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Andor fühlt sich nicht wie Star Wars an. Und ich liebe das!

Die erste durchweg gute Star Wars Serie?

Ich muss sagen, nach Boba Fett und Obi-Wan hatte ich wenig Lust auf Andor. Die Enttäuschungen der letzten beiden Star-Wars-Serien habe ich immer noch nicht weggesteckt – vor allem nicht die Tatsache, dass ich dafür irgendwelche Hoffnungen hatte, obwohl ich es mittlerweile besser wissen sollte. Und weil sich auch bei Rogue One damals wenig bei mir regte, zog mich wenig hin, zur Vorgeschichte des Hauptcharakters des Films von 2016, Cassian Andor.

Boba Fett war wenig mehr als eine müde Fan-Fiction-Rechtfertigung, eine hübsche Rüstung mal von links nach rechts, mal umgekehrt (und oft horizontal) durch teure Effektkulissen zu tragen. Und Obi-Wan kochte einen Konflikt auf, der schon die Prequels nicht retten konnte. Es half nicht gerade, dass alles, was die Sendung gut an Drama aufbaute, durch die Logiklöcher in der Handlung ins Nichts zerrann. Und jetzt ist da eben Andor, eine Show, die nach allen wesentlichen Maßstäben wenig mehr als Resteverwertung sein sollte, und ist nach drei Folgen plötzlich … ziemlich gut?! Hey, Star Wars! Alles in Ordnung bei dir?

Die Sets sehen sehr gut aus. An einigen Stellen zu gut, um wahr zu sein. Aber das ist kein großes Problem für Andor.

Um ehrlich zu sein, erkenne ich Star Wars, wie es zuletzt existierte, in Andor kaum wieder. Nichts von alledem, was dieses Filmuniversum für mich zu einer so bemühten, beliebigen, fahrigen, schlampigen und oft lieblosen Angelegenheit verkommen ließ, findet sich in Andor. Keine blöden Zufälle. Keine bequemen Verbindungen zum weiteren Universum. Keine Charaktere, die sich in erster Linie über ihren Beruf oder ihr Aussehen definieren. Stattdessen Figuren, die sich glaubwürdig und plastisch anfühlen, in einer glanzlosen, schwierigen Welt. Ist das hier nicht genau der erweiterte Kanon-Kram, der die Kamera in die Hinterwäldler-Ecken von Star Wars hält, die wir uns immer gewünscht haben? Der, von dem wir wussten, dass er irgendwo in diesem Universum existieren musste?

Ich will nicht behaupten, das hier sei nie gesehene Erzählkunst. An der Stelle will ich eure Erwartungen gleich wieder an die Leine nehmen. Es gibt sicher Leute, denen das hier zu langsam ist, die sich für die Handlung nicht interessieren oder sich an anderen Dingen stoßen. Aber im Sternenkriegs-Rahmen darf man mittlerweile schon dankbar sein, wenn ein neuer Beitrag einfach nur das erreicht, was er sich vorgenommen hat und nicht die Intelligenz seines Zuschauers beleidigt. Was sich Andor vorgenommen hat, ist ein nicht allzu eiliger, an manchen Orten sogar Gilroy-typisch beinahe trockener Thriller um Spionage, Infiltration und Widerständler, der einfach funktioniert. Alle Achtung!

Stellan Skarsgard ist Andors gerissener und souveräner Einstieg in die Rebellion.

Es liegt vermutlich am Drehbuch und am sehr geerdeten Stil, dass mir Diego Luna hier sehr viel besser gefällt als in Rogue One. Stellan Skarsgard ist – ruppig und souverän – immer eine Bank. Und selbst die Nebenrollen sind mit Schauspielern besetzt, die natürlich und mit der gebotenen Schwere eines nicht gerade einfachen Lebens aufspielen dürfen. Es geht schon gut los, wenn man Rupert Vansittart (Yohn Royce aus Game of Thrones) als einen pragmatischen Sicherheitschef einer Megacorporation sieht. Der will Andors anfängliches Verbrechen am liebsten unter den Teppich kehren, nur um von seiner rechten Hand – Syril Karn hintergangen zu werden. Kyle Soller, der den Karn spielt und hinterm Rücken seines Bosses doch eine Ermittlung startet, bringt die Banalität des Bösen, die so oft aus einer Mischung von Prinzipienreiterei und Karrierismus unter Mächtigen erwächst, wunderbar wieselig auf die Mattscheibe.

