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Dirt Rally 2: Test - Die Evolution der Perfektion

Der alte König lebt noch und es lebe der neue König

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Das nach wie vor fast perfekte Rally-Spiel wird noch ein wenig besser: Mehr Solo-Content, Reifen- und Straßenabnutzung

Dirt Rally 2 ist ein Statement - und zwar in Richtung der mageren Konkurrenz. Ein mit einem zu recht süffisant-gelangweilten Grinsen gehobener Mittelfinger an Lizenzinhaber und Möchtegern-Drecksuhler. "Ihr wollt Rally machen? Lasst uns euch mal daran erinnern, wie ein Rally-Spiel auszusehen hat. Alles Liebe, Codemasters." Und so ist es auch nur konsequent, dass sich Dirt Rally in keiner Weise neu erfindet, sondern das nach wie vor beste Rallyé-Spiel updatet. Insoweit ist die "2.0", so der eigentliche Titel, auch vollkommen richtig gewählt.

Dirt Rally 2 kommt dem neuen Spieler ein ganz klitzekleines Bisschen entgegen, wenn ihr FIA Rallycross fahrt, denn die KI scheint geradezu erpicht darauf, euch Siege zu schenken, die ihr eigentlich mit euren 15, 20 und sogar 25 Strafsekunden sicher nicht verdient hattet. Für die ersten paar Stunden dürfen sich Einsteiger so fühlen, als würden sie etwas richtig machen, und das tun sie wohl auch. Selbst ankommen ist bei dieser nach wie vor ausgesucht brutalen Abbildung des vielleicht körperlich härtesten Motorsports auf vier Rädern schon eine gewisse Leistung.

Es geht halt nichts über einen Klassiker.

Noch immer zeigt die phänomenale Fahrphysik, wie anders es ist, ein Auto mit so vielen Pferdestärken auf einer Schotterpiste zu halten. Es unterscheidet sich so drastisch von jedem anderen Fahrerlebnis, das ihr im richtigen Leben hattet, egal wie oft ihr mit einem Golf 2 auf einem Feldweg Rallye gespielt habt. Das Bombardement aus Richtungsanweisungen vom Beifahrersitz, jede einzelne davon lebenswichtig; der ständige Kampf der Physik gegen das eigene Ziel, die Straße in der Mitte der wild springenden Frontscheibe zu halten; das Ausbrechen des Hecks im eben nicht genau perfekten Moment, der dann wieder einmal aufwändig gerettet werden will. All das zelebriert Dirt Rally 2 wie sein Vorgänger und steht dabei Kopf, Schulter und Rumpf über der Konkurrenz. Nach wie vor.

Das heißt aber auch, dass sich jetzt im Vergleich zum brillanten Vorgänger nicht sooo viel getan hat, jedenfalls nicht auf der Piste selbst. Die Grafik war zuletzt bei Dirt Rally dann doch etwas in die Jahre gekommen, jetzt ist sie wieder auf Stand und zeigt euch all die schönen Kurse auf vier Kontinenten - Afrika folgt hoffentlich im DLC, aber zumindest ist es nun nicht mehr so eurozentrisch - mit mehr Detail und ein paar mehr Effekten. Regen und Schnee sind hübscher, treffen netter auf die Scheibe, die Landschaft wirkt nicht mehr so steril. Das war für ein Update notwendig, aber die Welt verändert es nicht. Was es leider nicht gibt, sind die immer neu generierten Strecken aus Dirt 4. Das passte aber auch eher zu dem eher "Casual"-Ansatz - sehr weit gefasst hier - dieses Spiels, während in Dirt Rally 2.0 die Details jeder einzelnen Kurve perfekt austariert wurden und so auf Perfektion durch Wiederholung abzielen. Ich finde es etwas schade, dass es gar keinen Modus mit den generierten Strecken gibt, aber wirklich vermissen tue ich es nicht.

Die FIA Rallycross haben sie schon, jetzt fehlt nur noch die WRC...

Was es stattdessen gibt, ist eine Abnutzung der Strecken. Je weiter hinten ihr startet, desto mehr Fahrer sind vor euch über die Piste geheizt, bis zu 149 an der Zahl. Das macht bei Asphalt in Spanien nicht so den Unterschied, aber schwerer Schotter in Australien? Ich hatte Probleme, überhaupt geradeaus zu fahren, so zerstört haben die anderen die Piste zurückgelassen. Es ist ein weiteres realistisches Merkmal in einem Spiel, das in dieser Hinsicht Perfektion anstrebt und nicht mehr so weit weg davon ist. Ein weiteres davon ist die Reifenabnutzung, was ihr deutlich merken werdet. Vor allem mit zu weichen Reifen auf Asphalt, wenn das Autos in den Kurven plötzlich anfängt zu schwimmen, als würde es um sein Leben gehen. Die richtige Reifenwahl war vorher nicht unwichtig, nun ist sie auf den realistischen Einstellungen essentiell, wollt ihr die Zielgerade sehen und das auch noch in einer vernünftigen Zeit.

