschige Straßen, kleine Felder und vereinzelte Anwesen nicht gerade zur Schönwetterwanderung. Erfolgreich schalte ich aber die kleinen Wachtrupps aus, um anschließend die von ihnen bewachten MG-Nester und Raketenstellungen zu zerstören.

Da heißt es plötzlich, ein anderer Spieler sei in meinem Spiel aufgetaucht. Gut, überraschend kam das nicht, ich hatte die so genannten Invasionen schließlich extra aktiviert. Trotzdem gewann das geruhsame Köpfe-Klicken dadurch gehörig an Spannung. Musste ich bisher nämlich nur darauf achten, dass mir die KI-Wehrmacht nicht den Schädel von den Schultern snipt, ist mir jetzt noch ein komplett unvorhersehbarer Jäger auf den Fersen. Wer in eine fremde Partie eindringt, kann dort schließlich tun und lassen, was er oder sie will, da man das in der Rolle eines Deutschen tut und somit nicht von den Wachen behelligt wird.

Jetzt bloß nicht in die falsche Richtung schauen, denn der erste Schuss ist gerade bei einer Invasion oft entscheidend.

Mein erster Gedanke: "Ruhig verhalten!" Was kann schon passieren, wenn mich der Andere gar nicht find… Tja, das Spiel merkt leider, wenn man eine Weile campt und markiert daraufhin die Position, an der man sich befindet. Kein Wunder also, dass ich wenig später schnelle Schritte höre, die eindeutig nicht der ahnungslosen KI gehören. Nun will ich euch gar nicht damit nerven, wie ich minutenlang über den ländlichen Hof geschlichen bin, damit mein Kontrahent auf keinen Fall den ersten und oft entscheidenden Schuss setzen kann. Lasst euch nur gesagt sein, dass dieses Versteckspiel aus genauem Hinhören, Erahnen und vorsichtigem Erarbeiten des entscheidenden Vorteils locker einen guten Espresso ersetzt. Und dass es sich verdammt gut anfühlt, wenn man im richtigen Augenblick die richtige Tür im Visier hat und früh genug abdrückt!

Klar, dieses Eindringen in fremde Spiele ist nicht neu. Sowohl in den Soulsbornes einschließlich ihres frischgebackenen Klassenprimus' Elden Ring, als auch im spielmechanisch verwandten Deathloop gibt es das. Als großer Fan klassischer Stealth-Action freut es mich aber besonders, dass man sich jetzt auch hier auf diese Art mit anderen Spielern messen darf. Es macht ja nicht nur im Rahmen der Kampagne Spaß, sondern auch in der Rolle des Eindringlings, zumal man auch als solcher seinen Charakter über die Wahl der Waffen samt entsprechender Aufsätze auf das bevorzugte Vorgehen abstimmt, sich also ein wenig in die Rolle hineinspielen kann. Und wie gesagt: Wem nach derartigem Konkurrenz-Stress nicht der Sinn steht, der deaktiviert die Invasionen einfach.

Die Granate oben rechts konnte er noch werfen, meiner Gewehrsalve aber nicht ausweichen. Und mir blieb sogar genug Zeit, um wegzulaufen - sorry!

Schön ist außerdem, dass beide Spieler nach einer Invasion eine Revanche einfordern können. Es verleiht dem zweiten Aufeinandertreffen nämlich diesen zusätzlichen Biss, wenn einer der beiden noch eine Rechnung offen hat. Entweder wiederholt man dann die komplette Invasion oder macht am letzten Checkpunkt weiter. Überhaupt gefällt mir übrigens das Speichersystem, da man nicht nur selbst jederzeit den Spielstand festhält, sondern das Programm auch automatisch vor jedem Gefecht einen Speicherstand setzt. Solche Kleinigkeiten sind wichtig und zeigen, mit wie viel Sorgfalt die Entwickler daran gearbeitet haben. Was nicht heißt, Sniper Elite 5 sei frei von Fehlern. Aber dazu später mehr.

"Achtung!"

Wohin die Kampagne diesmal führt, will ich nicht vorwegnehmen, aber im Grunde zeichnet sich auch Teil fünf dadurch aus, was schon der Vorgänger gut hinbekommen hat. Man bewegt sich frei an sehr weitläufigen, oft geradezu romantischen Schauplätzen und erledigt neben den Primärzielen einige optionale Aufgaben. Das Zerstören der MG-Nester in der zuvor beschriebenen Mission gehört ebenso dazu wie das Eliminieren hochrangiger Offiziere sowie das reine Sammeln diverser Informationen oder Wertgegenstände, damit die nicht den Nazis in die Hände fallen.

