Die Red Dead Online Beta - hätte es jemals was anderes sein können als all die anderen Spiele, in denen wir möglichst schnell versuchen, das Zentrum des Screens auf einen anderen Spieler zu fokussieren und den Trigger zu drücken? Wahrscheinlich nicht, aber dafür kann das Spiel nicht viel. Gib einem Spieler eine Waffe und er wird sie sofort benutzen. Das ist eine der ältesten ungeschriebenen Regeln in der Welt geschriebener Regeln, die Spiele nun mal sind. Es dürfte mehr mit der Natur des Menschen in einem Spiel zu tun haben. Wer Cowboy spielte, der tat das als Kind selten mit dem Wunsch, ein friedliches Neben- und Miteinander zu etablieren, sondern um mit Plastikpistolen durch den Garten zu rennen. Und ziemlich genau das ist das, was Red Dead Online gerade in seinem Free Roam Modus bietet.

Die Idee als einsamer Cowboy durch das Land zu reiten, andere Cowboys zu treffen - allerdings nicht gleich mit einer Kugel ... -, Sachen zu machen, die die Spielwelt hergibt und weiterzuziehen, also "rollenspielen" im Wilden Westen, funktioniert zumindest für mich an diesem letzten Wochenende absolut so rein gar nicht. Ich gab es nach ein paar Stunden schlicht auf und wandte mich wieder Battlefield zu, hier gab es zumindest klare Regeln, wer auf mich schießen würde und warum. In Red Dead wurde ich mal aus großer Distanz erschossen, weil manche Cowboys wohl komplette Psychopathen sind, die auf alles anlegen, was da am Horizont seines Weges zieht. Andere grüßen, warten und schießen einem dann in den Rücken. Andere rotten sich zusammen, erschießen einen Typen mitten in der Stadt, dann ein paar mehr und schließlich sich gegenseitig. Es war mir nicht klar, ob es eine Gang war, die endgültig einem Sonnenstich erlegen war oder ob es zufällige Begegnungen waren, die zunächst einen leicht untypischen Verlauf nahmen.

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Es kann nur einen Cowboy in diesem Spiel geben. Zumindest glauben das die meisten Spieler wohl.

Vielleicht haben die die alle zu viel PUBG gespielt und das alte Highlander-Mantra, dass es nur einen geben kann, steckt noch tief drin? Vielleicht hat PUBG einfach nur besser erkannt, was Spieler online grundsätzlich tun wollen? Vielleicht muss Red Dead einfach mehr Regeln aufstellen, denn das ist schließlich, was Spiele tun, und so besser klären, was es eigentlich sein möchte? Vielleicht braucht es auch mehr Inhalte, denn was ist schon die große und lebendige Spielwelt allein, wenn ich auf nichts anderes schießen kann?

Red Dead Redemption 2 ist selbst nicht unschuldig, wenn es um sinnloses Ballern in zu großer Konzentration geht, schließlich boten seine Solo-Missionen oft ein paar Dutzend Tote als Bonus, wo rein erzählerisch keiner nötig war. Damit schwächte es sich sogar selbst, wenn ein paar Dutzend Tote extra an anderer Stelle dramaturgisch wichtig sein sollten. Da frage man sich schon, was jetzt das Besondere an diesem Massaker im Vergleich zu all den anderen davor war. Bei allem, was dieses außergewöhnliche Spiel richtig macht und das ist so unglaublich viel, zu oft lässt es einfach diesen fünfjährigen Cowboy im Garten toben.

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Zwangspause unter weißer Flagge: Das Lager scheint für mich aktuell der größte Unterschied zu PUBG zu sein - In Red Dead gibt es zumindest einen Ort, wo nicht geschossen wird.

Es ist daher wohl verständlich, dass die Spieler diesen Impuls in die gemeinsam geteilte Welt tragen und sich wie in einem großen Garten aufführen. Der wilde Westen war recht grob und wild, nicht alle seine Legenden sind erfunden, teilweise nicht einmal die, die in erster Linie auf schnell gezogenen Colts basieren. Im Großen und Ganzen jedoch waren es meist auch nur Menschen, die nicht gleich schießen oder erschossen werden wollten. Aktuell jedoch ist Red Dead selbst von dieser Minimalillusion eines "realen" Rollenspiels in der Ära so weit entfernt wie der Fünfjährige, der grade seine erste Platzpatronen-Pistole in die Hand bekam.

So, entschuldigt mich, ich gehe jetzt ein paar andere Kinder in der Gegend von Saint Denis über den Haufen ballern. Solange das Spiel in seiner Beta - das ist es ja immer noch und wird mitunter vergessen - keine Regeln aufstellt, werde ich halt machen, was jeder andere macht. Es ist ja nicht so, dass der Fünfjährige in mir keinen Spaß dabei verspüren würde ...

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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