Horizon: Zero Dawn - Heißt es willkommen im Kreis der Großen.

In einem Atemzug mit Foundation, Rama und dem Unbesiegbaren.

Der Staub hat sich etwas gelegt. Der Test zu Horizon: Zero Dawn ist ein paar Wochen her. Ausgehend von den Verkaufszahlen haben es inzwischen auch ein paar mehr Leute gespielt. Ich hatte Zeit nach den hektischen Test-Stunden Horizon: Zero Dawn sacken zu lassen. Und ich muss sagen...

Spoiler!

Ernsthaft, wenn ihr Horizon noch nicht selbst beendet habt und das vorhabt, dann lest das hier auf keinen Fall. Auf gar keinen Fall! Bitte und allen Ernstes. Weil...

Mega-Spoiler!


Wir hatten eine ganze Reihe über die mögliche Geschichte von Horizon: Zero Dawn, die komplett auf Spekulation basierte. Das war sehr interessant und darin fanden sich ein paar sehr spannende Gedanken. Während des Tests dachte ich noch, dass diese eigentlich interessanter wären als das, was das Spiel wirklich bot. Ich denke inzwischen, dass ich da falsch lag. Kommt vor, sorry.

Horizon: Zero Dawn hat die vielleicht beste Hintergrundgeschichte irgendeines Science-Fiction-Spiels. Es rangiert mit seiner Idee auf dem Niveau der ganz Großen. Ich fühle mich hier nicht schlecht Vergleiche zu dem Mut der Gedanken von Arthur C. Clark, Isaac Asimov oder Stanislaw Lem anzuführen. Alle diese Autoren teilen, dass ihre Ideen oft ihr schriftstellerisches Talent überstiegen, aber das macht sie auch so spannend. Die Ausführung ist fehlerhaft, die Idee dahinter aber so irrwitzig grenzenlos, dass die Erdung in einer eher zu lang gezogenen, stellenweise fast schon dilettantischen Prosa als die einzige Möglichkeit erscheint, den Weite des Gedachten überhaupt zu transportieren. Horizon ist in der offiziellen Einsortierung Hard Sci-Fi.

Nehmt den Gegenentwurf Star Trek. Ursprünglich verbrachte diese Serie mehr Zeit damit, terrestrische Probleme und Gedanken abzubilden und ihnen in ihren besseren Momenten den Spiegel vorzuhalten als sich mit der Absurdität der Möglichkeit des Unmöglichen in einem unendlichen Universum zu befassen. Damit gehört die Serie zum größten Teil zum Soft-Sci-Fi, der sich mehr mit Sozial- als Natur-Wissenschaften beschäftigt. Von Star Wars, der militaristischen Muppet-Show - oder offiziell Space Opera - ganz zu schweigen. Das ist für mich keine echte Science-Fiction, sondern Märchenstunde. Macht auch Spaß, aber wir reden hier von etwas Anderem. Von dem, was Horizon zu erzählen hat.

1

Die Brillanz von Horizons Hintergrund besteht aus einer ganzen Reihe von Komponenten. Erst einmal, dass das alles kein großer Krieg war. Es gab keinen Bösen wie in Twelve Monkeys, so belanglos diese Person an sich am Ende auch gewesen sein mag. Keiner wollte, dass die Welt untergeht. Es war einfach ein Fehler im System. Der ultimative Mega-Seller des Robo-Konzerns fraß zufällig die Welt auf. Das Protokoll war klar, die Verteidigungsmechanismen gut, die Effizienz hoch genug. Die Maschine lief einfach aus dem Ruder.

Die nächste Komponente ist die eiskalt geführte Argumentation in einer Apokalypse, die nicht aufzuhalten ist. Kein Bruce Willis, der in letzter Sekunde die Bombe zündet. Der Point-of-no-Return war längst überschritten. Das Spiel macht das so beiläufig wie eindringlich klar und lässt seine im fernen Hintergrund Erzählenden das durchexerzieren. Die Welt hat noch 16 Monate. Die Lösung dauert 50 Jahre. Game Over.