Die Geschichte um ein geheimes Projekt der Deutschen ist dabei kaum der Rede wert. Karl "Der Schatten" Fairburne operiert mal wieder hinter feindlichen Linien und trifft dabei vertraute Gesichter, aber weder die Inszenierung noch die Erzählung stehen hier im Vordergrund. Weil Entwickler Rebellion das interaktive Szenario aber ernst nimmt, sprechen alle Charaktere immerhin in ihrer Landessprache – geschenkt, dass deren Dialoge oft seltsam krumm klingen, dass die klassischen Übersetzungsfehler auf den üblichen Postern ("Morgen… Volle Sieg!") mir inzwischen nicht mal mehr einen gebogenen Mundwinkel entlocken und dass es keine Untertitel gibt, die alles außer der gewählten Sprache vertexten.

Ich denk' mir das ja nicht aus.

Viele fiese Fallen

Abgesehen davon macht Teil fünf natürlich auch spielerisch da weiter, wo Teil vier aufgehört hatte, und beleuchtet vor allem Treffer mit einem Scharfschützengewehr mit in Zeitlupe gefilmten Röntgenaufnahmen der zerschossenen Organe. Ganz ehrlich: nicht mein Fall. Habe ich deshalb komplett abgeschaltet.

Mein Fall ist vielmehr das Infiltrieren selbst, bei dem man zum einen ganz titelgerecht ferne Wachposten mit einer Sniper ausschaltet, um nicht selbst von ihnen aufs Korn genommen zu werden. Zum anderen ist man über weite Strecken aber eher heimlich unterwegs, da man gerade auf hohen Schwierigkeitsgraden sonst schnell von mehreren Seiten in die Zange genommen wird. Ich bin deshalb viel geschlichen, habe Gegner mit schallgedämpften Pistolen oder von hinten im Nahkampf ausgeschaltet. Maschinenpistolen kommen besonders dann zum Einsatz, wenn man trotz aller Vorsicht auffliegt.

Richtig gut gefallen mir dabei die vielen Möglichkeiten, mit denen man Tote, Bewusstlose sowie Autos, Generatoren und andere Gegenstände vermint oder an beliebigen Stellen Sprengfallen legt. Man lockt Wachen durch Pfiffe an, lenkt sie mit einer geworfenen Flasche ab und findet beim Durchsuchen von Leichen oder Kisten auch immer genug Nachschub, damit man diese Verbrauchsgegenstände ohne die Angst einer drohenden Knappheit einsetzen kann.

Dass Rebellion die Kulissen wichtig sind, sieht man dem Spiel mal wieder an. Wie die Vorgänger sieht Sniper Elite 5 nicht wegweisend, aber an vielen Stellen richtig gut aus.

Nicht genutzte Fallen darf man sogar wieder entschärfen, um zusätzlich Material zu sparen. Cool ist auch, dass die Deutschen ihre bewusstlosen Kameraden aus dem Gefahrenbereich tragen beziehungsweise aufwecken und dass man manuell einstellt, wann Sprengsätze nach ihrer Zündung explodieren. Es gibt verschiedene Munitionstypen, man kann Bewusstlose und Tote davontragen, sich an einigen Stellen durch Löcher in der Wand einen Überblick verschaffen, an anderen zum Beispiel Wasserspeier von der Decke schießen, um Bösewichte darunter zu begraben, und mehr.

Sniper Elite 5 ist nicht die anspruchsvollste Stealth-Action, da die Wachen keine ausgefeilten Patrouillenrouten laufen und im Grunde alle Wege auf die gleiche Weise zum Ziel führen. Obwohl die großen Kulissen und zahlreichen Möglichkeiten einem Hitman ähneln, ist die Vielfalt besonders in den Reaktionen der Gegner insgesamt überschaubar. Das ist es, was Sniper Elite im Vergleich einförmiger erscheinen lässt. Spaß macht das Experimentieren allemal! Es ist nur nicht die große Schule cleverer immersiver Action.

Und obwohl sie selten sind: Auch Explosionen bekommt das Spiel eindrucksvoll hin.

Wenigstens ist es auf der höchsten Schwierigkeitsstufe aber eine Herausforderung, ungesehen voranzukommen und im besten Fall sogar niemanden zu töten. Mit Authentisch, wie die Stufe heißt, hat es zwar nichts zu tun, wenn man jemandem über 600 Meter eine Kugel der Marke Betäubungsmunition durch den Kopf jagt und der lediglich ausgeknockt wird. Aber um Realismus geht es eben auch dem "authentischen" Sniper nicht, was an manchen Stellen durchaus bedauerlich ist. Ich würde die Menge der im Magazin verbleibenden Munition etwa gerne an der Waffe ablesen, anstatt das Ausrüstungsmenü aufzurufen. Als Insurgency-Spieler fehlt mir das hier.

HUD-Anzeigen gibt es auf der schwersten Einstellung ja kaum noch – was grundsätzlich klasse, allerdings dort unglücklich ist, wo man nicht einmal sieht, welcher der vielen Ausrüstungsgegenstände gerade aktiv ist. Ich wünschte daher, beim Feintuning von Authentisch hätte Rebellion etwas genauer hingeschaut und statt des Wegfalls auch in Wirklichkeit verfügbarer Informationen die akustische Rückmeldung nach Abschüssen entfernt.