Die Fahrdynamik wurde dabei nur ein wenig angepasst, sodass sich niedrige Geschwindigkeiten nun etwas eleganter handhaben lassen, wenn ihr in engen Kurven mit dem Heck ein wenig kontrolliert ausbrechen wollt. Etwas, das mir im Vorgänger kaum gelang, fühlt sich nun wesentlich natürlicher an. Das gilt sowohl für das Lenkrad - Thrustmaster TX - und den Controller. Während das Lenkrad auch zuvor tadellos war und sich daran nicht viel geändert hat, ist der Controller nun ideal abgestimmt und bereitet keine Probleme mehr. Seit dem ersten Dirt Rally hat Codemasters in dieser Richtung viel dazugelernt.

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Auf den ersten Blick gibt es nicht einmal so viel Content, aber davon solltet ihr euch nicht abschrecken lassen. Es steckt weit mehr hinter der ersten Kulisse von ein paar liebevollen Classic-Rallyes der 70er bis 90er, Custom-Rennen mit eigenen Setups und Zeitrennen. Im eigentlichen Tunier-Modus - Anmeldung in Codemasters Racenet nicht optional und somit gibt es für diesen Modus Online-Zwang -, managt ihr euer eigenes Team an Mechanikern, die euer Auto dann über die Rennen hinweg am Leben halten sollen. Schäden werden von Event zu Event nämlich nicht automatisch abgehakt. Ihr müsst euch um euren - leider einem etwas anstrengenden Grind unterworfenen - Fuhrpark kümmern und dazu gehört auch, dass ihr euch um das Innenleben des Autos kümmert. Das Setup der Modifikationen ist übersichtlich genug und einfach zu handhaben, ohne sinnlos zu erschlagen. Ihr müsst generell wissen, was ihr tut, aber das Spiel macht es euch dann nicht schwerer, als es sein muss, auch kleinere Änderungen am Differential oder den Bremsen gezielt vorzunehmen.

Wie in anderen Racenet-Spielen habt ihr tägliche und wöchentliche Herausforderungen wie auch Meisterschaften, sodass die Karriere ein langer, langer Weg sein kann, der sich weniger darum dreht, einen bestimmten Punkt zu erreichen, sondern darum, einen Rennstall mit einer Garage voller guter zu führen und diese über viele Runden am Leben zu erhalten. Es ist ein natürliches Wachstum, das leider, wie schon erwähnt, etwas knausrig damit ist, euch genügend Punkte für neue Autos zu gönnen. Echtgeld wird natürlich auch als Währung zu Beschleunigungszwecken akzeptiert. Aber an diesen Punkt kam ich im Grind dann doch noch nicht. Das hätte ich wohl nur lockergemacht, wenn es möglich gewesen wäre, gegen echtes Geld mitten in einem kritischen Rennen meine auseinanderfallen Reifen zu erneuern. Ups, das sollte ich wohl nicht laut aussprechen, sonst kommt noch einer auf Gedanken ...

Cockpit natürlich, VR leider noch nicht und dann wohl erst mal nur für Oculus.

Um es noch mal kurz zu betonen: Dirt Rally 2.0 ist das offizielle Spiel der FIA Rallycross, ihr habt acht Strecken und ein paar viel zu hochmotorisierte Superfahrzeuge, um damit in klassischer Rennablauf-Manier im Rudel um ein paar Rundkurse zu hetzen. Das gab es auch im Vorgänger, neu ist die R-GT-Klasse mit einem 911er, einen Mustang GT4 und ein paar anderen. Und obwohl es erst einmal verrückt klingt, mit einem Porsche 911, selbst einem modifizierten, über Schotter zu heizen: es macht erstaunlich viel Spaß. Selbst wenn die echte R-GT-Liga diesen Autos das nicht antut, aber hier drücke ich bei etwas weniger Realismus gern ein Auge zu.

Einen harten Schlag müssen viele VR-Fans wegstecken, denn erst einmal gibt es gar keinen Support. Dann soll im Sommer Oculus Rift doch noch nachgereicht werden, aber leider zumindest zunächst exklusiv. Das heißt, dass die Chancen für PS VR und andere Systeme zumindest dieses Jahr eher mau aussehen.

Mit einem hochgezüchteten 911er über groben Schotter durch den Regen? Das ist kein Rennen, das ist ein Script für eine James-Bond-Action-Szene.

Dirt Rally 2.0 erfindet das virtuelle Rallye-Fahren nicht neu. Das tat der Vorgänger schon und so baut 2.0 dezent darauf auf. Mehr und abwechslungsreichere Strecken, ein paar Realismusdetails wie Reifen- und Straßenabnutzung, die den harten Fans viel bedeuten, etwas mehr Zugänglichkeit im Rallycross-Modus dank vergebender KI. Dazu fühlt sich das Spiel mit dem Racenet-gekoppelten Karrieremodus und seinem Team-Management sehr viel runder und kompletter an, als es damals beim ersten Teil der Fall war. Es ist eine nicht zu kleine, durchweg gelungene Rundumpolitur des bisherigen Königs der Schotterpiste, der hiermit offiziell durch seinen Nachfolger abgelöst wird.


Entwickler/Publisher: Codemasters - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: ca. 60 Euro - Erscheint am: 26. Februar - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: ja - Getestete Version: Xbox One


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