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Spider-Man: Miles Morales Test - Die andere freundliche Spinne aus der Nachbarschaft

Sony hat noch viel vor mit der Spinne.

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New York wirkt größer, die Straßenschluchten tiefer: Ansonsten vertraute, solide Action, die erneut mit ihrer Charakterarbeit überzeugt.

Ok, die Verwirrung darum, ob Miles Morales nun ein "vollwertiges" Spiel ist, nur ein Add-on oder eine umfangreichere Erweiterung, die hat es nicht gebraucht. Aber jetzt ist das Spiel da, rechtzeitig zum Start der neuen Konsole, mit knapp 40 Euro (Korrektur: Die Verwirrung saß wohl bei mir immer noch tief: Das Spiel kostet doch Vollpreis, also um die 60 Euro, anstatt 40) nicht eben teuer, und macht das, was es soll, ganz hervorragend: Dem schwarzen Spider-Man Miles Morales seinen ersten interaktiven Auftritt kredenzen und nebenbei ein bisschen die Muskeln der PS5 spielen lassen.

Dabei war die Zeit für ein neues Spider-Man nicht unbedingt optimal. Ich spiele parallel Watch Dogs und Assassin's Creed und war nicht sicher, ob ich noch eine Open World vertragen würde. Aber wie sich herausstellt, ist es noch einmal etwas ganz anderes, sich als Spinnenmann durch eine zwar extrem hübsche, aber wie bei so vielen Spielen dieses Genres eher kulissenhafte und mit austauschbaren Nebenaufgaben gefüllte Metropole zu schwingen. Spider-Man lebt einfach von seiner Fortbewegung, dem guten Gefühl, an seinen Netzen durch Hunderte Meter Tiefe Häuserschluchten zu schießen. Schwindelgefühl und Magengruben-Absacker sind das, wofür man hier ist.

Zurück in der Nachbarschaft

Das stimmte schon 2004, als das nach allen objektiven Gesichtspunkten gerade so mittelmäßige Spider-Man 2 plötzlich mein Lieblingsspiel des Jahres (und auch übergreifend zur Superhelden-Referenz) wurde. Miles Morales erinnert nun einmal mehr daran, wie viel Spaß es macht, Spider-Man zu sein (minus dem Teil der großen Macht und der damit zusammenhängenden Verantwortung) und wie gut es Insomniac es gelang, die speziellen Talente der Spinne in Spielform zu pressen. Nicht nur das Schwingen, sondern auch die Kämpfe und die visuelle Umsetzung der Spielwelt an sich waren auf einmal Triple-A-Niveau - etwas, das man einem Superheldenspiel trotz drei mehr als nur netter Rocksteady-Batmänner irgendwie immer noch nicht zugetraut hatte.

Harlem ist ein geschäftiges Örtchen - der Bezirk im New Yorker Norden sprüht nur so vor Leben, über das Miles in der Regel mit einem Affenzahn hinwegrauscht.

Diese Qualitäten - wundervolles Schwingen durch Manhattan und der eingängige und durch ein paar fetzig präsentierte neue Moves kraftvoller Kampf gegen gut gemischte Gegnergruppen - ergänzt einmal mehr eine Geschichte, die deutlich besser ist, als sie sein müsste - wobei... die Geschichte an sich hat man in dieser Form schon wahnsinnig oft gehört, es ist eher Insomniacs Händchen fürs Zwischenmenschliche, dass dafür sorgte, dass ich auf dem Höhepunkt der Handlung einen ordentlich engen Hals bekam. Nicht, weil ich nicht geahnt hatte, in welche Richtung die Story verlaufen würde. Sondern weil es so gut geschrieben, gespielt und gesprochen war, was hier passierte.