Ach, ja: Wer es lieber entspannt angeht, schaltet den Schwierigkeitsgrad selbstverständlich runter oder passt mehrere Dutzend Einstellungen über genaue Regler an das gewünschte Niveau an. So muss ein Menü aussehen – auch in Bezug auf weitere Einstellungen, darunter die Steuerung! Wer also lieber in Ruhe per Zeitlupe zielt oder beim Zielen schon angezeigt bekommen will, wohin eine Kugel fliegen wird, der wird hier fündig. Wobei selbst Authentisch letztlich weit von einem Hardcore-Erlebnis entfernt ist und zumindest in Sachen "Minimalziel Missionserfüllung" eine eher überschaubare Herausforderung darstellt.

Je nach Einstellung werden Gegner markiert, kann man in Zeitlupe zielen und nutzt man weitere Hilfen.

Leichtes Spiel

Für mehr müsste auch die KI mehr leisten, denn so gut die Wachen platziert sind, um bei aktivem Alarm von mehreren Seiten Druck zu machen, so planlos rennen sie oft umher, bleiben einfach stehen oder rennen direkt an Karl vorbei. Sie arbeiten auch nicht erkennbar zusammen, weshalb es nach dem Auslösen eines Alarms vorkommt, dass etliche Minuten lang noch einzelne Nachzügler angerannt kommen, mit denen man freilich leichtes Spiel hat, was auf Dauer langweilig sein kann. Im Gegenzug schießen sie durch dichtes Gewächs, ohne dass man hindurchsehen könnte – das deutsche Auge ist offenbar ein ganz besonderes!

Technisch mischt Rebellion eben nicht in der Oberklasse mit und das ist auch in Ordnung. Man sieht das auch, wenn Animationen erst zu Ende ausgeführt werden, bevor von einer Kugel Getroffene endlich zu Boden gehen. Oder wenn man eine Waffe nicht laden kann, weil der Vorgang ständig wiederholt wird. Dass man sich nicht um jede Ecke lehnen kann, weil die automatische Deckung nicht an allen Wänden funktioniert, ist hin und wieder sogar richtig ärgerlich. Ein manuelles Zur-Seite-Lehnen wäre mir ohnehin lieber, aber auch gibt es hier leider nicht.

Im Survival-Modus wehrt man sich alleine oder im Team gegen in Wellen anrückende Deutsche.

Was Rebellion dafür sehr gut hinbekommt, ist das gemeinsame Erleben, denn wer will, spielt die Kampagne kooperativ mit Freundin oder Freund, verteidigt im Survival-Modus entweder online oder alleine verschiedene Karten gegen Wellen angreifender Nazis und stürzt sich in diversen PvP-Varianten in den Onlinekampf. Wie üblich kann man sich davon vor der Veröffentlichung eines neuen Titels keinen brauchbaren Eindruck verschaffen, aber mit Free for All, Team Deathmath für bis zu vier Trupps sowie einem Modus, bei dem sich zwei Teams ausschließlich über weite Entfernungen bekämpfen, dürften ambitionierte Scharfschützen auch auf lange Sicht immer ein Ziel vor Augen haben.

Sniper Elite 5 Test - Fazit

Unterm Strich ist Sniper Elite 5 also richtig gut geworden, wobei vor allem das spannende Infiltrieren und fiese Snipen Spaß macht. Rebellion inszeniert nie die ganz große Stealth-Action, weil das Verhalten der Gegner recht eindimensional ausfällt und von auffälligen KI-Fehlern begleitet wird. Dafür erledigt man an weitläufigen Schauplätzen zahlreiche Aufgaben, experimentiert mit verschiedenen Fallen und Waffen und beobachtet sogar, wie feindliche Wachen ihre Verwundeten in Sicherheit bringen. Der eigentliche Clou ist aber erst das Eindringen in die Kampagne anderer Spieler oder wenn einem das selbst passiert, denn sobald ein anderer Mensch mit von der Partie ist, wird aus dem routinierten Herumschleichen schnell ein herrlich spannender Thriller! Wie gesagt: Rechnet den Wellen-Modus, den umfangreichen PvP sowie die kooperative Kampagne hinzu und ihr wisst, was ihr an der diesjährigen Ausgabe des Scharfschützen-Abenteuers habt.

In unserer Test-Philosophie findest du mehr darüber, wie wir testen.

Über den Autor

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Benjamin Schmädig

Redakteur

Für ihn ist WipEout 2097 der Grund, aus dem es Videospiele gibt – aber auch Indiesachen, Shooter sowie fast alles, das mit Weltraum zu tun hat. Sucht gute Storys, knackige Herausforderungen und freut sich, wenn die grauen Zellen nicht unterfordert werden.

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