Und so geht das eigentlich den kompletten Cast hinunter weiter. Adria Arjona (Mechanikerin Bix) kannte ich vorher nicht, aber sie bringt die Arbeiterklasse-Loyalität ebenso gut rüber, wie Joplin Sibtain als Brasso, der vom Fleck weg einen sympathischen besten Kumpel für Andor abgibt. Nach vermeintlicher Skepsis dichtet er Andors Alibi für die letzte Nacht sogar noch etwas weiter und signalisiert damit direkt, dass auf ihn Verlass ist. Die großartige Fiona Shaw rundet als Cassians Mutterfigur eine Besetzung ab, die diesem Bisschen Star Wars eine in diesem Filmuniversum selten gesehene zwischenmenschliche Wärme verleiht. Das sind allesamt authentisch wirkende Charakterinteraktionen.

Der zentrale Antagonist in den ersten drei Folgen ist ein echtes Wiesel.

Aber wie gesagt: Die Serie lässt sich Zeit, ohne wie Boba Fett den Eindruck zu versprühen, dass es nicht so richtig um etwas ginge. Folge drei – die letzte, die auf Disney Plus zu sehen ist – ist dann die, die alles angemessen spektakulär und spannend lostritt, in dem ersten packenden Shootout in Star Wars seit… ich weiß es nicht. Jedenfalls steht hier niemand ballernd und reglos auf offener Straße herum oder läuft sogar mit Rambo-Panzerung dem Gegner entgegen. Auch fällt auf, dass diese Action nicht wie eine Entschuldigung wirkt, mit möglichst aufwendigen Effekten zu blenden. Sie folgt aus der Handlung und treibt sie zugleich voran und stellt sich damit in den Dienst der Dinge, die wirklich wichtig sind.

Ab und an fand ich das Szenenbild vielleicht eine Idee zu aufgeräumt, konnte mir regelrecht vorstellen, wie die Filmcrew Laub, Unrat und Schrott mit spitzen Fingern verstreute. So komplett echt hat das nicht immer ausgesehen. Aber im Grunde ist das nicht so schlimm., denn die meisten Sets überzeugen. Und als Andor zu Beginn in einen Klub hineinspaziert, in dem allzu irdische Fahrstuhlmusik lief, ahnte ich schon Schlimmes. Aber der Eindruck löste sich schon wenige Szenen später wieder in Wohlbefinden auf, als Cassian Andor das Verbrechen begeht, das ihn in die Arme der Rebellion treiben wird. Das war eine starke Szene, mit überzeugender Zerrissenheit gespielt und spannend inszeniert. Von da an, war ich an Bord und gespannt, wie Cassian plant, dem Gesetz zu entfliehen.

Und manchmal wird sogar gelacht in Andor, ohne dass es gezwungen wäre. Vetch, hier rechts im Bild, hat den besten der wenigen Gags.

Also ja: Für den Moment habe ich schwer den Eindruck, dass es sich gelohnt hat, Tony Gilroy auf diesen Stoff anzusetzen. Unterm Strich dürften das die besten 90 Minuten Star Wars gewesen sein, die ich seit langer, langer Zeit gesehen habe. Ich habe sogar Lust, Rogue One vielleicht noch einmal eine Chance zu geben. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die nächsten Folgen werden zeigen, ob der positive Eindruck nicht auch auf meinen niedrigen Erwartungen aufbaut. Auszuschließen ist das nicht. Aber die Serie leistet sich einfach keine der blöden Schnitzer, die den oben genannten Shows reihenweise unterliefen. Dass ich das noch erleben darf!

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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