Schon die Vorlage vor zwei Jahren lebte von den Charakteren und ihren Interaktionen und das ist auch hier nicht anders, wenngleich die kurze Kampagnendauer von nur etwa sieben Stunden hier dafür sorgte, dass alles ein wenig wie im Zeitraffer verlief. Dennoch: Die Geschichte von Miles, Ganke und Phin ist sehr effektiv und herzerwärmend erzählt, dieser neue Harlem-Spidey wahnsinnig gut besetzt und Insomniac schrieb ihn auch auf eine Weise, die ihn deutlich von Peter Parker, der mehr als einen Gastauftritt in Miles Morales hat, abhebt. Ehrlich gesagt, das nächste Spider-Man, von dem ich zu diesem Zeitpunkt einfach mal fest ausgehe, würde ich lieber in der Haut des unerfahrenen Miles verleben als wieder als Peter Parker aufzulaufen - der im Übrigen in der Mentoren-Rolle eine sehr gute Figur abgibt.

Insomniac schreibt in seinen Spidey-Spielen schön nachfühlbare Charaktere. Miles' Freundin Phin ist ein wichtiger Fixpunkt der Geschichte.

Kleiner, aber nicht weniger gut

Hat man nach besagten sieben Stunden die Story zu ihrem emotionalen Ende gebracht, stehen noch diverse Nebenaufgaben an, mit denen man den Spielspaß noch einmal um fast das Doppelte strecken kann, wenngleich nicht ohne Reibungsverluste. Natürlich ist das grundlegende Gameplay wahnsinnig solide und das Spidey-Flair geradezu unwiderstehlich, aber mit der Zeit nutzen sich die typisierten Aufträge eben doch ab. Rechnet mit zehn, bis zwölf Stunden Unterhaltung auf bestem Triple-A-Niveau und ihr werdet nicht enttäuscht.

Technisch gefällt das Spiel mit wahnsinnig schnellen Ladezeiten - weniger als fünfzehn Sekunden vom Dashboard bis nach Manhattan - hübsch umgesetzten Gesichtern und stabilen 30fps in 4K samt Raytracing (das lustigerweise zwar Passanten, nicht aber deren Regenschirme in Schaufenstern spiegelt). Auch der Detailgrad der Umgebung zeigt sich stark erhöht. Ich bin nicht sicher, ob es auch an meinem neuen, größeren Fernseher liegt oder ob das Spiel sonst wie mit seiner Perspektive trickst, aber in Miles Morales kommt mir auch wegen der vielen Kleinigkeiten an Gebäuden und in den Straßenzügen die Spielwelt deutlich gewaltiger und die Straßenschluchten tiefer vor. Das wirkt sich natürlich positiv auf den speziellen Rausch der Bewegung auswirkt, der einen in Insomniacs erstem Spider-man schon ziemlich gut erfasste und so schnell nicht losließ. Die Einbindung des DualSense ist ebenfalls nett, wenn man den Druckpunkt von Spideys Netzschießern am Ende des Trigger-Hubs fühlt und die Vibration der Netze, an denen man baumelt.

Für einen Cross-Gen-Titel alles andere als schlecht. Ganz im Gegenteil.

Spider-Man: Miles Morales Test - Fazit

Am Ende war die Frage, was und wie groß genau Miles Morales nun sein würde, also nicht so wichtig. Was zählt, ist, dass die Geschichte vor interessanten Akteuren nur so strotzt, die Konflikte menschlich bestens nachvollziehbar sind und das Spiel trotz erkennbarer Open-World-Standardisierung immer noch mehr Spaß macht als die meisten anderen dieser Sorte. Diese Art der Fortbewegung fährt einfach außer Konkurrenz. Darüber hinaus ist das Spiel ein guter Showcase für die neue Hardware, denn die visuellen und sonstigen technischen Unterschiede zum letzten Spidey auf der PS4 sind drastisch. Ich bin gespannt, was Insomniac zukünftig für Spider-Man plant - ein echtes Crossover zwischen Peter Parker und Miles Morales steht jedenfalls ganz oben auf meinem Wunschzettel.


  • Entwickler / Publisher: Insomniac / Sony
  • Plattformen: PS5, PS4 (getestet auf PS5)
  • Release-Datum: 12.11. (PS4), 19.11. (PS5)
  • Sprache: Deutsch, Englisch und weitere
  • Preis: ca. 60 Euro, 80 im Bundle mit dem Remaster des Originals, keine Mikrotransaktionen

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