Die Rettung ist so größenwahnsinnig wie genial: Eine KI würde diese 50 Jahre in einem versteckten Bunker ausharren, alles stoppen und die Welt neu bauen. Es ist nichts mehr da, nur noch ein Autopilot, der eine neue Erde bauen muss. Ich dachte eine Zeitlang, dass alles vielleicht gar nicht mehr auf der Erde spielt, sondern einem anderen Planeten. Dass wäre ein billiger Ausweg gewesen, die übliche Rettung in letzter Sekunde, die es aber nie gab. Das Spiel genau damit, dass eine solche Rettung nie möglich war. Was uns zu "Enduring Freedom" bringt - ein sicher rein zufällig gewählter Name. Die Vorstellung einfach alles reinzuwerfen, um der Hoffnung auf Existenz nach dem selbst verschuldeten Super-GAU eine Chance zu geben, war groß. Sinnlose Heldentaten, dramatische Geschichten vor apokalyptischer Kulisse. Geschichten am Ende der Geschichte, nie erzählt. 2012 ohne Archen, nur viel konsequenter als es sich Hollywood, der König der letzten Sekunde, je trauen würde.

Das menschliche Drama hat aber auch noch einen direkten, kleinen Platz, als die Schöpferin der neuen Schöpferin sich opfert. Wer dem Spiel aber zuhört, merkt, dass dies nur eine Notwendigkeit für das Aufwerfen einer der wenigen moralischen Fragen ist, die ein solches Szenario auf einem menschlichen Level aufwerfen kann. Der einzige, der zumindest vage als der Böse in Frage kommt, wird genommen um sie zu stellen und im Rahmen der Handlung zu beantworten: Sollen die neuen Menschen der gerade wiederhergestellten Welt uns folgen oder ihren eigenen Weg folgen? Es ist ein wenig die Erste Direktive aus Star Trek. Einmischen oder lieber nicht? Horizon stellt euch auch die Frage, wobei es für das Spiel egal ist, wie ihr antwortet. Aber die Frage an sich ist spannend und ich denke ich würde die genauso beantworten.

2

Die Figur Aloys selbst ist aber mehr als nur ein Vehikel um all das zu erkunden und erfahren. Sie ist die zweite Matroschka-Puppe in der ersten. Die Äußere Puppe ist die Geschichte um das Überantworten der Zukunft an eine KI, die von einem Menschen geschult und "erzogen" wurde. Die Innere ist Aloy, die von einer KI geschaffen wurde, um ihr auf die gleiche Weise die Zukunft anzuvertrauen und den Zyklus am Leben zu erhalten. Eigentlich ein noch dramatischer Vorgang. Galt für die vor sich hin werkelnden KI das alte Fünfte-Element-Zitat "Zeit ist nicht wichtig. Nur das Leben ist wichtig." - hey, da hatte Bruce ja auch das Universum gerettet -, setzt jetzt die KI alles auf eine kohlenstoffbasierte, zerbrechliche Karte, indem sie ihre Schöpfer rekreiert und darauf hofft - hofft!, eine Maschine! -, dass es schon klappen wird. Ein gestalterischer, selbstermächtigter Gott schafft einen Gott, der einen Gott schafft, um bei der Schöpfung auf Fortsetzung zu drücken. Die Vergöttlichung des Menschen und die Vermenschlichung der Maschine, alles in einem Atemzug. Große Science-Fiction.

Und wie die Eingangs genannten Autoren stecken diese großen Idee und Konzepte in einer mitunter ganz schön mittelmäßigen Prosa fest. In diesem Falle vor allem in einem schrottigen Inventar-System und einem übermächtigen Stealth. Aber sie sind da und dass man sich so lange mit ihnen beschäftigen kann, sagt viel über sie aus. Assassin's Creed? In Teil 3 habe ich die Welt gerettet. Vor was? Warum? Keine Ahnung mehr. Mass Effect? Da war was mit Maschinen-Aliens. Oder so. Horizon? Wird gedanklich in eine ganz andere Schublade sortiert und unter den großen Ideen des Genres verbucht und aufbewahrt.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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