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Ich denke, das Vampir-Survival-Spiel V Rising könnte 2022 der große Wurf werden

Ab morgen wird im Early Access Blut getrunken.

Eigentlich kann es doch gar nicht so schwierig sein, aus dem Vampir-Konzept ein gutes Videospiel zu machen, oder? Und doch ist die Ausbeute der letzten Jahre ziemlich dünn. Vampyr von Dontnod hatte gute Ansätze, stolperte aber über allzu dröge Mechanismen. Vampire The Masquerade steckt entweder in der Entwicklungshölle oder wird zum Battle Royale degradiert und der gute Kain … nun ja, keine Ahnung, ob wir den noch irgendwann mal wieder sehen werden.

Immerhin dürfen wir nächstes Jahr mit Arkanes Redfall mal wieder ein paar Blutsauger jagen, aber wenn ich ehrlich bin, interessiert es mich mehr, mal in die Haut einer solchen Kreatur der Nacht versetzt zu werden. V Rising, das morgen auf Steam in den Early Access startet, probiert nun genau das und machte mir in der ausgedehnten Session, die ich am Freitagabend hinlegte, eine Menge Spaß.

Schön aus der Sonne bleiben. Aber der Effekt ist so gut gemacht, dass ihr das automatisch tut. Ihr werdet gewissermaßen selbst zum Vampir.

Vorneweg sollte ich dazu aber vielleicht sagen, dass ein Survival-Spiel mit Diablo-Kampf, Crafting und Basenbau-Elementen nicht unbedingt meine erste Idee gewesen wäre. Aber sie ist immerhin ein interessanter Twist einer vertrauten spielerischen Formel. Nach der Charaktererstellung steigt ihr im Spiel der Battlerite-Macher von Stunlock in einer gemütlichen Gruft aus eurem Sarg und werdet mit Simpelaufträgen der Marke "Sammle 5 Knochen" an das einfache und intuitive Crafting-System herangeführt. Schon bald habt ihr Schwert und Rüstung aus Knochen zur Verfügung und tretet hinaus an die nächtliche Oberwelt.

Hübscher als gedacht

Hier macht V Rising direkt eine Sache klar: Erst einmal, dass seine modrigen Wälder doch ziemlich hübsch aussehen (das kommt auf Bildern irgendwie nicht richtig rüber). Und zweitens, dass ihr den Tag-Nacht-Zyklus stets im Hinterkopf behalten müsst. 18 Minuten dauert ein Tag, 12 davon sind finstere Nacht. Das bedeutet auch, dass ein Drittel eurer Spielzeit bei potenziell tödlicher Sonneneinstrahlung stattfindet.

Das Gute: Ein bisschen Sonnenlicht bringt euch nicht um und im Schatten von Bäumen, Felsen oder Ruinen seid ihr sogar komplett sicher. Aber audiovisuell ist das sengende Licht wirklich famos umgesetzt. Trifft ein Sonnenstrahl eure Haut, seht ihr den Lichtschein vom Bildschirmrand auf euch zeigen, ein brutzelnder Klang zieht parallel zur überstrahlenden Lichtintensität im Laufe der Sekunden immer weiter an. Kommt ihr nicht rechtzeitig in Sicherheit, nimmt sich die Sonne mit der Intensität eines Schusses aus einem Scharfschützengewehr ein gutes Stück eurer Lebensenergie.

Eine einfache, aber effektive Optik. Jedes der diversen Gebiete setzt sich nicht nur durch den Schwierigkeitsgrad voneinander ab, sondern auch optisch.

Der Effekt ist wirklich fantastisch umgesetzt und bewirkt, dass ich das Licht tatsächlich scheue, mir meinen Weg durch den Wald und die Bewegung im Kampf entlang von Licht und Schatten plane. Später wird man Mittel und Wege haben, seine Resistenz dagegen zu steigern, aber bisher haben das Sound- und Design-Team wirklich ganze Arbeit geleistet.

Der Kampf von V Rising: Einfach, aber eingängig

Auch der Kampf macht direkt Spaß und fühlt sich gut an. Zu jeder Zeit kann man neben der normalen Attacke und einer Movement-Fähigkeit zwei Fähigkeiten, zwei Zauber und einen Ultimate ausrüsten. Besonders der Ausweich-Move, der euch kurz unsichtbar werden lässt – kurze Unverwundbarkeit inklusive – und ein Double von euch am Ausgangspunkt des Manövers hinterlässt, hat mir gefallen, weil er half, auch einer Übermacht Herr zu werden. Mit der R-Taste und der Maus kann man gleich zu Anfang schon den Pfad eines magischen Projektils zu justieren und der Konter-Zauber, der Gegner nach Treffern zurückwirft, ist ein echter Lebensretter. Aber damit geht es nur los.

