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Tony Hawk's Project 8

Projekt "8" geglückt!

Kennt Ihr dieses Gefühl, wenn Ihr einen schlechten Traum habt und genau wisst, dass Ihr gerade nur träumt, aber trotzdem nicht aufwachen könnt? So ähnlich geht’s mir im Moment mit der Xbox 360: Beinahe jedes Spiel, das ich in die Finger bekomme, hat eine mehr oder minder miese Performance. Ich weiß das inzwischen schon fast im Voraus, aber kann nichts dagegen tun, weil mich dieser oder jene Titel halt doch einfach interessiert und ich ihn spielen muss. Pro Evolution Soccer 6, NBA Live 07, Splinter Cell: Double Agent- und Tony Hawk's Project 8 setzt diese Reihe leider blendend fort.

An vielen Stellen im Spiel geht die Framerate schlicht und ergreifend so arg in den Keller, dass Ihr Euren Skater kaum noch steuern könnt. Schließlich ist das richtige Timing bei Tony Hawk schon immer von großer Bedeutung. Aber wenn im entscheidenden Moment das Bild plötzlich ruckelt, kann selbst der beste Spieler seine hart erarbeitete Kombo verhauen. Und das ist verdammt schade, denn davon abgesehen hat Entwickler Neversoft nahezu alles richtig gemacht: Sich auf die Stärken seiner Anfangstage besonnen und vom Skaten ablenkenden Features über Bord geworfen.

Kleiner Skater, große Ziele

Die Wände sind mit Werbung zugekleistert - natürlich nur aus Gründen der Authentizität.

Mal wieder spielt Ihr einen Skater, der zu Beginn weder besonders bekannt noch besonders gut ist. Als er aber hört, dass Tony Hawk höchstpersönlich acht Skater für ein neues Team sucht, sieht er seine Chance gekommen. Und wie das auf der Straße eben so ist, muss sich der namenlose Held erst beweisen; es in einer Rangliste von Platz 200 in die Top 8 schaffen.

Eure ersten Schritte auf dem Weg an die Spitze macht Ihr in den Vorgärten einer Kleinstadt. Ein bisschen über die Lattenzäune der Nachbarn grinden, eine Runde im heimischen Pool drehen - alles funktioniert noch genauso wie eh und je, die Steuerung geht Kennern leicht von der Hand. Nicht Neues also? Doch: Die allgegenwärtige Bullet Time hat die Tony-Hawk-Reihe erreicht. Mit jedem Trick füllt sich eine Fokus-Leiste - ist sie voll, dürft Ihr per Knopfdruck jederzeit die Zeitlupe aktivieren.

Das bringt beim normalen Fahren nicht so viel, weshalb sich Neversoft ein Feature namens „Nail the Trick“ ausgedacht hat. An bestimmten Stellen in der Spielwelt könnt Ihr gewissermaßen eigene Tricks kreieren: Das Spiel aktiviert dann eigenständig die Bullet Time und Ihr steuert mit den beiden Analogsticks jeweils ein Bein Eures virtuellen Skaters. Ihr kickt das Brett also praktisch nacheinander in verschiedene Richtungen, um möglichst viele Punkte zu sammeln. Gleichzeitig müsst Ihr jedoch auch den richtigen Zeitpunkt abpassen, um Euch wieder auf das Board zu stellen und sicher zu landen. Eine wirklich tolle Neuerung, jedoch fast die einzige.

Bretter, die die Welt bedeuten

Spot Challenges erwarten Euch an nahezu jeder Bordsteinkante.

Denn von „Nail the Trick“ abgesehen, spielt sich Tony Hawk's Project 8 äußerst klassisch. Was gut ist, weil damit Autos, BMX-Räder und all dieser Schnickschnack der letzten Jahre verschwunden sind. Drei unterschiedliche Aufgaben begegnen Euch im Laufe des Spiels im Wesentlichen: Die sehr simplen Spot Challenges zum einen, die Euch kurzes und selten knackiges Fahren abverlangen. Mal müsst Ihr bei einem Sprung eine vorgegebene Höhe erreichen, mal ein extra langes Stück grinden.

