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Uncharted: The Lost Legacy lässt endlich mal die Leine locker

"Das hier ist ein komplettes Spiel!" - Shaun Escayg.

Vielleicht ist es Einbildung, aber Shaun Escayg, Creative-Director von The Lost Legacy, wirkt bei allem selbstbewussten Charme fast ein bisschen gekränkt, als ich ihn darauf anspreche, ob Spin-offs und Erweiterungen in den Augen der damit betrauten Kreativen heute eine spannendere Herausforderung sind als damals. Denn sind wir mal ehrlich, ist es selten das "A-Team" eines Studios, das daran arbeitet. Prestige und Medienaufmerksamkeit kommen traditionell eher dem nächsten nummerierten Teil einer etablierten Reihe zu - oder dem neuen Franchise eines hochgeschätzten Entwicklers. Auf die Frage also, ob einige heute nicht lieber das Spin-off machen, bei dem man sich mal etwas trauen und ohne knebelnde Fan-Erwartungen Neues ausprobieren kann, stellt er erst mal klar: "Das hier ist ein komplettes Spiel".

Shaun Escayg, Creative-Director von The Lost Legacy

Er fährt fort: "Es begann als DLC und wurde immer größer, als uns bewusst wurde, dass die Handlung zusätzlichen Raum benötigen würde. Konzeptionell begann es wirklich klein, dehnte sich dann immer mehr aus - aber ja, es war für uns auch ein Testlauf, unsere Technologie zu verbessern, die Art, wie wir Dinge tun und unsere Produktionsabläufe strukturieren". Es ist am Ende eine trockenere Antwort, als ich erwartet hatte, aber was soll Escayg auch sagen: The Lost Legacy mag zwar kein Vollpreistitel sein, aber es ist für eine Nebenhandlung gewaltig groß - und packt tatsächlich viele Dinge aus einer neuen Richtung an. Dass sich für mich die einleitende Frage erst stellte, nachdem ich das Spin-off auf dem Berliner Anspieltermin vergangene Woche genoss, sagt mehr darüber aus, wie vertraut, aber gleichzeitig anders sich The Lost Legacy anfühlt, als Escaygs Richtigstellung, die auf sie folgte.

Rein mechanisch stellt ihr euch am besten eine größere Version des Madagaskar-Abschnitts von Uncharted 4 vor: einen zentralen, mal weiten, dann wieder verschachtelten Hub im indischen Dschungel mit mehreren kleineren Anlagen, Camps, Minitempeln, die ihr links liegen lassen oder erschließen könnt. Alles, was nach geheimnisvollen Sehenswürdigkeiten aussieht - ein Turm am Horizont, ein verfallener Tempel -, lockt als Uncharted-typischer linear Spektakelabschnitt, der die Handlung vorantreibt. Dazwischen: durchaus lange Wege, die ihr vorwiegend mit dem Jeep zurücklegen werdet - oder zu Fuß lauft, wobei eure stete Begleiterin Nadine Ross euch das Gefährt allmählich hinterherkutschiert, was langes Backtracking von vornherein ausklammert.

The Lost Legacy erschöpft sich nicht allein in dem riesigen, offenen Bereich in Indien, auch wenn sich weite Teile dort abspielen.

Das deutet bereits einen anderen zentralen Unterschied von The Lost Legacy an: Die Besetzung von Chloe Frazer als Hauptcharakter, nachdem Nathan Drakes Geschichte mit Teil vier auserzählt war, bietet der Handlung dankbaren Nährboden. "Wir haben monatelang überlegt, wer der Hauptcharakter für The Lost Legacy sein sollte", erinnert sich Escayg. "Wir gingen gedanklich diverse Wege, dachten über Sullivan und Cutter nach. Aber Chloe ist einfach ein Favorit der Fans und auch innerhalb dieses Studios." Am Ende war es die moralische Flexibilität von Nathan Drakes ehemaliger Gefährtin, die den Ausschlag gab: "Sie war bisher immer der Sidekick mit ausgeprägtem Selbsterhaltungstrieb und verdrückte sich in letzter Minute, wenn es ihr zu gefährlich wurde. Was, wenn sie aus dieser Geschichte nicht so einfach rauskommt, sich den Problemen stellen und als Charakter weiterentwickeln muss?".

