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Andor Folge 7 ist das beste Star Wars seit der alten Trilogie: Spannend, aufwühlend, emotional!

Es bleibt spannend, aber anders.

SPOILER zum Verlauf von Folge 7 von Star Wars Andor. Kommt zurück, wenn ihr sie geschaut habt, und diskutiert mit uns darüber!

Folge 6 von Andor war einer der absoluten Höhepunkte meines Fernsehjahres und eines der besten Stücke Geek-Fernsehen, seit Game of Thrones vor über zehn Jahren seine Karten auf den Tisch gelegt hat. Nach den vielen endgültigen Charakterschicksalen der letzten Episode, die vielleicht eine Idee zu viel Vorarbeit erfordert hatte (die Folge davor fanden einige zu viel des Guten), war ich ernsthaft in Sorge, wie es weitergehen würde.

Ob nun wieder eine ruhige Phase eintritt, neue Figuren eingeführt werden oder direkt ein neues Plot-Fass aufgemacht wird... ich war nicht sicher, ob nach dem Hoch von "Das Auge" erst einmal Schlagzahl und Einsatz zurückgenommen würden. Wie sich herausstellt, war meine Sorge unbegründet. Star Wars Andor geht in seinem siebten Teil vollkommen organisch und charaktergetrieben weiter. Die Konsequenzen aus dem Überfall auf Aldhani werden für die komplette Charakterriege spürbar, was auf brillante und glaubwürdige Art Raum für neue Konflikte schafft, in die The-Americans-Autor Stephen Schiff mit spitzem Füller vorstößt. Frische Unabwägbarkeiten und Risiken werden etabliert und viele Akteure bekommen interessante neue Dinge zu tun. Wir schauen sogar kurz, aber emotional noch tiefer in Cassian hinein. Und ja, es flossen spontan sogar Tränen auf der Couch.

Syril fängt einen neuen Job an: Bei der Behörde der Standardisierung. Klingt nach dem Albtraum meiner Jugend.

Es geht eigentlich alles recht ruhig los. Wir sehen Syril Karn, der einen neuen Job bei der optisch brillant-deprimierenden Behörde für Standardisierung antritt. Eine grausame Ironie des Schicksals für einen Möchtegern-Emporkömmling, der so gerne durch Details herauszustechen, dass er regelmäßig seine Uniformen und Kleidung beim Schneider anpassen lässt. Derweil herrscht bei der imperialen Stasi höchste Alarmbereitschaft. Die mit wundervoll Kinski-esker Intensität gespielte Dedra Meero (Denise Gough) erkennt in den drakonischen Gegenmaßnahmen direkt das, was uns Luthen in der nächsten Szene etwas expliziter erklärt.

Als Mon Mothma ihn ein weiteres Mal aufsucht, unter dem Vorwand, das Geschenk für ihren Mann umzutauschen, gibt es einen wundervollen Callback zur antiken Keule, die Luthen ihr als erstes präsentiert hatte. Die Allianz der beiden wird auf die Probe gestellt, weil Mothma über den Angriff auf Aldhani nicht informiert war und sie das Imperium lieber mit einem Netzwerk an Verbündeten von innen heraus langsam unterwandern möchte. Luthen sieht dieses Netzwerk als Waffe und fragt — mit der Keule in der Hand — "wurde jemals eine Waffe erschaffen, die nicht genutzt wurde?". Als Mon Mothma auf das Leid verweist, das diese Aktion nach sich ziehen wird, entgegnet Luthen, dies sei der Plan.

"Das Imperium hat uns so langsam erdrosselt, dass wir es kaum noch gemerkt haben", sagt er da. Luthen nutzt nun die harte Reaktion auf den Überfall, um das Volk den Stiefel im Nacken wieder spüren zu lassen, damit er sie für die Sache der Rebellion gewinnt. Ein wahnsinnig spannungsgeladender Dialog, auch weil der spitzelnde Fahrer die beiden beobachtet und Luthen sein flamboyantes Auftreten aufrechterhalten muss, während er mit einer Verbündeten eine schwierige Grundsatzdiskussion führt. Als Mon Mothma am Ende "keines der beiden Stücke erwerben" will, ist man sich nicht sicher, wie beide fortan zueinander stehen. Das ist Ambiguität, wie sie Star Wars selten erträgt.

Fiona Shaws Maarva bricht euch in dieser Episode von Andor das Herz.

Die nächste Plot-technische Lawine tritt dann seine Assistentin Kleya los, von der man schon letzte Folge den Verdacht hatte, dass sie bald mehr zu tun bekommen würde. In Tarnung trifft sie Vel, die mittlerweile auf Coruscant eingetroffen ist, und gibt ihr den Auftrag, den flüchtigen Cassian auszuschalten, weil der Luthen verpfeifen könnte. Auch hier liegt wieder viel Anspannung in der Luft. Die kaltblütige, kompromisslose Seite der Rebellion zu sehen, war schon an Rogue One das erfrischendste, als es Cassian Andor ist, der gleich zu Beginn des Films ein "loses Ende" kappt. Jetzt wissen wir, wo er das gelernt hatte. Andor ist fortan also nicht nur vor dem Imperium auf der Flucht, sondern auch vor den Rebellen.