Zum zweiten sind da die Missionen, wie wir sie aus den Vorläufern kennen. Verpackt in eine kleine Geschichte sollt Ihr etwa die Aufmerksamkeit anderer Skater auf Euch ziehen, in der Gegend verteilte Plakate überkleben oder einem Kameramann nachfahren und Tricks auf Zuruf absolvieren. Punkt drei letztlich sind die so genannten Classic-Herausforderungen, die wirklich aus den ersten Tagen der Serie stammen könnten. „Sammle SKATE, finde das versteckte Tape, mache 50.000 Punkte!“ Macht genauso viel Spaß wie früher. Cool ist auch, dass es für jede Aufgabe drei Schwierigkeitsgrade gibt: Amateur, Pro und Krank. So schaffen es sogar Einsteiger problemlos in Tonys 8er-Team - und erfahrene Spieler bekommen trotzdem richtig knackige Ziele.

Großes Lob verdient sich Neversoft darüber hinaus für das Leveldesign. Während Ihr anfangs nur über die Wiesen der Nachbarn rast, eröffnen sich Euch nach und nach weitere Teile der erstaunlich großen Stadt - ganz ohne Ladezeiten. Ein Regierungsviertel, ein Skatepark und eine Schule beispielsweise. Gut, das sind alles keine Szenarien, die Fans von Tony Hawk nicht schon (teilweise mehrmals) in der Vergangenheit gesehen hätten. Aber die Umgebung wirkt glaubwürdig und bietet viel Platz für spektakuläre Kombos, ohne dass man sofort erkennen würde, welche Bahnen bewusst dafür in die Welt integriert wurden. Wenn man etwas kritisieren kann, dann höchstens, dass Ihr zu schnell zu viel von der Stadt seht. Sinnvoller wäre es gewesen, einen Bezirk komplett erkunden zu müssen, bevor es weitergeht.

Autsch!

Das tut weh! Das seltsame Rag-Doll sorgt aber genauso beim Spieler für Schmerzen.

Wären da nicht die bereits angesprochenen Performance-Probleme, bekäme die Grafik ebenso nur lobende Worte. Die sehr detaillierten Charaktermodelle in der lebendigen und ungewöhnlich echt aussehenden Locations lassen einen die lausige Optik von American Wasteland wahrlich vergessen. Allerdings dürft Ihr Euren Skater nicht mehr so bis ins Detail anpassen wie in dem Vorgänger: Nur ein paar Gesichter und Frisuren stehen zur Auswahl. Außerdem sieht es manchmal reichlich albern aus, wenn Euer Charakter stürzt; dann fliegt er nämlich durch die Luft, als würde er nicht auf der Erde, sondern auf dem Mond seine Runden drehen. Rag-Doll-Physik sei Dank!

Online könnt Ihr Project 8 dank Xbox Live übrigens auch spielen: Bis zu acht Spieler treffen sich dann in der virtuellen Stadt, streiten sich um Punkte und Kombos. Besonders lustig ist ein neuer Spielmodus, der so ähnlich wie das bekannte Snake abläuft: Ihr zieht eine Art Mauer hinter Euch her und müsst Eure Widersacher einkreisen, ohne selbst aus Versehen in eine der anderen Mauern zu düsen. Klappt alles gut, macht Spaß und sogar „Nail the Trick“ gibt es. Nur ist die Umgebung - selbst wenn man das Geschehen auf einen Stadtteil limitiert - so groß, dass Ihr Eure Kontrahenten nur selten zu Gesicht bekommt. Nicht unbedingt tragisch, aber nimmt ein bisschen von dem Gefühl, es mit echter Konkurrenz zu tun zu haben. Ich würde gerne öfter sehen, wie meine Gegner fahren, was sie besser machen. Oder wie sie sich bei einem Sturz die Knochen brechen.

Tony Hawk's Project 8 ist all das, was ich mir seit Jahren gewünscht habe: Viele klassische Aufgaben gepaart mit neuen Ideen, dazu der Verzicht auf jegliche Elemente, die nichts mit Skaten zu tun haben. Was nur fehlt, ist dieser letzte zündende Funke, das letzte Quentchen Perfektion, das ein THPS 2 ausgezeichnet hat - und eine durchgängig gute Performance eben. Deshalb passend zum Titel eine gute 8 von mir und die Empfehlung an alle Spieler, die sich in den letzten Jahren von Tony Hawk abgewandt haben: Riskiert mal wieder einen Blick! Es lohnt sich.

Tony Hawk's Project 8 ist für Xbox und Xbox 360 bereits im Handel erhältlich. Umsetzungen für PlayStation 2, PSP und PlayStation 3 folgen.

8 / 10

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