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Ein aufwühlendes Finale: Nach Andor wird Star Wars für mich nie mehr so sein wie vorher

Ich ziehe meinen Hut.

SPOILER zur 12. und letzten Folge der ersten Staffel von Star Wars Andor.

Es ist kein Geheimnis, dass Andor in Sachen Quote nicht so gut wegkommt wie andere Star Wars Produktionen der letzten oder sogar dieses Jahres. Mittlerweile glaube ich, dass es neben einem zu Beginn etwas gemächlichen Tempo vor allem an der unglücklichen Namensgebung lag. Versteht mich nicht falsch: Cassian Andor ist in so vielerlei Hinsicht so dermaßen Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte, dass er es verdient, seinen Namen über eine der besten Sci-Fi-Serien zu hängen, die ich je gesehen habe. Aber es geht eben doch um so viel mehr als ihn. Dumm, dass der Titel “Star Wars Rebels” schon vergeben war.

Denn um nichts anderes als die Geburt der Rebellion dreht sich Andor, also die Serie. Wenn man den Protagonisten also als den am wenigsten interessanten Part in diesem minutiös gecasteten und oft beneidenswert scharf beobachtenden Sci-Fi-Politthriller beschreiben wollte, so hätte man zwar nicht Unrecht. Aber man wäre auch der Methode einer Serie auf der Spur, der daran gelegen ist, sich vom Personenkult des übrigen Star-Wars-Fandoms zu lösen. Die Rebellion, wie sie hier entsteht, ist größer als der Einzelne – wie Maarvas letzte Worte an ihren Sohn durch den guten Freund Brasso schon besagen: Cassian ist ein Funken.

Noch nicht ganz wieder vereint: B2 und Cassian.

Es liegt eine unerträgliche, aber nicht hoffnungslose Anspannung über Maarvas Beerdigung, die als eine einzige Demonstration zivilen Ungehorsams beginnt (mit einem Trauermarsch, der subtil die Harmonien des Andor-Themas nutzt). Das Imperium hatte 30 Trauergäste erlaubt, die ganze Stadt kam. Und dann kommt sie selbst noch einmal, die großartige Fiona Shaw, wenn auch nur als Hologramm der sichtlich gezeichneten Ziehmutter und legt stellvertretend für Andor Lunte an das aufrührerische Pulverfass Ferrix. Mit der letzten vieler exzellenter Ansprachen, die diese Serie uns bisher geschenkt hat.

Dedras ISB hält lange die Füße still, weil er der Ansicht ist, Andor schon aus der Beerdigungsprozession zu fischen – noch dazu mit Hilfe eines geprellten Freundes von Cassian, der dem imperialen Geheimdienst von dessen Anwesenheit verrät. Die Veranstaltung gewaltsam aufzulösen, würde bedeuten, diese Chance zu verwirken. Es ergibt sich eine immens angespannte Situation, die nach und nach näher an die Schwelle zur Eskalation rückt, bis es endlich knallt. Andor jedoch befreit in dem entbrennenden Chaos lieber eine schwer traumatisierte Bix, die einem nur mit einem Ohr am Fenster der Musik lauschend das Herz bricht.

Nemiks Einfluss ist in dieser Folge stark zu spüren. Schade, dass er nicht mehr sehen kann, wie sich die Leute gegen das Imperium erheben - und wie er seinen Beitrag dazu geleistet hat.

Hier passiert eine Menge parallel. Luthen erinnert sich während Maarvas Rede an den Mann, als der er einmal diese die Seele verfinsternde Reise antrat und begreift zugleich, dass es ein Fehler wäre, Andor zu töten – Skarsgard braucht dafür freilich nur eineinhalb Blicke. Syril erweist sich als der erste nützliche Stalker in der Geschichte des Stalkens, als er Dedra vor dem sicheren Tod in der Menge bewahrt (“ich sollte ihnen danken” – eine irrsinnig gute Zeile, die die Selbstentmenschlichung dieser Weltraumfaschisten gut auf den Punkt bringt) und Funker Xan ist der erste Nebencharakter, der nicht mit der Beiläufigkeit eines echten Bürgerkrieges vom Imperium getötet wird.

Diesmal hält die Kamera lange und still auf sein sterbendes Gesicht, ein bewusst gesetzter Kontrast, der mich den Tod dieser bislang kaum in Erscheinung getretenen Figur umso härter spüren ließ und punktuell die Menschlichkeit der Widerständler das Chaos der Gewalt überstrahlen lässt.

Dedra hatte sich Maarvas Beerdigung sicher anders vorgestellt.

Auch bei Familie Mothma geht es weiter, als sich der Fahrer Kloris tatsächlich als ISB-Spitzel entpuppt und belauscht, wie Mon ihrem Gatten Perrin wegen angeblichen Glücksspiels eine Szene macht. Ich brauchte bis nach der Folge, um zu begreifen, dass dies ein geschicktes Ablenkungsmanöver der Senatorin war, die sich schon sicherer war als wir Zuschauer, dass ihr Chauffeur für das andere Team spielt. Die Bewegungen auf den Konten der Mothmas sehen durch die Glücksspielanschuldigungen weniger verdächtig aus. In einer der letzten Szenen der Folge sehen wir, wie Mon ihre Tochter tatsächlich Sculduns Sohnemann vorstellt und damit ihre Wandlung zum Rebellen endgültig vollzieht, indem sie privates Glück und Überzeugungen der Sache opfert. Bitter.

Am Schluss hatte ich ein wenig Sorge um Luthen, der letztlich aber das Richtige tut und Andor in die Reihen der Rebellen aufnimmt. Wenn er wüsste, was “der Dieb” zuletzt so alles erlebt und angestellt hat… Insgesamt also: Wow! Es war eine fantastische, schön organisch und konsequent aus den Ereignissen der Serie folgende letzte Episode, die es nun umso schwerer macht, über ein Jahr auf die Fortsetzung zu warten. Star Wars Andor bereichert dieses Film- und Fernsehuniversum um eine Menschlichkeit, die das verkappte Märchen, das die ursprüngliche Trilogie war, nie hatte. Es hat ein scharfes Auge für die Natur von Faschismus und Unterdrückung, ohne an den offensichtlichen Parallelen zur Realität zu verzweifeln und bildet damit genau das erwachsene Star Wars ab, das ich mir immer gewünscht habe.

Über den Autor
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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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