Auch beim Empfang bei Mon Mothma zu Hause geht es spannend weiter, als sie einem alten Jugendfreund mit Bankwesen-Connections ("Tay Kolma", gespielt von Ben Miles aus Coupling, falls das noch jemand kennt) über seine politischen Überzeugungen auf den Zahn fühlt. Darstellerin Genevieve O’Reilly darf hier ebenso die Schauspielmuskeln spielen lassen wie Stellan Skarsgard als Luthen, als sie sich elegant und voller Andeutungen durch ein hintersinniges Gespräch lächelt. Wir verlassen diese Szene, ohne uns Kolmas Unterstützung – oder Aufrichtigkeit – wirklich sicher zu sein. Ein kluger Schachzug, zumal auch Luthen vor neuen Verbündeten gewarnt hatte – ohne es selbst besser zu machen und diesen Fehler nun auf Kosten Cassians zu bereinigen.

Cassian treibt es trotzdem als Erstes nach Hause, zu Maarva nach Ferrix. Er plant, seine gebrechliche Ziehmutter auf einen schöneren Planeten mitzunehmen. Auf Ferrix nimmt die Show plötzlich noch einmal eine neue Dimension charakterlicher Tiefe an, als wir nicht nur erfahren, wieso Andor sich den anderen gegenüber "Clem" nannte, auch die angedeutete Hinrichtung seines "Vaters" und den Grund für seinen Gefängnisaufenthalt bekommen wir ohne Holzhammer präsentiert. Dieses Ereignis spielt auch im entscheidenden Dialog mit Maarva eine Rolle, denn auch sie spürt die Nachwehen von Andors Taten und des Angriffs auf die Garnison. Wie Luthen und Dedra richtig bemerken, weckt die neue, tiefer empfundene Tyrannei den Widerstand der Unterdrückten, was Maarva zum Anlass für eine Kampfansage nimmt und auf Ferrix bleiben will.

Dedra wird schnell zum Favoriten auf der Gegenseite. Perfektes Casting und bestechendes Schauspiel von Denise Gough.

Sie schildert, wie sie seit Jahren vor dem Platz abbiegt, auf dem ihr Mann gehenkt wurde, und wie sie nach dem Angriff auf die Garnison mit einem Lächeln über den Markt wandelte. Das war dann auch der Moment, in dem mir unvermittelt das Wasser in die Augen schoss, was am guten Dialogbuch und der entschlossenen und zugleich zerbrechlichen Darbietung von Fiona Shaw liegt: Als Andor sagt, er werde sich immerzu um sie sorgen und sie mit Würde, Schmerz, Freude und noch einem guten Dutzend anderer Ausdrücke zugleich auf dem Gesicht "That’s just love. Nothing you can do about that" zurückgibt, hat mich das emotional komplett zerstört. Ich bin alt genug, um mich an Zeiten zu erinnern, in denen ein solches Schauspiel in einer wöchentlichen TV-Serie undenkbar war. Absolut großartig.

Großartig ist auch das Wort, was ich für die Ränkespiele und Sticheleien bei der Space-Stasi wählen würde. Dedra wird tatsächlich so langsam einer meiner Lieblingscharaktere, da sie nicht nur die vergeltenden Holzhammermethoden des Imperiums hinterfragt, sondern auch Durchsetzungsvermögen beweisen muss, um ihrem Riecher zu folgen. In einem aufgeladenen Austausch zwischen ihr und ihrem Gegenspieler Blevin ertappte ich mich mehrfach dabei, wie ich ihr die Daumen drückte, obwohl ich eigentlich nicht sollte. Die Gute ist dem Imperium so loyal, dass selbst ihre Haare, Ton-in-Ton, Teil ihrer Uniform zu werden scheinen.

Kritisch fand ich lediglich, dass sich Cassian, anstatt sich auf einen abgelegenen Planeten zu begeben, auf einem Weltraum-Ibiza niederließ. Dann wiederum bin ich auch nicht im Bilde, wie weit der Arm des Imperiums in dieser Phase wirklich reicht. Jedenfalls bekommt er ihn auch hier zu spüren. Und auch das war geschickt gemacht: Aufgrund seiner eigenen Taten macht sich das Imperium mit verstärkter Präsenz breit und greift härter durch, was ihn wiederum paranoider werden lässt, als gut für ihn ist. Zugleich ist es mit viel seiner Vorsicht dahin, weil er sich ohne Maarva und fern seiner Freunde haltlos, leer und verloren fühlt – auch das wird gezeigt, ohne es zu sagen. Die Show hat das wirklich gut drauf. So wird er auffällig und durch einen Akt polizeilicher Willkür zu einer empfindlichen Haftstrafe verurteilt. Wie das weitergeht… keine Ahnung, aber ich freue mich, es herauszufinden.

Gute Mine zum bösen Spiel: Mon Mothma navigiert ein Coruscant, in dem die Wände Ohren haben.

Meckern würde ich lediglich nur darüber, dass die Star-Wars-typischen Aliens hier beinahe ein wenig deplatziert wirken. Im Fall einer insektenköpfigen Hintergrundfigur in Mon Mothmas Penthouse wird diese Tatsache sogar mit – meine ich zumindest – sichtbaren Nähten dort unterstrichen, wo der Gummikopf auf den Hals einer Statistin gesetzt wurde. Wie gesagt, es sind Randdetails, die zum Teil der Tatsache geschuldet sind, dass die abgehobenen Aliens dieses Universums sich ein wenig an einer eher geerdeten Themen der Geschichte reiben. Ich arrangiere mich gern damit, wenn die Figuren weiter so plastisch und lebendig bleiben.

Insgesamt eine weitere bärenstarke Folge, die nahtlos und mit großer Spannung einen Plot vorantreibt, der sich in erster Linie auf seine vielen interessanten Blickwinkel stützt. Es ist lange her, dass ich in Star Wars das Gefühl hatte, Dinge passierten aus nachvollziehbaren Gründen und Motivationen. Dass dies hier mit so viel Eleganz, Würde und Gefühl passiert, schießt für mich wirklich den Vogel ab.


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