Es stimmt, was Escayg sagt. Chloes Charakterzeichnung kommt gewissermaßen ab Werk mit großzügigem Spielraum für interessante Entwicklungen daher. Macht sie sich wieder aus dem Staub, wenn es hart auf hart kommt, springt sie über ihren Schatten, um etwas für jemand anderen zu tun? "Oder wechselt sie die Seiten!?", wirft Escayg ein, als ich laut nachdenke. "Sie war schon immer sehr gerissen und zwielichtig." Weil ungleiche Duos nun mal die besten sind, steht ihr mit der harten Söldnerchefin Nadine ein wundervoll unbeirrbarer, aber doch zerbrechlicher Brocken von einem harten Hund zur Seite.

Auch der komplette Mehrspieleranteil von Uncharted 4 ist in Lost Legacy enthalten.

"Nadine ist fähig, pragmatisch, militant. Ich will nicht 'badass' sagen, aber das ist sie nun mal. Sie zieht Dinge durch und deshalb ist sie ein tolles Gegenstück zu Chloe", beschreibt Escayg die Südafrikanerin, die andere Entwickler gerne als Referenzdesign für physisch wie charakterlich starke Frauenrollen hernehmen dürfen. Naughty Dog verspricht sich von dieser Zweckgemeinschaft auf der Suche nach dem verlorenen Stoßzahn des Ganesha, dass wir etwas tiefer in die Gefühlswelt Chloes eintauchen dürfen. Und vielleicht erfahren, weshalb sie so ist, wie wir sie in den vergangenen Uncharted-Spielen kennenlernten.

Spielerisch blickt der gesehene Abschnitt allerdings deutlich mehr in die Zukunft. Alleine die Tatsache, dass Naughty Dog einen ohne wirkliche Richtungsvorgabe in dieses gewaltige Areal wirft und sagt "findet euren eigenen Weg", lässt schon tief blicken. Klar, die Architektur und Landschaft setzen die üblichen verlockenden Signale, aber die Struktur lässt es zu, dass man unterwegs auch selbst viele Dinge findet und entdeckt. So, wie das hier passiert, ist es weit entfernt vom üblichen "Ich-geh-noch-mal-zwei-Meter-weiter-und-um-die-Ecke-um-hier-ein-kostbares-Artefakt-zu-finden", das die Vorläufer noch erlaubten. Man beobachtet letzten Endes die Umgebung intensiver, scannt Hänge, Klippen und Horizonte nach Ankerpunkten oder Haltegriffen, während man sich mehr auf einer echten Expedition fühlt als in den hier und da verbreiterten Korridoren zuvor.

Nadine erweist sich als spannender Gegenpol zu Chloe.

Mehr noch als Madagaskar in Uncharted 4 spielt The Lost Legacy zudem mit der Möglichkeit, feindlichen Patrouillen aus dem Weg zu gehen, ermöglicht mehr Stealth (das allerdings davon profitieren würde, wenn man sich überall ducken könnte, nicht nur an Mauern und in "Stealth-Gras") und bietet so auch Spielern, die nie so recht mit den Third-Person-Schießereien von Uncharted warm wurden, die Gelegenheit, das Spiel zu packen zu bekommen - auch wenn an bestimmten Stellen natürlich immer noch gehörig heißes Blei durch die Luft fliegt. Das hier ist und bleibt eben Uncharted, auch wenn es in Erkundungs- und Konfrontationsoptionen die Scheuklappen ein Stück weit abgelegt hat.

Womit wir wieder bei Escaygs einleitender Reaktion wären: Auch wenn meine Frage alles andere als ehrenrührig gemeint war, wenn man ein bisschen drüber nachdenkt, begreift man, wieso die Verantwortlichen The Lost Legacy lieber als etwas Neues, etwas Ganzes verstanden wissen wollen. Nicht als ein nachgereichtes Fragment, das eine Rumpfcrew zusammenkloppte, weil man sich von seiner zugkräftigsten Marke doch nicht verabschieden wollte. Bei Naughty Dog macht man keine halben Sachen, pustet viel frischen Wind durch einen vertrauten Unterbau und bietet zwei der interessantesten Figuren dieses Universums endlich die große Bühne, die sie verdienen. "Das ist gewissermaßen die Summe aller Uncharteds", findet Escayg und ich verstehe, wie er zu dem Schluss kommt.

Am 23. August geht's in faszinierender Begleitung nach Indien.


Entwickler/Publisher: Naughty Dog/Sony - Erscheint für: PlayStation 4 - Geplante Veröffentlichung: 23. August

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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