Weitere Fähigkeiten bekommt man über neue und bessere Waffen und über frische Zaubersprüche, die einem Cooldown unterliegen. Zauber erlangt man, indem man besonders mächtige Feinde in der Open-World erledigt. Ich konnte zum Beispiel schon einen gigantischen Alpha Wolf besiegen, wodurch ich mich anschließend selbst in einen Wolf verwandeln konnte. Und alles, was ich dazu tun musste, war ihn so sehr zu schwächen, dass ich sein Blut trinken konnte.

Bossmonster jagt ihr, um an neue Zauber zu kommen.

Apropos Blut. Das kommt auf verschiedene Weisen ins Spiel. Zum einen könnt ihr einen gut gefüllten Blutvorrat in Gesundheit ummünzen. Aber es ist nicht komplett egal, welche Art von Blut ihr trinkt. Denn die Eigenschaften des früheren Besitzers gehen zum Teil auf euch über. Das bedeutet, dass ihr zum Beispiel durch Trinken von Kriegerblut körperliche Vorteile im Kampf erhaltet, während Arbeiterblut für ausgedehnte Crafting- und Ressourcen-Sammel-Sessions sinnvoll ist.

Vier Zimmer, Küche, Sarg

Blut kommt auch auf einer weiteren Ebene zum Tragen: Als Treibstoff für alles, was in eurer Burg passiert. Ein angehender Vampirlord wäre natürlich nichts ohne seine eigene gotische Behausung. Schon direkt nach Spielstart bemerkt man, dass erstaunlich viel von der Welt auf Treffer mit euren Waffen reagiert: Unterholz, Gestrüpp, Bäume und schließlich sogar Gesteinsformationen und Gebäudereste brechen zusammen, so ihr denn nur lange genug draufhaut. Danach zerfallen sie in die entsprechenden Ressourcen, mit denen ihr den Bau eurer Bleibe starten könnt.

Zu Beginn sind das nur vier Wände, ein Sarg und das Herz der Burg. Das füttert ihr mit Blut, um die verschiedenen Crafting-Stationen zu betreiben, die ihr nur mit Rohstoffen füttern müsst, damit sie sie weiterverarbeiten, so lange ihr Blut nachschüttet. Geht dem Herz der Burg das Blut aus, beginnt selbst das prächtigste Gemäuer, zu zerfallen und wird angreifbarer für Feinde und andere Spieler – letztere gehen euch natürlich nur auf PVP-Servern an. Ich spielte nur auf PVE Servern, auf denen man zum Koop angehalten ist.

Je nachdem, welches Blut ihr trinkt, nehmt auch ihr andere Perks an.

Das Baumenü war jedenfalls simpel und übersichtlich gehalten. Auch wenn ich manchmal nicht ganz verstand, wieso ich einzelne Mauerteile wegen einer Säule nicht platzieren konnte, die angeblich im Weg stand, auf der anderen Seite aber komplett und sauber wie vorgesehen in den Wandverlauf integriert war. Könnte ein Bug gewesen sein. Meine Behausung wurde während dieser Session, bevor die Server wieder abgeschaltet wurden, zwar nicht imposant, aber immerhin dicht und sicher, auch wenn ich es noch nicht zu einem Dach gebracht habe, was am Tage ein bisschen problematisch war. Hm... vielleicht ist das Menü dann doch nicht ganz so intuitiv. Ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt ein Dach gibt?

Am 17. Mai geht es los!

Jedenfalls freue ich mich schon darauf, weiter daran zu basteln, denn ich weiß jetzt bereits, dass man sich mit der Zeit auch Leibeigene halten kann, die dann für mich das Ressourcensammeln übernehmen. Obwohl das Einhacken auf Bäume und Büsche befriedigend umgesetzt ist, würde ich mich doch lieber auf andere Aspekte konzentrieren. Das Bauen an sich zum Beispiel und den simpel gestrickten, aber eingängigen und motivierenden Kampf.

Auf jeden Fall macht V Rising mal wieder was mit dem Gedanken, selbst ein Vampir zu sein, auch wenn es strukturell nicht unbedingt etwas Neues ist. Während alle bibbern, ob Vampire: The Masquerade Bloodlines 2 irgendwann mal erscheint und fürchten, dass es letztlich genauso kaputt starten wird wie sein Vorgänger, kann man hier schon mit dem Early-Access-Start mehr oder weniger in die Vollen gehen, üppiges Dracula-Schloss inklusive. Wem der Sinn nach einem ansprechenden und zügigen Survival-Spiel steht, sollte also vielleicht mal hier ein wenig Nachtluft schnuppern.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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